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Last Update: 27.10.06
 

 
 

Gregorovius und der Untergang des Kirchenstaates

Gliederung

1. Einleitung
2. Gregorovius' Hintergrund
3. Gregorovius und das Papsttum
4. Der Untergang des Kirchenstaats
4. Abschlussgedanken
5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Während ich die Kämpfe und Leiden Roms im Mittelalter schreibe, ist die Beobachtung der Gegenwart, welche ein Werk ausführt, woran die Jahrhunderte verzweifelt haben, etwas gar nicht genug zu Schätzendes für den Geschichtsschreiber." Der Autor dieser Zeilen, Ferdinand Gregorovius, sah in der italienischen Einigung offenbar ein jahrhundertealtes Projekt, das nun (in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert) endlich der Vollendung entgegen ging. Gewisse Bemerkungen in seinen Tagebüchern und Werken zeigen, dass er die Auffassung Machiavellis teilte, der im Kirchenstaat bzw. der weltlichen Herrschaft der Päpste den Hauptgrund gesehen hatte, warum sich in Italien bisher kein Nationalstaat herausgebildet hatte. Ferdinand Gregorovius stammte aus dem ostpreussischen Neidenburg, studierte in Königsberg und entschloss sich nach der misslungenen Revolution von 1848/49 zu einer Italienreise. In Rom fasste er 1854 den Entschluss, eine Geschichte dieser Stadt im Mittelalter zu schreiben. Daran arbeitete er fast 20 Jahre, wobei er nebenbei auch Gedichte und Artikel für die "Allgemeine Zeitung" schrieb.

Die Fragestellung dieser kleinen Studie ist, wie Gregorovius die letzten Jahre des Kirchenstaats erlebte. Als 1870 die weltliche Herrschaft des Papstes über die Stadt Rom endete, hatte Gregorovius immerhin über 17 Jahre in ihr gelebt. Was Gregorovius' grundsätzliche Sympathien betrifft, besteht kein Zweifel an seiner liberalen, antipäpstlichen und proitalienischen Grundeinstellung. Aufgrund dieser Konstellation müsste Gregorovius den Sturz der päpstlichen Herrschaft über das Patrimonium Petri eigentlich begrüsst haben. Dennoch finden sich in seinen Tagebüchern auch nicht leicht zu erklärende Zwischentöne. Die päpstliche Herrschaft war für Gregorovius nicht nur schlecht und die italienische Eroberung brachte der Stadt in seiner Sicht keineswegs nur Gutes. Der Stellenwert der politischen Veränderungen, deren Zeuge er war, für Gregorovius wurde kontrovers beurteilt. Sein kulturkonservativer Biograph Johannes Hönig meinte, dass sich Gregorovius in Rom zwar mit der Politik auseinandergesetzt habe, dies aber nur eine "Gelegenheitssache" gewesen sei. Die vielen Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern und Hinweise in den Werken sprechen indes eher gegen eine nur nebensächliche Rolle. Plausibler scheint die These von Heinrich Lutz und Jens Petersen, wonach Gregorovius auch nach seiner Abreise aus Preussen immer ein "homo politicus" bzw. "animal politicum" geblieben sei.

Das Werk von Gregorovius ist sehr umfangreich. Der ostpreussische Schriftsteller verfasste weit mehr als "nur" jene "Geschichte der Stadt Rom", die ihm den vielfach wiederholten Ehrennamen "Geschichtsschreiber der Stadt Rom" eintrug. Für meine Studie sind besonders die "Römischen Tagebücher" und Briefquellen aufschlussreich. Den Tagebüchern muss aber mit einer gehörigen Portion Skepsis gegenüber getreten werden, da es sich um "Ego-Dokumente" handelt, die Gregorovius zudem vor der Publikation sehr stark überarbeitet hat. Neben der Tilgung aller Hinweise auf persönliche Erlebnisse irritiert besonders, dass der Autor offenbar Notizen zu den Ereignissen mehrerer Tage, manchmal gar Monate, erst nachträglich zusammengefasst hat, wodurch seine Tagebücher streckenweise zu Wochen- bzw. Monatsbüchern mutieren. Petersen beurteilte Gregorovius' Tagebücher als "letztes Dokument der Selbststilisierung" dieses Autors. Der primäre Inhalt von Gregorovius' Römischen Tagebüchern ist zwar, wie Albert von Schirnding bemerkte, die Geschichte der "Geschichte der Stadt Rom." In seinem Bemühen, sich selbst in einen historischen Kontext zu stellen, hat Gregorovius aber neben seinen Arbeitsleistungen auch die meisten politischen Ereignisse im Italien seiner Zeit vermerkt und teilweise kommentiert. Dieses Nebeneinander von Notizen zur Tagespolitik und Berichten über den Fortschritt seiner historischen Darstellung führte Arnold Esch zum Bild eines "Wettlaufs zwischen geschriebener und erfahrener Geschichte", zwischen der mittelalterlichen Geschichte Roms und "dem Erleben dessen, was Gregorovius für die Vollendung der gegenwärtigen Geschichte Roms hält: Hauptstadt eines freien und geeinten Italiens zu sein." Letzteres ist fraglich. Es finden sich zwar gewisse Bemerkungen in den Tagebüchern, die Eschs Aussage stützen, dass Gregorovius in der Proklamation Roms zur Hauptstadt Italiens die Vollendung der Geschichte der Stadt sah. Doch belegen andere Tagebucheinträge und Briefe, dass Gregorovius lange rätselte, welches Ende die "Römische Frage" nehmen würde. Bei der Klärung der Sache könnte Petersens These hilfreich sein, dass Gregorovius in den Tagebüchern "die Haltung des jeweiligen Tages unter das Werden des providentiellen Morgen" gestellt habe. Weil er auch in anderen Texten gerne prophetische Töne anschlägt, ist allergrösste Vorsicht angebracht, wann immer man bei der Lektüre der "Römischen Tagebücher" meinen könnte, Gregorovius habe bei der Vorhersage zukünftiger Ereignisse voll ins Schwarze getroffen. Der Vergleich mit seinen Briefen zeigt, dass Gregorovius zwar effektiv ein kurzfristiges Ende des Kirchenstaats erwartete, aber auch ständig wieder daran gezweifelt hat. Ausserdem sah Gregorovius für Rom eine neue Rolle vor, wie noch zu zeigen sein wird.<

Die genauen Textstellen werden hier nicht genannt. In der PDF-Version, die sich auf der Homepage der Universität Luzern befindet, an der ich zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes studierte, sind sie aber zu finden. Abschreiben und als eigene Arbeit abgeben ist nicht nur unredlich, sondern in diesem Fall auch aus einem anderen Grund nicht empfehlenswert: Eine Google-Suche nach Gregorovius führt zu dieser Seite...


2. Ferdinand Gregorovius

Um Gregorovius' Stellungnahmen zum Kirchenstaat angemessen zu beurteilen, soll hier kurz dem weltanschaulichen Standpunkt nachgegangen werden, von dem aus diese gemacht wurden. Drei Aspekte lohnen eine genauere Betrachtung, von denen jeder für sich genug Material für eine eigene Untersuchung liefern würde. In diesem Kapitel können diese Fragen aber nur kurz gestreift werden.


2.1. Religiöser Hintergrund

Markus Völkel bezeichnete Gregorovius als "protestantisch erzogenen Atheisten." Gregorovius, der sein Studium der Theologie nach kurzer Zeit abgebrochen und zur Philosophie gewechselt hatte, bezeichnete sich selbst in einem frühen Brief aus Rom als "Atheisten", womit er aber nach Hönig nur seine Absage an jede dogmatische Theologie zum Ausdruck bringen wollte. Gregorovius scheint sich aber doch stark vom Christentum gelöst zu haben, wenn er dieses als "Erzeugnis des verzweifelten Bedürfnisses" interpretieren kann, "den engen Kreis der moralischen Freiheit zu erweitern und die Seele vor der Tyrannei der Naturgesetze zu erretten." Das Christentum (und jede andere Religion) erscheint in Gregorovius' Spielart einer deterministisch-materialistischen Geschichtsauffassung dann als Ausgeburt einer Vernunft, die den Gedanken einer totalen Determination des menschlichen Daseins nicht erträgt: "Die aus Schuld, Ursachen und Wirkungen bestehende Kette bricht durch Eingreifen eines Deus ex machina, der sich Wunder nennt und ein Kind des Gebetes ist." Diesen Versuch aber hält Gregorovius für zum Scheitern verurteilt, denn er beendet diese philosophische Passage in einem Brief an seine langjährige Freundin Gräfin Ersilia Lovatelli-Caetani mit seiner Überzeugung, dass sich auf Erden alle Schuld räche. Gegen eine allzu starke Bindung an den christlichen Glauben spricht auch, dass Gregorovius sich in seiner Elegie "Ninfa" (1861/63) problemlos vorstellen konnte, dass das Christentum wie alle Religionen einmal der Vergangenheit angehören könnte.

In einem Brief an die adlige italienische Archäologin Ersilia Caetani Lovatelli, die er sehr schätzte, bekannte Gregorovius in hohem Alter seine Sympathie für die Philosophie Schopenhauers. Über das menschliche Dasein meinte er: "In Wahrheit, was sind wir armen Sterblichen anderes als Maschinen, die ein unbekannter Leiter, ich weiss nicht wohin, treibt?" Ob Gregorovius aber mit Schopenhauers Pessimismus auch dessen Pantheismus übernahm, wie Franz Xaver Kraus vermutete , bleibt ungeklärt. Auf jeden Fall ist der Glaube an eine Vorsehung bei Gregorovius stark ausgeprägt. Das zeigt sich an verschiedenen Stellen in den Tagebüchern und den Briefen. So bezeichnete er etwa gegenüber dem preussischen Gesandten Hermann von Thile, mit dem er eine langjährige Brieffreundschaft unterhielt, seine "Errettung aus der Todesgefahr" bei einem Schiffsunglück als Werk der Vorsehung und begriff sie als persönliche Aufforderung, sein Leben noch stärker der Arbeit zu widmen und auf Äusserlichkeiten zu verzichten.

Was auch immer Gregorovius glauben mochte, er brauchte dafür jedenfalls keine Institution und kein Hilfspersonal. In seinem Tagebuch findet sich die Überlegung: "Ein Priester zwischen dem Menschen und Gott ist nur wie ein schwarzgeräuchertes Glas, wodurch man die Sonne sehen soll." Ich denke nicht, dass Gregorovius hier an so etwas wie eine Sonnenbrille denkt, was bedeuten würde, dass der Priester den Schmerz mildert, der entstünde, wenn der Mensch Gott direkt sieht. Vielmehr scheint hier Gregorovius die Meinung zu vertreten, dass der Priester für den Menschen ein Hindernis auf dem Weg zur Erkenntnis des Göttlichen darstellt.


2.2. Politische Haltung

Vor Rom hatte sich Gregorovius für die "konstitutionelle Linke" engagiert, schreibt Petersen. Sein wichtigstes Anliegen als Redakteur der "Neuen Königsberger Zeitung" war die Einführung eines allgemeinen gleichen Wahlrechts in Preussen. Obwohl er nie eine Karriere als Berufspolitiker anstrebte, nahm er im Juni 1849 als Abgesandter an einem Provinzialkongress teil. Nach dem Misserfolg der Revolution von 1848/49 beschritt Gregorovius den Weg in die innere Emigration und nahm an den politischen Ereignissen nie mehr direkt Anteil. Im Grunde seines Herzens scheint Gregorovius seine liberalen Anliegen aber nie aufgegeben zu haben. Während beim jungen Gregorovius noch konkrete Forderungen im Vordergrund standen, hat sich der reifere Gregorovius in den 1850/60er-Jahren - wie viele andere seiner Zeitgenossen - die einzige Forderung nach nationaler Einigung zu eigen gemacht. Wolfgang Altgeld schrieb, dass Gregorovius ein konsequenterer Nationalist als andere Fürsprecher der "kleindeutschen Lösung", d.h. der Bildung eines geeinten Deutschlands ohne Einbezug Österreichs, war. Ihm erschien nämlich die habsburgische Herrschaft über andere Völker in keiner Weise als gerechtfertigt. Während des piemontesisch-österreichischen Krieg zu Beginn der italienischen Einigung führte das zum denkwürdigen Ausspruch: "Ich betrachte die Unabhängigkeit Italiens als ein heiliges Nationalrecht; und wenn jeder Österreicher in der Lombardei mein leiblicher Bruder wäre, ich wollte selbst die Italiener antreiben, ihn zu verjagen." Gregorovius' Nationalismus war äusserst leidenschaftlich, jedoch nicht exklusiv. Dass die konsequente Anwendung des Nationalprinzips zu Konflikten und Kriegen führen musste, schien er nicht bedacht zu haben. Heinz Holldack bemerkte 1936: "Sein Nationalgefühl war ohne politische Härte, und er hatte keinen Sinn für die innere Notwendigkeit der Machtkämpfe." Holldack rechnete Gregorovius zu den Anhängern der von Friedrich Meinecke so bezeichneten "universalistischen Epoche der deutschen Nationalidee", weshalb dieser von sich auch hätte behaupten können, zwei Vaterländer zu haben. Gemäss der Typologie von Peter Alter kann man Gregorovius als Vertreter des "Risorgimento-Nationalismus" bezeichnen, da er das Recht jeder Na-tion auf eigene Entfaltung bejahte und mit der Forderung nach nationaler Selbstbestimmung liberale und emanzipatorische Anliegen verband. In seiner bewegten Königsberger Zeit hatte sich Gregorovius etwa in der Schrift "Idee des Polentums" vehement für eine unabhängige Republik Polen ausgesprochen. Sein Biograph aus der nationalsozialistischen Zeit neigte dazu, dieses Eintreten für ein unterdrücktes Volk kleinzureden. Gregorovius hat seine polenfreundliche Sicht allerdings nie revidiert. Im Gegenteil: Anlässlich des niedergeschlagenen Januaraufstands 1863 bedauerte Gregorovius das "arme, unselige Polen" und 1867 bezeichnete er die "frevelhafte Teilung Polens" als "Schreckbild der Völker." Hönig machte Gregorovius in Zusammenhang mit der Polenschrift denselben Vorwurf wie Holldack, er habe nichts von wirklicher Politik verstanden: "Die Darlegungen an sich zeugen mehr von dem stark gefühlsbetonten Gerechtigkeitssinn als von dem realpolitischen Verständnis des jungen Verfassers, dem staatliche Notwendigkeiten ebenso fremd waren wie dem gesamten damaligen deutschen Bürgertum." Dies liesse Gregorovius vermutlich zwar gelten; in einem Brief an den preussischen Staatssekretär Thile schrieb er selbst, ein Diplomat könne die Ereignisse mit dem "geübten praktischen Blick" sehen, er als Bücherwurm und Poet könne "den Gang der Menschheit" nur nach "Gesetzen allgemeiner Natur" beurteilen. Die von Holldack und Hönig zur Zeit des Nationalsozialismus erhobenen Vorwürfe verraten mehr über die Kritiker als den Kritisierten. Gerade die Tatsache, dass internationale Fragen nicht primär danach beurteilt werden, ob sie für die eigene Nation wünschenswert sind, ist ja ein Hauptunterschied zwischen dem "Risorgimento-Nationalismus" und dem "integralen Nationalismus" faschistischer Bewegungen.

Gregorovius' besonders während des Deutsch-Französischen Krieges zur Schau gestelltem Patriotismus können eine Reihe von Tagebucheinträgen gegenübergestellt werden, die deutlich zeigen, dass er in visionären Momenten bereits über die Nationalstaatsepoche hinaus blickte. Er konstatierte, dass Eisenbahnen und Telegraphen Reiche zusammenschrumpfen lassen und meinte: "Es wird die Zeit kommen, wo Europa selbst eine Föderativrepublik sein wird, gebildet aus wenigen Nationen, den Familien dieses Weltteils." In seiner Rede anlässlich der Feier des deutschen Siegs über Frankreich träumte Gregorovius ebenfalls von einer Art Europäischer Union. Er wünschte dem Deutschen Reich lange Dauer und prophezeite, es werde eines Tages in einem dritten, grösseren Reich aufgehen, das "alle Völker Europa's in einem Bunde des Friedens umschliessen kann."


2.3. Geschichtsverständnis

Was Gregorovius von den meisten Historiographen seiner Zeit unterschied war sein Verständnis von Geschichtsschreibung als Dichtung mit künstlerischem Anspruch. Aufgrund dieses Zugangs meinte Holldack, Gregorovius' Historiographie sei weder einer bestimmten Weltanschauung entsprungen, noch habe sie eine solche vermittelt. Altgeld dagegen bezeichnete den Fortschritt der Menschheit auf stets höhere Stufen der Zivilisation als Gregorovius' Credo.

Für Gregorovius, der sich in seiner Römer Geschichte auf das Mittelalter beschränkte, war dieses der Referenzpunkt aller Betrachtungen. Sein Verhältnis zum Mittelalter war indes äusserst ambivalent. Aufgrund seines Fortschrittsgedankens galt ihm das Mittelalter als überholte Epoche und so finden sich in seinen Werken viele Aussprüche, die auf eine äusserst negative Haltung gegenüber dem christlichen Mittelalter hindeuten. Indem er etwa vom "düsteren Mittelalter" oder "den dunklen Jahrhunderten" sprach, wogegen er Renaissance und Reformation als Aufbruch Europas deutete, zeigte sich Gregorovius als Autor, der dem negativen Mittelalterbild der Aufklärung verhaftet war. Indem er aber in der päpstlichen Monarchie des Mittelalters gegenüber dem römischen Reich eine höhere Stufe jener "Einheit" sah, wonach die Menschen strebten, skizzierte er ein universalgeschichtliches Verständnis, das im Mittelalter keinen zeitweiligen Abstieg sehen musste. 1890 versuchte Gregorovius in einer Festrede mit dem Titel "Die grossen Monarchien oder die Weltreiche in der Geschichte" vor der Bayerischen Akademie der Wissenschaften eine solche Universalgeschichte darzulegen. Von Davids Vision ausgehend, beschrieb Gregorovius den Prozess einer Wanderung von geschichtsmächtigen Reichen von Osten nach Westen. Beginnend in Ägypten führt der Weg über Assyrien, Babylon und Persien schnell zu den Juden, um schliesslich das Christentum zur Vollendung der sittlichen Idee des Judentums zu erklären. Das Christentum habe die römische Kaiseridee aufgenommen und zunächst nur moralisch und seit Gregor VII. auch politisch umzusetzen versucht, nämlich "Europa in einen Kirchenstaate zu verwandeln", doch am Dualismus von Kaiser und Papst sei die Einheit der "christlichen Republik" zerbrochen. Im Zeitalter der Renaissance sei die zivilisatorische Aufgabe auf die "deutsche Reformation" übergegangen, während die katholische Kirche immer stärker in Widerspruch zum Fortschritt geriet. So verband Gregorovius auf originelle Weise das romantische Mittelalterbild mit dem liberalen Antikatholizismus.

Die Grundgedanken der genannten Rede erinnern zudem stark an die Geschichtsphilosophie von Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Bemerkenswert ist, dass Gregorovius wie dieser "die Geschichte" als eine Art göttlicher Macht zu begreifen schien. So heisst es etwa in seinem Hauptwerk: "Die Geschichte entwickelt alle ihre Resultate aus der geheimen Arbeit der Triebe und Bedürfnisse, und Schuld, Wahn oder Irrtum sind in ihr bewegende Ursachen wie die Tugend, die Vernunft und das Genie." Mehrere Kommentatoren betonen, dass Gregrorovius' Verständnis von der Historiographie stark von Wilhelm von Humboldts Aufsatz "Über die Aufgabe des Geschichtsschreibers" beeinflusst worden sei. Hanno-Walter Kruft etwa sieht eine Parallele zu Humboldt in der "Absage an jede Geschichtsteleologie". Es ist zweifelhaft, ob Gregorovius dies wirklich gelungen ist. Zwar mag er kein Ziel der Geschichte angeben, aber ihr Verlauf ist für ihn alles andere als kontingent. Im Vorfeld des Kriegs von 1870/71 schrieb er zum Beispiel, dass der "endliche Sieg des Rechts und der Vernunft" immer gewiss sei. Als ob Kriege im Kopf und nicht auf dem Schlachtfeld entschieden würden, schrieb er schon zuvor: "Deutschland ist heute geistig mächtiger als Frankreich - es hat ausser der noch ungelösten nationalen Aufgabe höhere kulturgeschichtliche Ziele, daher ist ihm der Sieg gewiss." Für Gregorovius hatte Deutschland gegen Frankreich gewonnen, weil es gewinnen musste, es hatte Nemesis auf seiner Seite. Indem Gregorovius die griechische Göttin bemühte, die als Rächerin des Frevels verehrt wurde, gab er seiner Überzeugung Ausdruck, dass Deutschland dazu bestimmt sei, Frankreich für den "cäsaristischen Grössenwahn" zu bestrafen. Gregorovius fand, dass Deutschland seinem Nachbarland "an positiver Nationalkraft" und an "praktischer Intelligenz" überlegen sei und der Krieg der "sittlichen Gerechtigkeit" zum Durchbruch verhelfe. Ein Kriegseuphoriker war Gregorovius jedoch gewiss nicht, im Gegenteil zeigte er in seinen Reportagen von Schlachtfeldern regelmässig Mitgefühl und Sympathie für die Opfer beider Seiten.

Gregorovius hat auch die italienische Gegenwart auf seine eigentümliche Art wahrgenommen; nämlich stets durch die Brille seiner Kenntnisse. Altgeld meinte, er habe die Gegenwart "vergeschichtlicht." Das prägte insbesondere auch seine Landschaftsbilder: Mit seinem zurückgewandten Blick stellte sich Gregorovius vor, wie sich dort Ereignisse abgespielt haben, von denen er gelesen hatte. Sehr oft führte das dazu, dass Gregorovius schon bei der Beschreibung der vorgefundenen Landschaft diese in einer zum historischen Ereignis passenden Atmosphäre schilderte. Der künstlerische Anspruch war oft wichtiger als die Genauigkeit. Gregorovius' historische Landschaftsschilderungen waren beliebt. Doch zur Erklärung der italienischen Einigung war sein Vorgehen weniger geeignet. Er hat Vergangenheit und Gegenwart selten kausal verknüpft; typisch für ihn waren Parallelisierungen und Vergleiche, die mehr oder weniger passten. Man kann sich fragen, was der Vergleich des 20. Septembers 1526 mit dem 20. September 1870 zum Verständnis des letzteren Ereignisses beiträgt. Handelt es sich um ähnliche Ereignisse oder konstruiert Gregorovius Parallelen um den Preis der Ausblendung von Fakten?


3. Gregorovius und das Papsttum

Bevor auf die letzten zwölf Jahre des Kirchenstaats eingegangen wird, die in Gregorovius' Tagebüchern gut dokumentiert sind, soll in diesem Kapitel kurz untersucht werden, wie der Wahlrömer das Papsttum im Allgemeinen und den Papst seiner Zeit, Pius IX., im Speziellen beurteilte.


3.1. Die römisch-katholische Kirche bei Gregorovius

Eine systematische Auseinandersetzung mit der päpstlichen Kirche, die prägnant erklären würde, wo das Problem des Kirchenstaates in der modernen Zeit lag, sucht man bei Gregorovius vergebens. Altgeld belegte mit Zitaten aus verschiedenen deutschen Publikationen, dass von liberaler Seite besonders die Reformunfähigkeit kritisiert wurde, die mit der Doppelnatur des Kirchenstaats erklärt wurde; dessen religiöse und politische Ziele würden sich wechselseitig hemmen. Der Papst müsse absolut regieren und könne keine unabhängigen Richter, keine Verfassung und kein ziviles Gesetzbuch dulden, weil sonst in Konflikten zwischen "Staat" und Kirche die Möglichkeit bestünde, dass die römisch-katholische Kirche auch einmal irren könnte, hiess es etwa in einem Artikel des "Grenzboten". Gregorovius sah den Hauptgrund der Unvereinbarkeit von Italien und Papsttum hingegen in ihrer Begründung: "Das Papsttum besass keinen schrecklicheren Feind als die Idee der Nationalität; denn es selbst war kosmopolitisch durch Prinzip." Das Papsttum bezeichnete Gregorovius an anderer Stelle auch als "grösste Idealmacht der Menschheit." Doch diese "Idealmacht" war für den Mediävisten Gregorovius ein Relikt des Mittelalters. Das Papsttum seiner Zeit betrachtete er stets nur im Licht des mittelalterlichen Papsttums. Als Pius IX. zum Beispiel sein Einverständnis zu einem Mächtekongress gab, musste Gregorovius sogleich daran denken, dass die Kirche einst das Schiedsgericht der Menschheit gewesen war. Diese Epoche sei aber nun vorbei. Das Papsttum hatte für Gregorovius seinen Zenit überschritten und die frühere Bedeutung längst eingebüsst. Daher bezeichnete er den Kirchenstaat häufig als "Larve" oder "Mumie", d.h. als noch anwesend, aber schon tot. Im Tagebuch schrieb er zum Beispiel 1858: "Die weltliche Macht des Papsts neigt sich dem Ende zu. Die französischen Truppen halten sie noch als Larve aufrecht, und deshalb dürfen sie Rom nicht verlassen." Gregorovius lobte die grosse kulturgeschichtliche Bedeutung des Papsttums und erklärte sie zugleich für vollendet. Das Papsttum seiner Gegenwart galt ihm nur noch als "moralische Ruine." Am Ende seines Werks über die mittelalterliche Geschichte Roms begründete er den Verzicht auf eine Fortführung bis zur Gegenwart damit, dass die Geschichte Roms nach der Reformation zur "Geschichte des in immer engere Grenzen moralischer Macht sinkenden Papsttums" geworden sei, das in den letzten drei Jahrhunderten kein "mitwirkendes Glied der Geschichte des Abendlandes" mehr gewesen sei.

Gregorovius sprach in den späteren Einträgen vom "weltlichen Papsttum", das untergehen werde. Die feine Nuance machte er früher nicht, sondern hielt ein Ende des Papsttums überhaupt für möglich. Hans Kramer meinte zu diesem Aspekt: "Gregorovius hat in seinen leidenschaftlichsten Tagen sogar nach dem Ende des Kirchenstaates auch noch ein Ende des Papstuums überhaupt ‚erhofft', aber später hat er Wasser in den Wein gegossen und es nicht erwartet." Anhand der Tagebücher lässt sich sagen, dass Gregorovius um 1862 von der Überzeugung abrückte, das Ende der römisch-katholischen Kirche insgesamt stünde bevor. Im Herbst 1859 schrieb Gregorovius, es sei an der Zeit, diese "Religion der Zauberei" endlich abzuschaffen. Die Äusserung steht in Zusammenhang mit einem Marienfest in Ferentino. Mit der Abschaffung des "heidnischen Wesens" scheint Gregorovius nicht das traditionelle Brauchtum zu meinen, sondern den damit verknüpften katholischen Glauben, denn es heisst: "Die schöne Tracht der Campagnolen machte ein prächtiges Gemälde, aber der wüste Götzendienst erregte mir Ekel." Erhärtend wirkt die Tatsache, dass Gregorovius auch an anderer Stelle meinte, die katholische Religion beinhalte zu einem grossen Teil "Zauberei". Als im Sommer 1860 der Kirchenstaat einen Einfall von Freiwilligen, die sich um den charismatischen Führer Giuseppe Garibaldi scharten, befürchten musste, glaubte Gregorovius: "Das Papsttum geht seinem Untergang entgegen." Ende 1862 aber vermerkte er anlässlich der Unterschriftensammlung eines Priesters zugunsten der Aufgabe des Kirchenstaats: "Der Keim eines Schismas politischer Natur ist sichtbar. Das Dogma freilich bleibt aus dem Spiele; die Italiener wie unsere Zeit überhaupt, sind indifferent gegen die Religion." Bei einer Jubiläumsfeier erkannte 1869 Gregorovius endgültig, dass die römisch-katholische Kirche als Religion noch längst nicht am Ende war:

"Der Papst hat seinen schönsten Tag erlebt. Welcher Mensch ist irgendwo so reich beschenkt worden? Welch ein Monarch kann sich rühmen, dass sein Ehrentag zu einem Festtage für die Welt geworden sei? Das Papsttum ist also noch eine moralische Idee, man sage, was man wolle; es kann noch auf die Liebe vieler Menschenklas-sen zählen, man bestreite dies, wie stark man wolle. Die Tatsachen reden."

Während Gregorovius' Zeit in Rom verkündete das Papsttum in seiner Funktion als Lehramt der katholischen Kirche drei umstrittene Dogmen bzw. Entscheide. Gregorovius hielt von den Dogmen der katholischen Kirche nichts und konnte selbstredend auch den neuen nichts abgewinnen. Nachdem er 1855 Zeuge bei der Bekräftigung eines alten Glaubenssatzes war, notierte er in sein Tagebuch: "Am 8. Dezember war die feierliche Verkündigung des absurden Dogmas von der unbefleckten Empfängnis." Aufgrund seiner historischen Beschäftigung mit dem mittelalterlichen Papsttum und seinen bisherigen Beobachtungen in Rom wäre Gregorovius nicht erstaunt gewesen, wenn der Vatikan in seiner Verzweiflung auch die weltliche Herrschaft des Papstes zu einem Glaubensartikel erklärt hätte. Er meinte, die Jesuiten seien nicht weit davon entfernt. Solche Spekulationen beendete der Papst im März 1862, als er erklärte, die weltliche Herrschaft des Papstes sei zwar kein Glaubensartikel, aber notwendig zur Unabhängigkeit des Heiligen Stuhles. Im Ende 1864 lancierten "Syllabus", durch den Pius IX. 80 Sätze als "Irrlehren der Zeit" verdammte, wurde jedoch als letzter Satz auch ‚Der römische Papst kann und darf mit dem Fortschritt, mit dem Liberalismus und der modernen Zivilisation einen versöhnlichen Vertrag schliessen' als Irrtum verurteilt , wodurch implizit die Existenz des Kirchenstaats dogmatisch abgesichert wurde. Der "Syllabus" empörte Gregorovius stärker als das Dogma der jungfräulichen Empfängnis, was nicht erstaunt, betraf dieser doch weit mehr als nur eine religiöse Frage. Für wie verfehlt Gregorovius den Anspruch päpstlicher Lehrautorität auf dem Gebiet weltlicher Angelegenheiten hielt, konnte Gregorovius nicht verhehlen:

"Die Klerikalen sehen in diesen Manifesten eine weltgeschichtliche Tat, alle Vernünftigen nur die Unfähigkeitserklärung des Papsttums, sich in der Zeit fortzuentwickeln, und seinen Absagebrief an die menschliche Kultur. Die Anmassung im Jahre 1864, die einzige Quelle der Macht und alles Rechts, ja aller Zivilisation zu sein, diese antiquierte Sprache Innozenz III. und Bonifazius' VIII. im Munde eines schwächlichen Träumers, ist ganz lächerlich."

Die Entwicklung fand ihre Fortsetzung im Ersten Vatikanischen Konzil, dessen Hauptthema die Infallibilität des Papstes war. Nachdem Gregorovius erfuhr, dass der Papst die Geschäftsordnung alleine bestimmte, meinte er über ihn: "Er beherrscht die Versammlung in jeder Richtung; seine Infallibilität ist Tatsache; es fehlt nur die dogmatische Feststellung." Gregorovius war erstaunt über das Geschehen: "Das Mittelalter kommt wieder frank und frei in den Bullen des Papstes hervor…" Das Konzil deutete er als "Komödie" mit "flachen Absichten" , das Infallibilitätsdogma als "Verherrlichung der Alleinherrschaft." Er stellte fest, dass dies den Entwicklungen in anderen Ländern diametral zuwiderlief: "Während unsere Zeit überall daran arbeitet, die Gewalten zu dezentralisieren, bietet Rom das Schauspiel einer bis zum Wahnsinn sich steigernden Vergöttlichung der Despotie dar." Die dogmatische Feststellung der päpstlichen Unfehlbarkeit bezeichnete Gregorovius auch als "grosses Götzenbild" , "kolossalste aller Lügen" , "Vergötterung" des Papstes und als "ungeheuerlichste Zumutung, die je an die menschliche Vernunft gestellt worden" sei. Trotz der lautstarken Kritik an der Lehre scheint sie Gregorovius doch nicht überrascht zu haben, denn er bezeichnete sie ja auch als Schlusspunkt in der historischen Entwicklung der katholischen Kirche. Nach einem Diner mit Lord Acton machte sich Gregorovius einen Spass daraus, "aus Satire die Infallibilität des Papsts" zu bejahen, und "brachte auch die Gesellschaft dahin, dass sie aus historischen Prämissen die Logik dieses Absurdums anerkennen musste." Diese Deutung vertrat Gregorovius auch im Nachwort zu seinem Aufsatz über Garibaldis Freischarenzug: "Es war folgerichtig, dass der Papst in seinem schwersten Kampf mit dem was die Kirche ‚Säculum', und wir den Weltgeist nennen die ganze Hierarchie fester um sich vereinigte, und endlich dass er seiner eigenen Autorität innerhalb der Verfassung der Kirche die höchste Steigerung zu geben suchte." Gregorovius freute sich darüber, "dass der hiesige Wahnsinn sich rein und vollständig auszudrücken gezwungen wird" und erkannte im absurden Dogma auch Chancen. Zunächst hoffte er, dass die feierliche Verkündung des Dogmas eine derartige Empörung in Deutschland auslösen würde, dass sich "die Einheit Deutschlands in einer zweiten Reformation schneller vollziehen" könnte. Dass es in Italien zu einem Schisma kommen würde, hielt er dagegen nicht für wahrscheinlich: "Der alte Graf F. sagte mir gestern: ich prophezeie Ihnen, dass drei Viertel Italiens sich vom Papsttum trennen werden. Das aber glaube ich nicht." Schon während der Kriege von 1860 war Gregorovius aufgefallen, dass sich trotz massenhaft gestreuten protestantischen Schriften in Italien kein "reformatorischer Geist" verbreitete. Längerfristig hoffte Gregorovius vor allem, dass das Infallibilitätsdogma sein genaues Gegenteil bewirken und statt den reaktionären die progressiven und liberalen Kräfte in Europa stärken würde: "Ich hoffe auf einen Ruck der Weltgeschichte nach vorwärts, in Folge dieser monströsen und letzten Grenze, welche das Papsttum erreicht."

Die alte Gewohnheit der katholischen Kirche, ihr missliebige Bücher auf den so genannten Index zu setzen, erschien Gregorovius als unglaubliche Absurdität. Nach seiner Fertigstellung wurde Gregorovius' Geschichtswerk auch geächtet. Erste Anzeichen, dass seine Arbeiten gewissen kirchlichen Kreisen missfielen, zeigten sich bereits 1863, als ein gehässiger Artikel in der Jesuitenzeitung "Civiltà Cattolica" erschienen war und der Präfekt des vatikanischen Archivs gegen Gregorovius intrigierte. Gregorovius fürchtete damals, seine Geschichte würde verboten werden. Als es 1874 so weit war, vermerkte Gregorovius in seinem Tagebuch, mit welchen Worten das Dekret verkündet wurde, wessen Unterschriften es trug und wo es angeschlagen wurde: "Ich ging nach dem St. Peter, wo ich das Dekret an der Marmorsäule des ersten Eingangs angeheftet sah. Der ehrwürdige Dom bekam plötzlich ein persönliches Verhältnis zu mir. Noch nie durchwandelte ich ihn mit so erhobener Stimmung." Der Ostpreusse war froh, dass sein Werk erst nach seiner Vollendung, "und in demselben Moment, da die Papstherrschaft in Rom zusammenbrach" - verboten wurde, und meinte, er hätte das Werk mangels Zugang zu den Bibliotheken Roms nicht vollenden können, wäre es schon nach den ersten Bänden auf den Index gesetzt worden. Aus der Tatsache, dass das Dekret von Kardinal de Luca unterzeichnet ist, der Teile der Geschichte Roms einst selbst gelesen hatte, ohne dass dies Folgen gehabt hätte, folgert Gregorovius, dass er nur ein indirektes Ziel sei: "Erst jetzt ist der Pfeil abgeschossen, weniger gegen mich als gegen Preussen, wo jetzt Bismarck als neuer Diokletian das Christentum verfolgt, wie die Pfaffen schreien, und vielleicht auch gegen das Municipium der Stadt Rom, auf dessen Kosten der Druck in Venedig besorgt wird." Andreas Beyer vermutete, dass Gregorovius' Geschichte in der Tat nicht nur wegen dessen "offenkundigen antipäpstlichen Haltung", sondern auch wegen der vom Stadtrat 1872 beschlossenen Unterstützung der italienischen Übersetzung verboten wurde. Die inzwischen veröffentlichten Akten der Indexkongregation bestätigen Beyers Vermutung. Der Zensor Giuseppe Maria Granniello hatte sich vor allem deshalb für ein "ausdrückliches Verbot" von Gregorovius' Werk eingesetzt, weil er glaubte, durch die finanzielle Förderung und die Erteilung der Ehrenbürgerschaft könnte die Stadt Rom "die jungen Leute einladen, das so verabscheuenswerte Buch zu lesen." Gregorovius wurde eine falsche Auffassung von den Beziehungen zwischen Kirche und Staat vorgeworfen und die Verfälschung der Geschichte. Einige Beispiele zeigen, was tatsächlich gemeint ist: Der Zensor störte sich vor allem daran, dass der Historiker bei der Schilderung der Geschichte des Papsttums zum Teil erheblich von der offiziellen katholischen Historiographie abwich. Graniello verwies auf ein Lob der Reformation und folgerte, dass Gregorovius "böse Absicht eindeutig" sei: das Ziel der Schrift sei "ganz offensichtlich der Kampf gegen die Kirche und den Heiligen Stuhl." Zwar lobte Graniello, dass das Werk wissenschaftlich "mit grosser Gelehrsamkeit und viel Kritik ausgeführt" sei, doch gerade darin sah er eine zusätzliche Gefahr des Buches, weshalb er seinem Autor vorwarf, sein Talent zu missbrauchen. Von diesem Gutachten wusste Gregorovius indes nichts. Er freute sich damals sehr über die Indexierung, denn sie brachte ihm zusätzliche Publizität und Lob von Seiten liberaler Zeitungen. Gregorovius wusste nämlich sofort das Positive des Urteils zu erkennen: "Mein Werk ist vollendet und breitet sich in der Welt aus; der Papst macht ihm jetzt Reklame."

Die katholischen Rituale belustigten Gregorovius. Eine Seligsprechung bezeichnete er mit einer Anspielung an Dante als "göttliche Komödie" und "grösstes Theaterstück", das die Kirche in neuerer Zeit aufgeführt habe. Auch die gewöhnlichen Feste des kirchlichen Kalenders verspottete Gregorovius, indem er sie mit magischen Beschwörungen verglich. Bei einer Gründonnerstagsfeier beschrieb Gregorovius, wie katholische Gläubige und Zuaven den Reliquien möglichst nahe sein wollten und schrieb: "Auf manchem dieser Dickköpfe sah man den krassen Ausdruck fanatischer Dummheit." Die ganze Zeremonie erinnerte Gregorovius an einen "solennen Akt der Zauberei." Und dies hielt er nicht für Zufall: "Zauberei ist überhaupt ein Bestandteil der katholischen Religion, und zwar ein sehr wesentlicher." Auch über die Symbole der päpstlichen Herrschaft machte sich Gregorovius lustig. Bei der Einweihung einer Madonnensäule sah er in dieser das Monument der "mystischen Narrheit und Eitelkeit" des Papstes. Das künstlerische Urteil fiel nicht besser aus: Gregorovius verglich das Denkmal mit einem "umgekehrten Champagner-Propfen."

Der Eisenbahn verschloss sich Pius IX. im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht. Der Eisenbahnliebhaber Gregorovius freute sich Ende 1861 über die Eröffnung einer neuen Strecke und den geplanten Bau eines Zentralbahnhofs. Anlässlich der Feier sinnierte er über die Bedeutung des neuen Verkehrsmittels: "Es ist seltsam, dass das grosse Unternehmen gerade in der Epoche des Falls des Kirchenstaats vollendet wurde. Es ist ein Werk, welches das Mittelalter und das Dominium der Päpste vernichten hilft. Gregor XVI. nannte die Eisenbahn eine Erfindung des Teufels." Das viele Kleriker diese Ansicht noch immer vertraten, konnte Gregorovius bei den Fastenpredigten der Dominikaner erfahren: "Mit schamlosem Fanatismus werden dort die Eroberungen des Genies, selbst Gas, Telegraphie, Eisenbahnen, als Wunder des Teufels verdammt." Mit feiner Ironie bemerkte Gregorovius sieben Jahre später, dass der Papst ohne die Eisenbahn sein 50-jähriges Priesterjubiläum nicht derart pompös feiern könnte. Gregorovius vertrat die plausible These: "Sobald das Eisenbahnsystem fertig ist, wird Rom der wahre Mittelpunkt Italiens sein."


3.2. Papst Pius IX.

Als Gregorovius 1852 erstmals Rom betrat, herrschte Papst Pius IX. bereits seit sechs Jahren. Bei der Wahl des Bischofs von Imola, der vor seinem Pontifikat unter dem Namen Giovanni Maria Graf Mastai-Ferretti bekannt war, wurden in Italien grosse Erwartungen in ihn gesetzt. Gemäss Rudolf Lill war aber schon 1847 klar, dass der Papst kein konstitutionelles System im Kirchenstaat anstrebte, obwohl er eine zivile Regierung einsetzte, Laien zu den Beamtenstellen zuliess und die Presse- und Versammlungsfreiheit gewährte. Lill meint, Pius IX. habe zwar Reformen gewünscht, doch er sei nie der Liberale gewesen, den einige in ihm gesehen hätten, eine effektive Beteiligung des Volkes an der Regierung habe auch er mit der Stellung des Papstes für unvereinbar gehalten. Nachträglich schrieb Gregorovius über diese Zeit: "In seinen romantischen Anfängen hatte der schwächlichste der Päpste mit dem nationalen Liberalismus geliebäugelt, und er war dadurch zum Abgott der Italiener geworden." Nach Aufständen in verschiedenen italienischen Staaten versuchte der Papst, sich von der Politik fernzuhalten und auf seine Rolle als Kirchenoberhaupt zu konzentrieren. Nach der Ermordung seines gemässigten Ministerpräsidenten Pellegrino Rossi floh Pius IX. im November 1848 nach Gaeta, wo seine reaktionäre Wandlung erfolgte. Der seither manifeste Hass auf den Liberalismus hatte nicht nur Auswirkungen auf die innere Entwicklung der katholischen Kirche, sondern auch auf den Prozess der italienischen Einigung. Nach seiner durch die französische Intervention ermöglichten Rückkehr nach Rom war Pius IX. überzeugt, dass der Kirchenstaat nur durch ein absolutistisches Regiment und ausländische Interventionen zu halten sei. Gregorovius verglich das Verhalten Pius' IX. in den ersten Amtsjahren mit dem "Zauberlehrling", der "die grossen Wasser von 1848 entfesselte, ohne das Wort des Rückbannes zu haben."

In seinen Tagebüchern entwarf Gregorovius das Bild eines Mannes, der nicht recht wusste, wie er mit der Situation umgehen soll, die seine Vorgänger nicht gekannt hatten. Er meinte: "Pius IX. ist wie ein Weib schwach und halsstarrig zugleich." In einem Eintrag des Jahres 1860, in dem Gregorovius die seltsame Lage des Papstes zwischen dem Schutz Frankreichs und der Bedrohung durch Italien betonte, schrieb er über Pius IX.: "… dieser weichherzige Romantiker seufzt Gebete an die Madonna, und in seinen weibisch erschlafften Zügen prägt sich kein grosses Gefühl, nur Ermüdung aus." Als der Papst 1866 die Bitte Österreichs, seine Sache für rechtmässig zu erklären, abschlug, sah Gregorovius darin das Werk "des Mannes an der Seine." Der Papst war in Gregorovius' Augen somit nicht nur moralisch schwach, sondern vor allem politisch derart abhängig, dass er in ihm nur noch einen Befehlsempfänger Napoleon III. sehen konnte. Das Verhalten Pius' IX. während des Angriffs von Garibaldis Freischarenzügen machte 1867 jedoch grossen Eindruck auf Gregorovius. Nun schrieb er: "Dort liegt finster der Vatikan; das Verderben pocht an seine Pforte. Was mag der Papst tun? - er betet -, er soll ruhig und gefasst sein. Es ist der Todeskampf der weltlichen Kirche. Ihre Haltung in dieser Stunde ist achtunggebietend." . Dies führte auch zu einer neuen Beurteilung der Persönlichkeit des Papstes. Gregorovius sah 1861 in einer gefundenen Inschrift, die den Papst als "Vicedio" bezeichnete, eine treffende Charakterisierung des Verhaltens des gegenwärtigen Papstes: "Der Papst, ein Vizegott - und als solchen betrachtet er sich noch heute…" und noch 1866 sprach er vom "unseligen Greis." Doch die Enzykla, die Pius IX. während der Krise von 1867 herausgab, deutete Gregorovius als "Angstschrei eines anständigen Mannes im Ertrinken." Nach einigen relativ wohlwollenden Kommentaren verhärtete sich Gregorovius' Haltung gegenüber Pius IX. allerdings wieder, als er von den Konzilsplänen erfuhr. Die geplante Unfehlbarkeitserklärung regte Gregorovius stark auf: "Der Papst ist entschlossen, diese Herausforderung der Welt ins Gesicht zu schleudern und als ein infallibiles Wesen zu sterben." Gregorovius erkannte, dass Pius IX. es ernst meinte: "Der Papst ist felsenfest überzeugt, dass er von Gott prädestiniert sei, das Dogma als Krone auf das Gebäude der Hierarchie zu setzen. Er hält sich für ein göttliches Instrument in der gestörten Weltordnung, für das Sprachrohr des heiligen Geistes." In seiner Untersuchung über die Hintergründe des Ersten Vatikanischen Konzils erhärtete der Kirchenhistoriker August B. Hasler die auch von Gregorovius vertretene These, dass in erster Linie Pius IX. die Erklärung der päpstlichen Infallibilität gewünscht habe. Dem hohen theoretischen Anspruch der Unfehlbarkeit stellte Gregorovius die sichtbare Realität gegenüber. Für einen Autor, der als junger Mann nicht die schlechtesten Satiren geschrieben hatte , lag dieses Stilmittel nahe. Über Pius IX. schrieb Gregorovius also: "Ich sah ihn gestern auf dem Corso zu Fuss einhergehen und betrachtete ihn genau. Er kam mir sehr fallibel vor, sein Gang wackelnd, seine Gesichtsfarbe fahl." In der weltlichen Politik deutete Gregorovius Pius IX. schon vorher als Werkzeug Napoleons III., in kirchlichen Fragen bezeichnete er ihn nun als "Sprachrohr" der Jesuiten, die Gregorovius verdächtigte, nach der Leitung der ganzen Kirche durch sie zu streben.

In seinem Tagebuch notierte Gregorovius 1860 den Ausspruch eines Freundes, der Papst sei ein "Narr in vier Buchstaben", ohne dies weiter zu kommentieren. Anlässlich des Konzils begann auch Gregorovius, sich ernsthaft Sorgen um die mentale Verfassung des Papstes zu machen: "Der spanische Diplomat Ximenez erklärte letzthin im Ernst, dass der Papst wirklich verrückt sei. Dies ist wahrscheinlich; die Vergötterung, die er erfahren hat, ist ihm zu Kopf gestiegen. Dazu kommt sein langes Pontifikat, welches ihm die Ansicht beibringt, dass er ein prädestiniertes Werkzeug Gottes sei." Der Papst sorgte selbst dafür, dass man über ihn lachte, wie folgende von Gregorovius kolportierte Begebenheit zeigt: "Der Papst hat vor kurzem seine Infallibilität probieren wollen […]; auf einem Spaziergange hat er einem Paralytischen zugerufen: erhebe dich und wandle. Der arme Teufel versuchte es und stürzte zusammen. Dies hat den Vizegott sehr verstimmt. Die Anekdote wird bereits in Zeitungen besprochen. Ich glaube wirklich, dass er verrückt ist." Als Gregorovius den Papst in dieser Zeit selbst sah, fand er ihn "ganz verklärt und durchleuchtet […] wie ein in Öl getränktes Transparent."

Nachdem Papst Pius IX. 1878 nach der längsten Amtszeit aller Zeiten verstorben war, fiel Gregorovius' Urteil über ihn hingegen erstaunlich positiv aus. Er betonte die Tragik im Leben des Verstorbenen und erklärte dessen umstrittenen Lehrentscheide als Folgen der politischen Situation: "Die Widersprüche der Zeitrichtungen hatten diesen von Natur liberalen, von persönlichem Charakter besten Papst dahin gedrängt, sich durch die ungeheuerlichen Akte wie den Syllabus und das Dogma der Infallibilität zum Feind der modernen Kultur zu erklären." Aus dem Mangel an öffentlich geäusserter Trauer schloss Gregorovius nicht etwa auf die Unbeliebtheit des katholischen Oberhirten, sondern erklärte sie mit dem kurz zuvor erfolgten Tod Viktor Emmanuels II., des ersten Königs des geeinten Italiens: "Die Emotion des Volks, wenn sie durch dieses Ereignis irgend entstehen konnte, ist durch den Tod des Königs vorweggenommen worden; auch hatte der Papst durch seine freiwillige Absperrung im Vatikan während 7 Jahren seine Persönlichkeit in Rom eingebüsst." Nur mit der letzten Bemerkung deutet Gregorovius eine leise Kritik am starrsinnigen Verhalten des letzten weltlichen Papstes an.


4. Der Untergang des Kirchenstaats in Etappen


4.1. Frühe Phase

Als Gregorovius 1852 in Rom eintraf, freute er sich sehr an der geschichtsträchtigen Stadt. In einem Brief an seinen Lehrer Karl Rosenkranz schrieb Gregorovius: "Man lebt hier in der allergrössten Republik und wahrhaftigen Weltdemokratie, wovon der Apoll von Belvedere und der Papst die Präsidenten sind." Dass der Kirchenstaat demokratisch wäre, kann mit dem Ausspruch nicht gemeint sein. Vielmehr scheint Gregorovius' Euphorie für das "ewige Rom" ihn dazu geführt zu haben, sie zu idealisieren. Seinem Freund Friedrich Althaus beschrieb er das römische Leben als "zeitloses Dasein in den Ideen" und meinte, das "Geräusch der kriegerischen Welt" verliere sich "klanglos in den Sälen des Vatikan." In dieser frühen Zeit sah Gregorovius in Rom eine ruhige und erstarrte Stadt. Seinen Eindruck verallgemeinernd meinte er: "Hier nun in Rom steht der Mensch vor der Geschichte still wie vor der göttlichen Notwendigkeit und legt stumm seine Waffen und auch seine Schmerzen nieder." Im Vorwort zur zweiten Auflage der "Grabdenkmäler der Päpste" schilderte Gregorovius 1880 das Rom des Jahres 1856:
"In jener Pause vor der Schlusskatastrophe der politischen Papstherrschaft stellte sich Rom zum letzten Mal in seinem alten kirchlichen Festgewande dar, und zum letzten Mal war der Vatikan der Mittelpunkt des öffentlichen Lebens Roms, und dieses selbst ausschliesslich das kosmopolitische Haupt der christlichen Republik. Die verwitterte und verrottete Stadt bedeckte damals noch der Rost der Jahrhunderte. Sie war noch durchweht vom melancholischen Zauber mittelalterlicher Verwilderung, in welcher sich Papst und Kardinäle als traditionelle Charaktergestalten bewegten, während die säkularen Ruinen, noch nicht alle umgraben, pedantisch gereinigt und archäologisch zivilisiert, in ihrer malerischen Verlassenheit noch immer an die legendären Zeiten der Mirabilia urbis Romae erinnerten."

Die politische Entwicklung scheint Gregorovius vorerst nicht interessiert zu haben. In den Briefen finden sich keine entsprechenden Stellen und auch im Tagebuch fanden politische Entwicklungen in den 1850er-Jahren kaum Erwähnung. Selbst der Krimkrieg und die anschliessende Diskussion der italienischen Problematik auf der Pariser Friedenskonferenz waren Gregorovius keine Einträge wert, wie Petersen vermerkte. Als möglicher Grund käme die "Euphorie des Südens" in Frage. Wichtiger noch dürfte die Tatsache sein, dass sich Gregorovius in den ersten Römer Jahren ganz seiner schriftstellerischen Tätigkeit widmen musste, da die Honorare erst spärlich flossen. Im ersten Eintrag, der in direktem Bezug zur "Römischen Frage" steht, vermerkte Gregorovius den Einbruch des Fussbodens eines Hauses unter dem Papst am 12. April 1855 und stilisierte dieses Ereignis - vielleicht jedoch erst nachträglich - zu einem Omen: "Der Sturz des Papsttums ist dadurch sinnbildlich angezeigt." Bei Gedenkfeiern an die Rückkehr des Papstes aus dem Gaetaer Exil (12.4.1850) erinnerte sich Gregorovius nun jeweils auch an den Sturz von San Agnese. 1857 vermerkte Gregorovius, dass dem Papst auf seiner Reise durch den Kirchenstaat "Triumphe künstlich zurechtgemacht" worden seien , und meinte nach dessen Rückkehr, Pius IX. glaube sich nun "wieder angebetet vom Volk."


4.2. Durchbruch des Risorgimento 1859-61

Als sich 1859 Kriege ankündigten, konnte sich Gregorovius den Sturz der Papstmacht als deren Resultat gut vorstellen. Daher fand er es seltsam, dass sich in Rom scheinbar niemand Sorgen machte: "Die drohende Kriegsfurie hat Rom nicht aufgeregt. Auf dem faulsten Fleck Europas lebt man wie im Träume fort. Und doch sind es nur die fremden Mächte, welche diese Mumie verteidigen, die noch Kirchenstaat heisst." Gregorovius befürchtete zeitweilig sogar, dass Italien im Chaos versinken könnte, denn er meinte, vielleicht müsse er heimkehren, wenn der "Sturm" losbricht. Gregorovius zweifelte den schnellen Erfolg der nationalen Einigung Italiens an: "Die Italiener sind wie Kinder; sie glauben, in zwei Monaten frei sein zu können. Wäre dies auch der Fall, so werden sie doch ein Chaos zu ordnen haben."

Nachdem im Mai 1859 der Krieg zwischen Österreich und dem mit Frankreich verbündeten Sardinien-Piemont ausbrach (bei Gregorovius auch "lombardische Furie" genannt ), erschütterten Aufstandsbewegungen Mittelitalien, die bereits im Juni zum Abzug der Herzöge und Monarchen führten. In der Romagna und in den Marken führten Volksaufstände zur Flucht der päpstlichen Beamten, nur der Aufstand in Umbrien wurde von päpstlichen Truppen beendet. Napoleon III. beabsichtigte die Schaffung von Satellitenstaaten, nicht aber die Bildung eines geeinten Italiens. Daher bot er Österreich im Alleingang einen Waffenstillstand an, der angenommen wurde. Im am 11. Juli besiegelten Vorfrieden von Villafranca verzichtete Franz Joseph auf die verlorene Lombardei. Venetien sollte österreichisch bleiben und die Souveräne in der Toskana und in Modena wieder eingesetzt werden. Die beiden Kaiser postulierten zudem einen italienischen Staatenbund mit dem Papst als Ehrenpräsidenten , was Gregorovius für eine "Ungeheuerlichkeit" hielt. Im September 1859 bezeichnete Gregorovius die bisherigen Ereignisse als "trübe, und wüst aufgeregte Zeit." Seine Abscheu gegenüber Napoleon III. schien noch grösser zu sein als seine Sympathie für die liberalen Kräfte in Italien. Er zweifelte, ob das Resultat von Napoleons "propagandistischen Lügen" wirklich zur "Erneuerung des unglücklichen Italiens" führen werde.

Der definitive Friedensvertrag, der am 10. November 1859 in Zürich unterzeichnet wurde, bestätigte die Abmachungen hinsichtlich der Lombardei und Venetiens. Die anderen Punkte erwiesen sich aber als nicht durchführbar, weil provisorische Volksvertretungen der mittelitalienischen Gebiete lautstark den Willen zum Anschluss an Piemont bekundeten. Die nationalrevolutionäre Entwicklung erwies sich als unaufhaltbar. Gregorovius folgerte: "Die politische Lage Italiens wird durch die Stärke des Nationalprinzips verändert. Dies dürfte die Pläne Napoleons und die des Papsts doch durchkreuzen." In der Tat schwankte Napoleon III. zeitweilig zwischen der österreichischen Position, die u.a. eine Rückeroberung der Toskana verlangte, und der englischen, die eine Lösung wünschte, die den Wünschen der Bevölkerung in den betroffenen Gebieten entsprach. Schliesslich entschied sich Napoleon III., Piemont zum Besitz Mittelitaliens zu verhelfen und als Gegenleistung die Abtretung Savoyens und Nizzas zu fordern. Gegen den diplomatischen Widerstand des Papstes und Österreichs setzte Napoleon seine Lösung durch: Piemonts Regierung unter Camillo Cavour sagte in Geheimverträgen die Abtretungen zu, in Plebisziten bestätigten die Bürger der Emilia-Romagna und der Toskana den Anschluss an Piemont. Noch im Dezember 1859 hatte Gregorovius gedacht, dass die Romagna sehr bald wieder unter die Herrschaft des Kirchenstaats zurückkehren werde. Im Januar 1860 fürchtete Gregorovius das Eingreifen anderer Mächte, das sich zu einem grösseren europäischen Krieg auswachsen könnte, wobei ihn Parallelitätsüberlegungen zwischen Napoleon I. und Napoleon III. leiteten. Gregorovius war der Auffassung, dass eine propagandistische Broschüre gegen den Kirchenstaat grosse Aufregung im Vatikan verursacht hätte; im "Schifflein Petri" seien alle "seekrank" geworden. Interessiert beobachtete Gregorovius das Verhalten der Kurie, die der Waffengewalt ihrer Gegner eine Enzyklen, Heiligsprechungen und Gebete entgegenstellte: "Kreuze, wundertätige Bilder, Prozessionen, Heiligsprechungen, all der vermoderte Plunder des Aberglaubens von Jahrhunderten wird hier in Bewegung gesetzt." Papst Pius IX. bemühte auch eine andere alte Waffe: eine allgemeine Exkommunikation gegen "die Usurpatoren der päpstlichen Rechte." Daraus schloss Gregorovius, dass nicht nur die Anführer der italienischen Einigung, sondern auch der päpstliche Protektor Napoleon III. unter den Bannstrahl falle, was er sonderbar fand.

Die Abtretung Savoyens und Nizzas durch Piemont an Frankreich behagte Gregorovius nicht, er schrieb von "Schamlosigkeit auf beiden Seiten" und "Umkehrung alles Rechts und aller Ehre." Vermutlich störte ihn daran der Umstand, dass die Bevölkerung der betroffenen Gebiete nicht gefragt wurde, aber ausgesprochen hat Gregorovius das nirgends. Die nächste Episode dieser "verwirrten Epoche" war Garibaldis "Zug der Tausend" gegen die bourbonische Herrschaft in Sizilien. Nach einer Siegesserie im Mai 1860 war Sizilien im Juni unter Garibaldis Kontrolle. Gregorovius zeigte sich zutiefst beeindruckt: "Wie man auch den Überfall Garibaldis betrachten mag, er wird immer einer der genialsten Züge des Heldenmuts bleiben." Den Kirchenstaat wähnte Gregorovius im Frühsommer 1860 denn auch schon verloren , überschätzte in der ganzen Aufregung aber die Stärke Garibaldis, als er meinte: "Eine Proklamation Garibaldis wird hinreichen, den Kirchenstaat zu sprengen." Im Konflikt zwischen der gemässigt-liberalen und der revolutionär-demokratischen Partei des Risorgimento setzte sich bekanntlich erstere durch. Um einem allfälligen Überfall auf den Kirchenstaat zuvorzukommen, schickte Cavour Truppen in den Kirchenstaat und die Abruzzen. Denn für den Fall, dass Garibaldi den Kirchenstaat überfiele, befürchtete Cavour gefährliche internationale Komplikationen. Das piemontesische Vorgehen war mit Napoleon III. abgesprochen, dem die italienische Bewegung entglitten war. Der Kaiser von Frankreich erklärte sich nun mit der Annexion Umbriens und der Marken einverstanden. Cavour wiederum sicherte ihm im Gegenzug zu, dass das eigentliche Patrimonium Petri, also Rom inklusive Latium, dem Papst verbleiben soll und notfalls auch von Piemont gegen Angriffe geschützt werde. Nachdem die piemontesischen Truppen die päpstliche Armee unter Führung des Franzosen Louis Christophe La Moricière Mitte September besiegt hatten, wurden in Umbrien und in den Marken provisorische Regierungen eingesetzt. Über diese vorher päpstlichen Gebiete wurde das piemontesische Oberitalien mit dem von Garibaldi eroberten Königreich beider Sizilien verbunden, wodurch ein zusammenhängendes Reich entstand. Gregorovius erwartete danach vielleicht einen Kampf um Rom, denn in einem Brief an Thile verkündete er am 30. September 1860, dass er nach Rom zurückkehre, um "jene Katastrophe in der Nähe zu beobachten." Im Turiner Parlament bekannte sich Cavour bald darauf zur Einigung ganz Italiens inklusive Roms, liess aber offen, wann und wie die Stadt an den Nationalstaat angeschlossen werden könnte. Der Kirchenstaat war im Jahr 1860 immerhin gehörig geschrumpft. Im Oktober konnte Gregorovius bilanzieren, dass dem Papst von 20 Provinzen noch deren fünf geblieben sind und von 3,1 Mio. noch 0,7 Mio. Menschen unter seiner Herrschaft stehen. Gregorovius bezeichnete Pius IX. als Gefangenen in einem Labyrinth, dessen Ausgang er weder sehe noch suche. Das Paradox des Papstes, sich von derselben Macht schützen zu lassen, die Italien zu seiner Einigung verhalf, erregte bei Gregorovius eine Spur von Mitleid mit dem Oberhaupt der katholischen Kirche. Auch wenn es im Tagebuch anders tönt, war Gregorovius Ende 1860 aber trotz allem noch immer nicht von der italienischen Einigung überzeugt. Thile vertraute er: "So wie es in Italien war, konnte es nicht bleiben, so wie es ist, wird es nicht bleiben, so wie es sein sollte, wird es leider nicht werden." Auf Gregorovius' leider äusserst vage Ausführungen, wie es sein sollte, d.h. wie Italien und Rom in Zukunft am Besten organisiert werden könnten , werde ich im Schlusskapitel noch näher eingehen. Trotz mancher Kritik an einzelnen Vorgängen beobachtete Gregorovius die politischen Veränderungen in Italien weiterhin wohlwollend. "Ein lebendig fliessender Strom" sei ihm, auch wenn er dessen Richtung nicht kenne, allemal lieber "als der faule stehende Sumpf", in dem sich Italien befunden hätte, schrieb er im gleichen Brief.

Als vom Königreich Sizilien nur noch eine Festung übrig blieb, erwartete Gregorovius im November 1860 erneut den Fall des Papsttums: "Die Katastrophe nähert sich Rom. Die Geschichte der päpstlichen Stadt ist an ihrem vorletzten Kapitel angelangt. Nach dem Fall Gaetas wird die römische Frage brennend werden." Gregorovius hielt eine "Lösung der spannenden Frage" für sehr wünschenswert. Das letzte Bollwerk der neapolitanischen Bourbonen fiel im Februar 1861 und erneut sah Gregorovius das Ende des Kirchenstaats besiegelt: "Dies ist ein roter Tag in Rom: er kündigte eine neue Ära im Völkerleben an; die hierarchischen und legitimistischen Zeiten sind in Gaeta begraben." Franz II., der letzte sizilianische Monarch und seine Gattin flohen nach Rom, wo ihnen Pius IX. Asyl gewährte. Der Aufenthalt abgesetzter Herzöge und Monarchen in Rom hatte Gregorovius schon kurz zuvor veranlasst, sein Rombild um diesen Aspekt zu ergänzen: "Die Finsterlinge, die Knechte der Despotie, scheinen hierher, wie Eulen, aus allen Ruinen der Welt zusammengeflogen zu sein."

Der von Gregorovius ständig befürchtete Fall Roms blieb jedoch aus. Die vorläufige Lösung, zu der die Ereignisse geführt hatten, behagte dem Beobachter des Geschehens nicht. Insbesondere die Situation des Papstes fand Gregorovius weiterhin unmöglich: "Die Lage der Franzosen, der Römer, des Papsts ist gleich unnatürlich und falsch; die des Papsts ist einzig in der Geschichte. Er ist der Schützling derselben Macht, deren Gefangener er ist, die ihn auf die Anklagebank von Europa zieht und in Libellen misshandelt: eine erwürgende Retterin." Als der Papst sich im Frühjahr 1861 unversöhnlicher denn je gebärdete, kommentierte Gregorovius bissig: "Weil das Papsttum sich heute im Kampf mit der Nation und der Freiheit Italiens befindet, so kann der Verteidiger über die Wahrheit nicht anders hinwegkommen, als indem er sie leugnet. Der Papst und Antonelli behaupten daher, dem Papsttum stehe nicht Italien gegenüber, sondern eine revolutionäre Sekte, die piemontesische oder unitaristische Fraktion; mit dieser verwechsle Frankreich das wahre Italien, welches katholisch, legitimistisch, dem Papstkönig innig befreundet, ja dessen einziger Stolz es sei, den Papst zum Zentrum zu haben." In der Allokution, mit der Pius IX. auf die inzwischen erfolgte Proklamation des Königreichs Italien reagierte, sah Gregorovius trotz den schweren Vorwürfen, die darin gegen Italien erhoben wurden, auch den Ausdruck päpstlicher "Sehnsucht nach der Lösung dieser Krisis", urteilte zugleich aber, so spreche kein Papst, der noch irgendeinen Rückhalt habe. Cavour wiederum sah nur eine Lösung für die von Gregorovius als "merkwürdigste Frage des Jahrhunderts" bezeichnete "Römische Frage": In einer von Gregorovius als "Epoche machend" gelobten Rede erklärte der italienische Ministerpräsident, dass Italien die Unabhängigkeit des Papstes und die Freiheit der Kirche sichern werde, sobald Rom mit Italien vereinigt sei.


4.3. Intermezzo

Garibaldi organisierte im Sommer 1862 eine Expedition zur Eroberung des Kirchenstaats. Nachdem Napoleon III. eine Intervention androhte, sah sich die Regierung von Urbano Rattazzi gezwungen, dem Volkshelden reguläre Truppen entgegenzustellen. Garibaldis Freischaren wurden im August am Aspromonte in Kalabrien besiegt. Die Schlacht von Italienern gegen Italiener spaltete die Nation. Von Garibaldis Aktion erfuhr Gregorovius während seines Kuraufenthaltes in St. Moritz. Thile drückte er seine Hoffnung aus, dass Rom noch nicht so schnell falle, da er "das Finale der Geschichte selber, die ich schreibe" am liebsten aus nächster Nähe sehen möchte. Garibaldis Scheitern führte im Tagebuch einzig zum Kommentar: "Die Götter schonen kühner Einfalt nur einmal." Trotz diesem Rückschlag für die italienische Sache gab sich Gregorovius überzeugt, dass die unerbittliche Logik der Tatsachen und die Bedürfnisse der neuen Zeit das Dominium Temporale früher oder später zerstören würden.

Die von Marco Minghetti gebildete neue Regierung erreichte in Verhandlungen mit Frankreich 1864 eine vorläufige Beilegung des Streits um Rom, die unter dem Namen "Septemberkonvention" bekannt wurde: Frankreich versprach den Abzug seiner römischen Garnison binnen zwei Jahren, Italien verpflichtete sich im Gegenzug, jeden weiteren Angriff auf Rom abzuwehren. Ebenfalls Gegenstand der Konvention war die Verlegung der italienischen Hauptstadt nach Florenz, worin einige Italiener den Verzicht auf Rom, andere nur eine Zwischenlösung sahen. Gregorovius glaubte die Vertreter der zweiten Sicht in der Mehrheit. Eine einvernehmliche Lösung der "Römischen Frage" hielt er nach wie vor für unplausibel. Die Konvention wurde umgesetzt: Viktor Emanuel II. zog im Mai 1865 nach Florenz um, Frankreich Ende 1866 seine Truppen aus dem Kirchenstaat ab. Gregorovius sah darin eine Zäsur: "Es ist heute ein geschichtlicher Tag. Denn der Abzug der Franzosen von Rom bezeichnet eine Epoche im Leben des Papsttums, dessen weltliche Gestalt untergeht; Europa entzieht ihm seinen Schutz und verurteilt es dadurch zum Tode oder zu einer unserer Gesellschaftsverfassung entsprechenden Reform." Der Historiker betonte auch, dass damit erstmals seit 1494 keine fremden Truppen mehr in Italien stationiert seien.

Schon Ende 1865 schloss Otto von Bismarck mit Italien ein geheimes Bündnis, das letzterem im Fall eines Sieges Preussens über Österreich Venetien zusprach. Nachdem der Krieg zwischen den beiden deutschen Vormächten ausgebrochen war, griffen italienische Truppen die österreichische Südarmee an, von der sie aber auf dem Land und zur See besiegt wurden. Der Sieg Preussens und die Vermittlung Napoleons III. verhalfen Italien trotz den militärischen Niederlagen zum Besitz Venetiens. Gregorovius wertete den preussischen Sieg in der Schlacht von Königgrätz als "europäische Revolution", deren Ergebnisse "die Einigung Deutschlands durch Preussen, die Vollendung der italienischen Nationalunabhängigkeit, der Fall des Dominium Temporale, die Absetzung Frankreichs von der über Europa angemassten Herrschaft" sein würden. Mittelfristig traf dieses alles zu, kurzfristig war Rom aber noch im Besitz des Papstes. Offenbar machte man sich zu dieser Zeit in der Kurie erneut Gedanken über eine Flucht. Gregorovius kommentierte: "Das päpstliche Regime wird am Marasmus erlöschen. Es heisst, der Papst will nach Malta. Was aber ist der Papst ausserhalb Rom? Er würde mit seinen Kardinälen und Prälaten auf Malta nur eine Art Verbrecherkolonie darstellen." Der erste Teil des Urteils bringt erneut Gregorovius' Meinung zum Ausdruck, dass dem Papsttum die Kräfte ausgehen. Im zweiten Teil hingegen erstaunt mich die Verwendung des Begriffs "Verbrecherkolonie." Will Gregorovius damit sagen, dass er in Pius IX. und seinen Getreuen Kriminelle sieht? Wahrscheinlicher ist, dass Gregorovius auf die politischen Verhältnisse der Insel anspielt. Als Kolonie der britischen Krone hatte Malta damals denselben Status wie Australien, wohin im 19. Jahrhundert viele Verbrecher verbannt wurden. England hatte sich im 16. und 17. Jahrhundert unter grossem Getöse von der katholischen Kirche gelöst, u.a. wurden Könige gestürzt, die sich zur katholischen Kirche bekannt hatten. Wenn sich der Papst und die Kurie nun ausgerechnet nach Malta und damit in den Schutz Grossbritanniens begeben hätten, wären sie in einer Lage gewesen, die zu den Verbrechern in Australien durchaus Analogien aufweist. Durch die Besatzung Maltas hätte Grossbritannien ausserdem eine starke Kontrolle über die katholische Kirche erhalten.

Während des Angriffs Garibaldischer Truppen lobte Gregorovius Papst Pius IX. ausdrücklich für dessen Zurückhaltung. Das Verhalten der Kirche während der Krise vom Herbst 1867 wertete Gregorovius als überaus korrekt. Er attestierte der päpstlichen Regierung ein besonnenes Verhalten, das jederzeit im gesetzlichen Rahmen verlaufen sei. Die von Garibaldi angeworbenen Freischaren wurden von den päpstlichen Truppen unter General Hermann Kanzler mehrfach abgewehrt und am 3. November bei Mentana schliesslich besiegt. Anfänglich durften die Garibaldiner im Königreich Italien offen Freiwillige anwerben. Erst nachdem Napoleon III. mit einer Intervention drohte, distanzierte sich das offizielle Italien von den Freischaren. Die späte Reaktion konnte Frankreich nicht mehr davon abhalten, erneut Truppen zum Schutz des Kirchenstaats zu entsenden. Gregorovius besuchte Mentana eine Woche nach der Schlacht und verfasste den Aufsatz "Der Krieg der Freischaaren um Rom", der 1871 im vierten Band der "Wanderjahre" inmitten von Reiseberichten veröffentlicht wurde und seinerzeit an die AAZ geschickt wurde. Nach der Zusammenfassung der Ausgangslage schilderte Gregorovius eine unentschlossene italienische Regierung, die dem Druck der Revolutionspartei nicht zu widerstehen vermochte und entweder nicht fähig oder nicht willens war, die Grenzen des Kirchenstaats zu schützen; Garibaldi tatenlos bei der Werbung zusah, ihn endlich verhaftete, aber nach Protesten umgehend wieder freiliess. Der Freischarenführer ist dem Historiker nicht geheuer; Gregorovius vergleicht Giuseppe Garibaldi mit einem mittelalterlichen Condottiere, der sich ausserhalb des Gesetzes stellt. Freilich gesteht er ihm zu, mit "republikanischer Uneigennützigkeit" für moderne Ideen zu kämpfen. Als die päpstliche Armee zur Abwehr der Banden an die Grenzen des Kirchenstaates gezogen war, während in Rom kaum noch bewaffnete Kräfte standen, versuchte der nervöse Gregorovius sachlich zu bleiben, wie ein Blick in sein Tagebuch dieser Zeit zeigt:

"Ich bin hier der ruhige Zuschauer dieser Ereignisse und urteile so: der Septembervertrag ist durch das Kabinett Ratazzi gebrochen worden; offen sind Tausende von Garibaldinern über die Grenze befördert, und Parlamentsmitglieder […] haben sich an ihre Spitze gestellt. Diese Tausende sind überall von den Truppen des Papsts, die man so verlachte, geschlagen worden."

Während der schweren Krise fragte sich Gregorovius, ob es überhaupt richtig war, dass Cavour "die Idee von Rom als Erisapfel" in sein Volk geworfen hatte, "ehe es zur politischen Nation geworden war." Gregorovius war der Auffassung, dass die Intervention Frankreichs allenfalls unterblieben wäre, wenn sich die Bevölkerung des Kirchenstaats erhoben hätte. Trotz gegenteiliger Behauptungen konnte davon nach Gregorovius aber keine Rede sein: "Nur Schamlosigkeit kann eine Invasion zur Insurrektion stempeln. Kein Ort im Römischen hat sich erhoben; Rom selbst hat sich nicht erhoben." Nächtliche Aktionen junger Unruhestifter zählte er zu Recht nicht als Volkserhebungen. Das in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober 1867 verübte Attentat, bei dem päpstliche Soldaten umkamen, billigte Gregorovius nicht: "So scheint hier der feige Meuchelmord wieder sein Spiel zu beginnen wie im Jahre 1848." Rückblickend wertete Gregorovius das Garibaldische Abenteuer und die anfängliche Duldung durch die italienische Regierung als Dummheit. Er meinte etwa, schon oft seien im Namen der Freiheit Verbrechen begangen worden, noch selten aber seien "auch so gründliche Torheiten" in ihrem Namen aufgeführt worden.


4.4. 1870 - das Ende

Schon während der Luxemburgkrise zwischen Frankreich und Preussen vertrat Gregorovius die Auffassung, dass ein Krieg der Grossmächte in jedem Fall das Ende der weltlichen Papstherrschaft mit sich bringen werde. Damals kam es nicht zu einem bewaffneten Konflikt. Als sich drei Jahre später erneut ein Krieg abzeichnete, meinte Gregorovius: "Ich denke, wir erleben noch Wichtiges, ehe dieses Jahr zu Ende geht." Als er die Verkündung der päpstlichen Infallibilität erwartete, schrieb Gregorovius, er werde in Rom bleiben, denn "solche schöne Sachen" könne man nur einmal erleben. So wichtig war ihm das Ereignis aber doch wieder nicht, denn als es sich weiter verzögerte, reiste Gregorovius Anfang Juli ab. Wegen dem Konzil fühlte er sich ohnehin nicht mehr so wohl in seiner Wahlheimat: "…nach 18 Jahren meines Lebens in Rom fühle ich mich hier fremder als am ersten Tage. Die Luft ist moralisch vergiftet; mich ekelt vor dem Anblick dieses Götzendienstes, dieser alten und neuen Idole und dieses ewigen Zustandes von Lüge, Heuchelei und krassestem Aberglauben." In einem längeren Artikel, der ausgerechnet am 20. September 1870 in der "Allgemeinen Zeitung" veröffentlicht wurde, ironisierte Gregorovius das verkündete Dogma:
"Die Menschheit feierte im Juli 1870 ihre grösseste Tat, worauf das ganze Christentum, ja die Weltgeschichte selbst prädestinierend hingedeutet hatten. Auf dem Felsen Petri stand der eine Vize-Gott, der eine Gebieter über alle Könige, Bischöfe, Denker und Gedanken, kurz über alle Kreatur der Welt, der eine Gesetzgeber der Völker, die eine Quelle der Wahrheit, unfehlbar und irrtumlos wie der Weltenschöpfer selbst."
Spätestens seit dem Deutsch-Französischen Krieg knüpfte Gregorovius die weitere Existenz des Kirchenstaats direkt an das Schicksal des französischen Kaisers Napoleon III.: "Rom wird fallen, sobald Napoleon gestürzt ist." Gregorovius fand die Zeit reif, mit Napoleon und dem Papst gleich zwei grössenwahnsinnige Despoten in die Wüste zu schicken: "Diese Spanne Zeit mit ihren weltgeschichtlichen Ereignissen ist ein Extrablatt der Weltgeschichte. Dann wird Rom an die Reihe kommen, die Erlösung der Menschheit von dem zweiten Inkubus des Grössenwahnsinns vollständig zu machen." In einem anderen AZ-Artikel spielte Gregorovius mit dem Begriff behaupteter technischer oder geistiger Infallibilität. Er schrieb, mit dem "Wahn der französisch-militärischen Infallibilität" hätten die Deutschen schon aufgeräumt, nun werde ihr auch "die Infallibilität des römischen Papsttums" ins Nichts nachfolgen müssen.

Als Gregorovius in Stuttgart von den Ereignissen in Rom erfuhr, notierte er in sein Tagebuch: "Am 20. September um 11 Uhr vormittags sind die Italiener in Rom eingezogen. Unter anderen Verhältnissen würde dies Ereignis die Welt aufgeregt haben, heute ist es nur eine kleine Episode des grossen Weltdramas." In der nunmehr erfolgten Eroberung des Kirchenstaats durch das Königreich Italien sah Gregorovius die "Konsequenz der inneren Auflösung eines für unsere Zivilisation unerträglich gewordenen Zustandes" , und zugleich eine "geschichtliche Notwendigkeit" wie auch eine "segensreiche Tatsache". Am Fall des Kirchenstaats sei der Papst selbst schuld. In einem Brief an Thile schrieb Gregorovius: "Dies alte Troja mit seinem Priamus ist kampflos gefallen; die schlechten Trompeten der schlechten Italiener haben seine Mauern einblasen müssen, wie Mauern Jerichos. Ein unrühmliches Ende, aber es ist gerecht im Angesicht jenes absurden Infallibilität-Grössenwahns, der dort in Szene gesetzt worden ist." Im Nachwort des Freischaren-Aufsatzes meinte Gregorovius, das vorangegangene Konzil mit der Infallibilitätserklärung hätte die Achtung vor dem Papsttum in Europa so stark gemindert, dass sich in Europa kaum Stimmen des Mitgefühls vernehmen liessen. Die weltliche Herrschaft des Papstes konnte daher erlöschen, "ohne irgend eine andere Aufregung in der Welt hervorzubringen als eine klerikale." Die tiefere Ursache für den Fall Roms sah Gregorovius indes weder im überheblichen Verhalten des Papstes, noch in der günstigen Mächtekonstellation von 1870, sondern in der "unablässigen Arbeit des reformatorischen Gedankens." In der deutschen Reformation ortete er den Ursprung jener "rationellen Staatsidee, die das Papsttum in seiner veralteten Gestalt innerlich zu Fall gebracht" habe.

Noch bevor er einen Fuss ins neue Rom setzte, schrieb Gregorovius seinem Freund Thile, dass er den Untergang der "tausendjährigen Herrschaft des Papsttums" und des "Jesuitenstaats" begrüsse. Befriedigt registrierte Gregorovius im nächsten Brief an Thile, dass die Einnahme Roms durch Italien von allen massgeblichen Mächten Europas anerkennt wurde und schloss daraus: "Der Kirchenstaat, innerhalb der gegenwärtigen Grundsätze und Verfassungen Europas zu einer unerträglichen Anomalie geworden, darf wohl als unwiederbringlich verloren erscheinen." In einem Zeitungsbericht von 1871 gab es für Gregorovius keinen Zweifel mehr, dass das Dominium Temporale für alle Zeiten beendet war und weder durch ein göttliches Wunder noch durch eine neue Mächtekonstellation wiederhergestellt werde: "Wir glauben […], dass die weltliche Herrschaft des Papstes in Rom diesmal wirklich und für immer gefallen ist, dass dieser Tote nicht mehr aus seinem Grab aufstehen wird…" Seine Überzeugung gründete sich auf der Anerkennung der neuen politischen Zugehörigkeit Roms durch die Grossmächte und alle vernünftigen Menschen: "Europa hat schweigend oder laut sein zustimmendes Urteil abgegeben; jeder Mensch der an die Fortschritte der Kultur glaubt, jubelt über den Untergang der geschwornen Feindin der modernen Freiheit und Zivilisation." Gregorovius selbst zählte sich zu jenen Menschen, die den "Untergang der mit der Verfassung und den Aufgaben der heutigen Welt nicht mehr vereinbaren Priesterregierung in Rom" nur begrüssen konnten. Das einige Italien bezeichnete er als wirksamsten Gegner einer neuerlichen Restauration des Papsttums. Erst nach der Erkenntnis, dass das Papsttum der "radikale Todfeind ihres Nationalprinzips" war, hätten die Italiener ihren Einheitsstaat begründen können. Gregorovius argumentierte, mit der Eroberung Roms hätte Italien eine grosse Aufgabe übernommen:

"Als das ehrwürdigste Vermächtnis der Geschichte übernahmen die Italiener Rom, und wohl hat jene niemals einem Volk einen gleich erhabenen Sitz verliehen, mit ihm zugleich aber nie eine schwierigere Aufgabe und ernstere Pflicht auferlegt, als diese ist: die Erhalter und Erneuerer der Stadt Rom zu sein, an ihrer Grösse selbst wieder gross zu werden und den furchtbaren Zwiespalt zwischen der Kirche und der Nation durch eine moralische Reform auszusöhnen."


4.5. Das "neue" Rom

Schon zehn Jahre vor der Eroberung Roms hatte Gregorovius die Befürchtung geäussert, dass die Stadt Rom durch die Vereinigung mit Italien erhebliche Nachteile erleiden werde: "Alles wird Rom verlieren, seine republikanische Luft, seine kosmopolitische Weite, seine tragische Ruhe." Den Rollenwechsel vom Träger einer universalen Institution zur Hauptstadt eines gewöhnlichen Nationalstaats wertete er als steilen Abstieg. Nach Cavours Romrede und einem ausgiebigen Spaziergang durch Rom, bei dem er bei jedem Schritt Erinnerungen und Monumente des Papsttums erblickte, vertraute Gregorovius seinem Tagebuch die Sätze an: "Das unermessliche Ereignis: Rom zur Hauptstadt eines italienischen Reiches heruntergesetzt, Rom, die kosmopolitische Stadt seit 1500 Jahren, das moralische Zentrum der Welt, zum Sitz eines Königshofs geworden, wie alle anderen Hauptstädte, will mir gar nicht recht begreiflich sein." Die Tatsache, dass die Römer offenbar "nichts mehr begehren, als die Herrschaft eines ohnmächtigen Priesters abzuwerfen und ihre alte Weltstadt zur Hauptstadt Italiens zu machen", stimmte Gregorovius nachdenklich. Interessiert durchstreifte Gregorovius nach seiner Rückkehr von der Sommerreise 1870 die Stadt und fand als Zeugnisse der Veränderung andere Polizisten, neue Zeitungen und häufige Demonstrationen. Gregorovius graute vor Roms Zukunft: "Rom wird die weltrepublikanische Luft einbüssen, die ich hier 18 Jahre geatmet habe. Es sinkt herab zur Hauptstadt der Italiener, welche für eine grosse Lage, in die sie unsere Siege versetzt haben, zu schwach sind." Diese Äusserung zeigt einerseits, dass Gregorovius den preussischen Anteil an der italienischen Einigung durch die Siege gegen Österreich und Frankreich nicht genug betonen konnte, und andererseits auch seine abschätzige Haltung gegenüber den staatspolitischen Fähigkeiten der Italiener, was einem alten deutschen Vorurteil entsprach.

Als Ende 1870 Rom unter einem schweren Hochwasser litt, war das ein Politikum, da manche Geistliche darin einen Fingerzeig Gottes sehen wollten. Gregorovius liess das nicht gelten und meinte, der Papst selbst habe die grosse politische Katastrophe über Rom heraufbeschworen. Er gleiche einem Zauberlehrling, der "die Wasser nicht mehr bannen" konnte. Die Behauptung Pius IX., er sei ein Gefangener , fand er lächerlich und spöttelte: "Wenn der Vatikan das Gefängnis des Papsts ist, so hat nie ein Gefangener in der Welt ein grossartigeres gehabt." Gregorovius anerkannte jedoch durchaus, dass im Verhältnis der katholischen Kirche zur Stadt Rom eine neue Ära angebrochen war, deren sichtbarster Ausdruck war, dass sich die Monsignoren nicht mehr als Herren der Stadt aufführen konnten: "Die Kardinäle zeigen sich nie, oder wenn sie ausfahren, so sind ihre Wagen ohne Abzeichen. All ihr Pomp und alle ihre Magnifizienz ist in Rauch aufgegangen." Gregorovius hielt die Abkapselung des Papstes für einen Fehler: "Pius IX. ist fast vergessen in seinem eigenen Rom. Er sitzt wie ein Mythos im Vatikan, umgeben von Jesuiten und Fanatikern, welche ihm alle nur dankbaren Phantasien vorspiegeln." Zunächst befürchtete er noch, dass jene Fanatiker sich mit konterrevolutionären Plänen durchsetzen könnten. Da aber seither keine katholische Macht einen Gedanken an eine Wiedererrichtung des Kirchenstaats verschwendet hatte, war Gregorovius beim Tod Pius IX. endgültig davon überzeugt, dass mit ihm auch die Zeit des weltlichen Papsttums zu Ende gegangen war. Mit dem feierlichsten Pathos vermerkte er in seinem Tagebuch: "So ward am Mittwoch, den 13. Februar 1878 […] Pius IX. bestattet, der letzte Papst, der Rom beherrscht hat, und mit ihm sank in die Gruft der Zeit die Geschichte des politischen Papsttums, welche mit Stephan II. zur Zeit Pipins beginnt, und auch dieser ruht im St. Peter." Der Untergang des Kirchenstaats hatte freilich nicht zu der erwünschten moralischen Revision der katholischen Kirche geführt, auf die Gregorovius früher gehofft hatte.

Anfänglich interessiert , später mit wachsendem Schmerz verfolgte Gregorovius die architektonische Veränderung der Weltstadt Rom. Dafür wollte er nicht allein den italienischen Nationalstaat verantwortlich machen, bereits unter der päpstlichen Herrschaft seien gewaltsame Eingriffe ins alte Stadtbild vorgenommen worden. An der Notwendigkeit einer Umgestaltung bestand für ihn kein Zweifel; Gregorovius betonte, dass der Bau des Zentralbahnhofs noch unter Pius IX. erfolgt sei und bereits der päpstliche Minister de Merode den Bau einer Hauptachse durch die Stadt (die spätere Via Nazionale) projektiert hätte. Gregorovius kritisierte aber die unsachgemässen Ausgrabungen und zeigte sich generell skeptisch gegenüber der Archäologie. Den Erkenntnisgewinn begrüsste er zwar, doch die Vernichtung des "Ruinengemäldes der Stadt" bedauerte er. Die Erneuerung der Stadt war für ihn gleichbedeutend mit der endgültigen Zerstörung des "geschichtlichen Rahmens vieler alter Monumente." Dadurch verlor die Stadt für ihn an Reiz, weswegen er traurig meinte: "das alte schöne Rom geht unter." In einem Brief an den Präsidenten der Akademie der schönen Künste von San Luca äusserte Gregorovius die Auffassung, dass in Rom zu fieberhaft gebaut würde und zu viel zerstört werde, wodurch er "den geschichtlichen Charakter der Stadt, die zaubervolle Schönheit und die einsame Majestät so vieler Lokale" schwinden sah. Seine Kritik brachte Gregorovius später dem neuen Königspaar Umberto und Margherita auch persönlich vor, die dafür jedoch wenig Verständnis zeigten.


5. Abschlussgedanken

Obwohl er seine skeptische und bisweilen überhebliche Haltung gegenüber Italien nie abgelegt hat, scheint Gregorovius immer stärker davon überzeugt gewesen zu sein, dass die italienische (wie auch die deutsche) Einigung sich zu seiner Lebzeit vollziehen würde. Weil er im Papsttum den Todfeind des "Nationalprinzips" sah , war für Gregorovius aber bis zuletzt unvorstellbar, dass Rom friedlich nebeneinander beides sein könnte: die Hauptstadt eines nationalen Staates und die Residenz einer Kirche mit universaler Tradition. Für ihn waren Vergangenheit und Gegenwart durchwirkt von kämpfenden Prinzipien, Widersprüchen, Volks- und Stadtpsychologien. So konnte er zu so befremdlichen Aussagen gelangen wie etwa, dass sich Rom dagegen sträube, die Hauptstadt eines modernen Nationalstaats zu werden, weil die Stadt dies in 1500 Jahren verlernt habe. Wilhelm Theodor Elwert sah Gregorovius' Widerspruch hinsichtlich Roms darin, dass er die italienische Einigung enthusiastisch bejahte, den Drang der jungen Nation nach der Weltstadt ihm aber nicht behagte: "Das Rom, das er liebte und das ihn so in seinen Bann geschlagen hatte, dass er seine Geschichte zu schreiben unternahm, war das mittelalterliche, päpstliche und weltbürgerliche Rom, dem das italienische Einheitsstreben ein Ende bereiten sollte." Wie Beyer in einem kleinen Überblick zeigte, erlebten die beiden Kulturhistoriker Carl Justi und Jakob Burckhardt die Veränderung ähnlich.

Aufgrund der Recherchen komme ich zum Schluss, dass Gregorovius den Untergang des Kirchenstaats nach 1860 praktisch jederzeit erwartet hat, aber nicht (immer) erwünscht hat. Nach der Proklamation des Königreichs Italien meinte Gregorovius 1861: "Obwohl ich mit der italienischen Bewegung sympathisiere, würde mir doch ein königliches Rom unausstehlich sein, und ich glaube auch nicht an die Realisierung dieses Plans." Drei Jahre später plädierte er für eine wenig realistische Kompromisslösung: "Meine Ansicht war immer: Rom zur Republik zu erklären, dem Papst die Stadt und ihren Distrikt zu lasen, den Römern aber das italienische Bürgerrecht zu geben. So bliebe der kosmopolitische Charakter Roms erhalten. Wenn er ausgelöscht wird, so wird eine Lücke in der europäischen Gesellschaft entstehen." Und selbst noch im 1871 verfassten Nachwort zur "Geschichte der Stadt Rom" äusserte Gregorovius die Hypothese, dass der Kirchenstaat, der für ihn die Idee der "christlichen Republik" verkörpert, bei einer anderen päpstlichen Politik vielleicht hätte in die neue Zeit hinübergerettet werden können: "Vielleicht darf man es selbst heute sagen, dass die angewohnte Ehrfurcht der Völker vor einer erhabenen Tradition den Fortbestand Roms als einer säkularisierten Freistadt Italiens würde gefordert oder doch gewünscht haben, wenn sich das Papsttum in einer idealen Grösse gezeigt hätte." Da sich dieses aber im Gegenteil "mit einer in der Geschichte nie zuvor erlebten Offenheit zum grundsätzlichen Feinde der modernen Kultur" erklärt hatte, sei dieses Ende ein "Urteilsspruch der Geschichte selbst" gewesen.

In dieser Weise ist bei Gregorovius oft vom Fall oder Untergang des (weltlichen) Papsttums die Rede. Selten aber schien sich Gregorovius zu fragen, was die Veränderung konkret bedeutet, für die Römer, für die Italiener, für die Katholiken oder für Europa. Das passt zum allgemeinen Befund, dass Gregorovius sich in seinen Tagebüchern zwar sehr oft auf allgemeine Weise zum Fortschritt sowohl in technischen als auch in moralischen Fragen bekennt, doch kaum je ein spezifisches Sachanliegen diskutiert. So wird die ganze italienische Einigung in den "Römischen Tagebüchern" nur auf eine merkwürdig oberflächliche Weise abgehandelt. Sie erzählen, wann welche Gebiete an Piemont angeschlossen wurden und welche Minister kamen und gingen. Wenn es um die Aufgaben des neuen Königsreichs Italien ging, blieb Gregorovius aber merkwürdig vage. "Die wichtigste Veränderung", schrieb Gregorovius nach einem Besuch Neapels sei "die Freiheit selbst." Doch brauche es noch Generationen, um den Italienern "politische und sittliche Erziehung" zu geben. An seiner deutlichsten Stelle nannte Gregorovius Bildung und die ökonomische Besserstellung der Landbevölkerung als wichtige Ziele: "Mit Traktaten und Kongressen ist diesem Lande nicht zu helfen; wenn nicht die agrarischen Verhältnisse und der Volksunterricht Reformen erfahren, ist alle politische Veränderung nichts als eben solche."

Die päpstlichen Dogmen und den Kirchenstaat hatte Gregorovius weder theologisch noch systematisch kritisiert. Er erklärte sie nur beide für absurd und mittelalterlich. Seine Empörung über den Syllabus und das Infallibilitätsdogma war offenbar gross, während er konkrete Forderungen wie etwa nach der Beseitigung des Römer Ghettos nie gestellt hat. Gerade am Verhältnis zu den Juden zeigt sich Gregorovius' distanzierte Haltung gegenüber den Menschen seiner Gegenwart: In den Tagebüchern hatte er den Fall "des geraubten Judenkindes Mortara" nur erwähnt, indem er den gegenwärtigen Aufenthaltsort des Knaben nante und eine Überschwemmung des Ghettos war ihm gerade mal die Notiz "Israel schwimmt wieder in seinen Hütten" wert.

Die Reise Viktor Emanuels II. nach Rom besiegelte für Gregorovius im Winter 1870 das Ende des Mittelalters. In Gregorovius' Beurteilung des Geschehens seiner Zeit ist der Begriff "Mittelalter" allgegenwärtig. Dieser scheint für ihn aber eine doppelte Valenz zu besitzen. Das politische Mittelalter, dessen letzter Ausdruck der Kirchenstaat und absolutistische Monarchien waren, gehörte für ihn überwunden. Das kulturelle Mittelalter aber wollte er erhalten wissen; als "Ruinenromantiker" hätte er das Stadtbild Roms am liebsten unabänderlich konserviert.

Kramer schreibt, Gregorovius habe den Untergang des Kirchenstaats in seiner Lebzeit vorausgesehen, nach dem Fall Roms an Italien aber dem "alten und ruhigen" Rom nachgetrauert. In der Tat schrieb Gregorovius in einem Brief an Gustav Partey 1871: "So sehr ich dem Prinzip, welches diese Veränderungen hervorbringt, anhänge, so sehr bin ich doch den alten Formen der alten Roma angewöhnt, um nicht vor allem das Verschwinden zweier Wesenheiten dieser Stadt zu beklagen: der kosmopolitischen Luft, die wir hier geatmet haben, und der majestätischen Ruhe, die sie als ein Mantel der Jahrhunderte und Zeiten bisher so feierlich umhüllt hat." Sicher hatte Gregorovius auch die Umgestaltung der Stadt bedauert und der Lärm der Bauarbeiten dürfte zur Zerstörung jener "majestätischen Ruhe" beigetragen haben. Doch in erster Linie hing Gregorovius' Trauer mit seinem idealen Bild der Stadt zusammen. Charakteristisch für dieses waren nach Kruft der Internationalismus, der italienische Lebensstil und die mittelalterliche Erscheinung des Stadtbildes. Der Untergang der weltlichen Herrschaft des Papstes und die Erklärung Roms zur Hauptstadt Italiens bedeuteten neben der beschleunigten architektonischen Umgestaltung für Gregorovius auch den Verlust des Internationalismus zugunsten des Nationalismus. In der gleichen Art, wie sein Wissen von historischen Ereignissen seine Anschauung der italienischen Landschaft beeinflusste , hat Gregorovius' Wissen um den Machtwechsel Roms der Stadt in dem Moment die "weltrepublikanische Luft" genommen, als sie zur Kapitale Italiens wurde. Seine Rede vom "kosmopolitischen Rom" ergab sich für Gregorovius aus dem universalen Herrschaftsanspruch des Papstes. Gregorovius meinte jedoch auch, dass das "kosmopolitische Prinzip" in Rom latent bleibe und den Italienern noch lästig werden dürfte. Er sah nur einen Weg, dem Prinzip gerecht zu werden und Rom wieder zu "weltrepublikanischer Luft" zu verhelfen; nämlich durch eine neue universale Institution: In der postnationalen Friedensepoche der Zukunft sollte Rom zur "Hauptstadt der Vereinigten Staaten Europas" werden.


6. Literaturverzeichnis


6.1. Primärliteratur und Quellen


6.2. Forschungsliteratur

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