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Last Update: 21.12.04
 

 
 

Theodor W. Adorno (1903-1969)

Der deutsche Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist Theodor W. Adorno wurde am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geboren und starb am 6. August 1969 in Visp. 21. September 1860 in Frankfurt am Main. Er war einer der Begründer der kritischen Theorie der Gesellschaft, der sog. Frankfurter Schule. Zusammen mit Horkheimer verfasste er die Dialektik der Aufklärung, eine Kultur- und Faschismuskritik. Adorno thematisierte die Aufgabe der Philosophie nach Auschwitz. 1961 begann er den Positivismusstreit gegen Popper.

Theodor W. Adorno Adorno hiess eigentlich Theodor Wiesengrund. Er begann 1921 ein Studium der Philosophie, Psychologie, Soziologie und Musikwissenschaft. 1925/26 lebte er in Wien, wo er Kompositionslehre und Klavier lernte. Zurück in Frankfurt habilitierte er 1931 mit einer Arbeit über Kierkegaard. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wanderte er 1934 nach Grossbritannien aus und 1938 schliesslich in die Vereinigten Staaten. Dort war bereits sein Mitstreiter Horkheimer, der das Frankfurter Institutut für Sozialforschung kurzerhand nach New York verlegt hatte. Mitten im Zweiten Krieg entstand 1942-44 die Dialektik der Aufklärung, die einen ideologiekritischen Blick auf die Krise Europas warf. Erst 1949 kehrte Adorno nach Frankfurt zurück, wo er Philosophie und Soziologie lehrte und mit Horkheimer das Institut für Sozialforschung leitete. 1961 begann auf dem Soziologentag in Tübingen eine Auseinandersetzung zwischen Adorno und Popper über Methodenprobleme der Sozialwissenschaften, der als Positivismusstreit in die Geschichte einging. Auf einer Schweizerreise starb Adorno im Sommer 1969 an Herzinfarkt.

Adornos Grundthese besagt, dass Freiheit, Bildung und echtes Glück unabdingbar an Vernunft und Aufklärung gebunden ist. Doch das rationale Denken, dass Fortschritt durch Technik ermöglicht hat, werde in der modernen Industriegesellschaft manipulativ, und damit anti-aufklärerisch, zur blossen Herrschaftssicherung verwendet; und dies nicht nur in totalitären politischen Systemen. Adornos wichtigstes Werk neben der Dialektik ist eine 1950 mitverfasste Studie über Autoritätsgläubigkeit. Neben philosophischen und soziologischen behandelte Adorno auch musiktheoretische Themen und komponierte selbst Lieder.

Die neomarxistische Studentenbewegung der 68er anerkannte Adornos Theorien, warf ihm aber praktische Unbrauchbarkeit vor. Als Adorno nach Tumulten am 31. Januar 1969 sein Institut durch die Polizei räumen liess, war das Urteil der Studenten klar: Adorno hatte sich in ihren Augen als Spiessbürger geoutet.

Literatur:   Theodor W. Adorno & Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung, Frankfurt am Main .., Fischer.
Theodor W. Adorno, Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben, Frankfurt am Main 2003, Suhrkamp.
Theodor W. Adorno, Ob nach Auschwitz sich noch leben lasse, Frankfurt am Main 1997, Suhrkamp.

 

EINSTIEG

Adornos Vater hiess Oscar Alexander Wiesengrund und war ein wohlhabender jüdischer Weingrosshändler und seine Mutter, Maria Wiesengrund, geborene Calvelli-Adorno delle Piane, war eine ehemalige Opernsängerin mit korsischen Vorfahren. Im Haushalt lebte auch noch die ledige Tante Agathe, die gerne mit Adornos Mutter am Klavier sass, so dass der junge Theodor schon in frühester Kindheit die klassische Musik schätzen lernte. Adorno war ein kluger Schüler und machte bereits mit 17 Jahren das Abitur, wofür er beneidet und - meistens verbunden mit antisemitischen Klischees - auch angefeidet wurde. So verbanden sich zwei Stränge in Adornos Leben: die wohlbehütete Kindheit mit grosser Musik und die Bedrohung durch das sich ausbreitende faschistische Denken.

Zunächst mehr der Musik zugewandt, entwickelte Adorno schliesslich eine Philosophie, die von der dialektischen Wirklichkeitsstruktur des Lebens handelte. Adorno vertrat eine Lehre, die sich äusserst misstrauisch gegen jede Form von Identitätsbildung und logische Vereinnahmung richtete. Anders als Hegel verstand Adorno seine Dialektik nicht als Integrierung des Objekts in ein logisches System von Begriffen, sondern einen «Vorrang des Objektiven»: der Begriff ist unüberbrückbar von seinem Gegenstand getrennt. Adorno meinte, in jeder Kindheit mache das Individuum eine ähnliche Entwicklung durch wie die Menschheit in ihrer Geschichte insgesamt (analog wie in der Biologie Ontogenese und Phylogenese verwandt sind); es geht um die Subjektivierung, d.h. wie das Individuum sein Selbst entwickelt oder bekommt.

Nach der Emigration zum Professor geworden, entwickelte er seine ganz spezielle Philosophie. Adorno verstrickte sich zum Teil in Widersprüche, die er aber gerne aushielt. Doch mit der Zeit wurde ihm vorgeworfen, Probleme auszusitzen und keine Stellung zu beziehen. Der Philosoph besass einige ziemlich kuriose Züge, doch seine Hörsäle waren immer restlos überfüllt. Adorno ging mit autobiographischen Bemerkungen über sich selbst sehr sparsam um - und übrigens auch mit Fotographien (wenn Sie einmal im Internet ein Bild von ihm suchen, werden Sie bald merken, dass es nur etwa eine Handvoll Motive gibt), da er eine Art Bilderverbot verfügte.
[Nach: Böhmer, S. 160-168]

Adorno war dem Erbe des deutschen Idealismus verpflichtet und wollte auch möglichst viel in eine einzige Theorie stecken. Wie Hegel dachte er sehr geschichtlich, doch konnte er Hegels Optimismus, dass sich der Fortschritt in der bürgerlichen Gesellschaft verwirklicht habe, nicht teilen. Im Gegenteil betonte er den zwiespätigen Charakter der modernen Welt und erhob den Pessimismus zu einer Grundhaltung der Philosophie. In der Dialektik der Aufklärung betonen Adorno und Horkheimer, dass die Aufklärung unter einem schwarzen Stern stehe: Wissenschaft und Rationalität haben zurück zu irrationalen Gewaltregimes geführt, deren vorläufiger Höhepunkt Auschwitz war. Vom Logos zum Mythos gleichsam. Nicht alles daran ist falsch, doch Adorno blieb unerbittlich dabei, dass die Moderne insgesamt nur ein Gesamtzusammenhang von Täuschung und Betrug sei. Jede Hoffnung auf eine Verbesserung der Verhältnisse hielt Adorno für illusorisch. Adorno hebt an zu einer Totenklage auf die misslungene Geschichte der Menschheit, doch damit impliziert er, dass die Welt paradiesisch hätte eingerichtet werden können. Ohne Aufklärung, oder trotz, vielleicht mit einer anderen Aufklärung? Man hat Adorno denn auch vorgeworfen, eine negative Säkulartheologie entwickelt zu haben, die in allem nur Zwänge und Hierarchien sieht und den Individueen keine Gestaltungskraft zugesteht. Den Empirismus kritisierte Adorno als "Positivismus" und damit schlecht, die politische Entwicklung sah er als Tendenz zu latentem und offenem Faschismus und die meiste Kunst galt ihm als flach, hohlköpfig und angepasst. Sein Geschichtsbild ist das einer Apokalyptik ohne Ende. Der Jammer geht soweit, dass jeder Dreiklang eine Frechheit sei, seit Auschwitz jedes Gedicht eine Lüge, jeder Humor eine Infamie, politische Verantwortung ein Trick, Kultur bloss Industrie bemäntele usw. Martin Meyer beschliesst deshalb seinen lesenswerten Artikel zum 100. Geburtstag von Adorno mit dem Schlusswort: «Aus tiefer und berechtigter Sorge über Wesenszüge der Moderne wurde Theodor W. Adorno zum Gefangenen seines Systems. Je mehr dieses gegen Einwände unduldsam wurde, ja schliesslich jede Form von Einspruch moralisch erledigte, um so deutlicher gewann es die Züge der Inquisition: verfing sich mimetisch in der Falle einer Dogmatik, der es einst den Garaus gemacht haben wollte.»
[Nach: Meyer, Eine Welt des Unerlösten, NZZ vom 13.09.03, S. 65]

 

BERÜHMTE ZITATE

Leben, Liebe und Freunde
«Es gibt kein richtiges Leben im falschen.»
«Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach.»
«Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches an Unähnlichem wahrzunehmen.»
«Deine Freunde sind dort wo du schwach sein kannst, ohne Stärke zu provozieren.»

Kritik
«An der Psychoanalyse ist nichts wahr als ihre Übertreibungen.»
«Gesundheit? - Was nützt einem Gesundheit, wenn man sonst ein Idiot ist?»
«Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind.»

Auschwitz und die Deutschen
«Auschwitz fängt da an, wo einer steht und denkt, es sind ja nur Tiere.»
«Deutscher = Ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.»

Kunst
«Kunst ist Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein.»
«Kunst will das, was noch nicht war, aber alles, was sie ist, war schon.»

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