Adorno hiess eigentlich Theodor Wiesengrund. Er begann 1921 ein Studium der Philosophie, Psychologie,
Soziologie und Musikwissenschaft. 1925/26 lebte er in Wien, wo er Kompositionslehre und Klavier lernte.
Zurück in Frankfurt habilitierte er 1931 mit einer Arbeit über Kierkegaard. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wanderte er 1934 nach
Grossbritannien aus und 1938 schliesslich in die Vereinigten Staaten. Dort war bereits sein Mitstreiter
Horkheimer, der das Frankfurter Institutut für Sozialforschung kurzerhand nach New York verlegt
hatte. Mitten im Zweiten Krieg entstand 1942-44 die Dialektik der Aufklärung, die einen
ideologiekritischen Blick auf die Krise Europas warf. Erst 1949 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück,
wo er Philosophie und Soziologie lehrte und mit Horkheimer das Institut für Sozialforschung leitete.
1961 begann auf dem Soziologentag in Tübingen eine Auseinandersetzung zwischen Adorno und Popper über Methodenprobleme der Sozialwissenschaften, der als
Positivismusstreit in die Geschichte einging. Auf einer Schweizerreise starb Adorno im Sommer 1969 an
Herzinfarkt.
Adornos Grundthese besagt, dass Freiheit, Bildung und echtes Glück unabdingbar an Vernunft und Aufklärung gebunden ist. Doch das rationale Denken, dass Fortschritt durch Technik ermöglicht hat, werde in der modernen Industriegesellschaft manipulativ, und damit anti-aufklärerisch, zur blossen Herrschaftssicherung verwendet; und dies nicht nur in totalitären politischen Systemen. Adornos wichtigstes Werk neben der Dialektik ist eine 1950 mitverfasste Studie über Autoritätsgläubigkeit. Neben philosophischen und soziologischen behandelte Adorno auch musiktheoretische Themen und komponierte selbst Lieder.
Die neomarxistische Studentenbewegung der 68er anerkannte Adornos Theorien, warf ihm aber praktische Unbrauchbarkeit vor. Als Adorno nach Tumulten am 31. Januar 1969 sein Institut durch die Polizei räumen liess, war das Urteil der Studenten klar: Adorno hatte sich in ihren Augen als Spiessbürger geoutet.
| Literatur: | Theodor W. Adorno & Max Horkheimer, Dialektik der
Aufklärung, Frankfurt am Main .., Fischer. Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 2003, Suhrkamp. Theodor W. Adorno, Ob nach Auschwitz sich noch leben lasse, Frankfurt am Main 1997, Suhrkamp. |
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Zunächst mehr der Musik zugewandt, entwickelte Adorno schliesslich eine Philosophie, die von der dialektischen Wirklichkeitsstruktur des Lebens handelte. Adorno vertrat eine Lehre, die sich äusserst misstrauisch gegen jede Form von Identitätsbildung und logische Vereinnahmung richtete. Anders als Hegel verstand Adorno seine Dialektik nicht als Integrierung des Objekts in ein logisches System von Begriffen, sondern einen «Vorrang des Objektiven»: der Begriff ist unüberbrückbar von seinem Gegenstand getrennt. Adorno meinte, in jeder Kindheit mache das Individuum eine ähnliche Entwicklung durch wie die Menschheit in ihrer Geschichte insgesamt (analog wie in der Biologie Ontogenese und Phylogenese verwandt sind); es geht um die Subjektivierung, d.h. wie das Individuum sein Selbst entwickelt oder bekommt.
Nach der Emigration zum Professor geworden, entwickelte er seine ganz spezielle Philosophie. Adorno
verstrickte sich zum Teil in Widersprüche, die er aber gerne aushielt. Doch mit der Zeit wurde ihm
vorgeworfen, Probleme auszusitzen und keine Stellung zu beziehen. Der Philosoph besass einige ziemlich
kuriose Züge, doch seine Hörsäle waren immer restlos überfüllt. Adorno ging mit
autobiographischen Bemerkungen über sich selbst sehr sparsam um - und übrigens auch mit
Fotographien (wenn Sie einmal im Internet ein Bild von ihm suchen, werden Sie bald merken, dass es nur
etwa eine Handvoll Motive gibt), da er eine Art Bilderverbot verfügte.
[Nach: Böhmer, S. 160-168]
Adorno war dem Erbe des deutschen Idealismus verpflichtet und wollte auch möglichst viel in eine
einzige Theorie stecken. Wie Hegel dachte er sehr geschichtlich,
doch konnte er Hegels Optimismus, dass sich der Fortschritt in der bürgerlichen Gesellschaft
verwirklicht habe, nicht teilen. Im Gegenteil betonte er den zwiespätigen Charakter der modernen
Welt und erhob den Pessimismus zu einer Grundhaltung der Philosophie. In der Dialektik der
Aufklärung betonen Adorno und Horkheimer, dass die Aufklärung unter einem schwarzen Stern
stehe: Wissenschaft und Rationalität haben zurück zu irrationalen Gewaltregimes geführt,
deren vorläufiger Höhepunkt Auschwitz war. Vom Logos zum Mythos gleichsam. Nicht alles daran
ist falsch, doch Adorno blieb unerbittlich dabei, dass die Moderne insgesamt nur ein Gesamtzusammenhang
von Täuschung und Betrug sei. Jede Hoffnung auf eine Verbesserung der Verhältnisse hielt Adorno
für illusorisch. Adorno hebt an zu einer Totenklage auf die misslungene Geschichte der Menschheit,
doch damit impliziert er, dass die Welt paradiesisch hätte eingerichtet werden können. Ohne
Aufklärung, oder trotz, vielleicht mit einer anderen Aufklärung? Man hat Adorno denn auch
vorgeworfen, eine negative Säkulartheologie entwickelt zu haben, die in allem nur Zwänge
und Hierarchien sieht und den Individueen keine Gestaltungskraft zugesteht. Den Empirismus kritisierte
Adorno als "Positivismus" und damit schlecht, die politische Entwicklung sah er als Tendenz zu latentem
und offenem Faschismus und die meiste Kunst galt ihm als flach, hohlköpfig und angepasst. Sein
Geschichtsbild ist das einer Apokalyptik ohne Ende. Der Jammer geht soweit, dass jeder Dreiklang eine
Frechheit sei, seit Auschwitz jedes Gedicht eine Lüge, jeder Humor eine Infamie, politische
Verantwortung ein Trick, Kultur bloss Industrie bemäntele usw. Martin Meyer beschliesst deshalb
seinen lesenswerten Artikel zum 100. Geburtstag von Adorno mit dem Schlusswort: «Aus tiefer und
berechtigter Sorge über Wesenszüge der Moderne wurde Theodor W. Adorno zum Gefangenen seines
Systems. Je mehr dieses gegen Einwände unduldsam wurde, ja schliesslich jede Form von Einspruch
moralisch erledigte, um so deutlicher gewann es die Züge der Inquisition: verfing sich mimetisch in
der Falle einer Dogmatik, der es einst den Garaus gemacht haben wollte.»
[Nach: Meyer, Eine Welt
des Unerlösten, NZZ vom 13.09.03, S. 65]
Kritik
«An der Psychoanalyse ist nichts wahr als ihre Übertreibungen.»
«Gesundheit? - Was nützt einem Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist?»
«Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern
ihr Todfeind.»
Auschwitz und die Deutschen
«Auschwitz fängt da an, wo einer steht und denkt, es sind ja nur Tiere.»
«Deutscher = Ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann,
ohne sie selbst zu glauben.»
Kunst
«Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.»
«Kunst will das, was noch nicht war, aber alles, was sie ist, war schon.»