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Last Update: 13.11.04
 

 
 

Aristoteles (384-322 v. Chr.)

Der griechische Philosoph Aristoteles wurde 384 v. Chr. in Stagira geboren und starb 322 v. Chr. in Chalkis starb. Er zählt zusammen mit seinem Lehrer Platon zu den berühmtesten Philosophen der Antike. Der Einfluss seiner Lehren ist bis heute allgegenwärtig, so dass nicht wenige in ihm den wichtigsten Philosophen des Abendlandes sehen.

Aristoteles, genannt der Stagirit, war der Sohn eines angesehenen makedonischen Arztes. Mit 17 Jahren ging der junge Aristoteles nach Athen, wo er an Platons Akademie studierte und später selbst lehrte. Weil er nicht Platons Nachfolger wurde und weil in Athen eine antimakedonische Stimmung herrschte, begannen nach Platons Tod 347 Aristoteles' Wanderjahre. Erst begab er sich auf Einladung seines Freundes Hermias nach Assos in Kleinasien, wo er dessen Nichte Pythias heiratete. Als Hermias zwei Jahre später von den Persern getötet wurde, zog Aristoteles zurück in seine makedonische Heimat, wo er am Hof von Pella den Sohn Philipps II., der später als "Alexander der Grosse" bekannt wurde, unterrichtete. Nachdem dieser den Thron bestiegen hatte und zu seinen Eroberungsfeldzügen aufbrach, kehrte Aristoteles 335 nach Athen zurück, wo er seine eigene Schule, das Lykeion gründete. Seine Schüler wurden Peripatetiker genannt, da Gespräche zwischen Schülern und Lehrern häufig während Spaziergängen stattfanden (peripatos: gr. Wandelgänge). Nach Alexanders Tod 323 herrschte in Griechenland wieder eine ausgesprochen feindliche Haltung gegenüber allem Makedonischen. So erstaunt es nicht, dass Aristoteles der Gotteslästerung angeklagt wurde. Um den Athenern nicht ein zweites Mal Gelegenheit zu geben, sich gegen die Philosophie zu versündigen, wie er in Anspielung an Sokrates' Schicksal sagte, zog sich Aristoteles auf sein Landgut Chalkis in Euböa zurück, wo er im darauffolgenden Jahr starb.

Aristoteles war ein sehr fleissiger Philosoph, von dem sehr viele Schriften überliefert sind. Diese gehen in den meisten Fällen auf seine Kursunterlagen zurück. Der Peripatetiker Andronikos von Rhodos sammelte diese im 1. Jh. v. Chr. und ordnete sie in sechs Themenbereiche: 1. Logik, 2. Physik, 3. Metaphysik, 4. Ethik , 5. Politik, 6. Poetik. Zuletzt finden sich auf dieser Seite auch einige der berühmtesten ihm zugeschriebenen Zitate.

Literatur:   Aristoteles, Metaphysik. Schriften zur ersten Philosophie, Stuttgart ??, Reclam UB 7913.
Aristoteles, Politik. Schriften zur Staatstheorie, Stuttgart 1989, Reclam UB 8522.
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Stuttgart ??, Reclam UB 8586.
Internet:   Aristoteles, Nikomachische Ethik & Poetik, Original-Texte im Gutenberg-Projekt.

 

ALLGEMEINE BEMERKUNGEN

Den Ausgangspunkt jeder Erkenntnis und seiner Philosophie sah Aristoteles im empirisch gegebenen Seienden, das in kategorialer Vielheit vorliegt. Aristoteles teilte es in zehn Kategorien (auch "Akzidenzien" genannt) ein: Substanz, Qualität, Quantität, Zustand, Lage, Tätigkeit, Relation, Ort, Zeit und Leiden. Jedes Ding ist Substanz, wobei Aristoteles zwischen erster und zweiter Substanz unterscheidet. Die primäre Substanz ist die individuelle Ebene, z.B. ein einzelner Mensch; die sekundäre Substanz die allgemeine, z.B. Mensch als Gattungsbezeichnung (Spezies) der ersten Substanz. Obwohl die Wissenschaft, laut Aristoteles, das Allgemeine untersucht, äussert sich dieses Allgemeine in der Existenz einzelner Individuen. Ihmzufolge müssen Wissenschaft und Philosophie einen Ausgleich zwischen dem Anspruch des Empirismus (Wahrnehmung und Sinneserfahrung) und dem Formalismus (rationale Deduktion) schaffen und nicht bloss zwischen ihnen wählen. Mit dieser Kritik richtet sich Aristoteles gegen seinen Lehrer Platon, der von der Ontologie des Parmenides' beeinflusst gewesen war.

Aristoteles brachte den neuen Begriff der Kausalität in die Philosophie. Er postulierte, dass es für jedes Ding oder Ereignis mehr als einen Grund gäbe, der erklärt, was, warum und wo etwas existiert. Die Naturphilosophen der Vorsokratik wie etwa Thales oder Heraklit neigten zur Annahme, dass eine einzige Ursache für eine Erscheinung nötig sei. Aristoteles empfiehlt deren vier: materielle Ursache, d.h. der Stoff, aus welchem ein Ding gefertigt wird; Wirkursache, die Ursache für Bewegung, Entstehung oder Veränderung; formale Ursache, die Form, Art oder Typus bestimmt; und Zweckursache, das Ziel, z.B. die volle Entwicklung eines Individuums oder die geplante Funktion eines Hauses bzw. einer Erfindung. Auf ein Kind angewendet, ist die materielle Ursache Gewebe und Organe; die Wirkursache sind die Eltern, die es zeugten; die formale Ursache ist die Gattung Mensch und die Zweckursache besteht im angelegten Drang, sich zu einem Erwachsenen zu entwickeln. Doch Aristoteles wendet sein Modell nicht bloss auf lebendige Dinge an. Für ihn ist z.B. die materielle Ursache einer Statue der Marmor, die Wirkursache der Bildhauer, die Formursache ist die vom Bildhauer gedachte Gestalt und die Zweckursache besteht darin, ein Kunstwerk zu schaffen. Aristoteles sah in seinem Modell der vier Ursache den idealen Schlüssel zur Organisation des Wissens.

 

ORGANON

Die Vertreter von Platons Akademie bezeichneten die dialektische Methode als die einzig angemessene für Wissenschaft und Philosophie. Aristoteles unterschied nun aber zwischen Dialektik und Analytik. Er sagte, anhand der Dialektik würden bloss die Behauptungen auf ihre logische Folgerichtigkeit hin geprüft, die Analytik aber gehe von Prinzipien aus, die auf Erfahrung und genauer Beobachtung beruhen. In seiner unter dem Titel Organon zusammengefassten Logik suchte Aristoteles nach Gesetzmässigkeiten, die den Ansprüchen wissenschaftlicher Erkenntnis genügen. Aristoteles entwickelte dabei die Lehre vom beweisenden Schluss, dem Syllogismus. Dabei wird von zwei Prämissen, der Praemisse maior und der Praemisse minor, auf die Conclusio geschlossen. Die erste Prämisse besteht aus einem Quantor (alle/kein/einige/nicht alle), Prädikat und Mittelbegriff; die zweite aus einem Quantor mit Mittelbegriff und Subjekt. In der Schlussfolgerung wird dann für das Subjekt auf das Prädikat geschlossen. Unter diesen Bedingungen lassen sich 256 Syllogismen konstruieren, doch nur ein kleiner Teil davon ist logisch korrekt. Die Gültigkeit der Syllogismen lassen sich mit Venn-Diagrammen prüfen, die nach den Regeln der Mengenlehre gezeichnet werden. Ein Syllogismus wird "apodiktisch" genannt, wenn seine Prämissen wahr sind und er daher in der Wissenschaft zur logischen Ableitung wahrer Aussagen aus obersten, ihrerseits nicht mehr ableitbaren Prinzipien taugt. Zwei der gültigen Syllogismen sind hier mit Beispielen aufgeführt:

Barbara Alle... alle... = alle...!
1. Alle M sind P Alle Menschen sind sterblich.
2. Alle S sind M Alle Griechen sind Menschen.
3. Alle S sind P Alle Griechen sind sterblich.

Celarent Kein... alle... = kein...!
1. Kein M ist P Kein Mensch ist unsterblich.
2. Alle S sind M Alle Philosophen sind Menschen.
3. Kein S ist P Kein Philosoph ist unsterblich.

 

PHYSIK

In der Kosmologie (heute: Astronomie) ging Aristoteles von einem endlichen, sphärischen Universum aus, in dessen Mittelpunkt sich die Erde befinde. Der zentrale Bereich besteht aus den vier Elementen des Empedokles: Erde, Luft, Feuer und Wasser. Aristoteles weist jedem dieser vier Elemente in seiner Physik einen genauen Platz an. Aufgrund der Annahme, jedes dieser Elemente bewege sich in einer geradlinigen Bahn seinem eigentlichen Ruhepunkt entgegen (?), ergab sich die Folgerung, wonach irdische Bewegungen immer geradlinig seien und immer zum Stillstand kämen. Die Himmel jedoch bewegten sich natürlich und ewig in einer komplexen, kreisförmigen Bewegung, was ein fünftes, neues Element erforderlich machte, das Aristoteles Aither (Äther) nannte. Er behauptete auch, dass schwere Körper eines bestimmten Stoffes schneller fallen als leichtere bei gleicher Form. Diese Ansicht blieb durch das ganze Mittelalter hindurch allgemein anerkannt und erwies sich erst aufgrund der Versuche des italienischen Physikers und Astronomen Galilei als falsch. Man hatte es fast 2000 Jahre nicht für nötig gehalten, Aristoteles' Behauptung empirisch nachzuweisen. Das ist deshalb besonders seltsam, weil Aristoteles - ganz im Gegensatz zu seinem Lehrer Platon - der Empirie gegenüber eine sehr positive Meinung vertrat.

Psychologie bedeutete für Aristoteles die Untersuchung der Seele. Seinem Grundsatz treu bleibend, wonach Form und Stoff immer als Einheit existieren, definierte Aristoteles die Seele als "Funktionsweise eines Körpers, die so organisiert ist, dass sie Träger vitaler Funktionen sein kann". Mit seiner Annahme von der essenziellen Verbundenheit von Seele und Körper widerlegte Aristoteles die Pythagoreische Lehre von der Seele als einer im Körper gefangenen Einheit. Aristoteles nahm die frühere Vorstellung wieder auf, dass die Seele nicht unabhängig vom Körper existieren kann - blieb aber gleichzeitig bei der platonischen Idee von der Seele als einer gesonderten, nichtkörperlichen Ganzheit. Aus der Funktionsweise der Seele werden die moralischen und intellektuellen Seiten der Menschheit abgeleitet. Nach Aristoteles ist das menschliche Denken in seiner höchsten Form nicht auf einen blossen mechanisch-physischen Vorgang reduzierbar. Ein solches Denken setzt aber auch noch Erfahrungen in der natürlichen Welt voraus. Oder mit Aristoteles' später berühmt gewordenen Worten: "Nichts existiert im Denken, was nicht schon vorher in den Sinnen existiert hätte" (lateinisch "Nihil est in intellectu quod non erat in sensu"). Der hier formulierte Empirismus richtet sich wiederum direkt gegen seinen grossen Lehrer Platon .


METAPHYSIK

Aristoteles sprach von "Erster Philosophie" oder Theologie, den Begriff der Metaphysik benutzte er nicht. Dieser ergab sich erst viel später, als seine Schriften herausgegeben wurden. Ein Bibliothekar fasste einige Werke zu einer Sammlung zusammen, die er als «τα μετα τα φυσιχα» bezeichnete, d.h. als "die nach den naturwissenschaftlichen Schriften kommenden". Bis heute ist umstritten, ob überhaupt alle 14 Bücher, die in der Metaphysik zusammengefasst sind, von Aristoteles selbst stammen.

Im ersten Buch fasst Aristoteles die Positionen verschiedener vor ihm lebender Philosophen zur "ersten Ursache" zusammen; es ist die erste philosophiegeschichtliche Darstellung. In weiteren Büchern spricht er über die Lehre vom Sein und wirft schwierige ontologische Probleme auf, die er nicht alle einer Lösung zuführt. Die Leitfrage, die sich durch das ganze Werk zieht, ist was in der Realität fundamental ist und was Dinge zu dem macht, was sie sind. Platon betrachtete die allgemeinen Formen als wirklich und die Einzeldinge hingen von diesen ab. Bei Aristoteles ist es gerade umgekehrt: Für ihn sind die Einzeldinge fundamental und die allgemeinen Begriffe werden davon abgeleitet. So sah er z.B. in einem Dreieck nichts wirkliches; Menschen sahen diese geometrische Form in der Welt in verschiedenen Zusammenhängen und entwickelten diesen Begriff. Es handelt sich also um ein Produkt der Abstraktion.

Der bekannteste Teil von Aristoteles' Metaphysik kreist um die Frage nach einem letzten Prinzip, wo sie teilweise zur Theologie wird. Aristoteles postuliert nämlich einen "ersten Beweger", der alle anderen Bewegungen in der Welt bewirkt. Dieser "Gott" ist nicht mit Materie behaftet, sondern reine Form. Spätere Philosophen und Theologen haben die Differenz des von Aristoteles beschriebenen ersten Bewegers mit dem Gottesbild der jüdisch-christlichen Tradition herausgearbeitet. Aristoteles' erster Beweger zeigt z.B. kein Interesse an den Vorgängen in der Welt.

 

NIKOMACHISCHE ETHIK

Das menschliche Wesen entwickelt sich gemäss Aristoteles durch Gewohnheiten, die von der Kultur eines bestimmten Individuums abhängig sind. Aristoteles sieht die Ethik als praktische Wissenschaft, da deren Ziel nicht Wissen um des Wissens willen, sondern die praktische Anwendung von Wissen ist. Das menschliche Handeln richtet sich auf das "praktische Gute" oder die "Glückseligkeit". Obwohl alle Menschen dasselbe Ziel anstreben, verfolgen sie zu diesem Ziel ganz unterschiedliche Wege. In der Nikomachischen Ethik untersucht Aristoteles Charakter und Intelligenz sowie deren Verhältnis zum Glück. Er unterscheidet darin zwischen zwei Arten von Tugenden: der moralischen und derjenigen des Denkens. Die moralische Tugendhaftigkeit ist eine Ausdrucksform des Charakters, der aufgrund von Gewohnheiten entstanden ist. Eine moralische Tugend ist immer der Mittelweg zwischen zwei Extremen. Tapferkeit z.B. ist der Mittelweg zwischen Feigheit und Tollkühnheit; Freigebigkeit das Mittelding zwischen Verschwendung und Geiz. Der Gedanke der Goldenen Mitte tritt hier klar zutage. Die Tugend des Denkens unterwirft Aristoteles aber nicht demselben Gesetz des Mittelweges. Ihmzufolge kann nur von einem reifen, männlichen Erwachsenen die vollkommene Tugend erlangt werden, niemals aber von einer Frau, Kindern oder Barbaren. Diese machistische Anschauung unterscheidet Aristoteles von seinem Lehrer Platon, der betonte, in Frauen und Männern schlummerte diesselbe oder "gleichviel" Vernunft.


POLITIK

In seiner Politica geht Aristoteles von einer Definition des Staates als höchster Form der menschlichen Gemeinschaft aus, deren Zweck das Gemeinwohl ist. Dieses liegt im moralisch korrekten, glückseligen Leben aller Menschen im Staat. Da der Mensch nach Aristoteles ein politisches Wesen ist, ergibt sich die Organisation in politischen Gebilden aus der menschlichen Natur. Aristoteles wollte nicht wie Platon einen idealen Staat erfinden, sondern untersuchte vielmehr wie Ideale, Gesetze, Bräuche und ökonomische Verhältnisse in verschiedenen Staaten in Beziehung stehen. Die Aristotelische Staatsformenlehre erkundete Gemeinsamkeiten und Unterschiede der verschiedenen Verfassungen in vergleichender Perspektive. Sie hatte alle drei Dimensionen des Politischen im Blickfeld: die institutionellen Formen, die politischen Prozesse und den Inhalt politischer Entscheidungen. Obschon sie über 2300 Jahre alt ist, erweist sich die Staatsformenlehre auch heute noch als erstaunlich leistungsstark. Politikwissenschafter sind Aristoteles ferner dafür dankbar, dass er in der grossen Bibliothek des Lykeion eine umfassende Sammlung von rund 160 Verfassungen griechischer Polis' sowie anderer Staaten angelegt hatte.

Für Aristoteles war die Frage nach dem besten Staat nicht über die Staatsform allein zu beantworten, denn Demokratie kippe oft in Demagogie um, die Monarchie kann zur Tyrannei entarten und die Aristokratie zur Oligarchie verkommen. Aristoteles hatte nicht die beste Meinung von der Demokratie, da er in ihr die Gefahr einer wankelmütigen Herrschaft der Vielen sah, die kurzfristig denken und sehr manipulationsanfällig sind. Aus seiner Sicht ist die beste Staatsform eine Mischung von Demokratie und Aristokratie, um die Gefahren beider Extreme zu neutralisieren. Die sechs idealen resp. extremen Formen seiner Staatsformenlehre lassen sich etwa so schematisch darstellen:

wer entscheidet? gute Organisation (Gemeinnutzen) schlechte Organisation (Egoismen)
- einer Monarchie Tyrannis
- wenige Aristokratie Oligarchie
- alle Republik/Politie (Bürgerstaat) demagogische Demokratie

 

POETIK

Im Mittelpunkt der Dramentheorie von der Antike über den Humanismus, die Renaissance und den Barock bis hin zum Klassizismus stand die Poetik des Aristoteles. Sie diente u.a. Martin Opitz, Nicolas Boileau-Despréaux oder Johann Christoph Gottsched als Richtmass. Dementsprechend blieb die aristotelische Forderung nach einer Einheit von Ort (der Schauplatz des Dramas bleibt unverändert), Zeit (Spielzeit und gespielte Zeit sind identisch) und Handlung (Geschlossenheit und Stringenz der Darstellung sind gewahrt) im deutschsprachigen Raum bis zu Herder bzw. bis zum Sturm und Drang verbindlich (Herders Vorbild war die "offene", d.h. keiner äusseren Regelhaftigkeit unterliegende, Form bei Shakespeare). Dabei wurde der «Mimesis»-Gedanke der Poetik lange Zeit als Forderung nach einer blossen Nachahmung der Natur durch das Drama missverstanden: Tatsächlich zielt diese bei Aristoteles aber auf die Antizipation eines idealen Zustands.

Ein weitere gattungskonstituierende Forderung der aristotelischen Poetik war die nach der Darstellung eines der Tragödie angemessenen aussergewöhnlichen Schicksals. Da die Renaissance Ausserordentlichkeit im Allgemeinen mit dem sozialem Rang verknüpfte, entwickelte sich daraus der Gedanke einer Ständeklausel, derzufolge nur Menschen von Adel tragödienwürdig seien. Charakteren niederen Standes blieb die Komödie vorbehalten; eine Regel, mit der theoretisch erst Lessing, praktisch das bürgerliche Trauerspiel brach. Weitaus wirksamer als Aristoteles' Vorstellung einer Dreigliederung des Geschehens war die Idee einer "Reinigung" des Zuschauers durch das in der Tragödie dargestellte Schicksal, die sog. «Katharsis»: Danach sollte die Tragödie «éleos» (Jammer) und «phóbos» (Schauder) im Betrachter erwecken, um die Katharsis zu provozieren. Über eine lateinische Übertragung der Poetik, welche die griechischen Begriffe mit Mitleid und Furcht übersetzte, erhielt der aristotelische Grundgedanke eine Uminterpretation ins Moralische, derzufolge der Betrachter von den in der Tragödie dargestellten Affekten gereinigt werden solle. Demgegenüber vertrat Lessing die - ebenfalls moralische - Auffassung, dass die Katharsis darin bestehe, die dargestellten Leidenschaften nicht zu überwinden, sondern in "tugendhafte Fertigkeiten" umzuwandeln.

 

BERÜHMTE ZITATE

Denken, Erkenntnis & Wissen
«Staunen ist der erste Grund der Philosophie.»
«Alle Menschen streben von Natur nach Wissen.»
«Auch das Denken schadet bisweilen der Gesundheit.»
«Es gibt kein grosses Genie ohne einen Schuss Verrücktheit.»
«Erfahrung ist der Anfang aller Kunst und jedes Wissens.»
«Wer recht erkennen will, muss zuvor in richtiger Weise gezweifelt haben.»
«Was man lernen muss, um es zu tun, das lernt man, indem man es tut.»
«Das Denken für sich allein bewegt nichts, sondern nur das auf einen Zweck gerichtete und praktische Denken.»

Politik & Recht
«Ein guter Mensch ist nicht immer ein guter Bürger.»
«Der Staat ist ein Naturprodukt, und der Mensch ist von Natur ein politisches Wesen.»
«In der Regel tun die meisten Menschen Unrecht, sobald sie in der Lage sind, es zu tun.»
«Wenn nämlich die Ungerechtigkeit bewaffnet ist, so ist sie am allergefährlichsten.»
«Der König, der die Unterstützung seiner Bürger verliert, ist kein König mehr.»
«Immer sind es die Schwächeren, die nach Recht und Gleichheit suchen, die Stärkeren aber kümmern sich nicht darum.»
«Denn das Recht ist nichts anderes als die in der staatlichen Gemeinschaft herrschende Ordnung, und eben dieses Recht ist es auch, das darüber entscheidet, was gerecht ist.»

Freundschaft
«So notwendig wie die Freundschaft ist nichts im Leben.»
«Freundschaft ist eine Seele in zwei Körpern.»
«Gleichheit ist die Seele der Freundschaft.»
«Ein Schmeichler ist ein Freund, der dir unterlegen ist oder vorgibt, es zu sein.»

Ethik
«Kluge Leute lernen auch von ihren Feinden.»
«Das Glück gehört denen, die sich selber genügen.»
«Nicht dem Vergnügen, der Schmerzlosigkeit geht der Vernünftige nach.»
«Lachen ist eine körperliche Übung von grossem Wert für die Gesundheit.»
«Der Mensch ist der Urheber seiner Handlungen, so gut wie er der Vater seiner Kinder ist.»

Leben und Tod
«Ändert sich der Zustand der Seele, so ändert dies zugleich auch das Aussehen des Körpers und umgekehrt: ändert sich das Aussehen des Körpers, so ändert dies zugleich auch den Zustand der Seele.»
«Wir sollten das Leben verlassen wie ein Bankett: weder durstig noch betrunken.»
«Vom Schlaf zum Tode ist ein kleiner Weg.»

Rhetorik und Kunst
«Redekunst ist die Kunst, Glauben zu erwecken.»
«Es ist die Schlichtheit, die den Ungebildeten mehr Erfolg bei öffentlichen Reden haben lässt als den Gebildeten.»
«Es ist nicht die Aufgabe des Dichters, das was wirklich geschehen ist, zu erzählen, sondern das, was hätte geschehen können, das heisst, was nach Wahrscheinlichkeit oder Notwendigkeit möglich ist.»

Liebe und Frauen
«Wenn auf der Erde die Liebe herrschte, wären alle Gesetze entbehrlich.»
«Weibchen sind von Natur aus lustbetont, bringen die Männchen zur Kopulation und schreien während der geschlechtlichen Vereinigung.»
«Mütter sind stolzer auf ihre Kinder als Väter, da sie sicherer sein können, dass es ihre eigenen sind.»

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