Stapi kampflos an Roth?

Die Wahlen in Luzern sind geschlagen, zumindest vorläufig. Mit der gleichzeitigen Wahl der weitgehend unbestrittenen Kandidaten von FDP, CVP, SP und Grünen steht noch der fünfte Sitz aus und der wird entscheiden über die zukünftige Ausrichtung der Stadtregierung. Mit der Grünliberalen Manuela Jost etwa gleich wie bisher mit dem abtretenden Stadtpräsident Urs W. Studer, mit Beat Züsli als zweitem SP-Vertreter etwas prononcierter rot-grün als bisher – oder wird gar noch ein dritter Kandidat ins Spiel geschickt? Prognose: Leichter Vorteil für Jost, vorausgesetzt CVP und FDP verzichten auf eine neue Kandidatur. Bleibt die SVP im Rennen, obwohl sie völlig chancenlos ist, erhöhen sich die Chancen von Züsli. Die rot-grüne Mehrheit ist in Reichweite, so oder so. Die Frage ist nur noch ob rot-rot-grün oder halt rot-grün-hellgrün. Es kommt so oder so nicht schlecht raus; Luzern ist grün, sozial und offen.

Enttäuscht bin ich über den Verlauf der Stadtpräsidentenwahl respektive über die unwürdige Lage, die sich hier ergibt. Zu denken geben muss, dass Stefan Roth im ersten Wahlgang schon fast die Wahl geschafft hätte. Die bisherige SP-Vertreterin Ursula Stämmer holte gerade mal knapp 4000 Stimmen; bei der Wahl in den Stadtrat erhielt sie hingegen weit über 9000 Stimmen. Klare Sache: Eine Mehrheit wollte Stämmer zwecks Kontinuität in der Regierung, doch nur knapp ein Fünftel der Wähler sehen in ihr aber eine Stadtpräsidentin. Auf den ersten Blick sieht es bei Adrian Borgula von den Grünen ähnlich aus, er erhielt fast gleich viele Stimmen wie Stämmer als Stadtrat und knapp 3500 als Stadtpräsident. Also wird er sich wohl zugunsten der SP aus dem zweiten Wahlgang zurückziehen. Doch man kann es auch so sehen: Borgula hat sehr viele Stimmen erhalten für einen Neuen, viel mehr als es dem Wähleranteil seiner Partei entspricht. Mehr als nur die Wähler der Grünen sähen in ihm wohl einen guten Stadtpräsidenten.

Egal welche Wahlempfehlung die Grünen abgeben, Stämmer würde gegen Roth verlieren, das steht fest, denn viele Linke werden sie nicht wählen (Stadträtin wurde sie dank vielen Stimmen von anderen Parteien). Nicht zuletzt zeigte sich an der Wahlempfehlung der Jungsozialisten für Borgula wie bei der SP viele denken. Mit Borgula hätte die rot-grüne Allianz noch eine knappe Chance es zu schaffen, das würde nebenbei auch die Chancen von Züsli erhöhen. Dazu müsste aber Stämmer ein Einsehen haben. Wird sie wohl leider nicht. Also könnte es soweit kommen, dass der CVP-Mann Roth vier Jahre lang einer rot-grünen Stadtregierung vorstehen wird, aber wahrscheinlicher hilft die Ausgangslage dann Jost. Denn einige Rote und Grüne werden über die Alternative Roth oder Stämmer derart enttäuscht sein, dass sie lieber gleich zu Hause bleiben. Stämmer könnte es noch richten, wenn sie aus ihrem relativ schlechten Ergebnis im Vergleich zu Roth den einzig richtigen Schluss zieht und auf eine erneute Kandidatur fürs höchste Amt verzichtet. Das würde den Weg freimachen für Borgula und ihren Kollegen Züsli. Ihr Nichteinsehen hilft hingegen Roth und Jost.

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Viel Papier

Städtische Wahlen sind vor allem eines: Sehr viel Papier. In einem Couvert kommt ein ganzer Stapel Werbung mit hübschen Gesichtern und kurzen Aussagen. In einem anderen Couvert kommen dann die vielen Listen und dank der SVP diesmal als Zugabe noch ein Abstimmungszettel (JA). Damit es zu weniger doppelten Stimmabgaben kommt (dann sind beide ungültig!) und es beim Auszählen etwas leichter geht, haben die Papiere schöne Farben: Roter Abstimmungszettel, weisser Grossstadtrat, blauer Stadtrat (symbolisch?) und grüner Stapi (subtil!).

Dass es für ein Parlament mit 48 Köpfen halt ein paar lange Listen braucht, kann ich gut nachvollziehen. Da uns die Fusion erspart bleibt, müssen wir nicht darüber nachdenken, ob man im Fall einer Vergrösserung des Grossstadtrats vielleicht hätte Wahlkreise einführen müssen, da 48 schon am oberen Rand des Zumutbaren ist. Immer wieder erstaunt bin ich aber über die Vielfalt von Listen für die Wahl der Exekutive. Obwohl es “nur” 10 Bewerbungen (von 8 Kandidat-en und 2 -inn-) für den Stadtrat gibt und 5 davon gleich auf das Stadtpräsidium aspirieren, werden nicht weniger als 19 blaue und 16 grüne Listen verschickt. Soviel Papier! Dabei ginge es auch einfacher: Hätte sich etwa der Wirtschaftsverband “für eine bürgerliche Stadtregierung” mit dem “Komitee Bürgerliche Mehrheit” abgesprochen, wenn es das überhaupt gibt, hätten sie gemerkt, dass sie auf dasselbe Trio setzen. Den Vogel schiessen aber die Freunde von Manuela Jost ab, die ihre Kandidatin gleich auf drei weiteren Listen mit unterschiedlichen “Gschpänli” empfehlen, natürlich als Chefin im Team. Interessant zudem, dass der Kandidat der Grünen auch von den Jungen Grünen und der Juso unterstützt wird, die bisherige SP-Frau aber nur von ihrer eigenen Partei als Präsidentin empfohlen wird und sonst von niemandem.

Vielleicht eignen sich die viele Zetteli aber wenigstens als Prognose. Betrachten wir die 19 Stadtratslisten und die 16 Stapi-Wahlzettel genauer, kommen wir zu diesem Resultat:

Person Partei als Stadtrat   als StadtpräsidentIn  
Borgula Adrian Grüne   9   3
Stämmer Ursula SP   9   1
Merki Martin FDP   9    
Roth Stefan CVP   8   7
Züsli Beat SP   6    
Jost Manuela glp   5   4
De Sa Adelino Juso   4    
Hermetschweiler Rolf SVP   3    
Federer Philipp parteilos   2    
Welti Marc César parteilos   1   1

Die Listenzusammenstellung passt zu meiner Einschätzung, dass nach heutigem Wissensstand wohl 6 Personen das Rennen um die 5 Sitze im Stadtrat unter sich ausmachen werden. Nach dem ersten Wahlgang wird sich zeigen, wieviele Stimmen die Vertreterin der jüngsten Partei von rechts und links bekommt und ob man in ihr das neue Mitte-Element sieht, das dem aktuellen parteilosen Stadtpräsident entspricht. Werden die drei Kandidaten der Plattform sozial-grün-offen weit vorne rangieren, geht ihre Strategie auf? Im seltsamsten Fall kommt es noch zu einem Stadtrat mit einer rot-grünen Mehrheit, der von einem CVP-Mann geführt wird. Dann bedankt euch bei der SVP – der einzigen Partei, die es fertig bringt, jemanden als Stapi vorzuschlagen, den sie für die Wahl in den Stadtrat nicht auf der Liste führt. Ich gehe jetzt mal eher von einem Vertreter oder einer Vertreterin des rot-grünen Lagers aus, der/die im zweiten Wahlgang das Rennen macht. Dass sich die beiden Parteien da nicht einigen konnten, hilft vielleicht auch den Hellgrünen. Wir werden sehen. Auf jeden Fall ist es spannend wie schon länger nicht mehr. Füllt die vielen bunten Papiere aus!

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Luzern braucht…

«Luzern braucht rot, aber anders.» Soll das Werbung gegen die SP sein und für die Möchte-gern- Nummer 1, den Stefan fast gleichen Namens? Warum findet man im Internet nichts dazu? Der Schuss könnte leicht hintenraus gehen. Zur Vermittlung sag ich jetzt mal ins Blaue hinaus: Mehr Grün würde Luzern sicher nicht schaden! ;-)

An den grossen Plakaten, den Inseraten im Käseblatt und an den Filmchen im Bus und am Bahnhof sieht man, wer wieviel Geld in seinen (persönlichen) Wahlkampf steckt. Natürlich darf man im Land des Bankgeheimnisses einmal mehr nur raten, woher es kommt. Die Filme und Inserate zeigen aber auch, wie wenig Witz und Ideen die Köpfe auszeichnet, die da in den nächsten Jahren mitregieren oder wenigstens -legiferieren wollen. Wasserturm, schöne Wellen, das ach so schöne Luzern… Mensch, wollt ihr Stadtrat werden, solltet ihr Wahlpropaganda machen und nicht Touristenreklame!?! Wie wär’s mal mit ein paar klaren politischen Aussagen? Wir hören.

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Stellt wenigstens Mühleberg endlich ab!

11. März 2012 – ein Jahr nach der Naturkatastrophe in Japan. Solche gibt es immer wieder. Was aber danach in Fukushima passierte, ist mit eine Folge des Grössenwahns des industriell-technisch denkenden Menschen. Dass die Atomtechnologie bei weitem nicht so sicher ist, wie gern behauptet wird, bestätigte sich leider einmal mehr. Schliesslich haben nach Österreich (1978) und Italien (1986) auch einige weitere Staaten entschieden, dass die Zukunft der Energieversorgung ganz sicher nicht in weiteren hochgefährlichen Meilern liegt. Doch auch rauchabsondernde Giftschlote bringen es nicht, Öl und Kohle werden nun mal ausgehen, von der Klimaschädlichkeit mal ganz zu schweigen. Es gibt nur eine einzige Lösung, die konsequente Umrüstung auf erneuerbare Energien. Das scheint man auch in der Schweiz so gut wie überall endlich zu begreifen – bravo!

Befürworter der Atomkraft warten auf den grossen Demozug der AKW-Gegner (Basler Zeitung)Heute demonstrieren in Mühleberg viele für die Abschaltung dieses Atomkraftwerks, von dem seit Jahren bedenkliches zu vernehmen ist. Wenn man um die Unsicherheit des notdürftig geflickten Kernmantels weiss, warum soll das Ding jetzt nochmals 10 Jahre laufen? Weil es Geld bringt! Ein schon abgeschriebenes AKW ist eine Geldmaschine; zudem braucht es noch ein paar Millionen Franken mehr, um dereinst die vielen Tonnen verstrahlten Beton sicher abzutragen. Doch was, wenn in den nächsten 10 Jahren etwas passiert? Die Schweiz ist einfach zu klein und wir haben keine zweite. Es war überdies völlig daneben, dass dieses AKW so nahe an die Stadt Bern gebaut wurde; sie wäre im 20-Kilometer-Gebiet, das bei Fukushima alle verlassen mussten und über Jahre hinaus unbewohnbar bleiben wird. Ich denke, es wäre sehr intelligent, wenigstens dieses eine AKW, dass nur ein Bruchteil des Schweizer Stroms liefert (im Winter knapp 5%), endlich abzustellen. Grüne, Umweltverbände und alle anderen, die dies fordern, haben Recht. Wer das anders sieht, hat auch ein Recht auf seine Meinungsäusserung. Doch das Transpi im Bild und die unlesbar veränderte Fahne (Atomkraft? Ja, bitte!?) zeugen nun mal ehmmm nicht gerade von… Dumm sind immer die anderen. Lassen wir das. Zurück zum AKW Mühleberg: Doris, stell es bitte ab! Merci.

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Gib uns unser täglich Strom

Da fällt in ganz Zürich der Strom aus – und alle freuen sich, dass mal der Blick am Abend nicht erscheint. Und ist es kalt im ganzen Land, wird sofort vor Blackouts gewarnt. Dies nur zwei Beispiele aus jüngster Zeit – ok, topaktuell bin ich heute nicht. Was ist es nur mit der “elektrischen Kraft”, das sie so unwiderstehlich wichtig macht? Noch ein bisschen mehr als auf den motorisierten Blechkisten scheint unsere Zivilisation darauf zu basieren, dass jederzeit und überall Strom aus der Dose kommt. Ja, es geht nicht ohne. Davon sind wir abhängig, haben wir uns abhängig gemacht. Soweit, so gut oder schlecht, je nachdem. Man ist sich einfach ein hohes Niveau gewöhnt, eine mehr oder weniger pannenfreie Stromversorgung (die wenigen Ausnahmen zeigen dies ja nur, sie bestätigen die Regel).

Achtung, mit dieser Kommunikationsstrategie wird eventuell bereits das Terrain vorbereitet, um den Atomausstieg doch noch zu verhindern oder ihn zu verwässern. Bereits können Stromlobbyisten unwidersprochen behaupten, ohne Gaskraftwerke sei der Umstieg in die erneuerbare Zukunft nicht zu schaffen. Und warum denn nicht? Weil der Strom nicht teurer werden darf, das ist ein Dogma. Die liberale Wirtschaft baut darauf, dass die halbstaatlichen oder staatlichen Unternehmen gefälligst billigen Strom liefern. Seit Jahrzehnten bietet darum die Elektrizitätswirtschaft relativ günstigen Strom an, das gilt als Standortfaktor der Schweiz. Dafür mussten ganze Landschaften Platz für Stauseen machen und fünf Atomkraftwerke wurden hochgezogen. Doch Hand aufs Herz: Wissen Sie, wieviel Sie für den Strom bezahlen pro Jahr? Gut. Und angenommen, es wäre nun ein paar Franken teurer. Hängt unser Wohlstand wirklich davon ab, ob der Strom nun für den Privatkunden 17 oder 20 Rp. pro kWh kostet – oder 13 statt 11 Rp. für ein Unternehmen? Ich glaube es nicht.

Strom darf einen Preis haben, soll etwas kosten, denn die Produktion ist ja auch nicht kostenlos. Erst wenn man sich bewusst wird, dass es ein wertvolles Gut ist, dass nicht gratis und franko in der Dose entsteht, wird man sparsamer damit umgehen. Und wenn Strom (wie auch Transporte) einen vernünftigeren Preis haben, wird die Effizienz gesteigert. Vielleicht werden gar die idiotischsten Stromfressereien vielleicht ein bisschen weniger oft benutzt. Das erfordert allerdings ein gesellschaftliches Umdenken. Und das war noch immer schwierig.

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Und weg ist er

Verkehrte Welt: Hildebrand geht und Wulff bleibt im Amt. Ich dachte am Sonntag noch, Philipp Hildebrand wäre aus dem Schneider, die Affäre ausgestanden. Doch wahrscheinlich entschied er sich da schon zum Rücktritt. Vordergründig argumentierte er mit der Glaubwürdigkeit, die er nicht vollständig wiederherstellen könne. Doch es dürfte noch einen anderen Grund geben: Übers Wochenende kündigten Politiker und Bankrat an, alle Finanzaktivitäten der Direktoriumsmitglieder der Nationalbank genau zu durchleuchten. Sucht man intensiv, finden sich bestimmt weitere Transaktionen, die man skandalisieren kann. Wer Geld hat, versucht es ja meist gewinnbringend anzulegen. Hildebrand ist also dann mal weg und die Schweiz braucht dringend einen neuen Präsidenten der Nationalbank. Dagegen käme Deutschland auch ohne Bundespräsident Christian Wulff relativ gut zurecht, der sich in der Affäre um einen Hauskredit daneben benahm und Medien bedrohte. Hildebrand kommunizierte in seinem Fall weitaus geschickter als Wulff. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den beiden. Hildebrand geht jetzt, da sein Ruf noch intakt ist und er gute Chancen auf einen topbezahlten Job in der Finanzbranche hat. Wulff klebt am Amt, weil er wohl fürchtet, sonst gar nichts mehr zu haben.

Hat Christoph Blocher sein Ziel erreicht? Ja, insofern es ihm seit vielen Monaten darum ging, Hildebrand endlich loszuwerden. Dazu waren ihm auch Schwindeleien, Irreführung, Lügen und scheinheilige Heuchelei recht. Allerdings kam die Sache in der Öffentlichkeit zunehmend schlecht rüber. Durch seinen Aktivismus in der Affäre knüpfte Blocher das Schicksal seiner Partei etwas an den Schweizer Franken. Sollte es in nächster Zeit zu einer Währungskrise kommen, der die Schweiz nicht Herr wird, werden sich alle noch gut erinnern, wer den smarten Zentralbanker in den Rücktritt trieb. Dann sind weitere Wahlverluste der SVP vorprogrammiert. So wie es momentan aussieht, geht es aber ohnehin in diese Richtung. Leider ist Blocher nicht weg. Auch er klebt an seinem “Amt” als selbsternannter Retter der Schweiz und wackerer Verteidiger gegen die EU, Hildebrand, Eveline Widmer-Schlumpf und die verteufelte Classe politique. Er wähnt sich auf einer heiligen Mission. Wenn das nur mal gut geht.

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Brandgefährlich

Mein politischer Neujahrswunsch ging nicht in Erfüllung. Seit Tagen steht der Präsident der Schweizer Nationalbank, Philipp Hildebrand, im Mittelpunkt einer Kontroverse um hohe Devisentransaktionen. Wenn ein Topbanker der UBS, der mehrere Millionen Franken pro Jahr “verdient”, sein Geld in allerhand Investitionen anlegt, gilt das als völlig normal. Wenn ein sehr respektabel bezahlter Zentralbanker sein Vermögen strategisch anlegt, grenzt das hingegen offenbar schon an ein Verbrechen. Ich anerkenne selbstverständlich den Unterschied, dass ein Zentralbanker den Kurs von Währungen beeinflussen kann. Darum sollte er gar keine grösseren Summen bewegen dürfen, und auch seine “starke Frau” Kashya nicht. Bezüglich des publik gewordenen Deals bleiben einige Fragen offen. Es scheint jedoch, dass es Hildebrand kaum um den Währungsgewinn ging. Für 75’000 Franken riskiert man nicht einen Job, in dem man mehr als das zehnfache Jahressalär verdient. Ginge es um Profitgier, hätte es Hildebrand wohl anders gemacht, etwa über einen Geschäftspartner. Für die Zukunft sollten aber sicher schärfere Regeln getroffen werden und evtl. das angelsächsische Modell des Blind Trusts für solche Verantwortungsträger geprüft werden.

Verantwortungslos finde ich, wie einige Politiker und Medien sofort den Kopf des Notenbankers forderten, noch ehe die Sachlage einigermassen klar war. Das Personal der orchestrierten Kampagne war fast identisch mit demjenigen, das im Dezember Nationalrat Bruno Zuppiger zuerst zum Kronfavoriten und schliesslich zum tragischen Looser der Bundesratswahlen machte (siehe Bauernopfer). Im Zentrum stand einmal mehr der alte, aber leider noch immer hochaktive Alt Bundesrat Christoph Blocher, sein Hoforgan Weltwoche mit Skandalschnüffler Urs Paul Engeler und Chefredaktor Roger Köppel sowie die Basler Zeitung, die nun von einem Kreis rechter Financiers um Tito Tettamanti kontrolliert wird. Es war denn auch die BaZ, die als erste den Rücktritt Hildebrands forderte. Sicher sind die Geschäfte nicht ganz koscher, die aufs Konto des schwerreichen Ehepaars (beide Ökonomen und früher Hedge-Funds-Manager) gehen, doch als Nationalbanker hat sich der Mann ziemlich gut bewährt. Wer hat ein Interesse, ihn jetzt abzuschiessen? Wer will einen noch stärkeren Franken? Oder hat jemand noch eine andere offene Rechnung mit Hildebrand? In einer Situation, da ein zu starker Franken weiterhin Exportindustrie und Tourismus belastet, ist die mutwillige Schwächung des international bestens vernetzten Zentralbankers so ziemlich das Dümmste für die Schweiz. Doch Blocher und die SVP fordern den Rücktritt von Hildebrand und die Einsetzung einer Parlamentarischen Untersuchungskommission. Warum ein allfälliges Vergehen im Umfang von 75’000 Franken diese schwere Massnahme erfordert, während die Pleite der Grossbank UBS, der Bund und Nationalbank 2008 erst 68 Milliarden Franken nachwarfen, nicht durch eine PUK aufgearbeitet wurde, konnte bisher niemand plausibel erklären.

Statt eines Rücktritts von Hildebrand wünschte ich mir lieber denjenigen Blochers von all seinen gewählten und sich selbst erteilten Mandaten. Als Bundesrat musste er seinerzeit abgewählt werden. Leider geht das nicht mit seinem heutigen “Amt” als Investor, Spekulant und Intrigant. Solange der Herr zuviel Kohle hat, kauft und verkauft er Unternehmen und treibt im Hintergrund seine brandgefährlichen Spiele. Geld verdirbt den Charakter und zuviel Geld vernebelt oft auch jeden Gerechtigkeits- und Realitätssinn. Das gilt auch für die Hildebrands und erst recht alle Ospels.

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Unsportlich

Vorgestern hörte ich am Radio, dass bei einer kantonalen Einbürgerungsinitiative in Bern enorm viele falsche Unterschriften festgestellt wurden. Es hiess, nun werde abgeklärt, ob die Junge SVP selbst die Unterschriften anderer Leute fälschte oder ob politische Gegner ihr so schaden wollten. Ich dachte mir noch, wer wohl so blöd sein könnte. Andererseits wäre der Nachwuchs der SVP auch selten dämlich, würde er mit gefälschten Unterschriften versuchen ans Ziel zu gelangen (vgl. BZ). Heute berichtet die Berner Zeitung, die falschen Unterschriften könnten (teilweise) aufs Konto der Jungsozialisten gehen, die im August 2011 im Zusammenhang mit der Masseneinwanderungsinitative der SVP zu Manipulationen, Unterschriften mit Fantasienamen oder Bögennachbestellungen aufriefen.

Vor einigen Jahren gab es Appelle zur leeren Zurücksendung der Bögen der Schäfcheninitiative, damit der SVP wenigstens mehr Portokosten entstünden. Das ist als verzweifelte Aktion zu werten, um der Propagandawalze der finanzkräftigsten Partei etwas zu entgegen. Doch wenn sich nun der Verdacht erhärtet, dass die Juso mehr oder weniger explizit zur Sabotage der Unterschriftensammlung ihres politischen Gegners aufrief, erreicht die politische Auseinandersetzung in der Schweiz einen neuen Tiefpunkt. Man mag die Ideen der SVP verurteilen, doch die SVP hat genauso wie die Juso und andere Gruppen das Recht, die direktdemokratischen Mittel zu nutzen. (Jung-)Politiker aller Parteien sollten die Spielregeln beachten und einander nicht bei der Ausübung der politischen Rechte behindern. In diesem Sinne äusserte sich SP-Nationalrat Daniel Jositsch, er bezeichnete die Manipulationen als «unschön, unsportlich, völlig doof und kontraproduktiv». Ich stimme ihm zu. Nach dem Superwahljahr 2011 wünsche ich mir für das neue Jahr wieder mehr faire Auseinandersetzungen über Sachthemen statt Propagandaschlachten, blödem Wahlkampfgeplänkel und monatelangen Konkordanzdiskussionen.

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Alles bleibt beim Alten – auch ok

Keine Überraschungen, nicht mal den Hauch von Spannung: Drei bisherige Bundesrätinnen und drei bisherige Bundesräte wurden alle im ersten Wahlgang bestätigt; und Alain Berset stand schon im zweiten Wahlgang als neuer Bundesrat fest. Damit bestätigt sich, was sich seit Tagen abzeichnete.

Es ist zwar nicht ideal, dass die wählerstärkste Partei nicht mit zwei Vertretern im Bundesrat vertreten ist. Aber sie hat es sich wirklich selbst zuzuschreiben, machte sie doch in den letzten Wochen viel falsch. Sie muss über die Bücher gehen und intern klären, wie sie damit umgehen will. Entweder sie macht weiterhin oder erst recht auf Fundamentalopposition, mit dem Risiko künftig Wahlen zu verlieren und nichts zu erreichen. Oder die Fraktion emanzipiert sich allmählich vom “BBB”-Kurs (Christoph Blocher, Caspar Baader, Toni Brunner) und vollzieht die Wende zu einer verantwortungsvollen Politik. Dann stehen ihre Chancen gut, dereinst wieder stärker in die Regierung eingebunden zu werden. 2007 erreichte die SVP ihren Höhepunkt und gleichzeitig begann ihr Fall. Die seither gefahrene Strategie, dauernd auf ihre Abspaltung BDP zu schiessen, erwies sich als totaler Rohrkrepierer.

Über die Bücher muss aber dringend auch die FDP. Zu einseitig ist sie in den letzten Jahren an der Seite der SVP marschiert, obwohl diese sie oft attakierte und als “Weichsinnige” lächerlich machte. 2003 gab die FDP nach dem SVP-Wahlerfolg dem Ultimatum statt und wählte deren Leader Blocher in den Bundesrat. Die Überlegung war dabei, durch dessen Wahl die stärkste Partei in die Pflicht zu nehmen. Doch Blocher gebärdete sich auch als Bundesrat zugleich als oberster Oppositionsführer. Darum entschied eine knappe Mehrheit der Bundesversammlung (mit Stimmen von SP, Grünen, CVP und FDP), das Experiment abzubrechen. Die SVP war überrumpelt und reagierte auf den demokratischen Entscheid alles andere als souverän. Sie schloss 2008 ihre zuvor gelobte Bündner Regierungsrätin mitsamt der ganzen Kantonalpartei aus und kündigte Samuel Schmid die Gefolgschaft auf. Seither jammert sie über ihre Untervertretung. Die FDP machte beim Theater mit und repetierte seit Monaten, man müsse unbedingt die “Konkordanz wiederherstellen” (sprich: eine beliebte Bundesrätin abwählen). Nachdem die SVP heute auch die FDP angriff, zeigte sich wie daneben das war. Durch seine Rolle als Erfüllungsgehilfe einer verantwortungslosen pOpositionspartei ist der einst stolze Freisinn auf dem besten Weg, noch mehr Wähler zu verlieren. Früher oder später wird sie wohl ihren zweiten Sitz verlieren, den sie heute nur dank der strategischen Dummheit der SVP nochmals halten konnte.

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Konkordanz… heisst auch Stabilität

Nach den heutigen Fraktionsentscheiden sieht es ganz danach aus, dass alle recht bekommen, die seit den Wahlen im Herbst davon ausgingen, dass die momentane parteipolitische Zusammensetzung des Bundesrats bestätigt wird. Der Angriff der SVP auf ihr ehemaliges Mitglied Eveline Widmer-Schlumpf wird wohl misslingen. CVP und Grüne setzten früh auf Stabilität, gegen Abwahlen von amtierenden Bundesräten. SP und Grünliberale deuteten die Möglichkeit an, der SVP einen zweiten Sitz auf Kosten der FDP zu geben. Doch die SVP hat diese Chance wohl vertan, indem sie zu lange lavierte und eine direkte Kampfansage an ihren einzigen verbliebenen “Partner” vermied. Etwas Spannung versprechen die seltsamen Äusserungen von Christoph Blocher und Toni Brunner, wonach es besser laufen werde als 2007. Gibt es vielleicht doch irgendeinen Plan oder Mauscheleien hinter den Kulissen, von denen wir nichts wissen? Interessant ist das Fakt, dass die Grünliberalen offenbar nicht einheitlich stimmen werden. Könnte Hansjörg Walter dank einigen Bauern aus der CVP und Abtrünnigen aus anderen Fraktionen in der 2. Wahl die Sensation schaffen? Und falls ja, kommt Widmer-Schlumpf – surprise! – in der 6. Wahl wieder zurück? So wie ich die heutigen Statements der Fraktionen deute, gibt es eher keinen geheimen Deal, der ihr so oder so den Sitz garantiert.

Vermutlich scheitert der SVP-Angriff total. Übers letzte Wochenende haben sich die Chancen der SVP verschlechtert, nach der “Notoperation”, mit der sie sich von Bruno Zuppiger entledigte und Hansjörg Walter zum Deutschschweizer Kandidaten nominierte. Zwar wäre der neue Kandidat meines Erachtens in vielerlei Hinsicht der bessere. Doch drei gewichtige Gründe sprechen gegen ihn:

1. Dass jemand seine Bundesratskandidatur anmeldet, nur drei Tage nachdem er sich für ein Jahr zum Nationalratspräsidenten wählen liess, kommt ganz schlecht an. Ausser der FDP, die der SVP jeden Kartoffelsack abkauft, finden es alle anderen Parteien respektlos gegenüber den politischen Institutionen, dass sich der Nationalratspräsident für parteipolitische Spiele einspannen lässt und gegen eine amtierende Bundesrätin antritt. Gleich welcher Partei er angehört, steht der Nationalpräsident resp. die -präsidentin eigentlich über den Parteien. (Das zeigt sich daran, dass er/sie während des Präsidialjahres nicht an Abstimmungen teilnimmt und nur bei Stimmengleichheit seinen Stichentscheid abgibt.)

2. In der Westschweiz kommt ganz schlecht an, dass Walter (wie auch Zuppiger) kaum Französisch spricht. Er war 12 Jahre im Parlament und wohnte unzähligen Kommissionssitzungen bei, die nicht simultan übersetzt wurden. Wie kann es sein, dass er seine Fremdsprachenkenntnisse nicht verbesserte? Dass der Präsident eines grossen landesweiten Verbandes nicht mindestens zwei Landessprachen spricht, ist befremdlich. Neben der Einarbeitung in komplexe Dossiers als Bundesrat noch schnell besser Französisch lernen zu wollen, ist nicht seriös. (Viele SVP-Männer haben generell Mühe mit Fremdsprachen. Warum eigentlich? Quelques Suisses ont voté UDC, mais beaucoup de Suisses parlent chaque jour français ou italien. Le plus grand parti de la Suisse devrait enfin en prendre connaissance.)

3. Massiv geschadet hat der SVP ihre “Notschlachtung” vom vergangenen Donnerstag. Fragwürdig war dabei einerseits die Art, wie man Zuppiger ins Messer laufen liess.* Er wurde offenbar just dann nominiert, als die Vorwürfe bereits einem kleinen Kreis bekannt waren. Befremdend war anderseits die Art, wie er von der SVP-Führung fallen gelassen wurde wie eine faule Kartoffel. Manche verglichen die Szenen vor den Kameras gar mit einem stalinistischen Schauprozess. Walter äusserte dabei kein Wort des Bedauerns mit seinem Parteifreund und lächelte in die Kameras, als ob nichts gewesen wäre.

So werden – wenn nicht alles täuscht – morgen die Wahlen ohne Turbulenzen verlaufen. Der Reihe nach werden sechs Bundesräte im Amt bestätigt und zuletzt ein Ersatz für die abtretende Aussenministerin aus den Reihen der SP bestimmt. SVP und FDP werden die Bestätigung der Bundesrätin einer “5%-Partei” zweifellos als “Bruch der Konkordanz” darstellen. Seit Wochen hört man nichts anderes. Zu meinem Erstaunen werden sie dabei sekundiert von vielen Leitartiklern in der Presse. Dabei sollte es nach den unzähligen Debatten doch inzwischen allen klar sein: Es gibt in der Schweizer Politik keine verbindliche Interpretation der Konkordanz (mehr). Ich will erst gar nicht auf die x Rechenarten eingehen, die nur schon das Konstrukt einer arithemetischen Konkordanz eröffnet. Von allen anderen mit dem Begriff verbundenen Werten ganz zu schweigen. Stabilität ist einer davon. Das Schweizer System der Konkordanzregierung zeichne sich durch grosse Stabilität aus, das sei eine Grundlage des Erfolgs der Schweiz, posaunt Gabi Huber seit Wochen. Stimmt! Und was wäre nun stabil daran, wenn man bei sinkenden Wähleranteilen jedes Mal die Regierung wieder neu zusammenstellen müsste? Wenn Widmer-Schlumpf morgen bestätigt wird, dann wäre das nicht unbedingt ein Bruch der Konkordanz, sondern eine Rückkehr zu einem ihrer Pfeiler: der Verlässlichkeit. Normalerweise werden Bundesräte nicht abgewählt. Bis 2003 galt das und es wäre nicht das Schlechteste, 2011 wieder zu dieser Tradition zurückzukehren.

Die SVP hat umso weniger “Anspruch” auf einen zweiten Sitz, da sie ja selbst schuld ist an ihrer Untervertretung. Niemand zwang sie, Widmer-Schumpf aus der Partei zu werfen. Sie wird sich also gedulden müssen, bis der Sitz frei wird und präsentiert uns dann einen guten Kandidaten oder eine gute Kandidatin. Vorher sollte man die ganze Vorgeschichte sorgfältig prüfen und ihn oder sie in den Französischkurs schicken. Wahrscheinlich bleiben vier Jahre, denn es wird in der kommenden Legislatur voraussichtlich keine vorzeitigen Rücktritte geben, nachdem 2006-11 das ganze Kollegium erneuert wurde. Nach den Wahlen 2015 kann man ja sehen. Wenn die FDP so weiter macht (nämlich der SVP hinterher hecheln), wird sie nochmals schwächer und gibt dann vielleicht freiwillig einen ihrer beiden Sitze ab. Um den siebten Sitz könnten sich nach dem Rücktritt von Widmer-Schlumpf später CVP, Grüne und Grünliberale balgen. Aber das liegt alles noch in weiter Ferne. Für die nächste Zeit wünsche ich mir ein Bundesratskollegium, das gut zusammen arbeitet und dessen Mitglieder anständig miteinander umgehen, in grossem Respekt fair miteinander diskutieren trotz verschiedener Meinungen. Und wer mitregiert, darf nicht gleichzeitig Fundamentalopposition betreiben. Natürlich kann eine Bundesratspartei auch mal ausscheren und Position gegen die Regierung beziehen. Aber dabei müssen Mindestregeln des Anstands vor Institutionen und Amtsträger beachtet werden. Auch das ist Konkordanz.

* Ob Zuppiger bewusst hochgelobt wurde, um ihn dann umso tiefer zu stossen, lässt sich heute noch nicht mit Sicherheit sagen. In meinem letzten Beitrag habe ich eine solche Theorie entwickelt. Ich betrachte es nicht als Verschwörungstheorie (in der Regel sind solche absurd, da sie viel zu viele Mitwisser verlangten), sondern als Denkexperiment. Viele Indizien deuten aber zumindest darauf hin, dass einiges nicht sauber lief. Auf mein Post antwortete mir per Twitter interessanterweise ein Journalist der Basler Zeitung: Das sei doch alles “Quatsch”. Genau etwa das antwortete Blocher ein Jahr lang auf die Frage, ob er die “BaZ” kontrolliere…

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