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Last Update: 11.09.07
 

 
 

Ingeborg Bachmann (1926-1973)

Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt geboren und starb am 17. Oktober 1973 in Rom. Bachmanns Gedichte und Hörspiele verbinden freirhythmische Versformen mit den Vorgaben intellektuell-abstrakter Gedankenlyrik. Dabei steht eine ausgeprägte Bildlichkeit und eine hohe Musikalität des Ausdrucks im Vordergrund. Eines ihrer Zentralthemen ist die Befreiung des Menschen aus der Unverbindlichkeit des Lebens zur wahren Existenz.

Ingeborg Bachmann Der Einmarsch von Hitlers Truppen in Österreich führte zum «Aufkommen meiner ersten Todesangst», die Bachmann später in ihrer Dichtung zu bekämpfen sucht. Ein Studium der Philosophie, Psychologie und Germanistik in Innsbruck, Graz und Wien (1945-1950) schloss sie mit einer Dissertation über Heidegger ab. Während dieser Zeit kam Bachmann u.a. mit Celan und Aichinger in Kontakt. Während ihrer Zeit als Redakteurin der Sendergruppe Rot-Weiss-Rot erschien ihr erstes Hörspiel Ein Geschäft mit Träumen (1952); von dem im Publikationsjahr fertig gestellten Roman Stadt ohne Namen ist nur das erste Kapitel überliefert. Ab 1953 arbeitete sie als freie Schriftstellerin und wurde für ihren ersten Gedichtband Die gestundete Zeit (1953) ausgezeichnet, der von einer starke Antipathie gegen die restaurativen Tendenzen der Wirtschaftswunderzeit zeugt, welche die Kriegsangst, statt sie zu verarbeiten, nur verdrängt habe. In den lyrisch getönten Hörspielen suchte Bachmann nach einer neuen, dem Medium angemessenen Form; es entstanden Zikaden (1955) und Der gute Gott von Manhattan (1958). Nach Aufenthalten in Italien, München, Berlin und Cambridge lebte Bachmann von 1958 bis 1962 mit Max Frisch in der Schweiz, anschliessend in Rom. Reisen nach Prag, Ägypten und in den Sudan folgten 1964. Die Umstände von Bachmanns Tod konnten bis heute nicht mit eindeutiger Sicherheit geklärt werden; sie starb in ihrem Bett, nachdem dieses Feuer gefangen hatte. Unklar bleibt, ob es ein Unfall oder Selbstmord war.

Literatur:   Ingeborg Bachmann, Sämtliche Erzählungen, München 2003, Piper.
Ingeborg Bachmann, Sämtliche Gedichte, München 1998, Piper.
Ingeborg Bachmann, Der gute Gott von Manhattan, München 1963, dtv.
Internet:   Ricarda Berg, Ingeborg Bachmann Forum, gute Seite nur zur Österreicherin.

 

DER GUTE GOTT VON MANHATTAN - Hörspiel 1957

Das Hörspiel beginnt mit einer an Brecht erinnernden Gerichtsszene in einem heissen Sommer im New York der fünfziger Jahre. Der Angeklagte, der vom Richter selbst als "guter Gott von Manhattan" bezeichnet wird, erzählt, wie ihm der letzte "Fall" entkommen ist. Dann wechselt die Szene zum Grand Central Station, wo sich der Europäer Jan und die Amerikanerin Jennifer kennenlernen. In der Folge erzählt der gute Gott dem Richter alles was er über das Päärchen erfahren hatte und warum er es ausschalten wollte. Schliesslich wird der Angeklagte ohne jede Strafe entlassen; es kann nicht zwei Ordnungen geben.

Das Hörspiel handelt von Idealen (besonders jenem der reinen, absoluten Liebe), die sich in der Welt nicht verwirklichen lassen; im Gegenteil: Ideale sind tödlich. Der Mensch träumt von ihnen, ihre Unerreichbarkeit ist eine schmerzliche Erfahrung für ihn. Ingeborg Bachmann beschreibt den Riss der Schöpfung, diese Tragik der menschlichen Existenz. Manhattan (indianisch: Himmlische Erde) umschreibt ihr Lebensgefühl: Der Mensch spürt das himmlische, strebt danach, muss aber auf der Erde bleiben, wenn er überleben will. Das Weibliche wird als dem Absoluten näher dargestellt.


Funktion der Lyrikteile


Gegenüberstellung "Der gute Gott" – Jennifer

REALITÄT / WELT (haben) IDEAL / PARADIES (sein)
rational, kühl heissblütig, gefühlsorientierte
Ordnung als Maxime bedingungslose Liebe
hinterhältig, argwöhnisch, bespitzelnd naiv, verträumt
verdreht (Eichhörnchen!) hingebungsvoll
lebt im Alltag, Durchschnittsbürger vergisst alltägliche Welt und Zeit
Vernunft, Normalität, Verantwortung Liebe, Gegenwart
planend, vorsehend abwartend
Grenze, Vereinbarung auf Distanz Entgrenzung, distanzlos (Absolutheit)
Vereinzelung Entindividualisierung
Konvention, Rücksicht rücksichtslos
Reden Schweigen
Selbstkontrolle, Nüchternheit Wahnsinn, Freiheit
Bewusstsein der Zeit reine Gegenwart, Weltferne
Egoismus Altruismus

 

IHR WORTE - Gedicht 19??

Ihr Worte, auf, mir nach!,
und sind wir auch schon weiter,
zu weit gegangen, geht's noch einmal
weiter, zu keinem Ende geht's.

Es hellt nicht auf.

Das Wort
wird doch nur
andre Worte nach sich ziehn,
Satz den Satz.
So möchte Welt,
endgültig,
sich aufdrängen,
schon gesagt sein.
Sagt sie nicht.

Worte, mir nach,
dass nicht endgültig wird
- nicht diese Wortbegier
und Spruch auf Widerspruch!

Lasst eine Weile jetzt
keins der Gefühle sprechen,
den Muskel Herz
sich anders üben.

Lasst, sag ich, lasst.

Ins höchste Ohr nicht,
nichts, sag ich, geflüstert,
zum Tod fall dir nichts ein,
lass, und mir nach, nicht mild
noch bitterlich,
nicht trostreich,
ohne Trost
bezeichnend nicht,
so auch nicht zeichenlos -

Und nur nicht dies: das Bild
im Staubgespinst, leeres Geroll
von Silben, Sterbenswörter.

Kein Sterbenswort,
Ihr Worte!


"Für Nelly Sachs, die Freundin, die Dichterin, in Verehrung."

 

 

REKLAME - Gedicht 19??

wohin aber gehen wir
ohne sorge sei ohne sorge
wenn es dunkel und wenn es kalt wird
sei ohne sorge
aber
mit musik
was sollen wir tun
heiter und mit musik
und denken
heiter
angesichts eines endes
mit musik
und wohin tragen wir
am besten
unsere fragen und den schauer aller jahre
in die traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorge
was aber geschieht
am besten
wenn totenstille
eintritt


Ohne Zwischenkommentare ergibt sich die eine Frage: "wohin aber gehen wir wenn es dunkel und wenn es kalt wird, aber was sollen wir tun und denken angesichts eines endes und wohin tragen wir unsere fragen und den schauer aller jahre, was aber geschieht wenn totenstille eintritt?"

Mögliche Interpretation: Die kursiven Einschübe stellen die Gesellschaft dar. Die verleumderischen Werbesprüche der kommerziellen Welt unterbrechen den Gedankenfluss, verunmöglichen klares Denken und lenken uns ab von den entscheidenden Fragen des Daseins.

 

BERÜHMTE ZITATE

Mensch, Liebe und Leben
«Liebe ist ein Kunstwerk.»
«Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.»
«Nichts Schönres unter der Sonne als unter der Sonne zu sein.»
«Aufhören können, das ist nicht eine Schwäche, das ist eine Stärke.»

Geschichte & Politik
«Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.»
«Hätten wir das Wort, hätten wir die Sprache, wir bräuchten die Waffen nicht.»

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