Aristoteles, genannt der Stagirit, war der Sohn eines angesehenen makedonischen Arztes. Mit 17 Jahren ging der junge Aristoteles nach Athen, wo er an Platons Akademie studierte und später selbst lehrte. Weil er nicht Platons Nachfolger wurde und weil in Athen eine antimakedonische Stimmung herrschte, begannen nach Platons Tod 347 Aristoteles' Wanderjahre. Erst begab er sich auf Einladung seines Freundes Hermias nach Assos in Kleinasien, wo er dessen Nichte Pythias heiratete. Als Hermias zwei Jahre später von den Persern getötet wurde, zog Aristoteles zurück in seine makedonische Heimat, wo er am Hof von Pella den Sohn Philipps II., der später als "Alexander der Grosse" bekannt wurde, unterrichtete. Nachdem dieser den Thron bestiegen hatte und zu seinen Eroberungsfeldzügen aufbrach, kehrte Aristoteles 335 nach Athen zurück, wo er seine eigene Schule, das Lykeion gründete. Seine Schüler wurden Peripatetiker genannt, da Gespräche zwischen Schülern und Lehrern häufig während Spaziergängen stattfanden (peripatos: gr. Wandelgänge). Nach Alexanders Tod 323 herrschte in Griechenland wieder eine ausgesprochen feindliche Haltung gegenüber allem Makedonischen. So erstaunt es nicht, dass Aristoteles der Gotteslästerung angeklagt wurde. Um den Athenern nicht ein zweites Mal Gelegenheit zu geben, sich gegen die Philosophie zu versündigen, wie er in Anspielung an Sokrates' Schicksal sagte, zog sich Aristoteles auf sein Landgut Chalkis in Euböa zurück, wo er im darauffolgenden Jahr starb.
Aristoteles war ein sehr fleissiger Philosoph, von dem sehr viele Schriften überliefert sind. Diese gehen in den meisten Fällen auf seine Kursunterlagen zurück. Der Peripatetiker Andronikos von Rhodos sammelte diese im 1. Jh. v. Chr. und ordnete sie in sechs Themenbereiche: 1. Logik, 2. Physik, 3. Metaphysik, 4. Ethik , 5. Politik, 6. Poetik. Zuletzt finden sich auf dieser Seite auch einige der berühmtesten ihm zugeschriebenen Zitate.
| Literatur: | Aristoteles, Metaphysik. Schriften zur ersten Philosophie, Stuttgart ??, Reclam UB 7913. Aristoteles, Politik. Schriften zur Staatstheorie, Stuttgart 1989, Reclam UB 8522. Aristoteles, Nikomachische Ethik, Stuttgart ??, Reclam UB 8586. |
| Internet: | Aristoteles, Nikomachische Ethik & Poetik, Original-Texte im Gutenberg-Projekt. |
Aristoteles brachte den neuen Begriff der Kausalität in die Philosophie. Er postulierte, dass es für jedes Ding oder Ereignis mehr als einen Grund gäbe, der erklärt, was, warum und wo etwas existiert. Die Naturphilosophen der Vorsokratik wie etwa Thales oder Heraklit neigten zur Annahme, dass eine einzige Ursache für eine Erscheinung nötig sei. Aristoteles empfiehlt deren vier: materielle Ursache, d.h. der Stoff, aus welchem ein Ding gefertigt wird; Wirkursache, die Ursache für Bewegung, Entstehung oder Veränderung; formale Ursache, die Form, Art oder Typus bestimmt; und Zweckursache, das Ziel, z.B. die volle Entwicklung eines Individuums oder die geplante Funktion eines Hauses bzw. einer Erfindung. Auf ein Kind angewendet, ist die materielle Ursache Gewebe und Organe; die Wirkursache sind die Eltern, die es zeugten; die formale Ursache ist die Gattung Mensch und die Zweckursache besteht im angelegten Drang, sich zu einem Erwachsenen zu entwickeln. Doch Aristoteles wendet sein Modell nicht bloss auf lebendige Dinge an. Für ihn ist z.B. die materielle Ursache einer Statue der Marmor, die Wirkursache der Bildhauer, die Formursache ist die vom Bildhauer gedachte Gestalt und die Zweckursache besteht darin, ein Kunstwerk zu schaffen. Aristoteles sah in seinem Modell der vier Ursache den idealen Schlüssel zur Organisation des Wissens.
| Barbara | Alle... alle... = alle...! |
| 1. Alle M sind P | Alle Menschen sind sterblich. |
| 2. Alle S sind M | Alle Griechen sind Menschen. |
| 3. Alle S sind P | Alle Griechen sind sterblich. |
| Celarent | Kein... alle... = kein...! |
| 1. Kein M ist P | Kein Mensch ist unsterblich. |
| 2. Alle S sind M | Alle Philosophen sind Menschen. |
| 3. Kein S ist P | Kein Philosoph ist unsterblich. |
Psychologie bedeutete für Aristoteles die Untersuchung der Seele. Seinem Grundsatz treu bleibend, wonach Form und Stoff immer als Einheit existieren, definierte Aristoteles die Seele als "Funktionsweise eines Körpers, die so organisiert ist, dass sie Träger vitaler Funktionen sein kann". Mit seiner Annahme von der essenziellen Verbundenheit von Seele und Körper widerlegte Aristoteles die Pythagoreische Lehre von der Seele als einer im Körper gefangenen Einheit. Aristoteles nahm die frühere Vorstellung wieder auf, dass die Seele nicht unabhängig vom Körper existieren kann - blieb aber gleichzeitig bei der platonischen Idee von der Seele als einer gesonderten, nichtkörperlichen Ganzheit. Aus der Funktionsweise der Seele werden die moralischen und intellektuellen Seiten der Menschheit abgeleitet. Nach Aristoteles ist das menschliche Denken in seiner höchsten Form nicht auf einen blossen mechanisch-physischen Vorgang reduzierbar. Ein solches Denken setzt aber auch noch Erfahrungen in der natürlichen Welt voraus. Oder mit Aristoteles' später berühmt gewordenen Worten: "Nichts existiert im Denken, was nicht schon vorher in den Sinnen existiert hätte" (lateinisch "Nihil est in intellectu quod non erat in sensu"). Der hier formulierte Empirismus richtet sich wiederum direkt gegen seinen grossen Lehrer Platon .
![]()
Im ersten Buch fasst Aristoteles die Positionen verschiedener vor ihm lebender Philosophen zur "ersten Ursache" zusammen; es ist die erste philosophiegeschichtliche Darstellung. In weiteren Büchern spricht er über die Lehre vom Sein und wirft schwierige ontologische Probleme auf, die er nicht alle einer Lösung zuführt. Die Leitfrage, die sich durch das ganze Werk zieht, ist was in der Realität fundamental ist und was Dinge zu dem macht, was sie sind. Platon betrachtete die allgemeinen Formen als wirklich und die Einzeldinge hingen von diesen ab. Bei Aristoteles ist es gerade umgekehrt: Für ihn sind die Einzeldinge fundamental und die allgemeinen Begriffe werden davon abgeleitet. So sah er z.B. in einem Dreieck nichts wirkliches; Menschen sahen diese geometrische Form in der Welt in verschiedenen Zusammenhängen und entwickelten diesen Begriff. Es handelt sich also um ein Produkt der Abstraktion.
Der bekannteste Teil von Aristoteles' Metaphysik kreist um die Frage nach einem letzten Prinzip, wo sie teilweise zur Theologie wird. Aristoteles postuliert nämlich einen "ersten Beweger", der alle anderen Bewegungen in der Welt bewirkt. Dieser "Gott" ist nicht mit Materie behaftet, sondern reine Form. Spätere Philosophen und Theologen haben die Differenz des von Aristoteles beschriebenen ersten Bewegers mit dem Gottesbild der jüdisch-christlichen Tradition herausgearbeitet. Aristoteles' erster Beweger zeigt z.B. kein Interesse an den Vorgängen in der Welt.
![]()
Für Aristoteles war die Frage nach dem besten Staat nicht über die Staatsform allein zu beantworten, denn Demokratie kippe oft in Demagogie um, die Monarchie kann zur Tyrannei entarten und die Aristokratie zur Oligarchie verkommen. Aristoteles hatte nicht die beste Meinung von der Demokratie, da er in ihr die Gefahr einer wankelmütigen Herrschaft der Vielen sah, die kurzfristig denken und sehr manipulationsanfällig sind. Aus seiner Sicht ist die beste Staatsform eine Mischung von Demokratie und Aristokratie, um die Gefahren beider Extreme zu neutralisieren. Die sechs idealen resp. extremen Formen seiner Staatsformenlehre lassen sich etwa so schematisch darstellen:
| wer entscheidet? | gute Organisation (Gemeinnutzen) | schlechte Organisation (Egoismen) |
| - einer | Monarchie | Tyrannis |
| - wenige | Aristokratie | Oligarchie |
| - alle | Republik/Politie (Bürgerstaat) | demagogische Demokratie |
![]()
Ein weitere gattungskonstituierende Forderung der aristotelischen Poetik war die nach der Darstellung eines der Tragödie angemessenen aussergewöhnlichen Schicksals. Da die Renaissance Ausserordentlichkeit im Allgemeinen mit dem sozialem Rang verknüpfte, entwickelte sich daraus der Gedanke einer Ständeklausel, derzufolge nur Menschen von Adel tragödienwürdig seien. Charakteren niederen Standes blieb die Komödie vorbehalten; eine Regel, mit der theoretisch erst Lessing, praktisch das bürgerliche Trauerspiel brach. Weitaus wirksamer als Aristoteles' Vorstellung einer Dreigliederung des Geschehens war die Idee einer "Reinigung" des Zuschauers durch das in der Tragödie dargestellte Schicksal, die sog. «Katharsis»: Danach sollte die Tragödie «éleos» (Jammer) und «phóbos» (Schauder) im Betrachter erwecken, um die Katharsis zu provozieren. Über eine lateinische Übertragung der Poetik, welche die griechischen Begriffe mit Mitleid und Furcht übersetzte, erhielt der aristotelische Grundgedanke eine Uminterpretation ins Moralische, derzufolge der Betrachter von den in der Tragödie dargestellten Affekten gereinigt werden solle. Demgegenüber vertrat Lessing die - ebenfalls moralische - Auffassung, dass die Katharsis darin bestehe, die dargestellten Leidenschaften nicht zu überwinden, sondern in "tugendhafte Fertigkeiten" umzuwandeln.
![]()
Politik & Recht
«Ein guter Mensch ist nicht immer ein guter Bürger.»
«Der Staat ist ein Naturprodukt, und der Mensch ist von Natur ein politisches Wesen.»
«In der Regel tun die meisten Menschen Unrecht, sobald sie in der Lage sind, es zu tun.»
«Wenn nämlich die Ungerechtigkeit bewaffnet ist, so ist sie am
allergefährlichsten.»
«Der König, der die Unterstützung seiner Bürger verliert, ist kein König
mehr.»
«Immer sind es die Schwächeren, die nach Recht und Gleichheit suchen, die Stärkeren aber kümmern sich nicht darum.»
«Denn das Recht ist nichts anderes als die in der staatlichen Gemeinschaft herrschende Ordnung, und eben dieses Recht ist es auch, das darüber entscheidet, was gerecht ist.»
Freundschaft
«So notwendig wie die Freundschaft ist nichts im Leben.»
«Freundschaft ist eine Seele in zwei Körpern.»
«Gleichheit ist die Seele der Freundschaft.»
«Ein Schmeichler ist ein Freund, der dir unterlegen ist oder vorgibt, es zu sein.»
Ethik
«Kluge Leute lernen auch von ihren Feinden.»
«Das Glück gehört denen, die sich selber genügen.»
«Nicht dem Vergnügen, der Schmerzlosigkeit geht der Vernünftige nach.»
«Lachen ist eine körperliche Übung von grossem Wert für die Gesundheit.»
«Der Mensch ist der Urheber seiner Handlungen, so gut wie er der Vater seiner Kinder
ist.»
Leben und Tod
«Ändert sich der Zustand der Seele, so ändert dies zugleich auch das Aussehen des Körpers und umgekehrt: ändert sich das Aussehen des Körpers, so ändert dies zugleich auch den Zustand der Seele.»
«Wir sollten das Leben verlassen wie ein Bankett: weder durstig noch betrunken.»
«Vom Schlaf zum Tode ist ein kleiner Weg.»
Rhetorik und Kunst
«Redekunst ist die Kunst, Glauben zu erwecken.»
«Es ist die Schlichtheit, die den Ungebildeten mehr Erfolg bei öffentlichen Reden haben lässt als den Gebildeten.»
«Es ist nicht die Aufgabe des Dichters, das was wirklich geschehen ist, zu erzählen, sondern das, was hätte geschehen können, das heisst, was nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit möglich ist.»
Liebe und Frauen
«Wenn auf der Erde die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich.»
«Weibchen sind von Natur aus lustbetont, bringen die Männchen zur Kopulation und schreien während der geschlechtlichen Vereinigung.»
«Mütter sind stolzer auf ihre Kinder als Väter, da sie sicherer sein können, dass es
ihre eigenen sind.»