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Last Update: 07.12.04
 

 
 

Wolfgang Borchert (1921-1947)

Wolfgang Borchert wurde am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren und starb am 20. November 1947 in Basel. Seine Kurzgeschichten und sein Drama Draussen vor der Tür sprechen Klartext über die Verhältnisse in Deutschland während und nach des Hitlerkrieges.

Wolfgang Borchert Borchert war das einzige Kind eines Lehrer und einer Heimatdichterin, die kleine Gedichte und plattdeutsche Erzählungen schrieb. Borcherts frühe Vorbilder waren Hölderlin und Rilke. Er ging von 1928-32 in die Volkshochschule, ab 1932 in die Oberschule in Hamburg. 1938 verliess er die Oberrealschule und seine ersten Gedichte wurden im Hamburger Anzeiger veröffentlicht. Er wurde Buchhändler und nahm heimlich Schauspielunterricht in Lüneburg. Borchert verlor im Krieg einen Finger, was sein Vorgesetzter aber für Selbstverstümmlung hielt. So landete er im Lazarett, wo er Gelbsucht und Diphtherie bekam. Nachdem er staatsgefährdende Briefe geschrieben hatte, kam er 1940 für acht Monate ins Gefängnis, doch zwang man ihn zu Frontbewährung (Russlandfeldzug). Aus der Armee wurde er wegen seiner Krankheit kurz darauf endgültig entlassen. Er arbeitete in Hamburg im Kabarett und kam dann wieder ins Gefängnis, weil er nicht schweigen konnte. 1945 gerät er bei Frankfurt am Main in die Hände französischer Einheiten. Während des Transportes in die Kriegsgefangenschaft nach Frankreich gelingt ihm die Flucht. In einem 600 km-Marsch entlang der Frontlinie wandert er in Richtung Norden und kommt am 10. Mai schwerkrank in Hamburg an. Dort arbeitete er als Regieassistent und Kabarettist und schrieb. Es ging ihm immer schlechter und seine Freunde verschafften ihm einen Kuraufenthalt in der Schweiz. Da konnte er noch zwei Jahre lang schreiben, dann erlag er seinen Kriegsschäden.

 

DRAUSSEN VOR DER TÜR

Handlung

Das Buch "Draussen vor der Tür" beginnt mit einer Vorbemerkung:
"Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will".

Wolfgang Borchert hielt an dieser Vorbemerkung fest, obwohl das Bühnenstück auf fast allen Bühnen Deutschlands aufgeführt wurde. Er begründete diese Widersprüchlichkeit einer Baseler Presseagentur so: "Dass eine Reihe von Bühnen mein Stück aufführt ist reine Verlegenheit - was sollen sie sonst tun? Denn mein Stück ist nur Plakat, morgen sieht es keiner mehr an." Mit dem ursprünglichen Titel "Ein Mann kommt nach Hause" leitet Wolfgang Borchert die Vorrede ein und verwendet den ursprünglichen Titel in der Mitte der Vorrede noch einmal. Mit dem letzten Satz in der Vorrede "Das ist ihr Deutschland" unterstreicht Borchert den ursprünglichen Titel, dass es ihm nicht um ein "allgemeinmenschliches" Thema sondern um die "Situation in Deutschland geht". Für Borchert war das Wort "Deutschland" ein mit zwiespältigen Gefühlen behafteter Begriff. "So lange an Deutschlands Grenzen Paraden marschieren und nationale Sicherheit gefordert werden" wollte er nicht über das Militär und den Nationalsozialismus diskutieren und "So lange die Zigarettenstummel fremder Militärmächte auf der Strasse liegen" wollte er nicht über Demokratie und persönliche Freiheit sprechen. Die Vorrede Borcherts kündigt einen Mann an, der sich innerlich und äusserlich verändert und eine vollkommene veränderte Heimat wiederfindet.

"Vorspiel" und "Der Traum"
Das Buch von Borchert fängt nicht mit der ersten Szene an, sondern Borchert lässt sein Stück mit einem "Vorspiel" und einem Traum beginnen. "Draussen vor der Tür" ist ein Stationendrama. Im Stationendrama ist der Held, dessen Entwicklung es schildert, von Gestalten, die er an den Stationen seines Weges antrifft, aufs deutlichste abgehoben. Sie erscheinen, indem sie nur in seinem Zusammentreffen mit ihnen auftreten, in seiner Perspektive und so auf ihn bezogen. Und da den Grund des Stationendramas nicht eine Vielzahl von einander weitgehend gleichgestellten Personen, sondern das eine zentrale Ich bildet, verliert auch der Monolog hier den Ausnahmecharakter, den er im Drama notwendig besitzt. Damit ist aber die unbegrenzte Eröffnung seines "verborgenen Seelenlebens" allererst formal begründet. In der Konsequenz der subjektiven Dramatik liegt ferner, dass die Einheit der Handlung durch die Einheit des Ichs ersetzt wird. Dem trägt die Stationentechnik Rechnung, indem sie das Handlungskontinuum in eine Szenenfolge auflöst. Die einzelnen Szenen stehen hier in keinem kausalen Bezug, bringen einander nicht, wie im Drama, selber hervor. Vielmehr erscheinen sie als isolierte Steine, aufgereiht am Faden des fortschreitenden Ich. In der Szene des Stationendramas hingegen entsteht keine Wechselbeziehung, der Held trifft zwar auf Menschen, aber sie bleiben ihm fremd. Damit wird die Möglichkeit des Dialoges selbst in Frage gestellt. Der Zusammenhang des Stationendramas "Draussen vor der Tür" wird nur durch die Gestalt Beckmanns gewährleistet. Beckmann wird im Vorspiel vielmehr in den Zusammenhang mit der Situation der damaligen Zeit gestellt, verdeutlicht am Beispiel, dass der einzelne Mensch nichts zähle "Ein Mensch stirbt. Und? Nichts weiter.", oder "Wie die Fliegen kleben die Toten an den Wänden dieses Jahrhunderts" eine Anspielung auf die beiden Weltkriege, die Millionen von Todesopfern forderten. Im "Der Traum" ändert sich, nach den Regieanweisungen die Stimmung von einer eher bedrohlichen in eine eher friedliche. Statt bisher: "Der Wind stöhnt. Die Elbe schwappt gegen die Pontons" heisst es später: "In der Elbe. Eintöniges Klatschen kleiner Wellen. Die Elbe." Auch sprachlich ändert sich die Atmosphäre. Die Elbe - vorher ein dunkler Fluss - wird zu einem gutmütigen und bestimmenden Wesen, denn die Elbe wollte Beckmanns "armseliges bisschen Leben nicht" und akzeptierte so den Tod nicht. Auch verlangte sie einen individuellen Tod; deshalb waren Beckmanns Gründe nicht ausreichend. "Die Hose sollte man dir strammziehen, Kleiner, jawohl! Auch wenn du sechs Jahre Soldat warst. Alle waren das. Und die hinken alle irgendwo."

1. Szene
Die erste Szene ist eine konkrete, realistische Wiederholung des "Traumes" und "Vorspiels", welche von der Identifikation des Helden mit Soldatentum, Stalingrad, Verwundung und Selbstmordversuch handelt. Der Dialog in der ersten Szene zwischen Beckmann und dem Anderen zeigt, dass Beckmann eine negative und der Andere eine eher positive Orientierung besitzt. Der Andere, der "Jasager" gilt als der "Antreibende, der Heimliche, Unbequeme" und "Ich bin Optimist, der an den Bösen das Gute sieht und die Lampen in der Finsternis"; der Andere ist also Beckmanns Lebenstrieb (eros) oder sein ALTER EGO. Beckmann dagegen der "Neinsager" versucht, mit dem "Nein" dem Tod zu entsprechen; sein Gegenspieler "Der Andere" mit seinem "Ja" hingegen, dem "Weitermachen".
Am Ende der Szene scheint Beckmanns Leiden vorüber zu sein, denn Beckmann, dem Kriegskrüppel, bietet ein Mädchen jetzt ein neues Zuhause. Dieses Angebot entstand gerade weil er "so hässlich und bescheiden" ist und eine "so hoffnungslose, traurige Stimme" hat. "Such dir ein anderes Bett, wenn deins besetzt ist, hatte die Elbe gesagt. Die Möglichkeit war Beckmann hier geboten. Doch nicht nur die Enttäuschung, die ihm seine Frau zugefügt hatte, war Grund für den Selbstmordversuch, sondern auch: "Das Bein, das Bett, das Brot" und die Trümmer - das tote Kind.

2. Szene
Die erste und die zweite Szene sind durch die Begegnungen mit dem Anderen, der am Anfang der ersten Szene und am Ende der zweiten Szene auftritt, als Rahmen angelegt. Mit Beginn der zweiten scheint für Beckmann ein Weg aus der aussichtslosen Situation gefunden zu sein, denn das Mädchen "fröhlich, nicht hart" und "herzlich" kümmert sich um Beckmann wie eine Mutter. Sie nimmt ihn mit und "legt" ihn "trocken". Als das Mädchen Beckmanns Gasmaskenbrille abnimmt löscht sie zugleich seine Soldatenexistenz aus. Mit diesem Verlust der Existenz und ohne Aussicht auf eine neue sieht Beckmann "alles nur noch ganz verschwommen" und sieht fast "nichts mehr", selbst das Mädchen, welches vorher ganz nah war ist mit einmal ganz weit weg. Der Kommentar Beckmanns "Vielleicht bin ich ein auch ein Gespenst. Eins von gestern, das heute keiner mehr sehen will." zeigt die Weigerung Beckmanns mit dem Ablegen der alten Sachen die Vergangenheit auszulöschen. Nachdem Beckmann von dem Mädchen eingekleidet wurde, sieht er sich auf einmal als schuldig Unschuldiger, denn er sitzt in den Kleidern eines anderen neben dessen Frau. Einen Tag zuvor war Beckmann in der gleichen Situation, nur am Vortag war er das Opfer. Dieser Andere - Traum, Vision, Realität werden ununterscheidbar - tritt geisterhaft auf, einbeinig, auf Krücken. Beckmann erkennt die Ähnlichkeit der Situation "Das habe ich gestern nacht auch den Mann gefragt, der bei meiner Frau war." Dieser verliess das Zimmer, aber der Einbeinige blieb. Während die Ursache für Beckmanns Unglück nicht fassbar war, kennt der Einbeinige einen Schuldigen, den er mit dem Namen zu nennen wusste. Diesen Namen sprach er "leise, aber mit ungeheurem Vorwurf" aus "Beckmann...,Beckmann...,Beckmann... ". Beckmann trägt die Schuld an der Verwundung des Einbeinigen, dem er befohlen hatte "Sie halten Ihren Posten unbedingt bis zuletzt". Um sich nicht als Schuldigen zu bekennen, sagte er: "Das bin ich nicht! Das will ich nicht mehr sein". Um einen Ausweg aus seiner Schuld zu finden, wollte er sich umbringen, aber "Der Andere", der "Jasager", schlug ihm eine Alternative vor. Er soll die Verantwortung zurückbringen zu dem, der sie ihm gegeben hatte: "Ja! Ich bringe ihm die Verantwortung zurück. Ich gebe ihm die Toten zurück. Ihm! Ja, komm, wir wollen einen Mann besuchen, der wohnt in einem warmen Haus, wir wollen ihm etwas schenken - einem lieben, guten, braven Mann, der sein ganzes Leben nur seine Pflicht getan, und immer nur die Pflicht!".

3. Szene
In der 3. Szene trifft nun Beckmann auf den Oberst, dem er seine Verantwortung, die Toten, die er auf dem Gewissen hat, zurückgeben will. Seine Gasmaskenbrille spielt wieder einmal eine Rolle: "sag ihm doch, er soll die Brille abnehmen. Mich friert, wenn ich das sehe", "warum werfen sie den Zimt nicht weg? Der Krieg ist aus". Diese Reaktion zeigt wieder einmal, dass die Menschen, - wie die Durchschnittsfamilie in dieser Szene - mit dem Krieg und den Heimkehrern nichts zu tun haben wollen. Auf den Zweck seines Besuches kommt Beckmann erst nach längerem Dialog in einem Zustand des Wachschlafes zu sprechen. "Ganz weit weg, schlaftrunken, traumhaft" erzählt Beckmann seinen Traum vom General, der blutschwitzend eine Todessymphonie auf einem Knochenxylophon spielt. Beckmanns Traum, den er selbst als "ganz seltsam" empfindet, bildet eine Anklage gegen den Krieg. "Die in den Krieg hineingetriebenen Menschen dienen mit ihren abgeschlagenen Gliedmassen als Instrument für das grauenvolle Konzert eines Generals, den das Blut der Erschlagenen fett gemacht hat. Der Krieg missbraucht den Menschen als Werkzeug einer perversen Ästhetik der Zerstörung, als Spielzeug in einem makaberen, sinnlosen Spiel. Das Horrorszenario des Traumes enthüllt das Grauen des Krieges, dem die realistische Darstellung nicht länger beizukommen vermag. Nicht die Dokumentation grauenvoller Details führt in einer Zeit der totalen Destruktion des Menschlichen zur Erkenntnis der Wahrheit, sondern nur noch die phantastische Inszenierung des Grauens selbst." Die Kritik am Oberst, die er in seinem Wachschlaf erhob, belastet diesen, aber sie entlastet Beckmann nicht. Der Oberst empfindet für die Vergangenheit nicht einmal Schuld und Verantwortung, wie Beckmann, er findet sie nur noch komisch. "Der Oberst will Beckmann nicht verletzen, aber er ist so gesund und so sehr naiv und alter Soldat, dass er Beckmanns Traum nur als Witz begreift" steht als Regieanweisung zu der vorher beschriebenen Situation. Aber auch der Oberst wendet die gleiche Technik an, um die Vergangenheit zu vergessen. "Schmeissen Sie Ihre zerrissenen Klamotten weg, ziehen Sie sich einen alten Anzug von mir an und dann werden Sie wieder ein Mensch, mein lieber Junge!".

4. Szene
In der 4. Szene sucht der Direktor eines Kabaretts nach Jugendlichen, "die zu allen Problemen aktiv Stellung ... nehmen", "einen Geist wie Schiller" und "die den dunklen Seiten des Lebens gefasst ins Auge ... sehen, unsentimental, objektiv, überlegen." Beckmann nutzt die Chance beim Direktor vorzusprechen. Er wählt hierzu einen poetischen Vortrag, der sein durchlittenes Schicksal widerspiegelt. Dass dieses Thema das Publikum nach Ansicht des Direktors nicht sonderlich interessiere, mochte Beckmann nicht recht einsehen, da es doch durch und durch der Wahrheit entspräche: "Mit der Wahrheit hat die Kunst doch nichts zu tun! Wo kämen wir hin, wenn alle Leute plötzlich die Wahrheit sagen wollten! Wer will den heute etwas von der Wahrheit wissen?" weist der Direktor ihn zurück. Auch er verdrängte die Verantwortung für die Heimkehrer und die Kriegsopfer, er hat "schliesslich keinen nach Sibirien geschickt". Beckmanns voller Verachtung gemeinte Antwort "Nein, keiner hat uns nach Sibirien geschickt. Wir sind alle ganz von alleine gegangen. Und einige sind alleine dageblieben" ist schliesslich die Reaktion auf die Abweisung des Direktors, der Beckmann im Grunde nur wegen der Befürchtung ablehnt, dass ein Anfänger wie Beckmann seinen wirtschaftlichen Ruin bedeuten könnte. Am Schluss der Szene steht Beckmann wieder "Draussen vor der Tür"; der "Andere" schaltet sich abermals ein, der Beckmann empfiehlt "Du musst nach Hause. Da, wo man zuerst hingehen sollte, daran denkt man zuletzt".

5.Szene
In der fünften und letzten Szene versucht Borchert den Kern des Themas besonders hervorzuheben, wie das schlichte Bühnenbild zeigt: "Ein Haus. Eine Tür. Beckmann". Beckmanns Heim existiert nicht mehr, denn ein fremder Name steht an der Tür: "Kramer". Der Name tauchte bereits im Vorspiel auf und verkörperte dort den schon wieder etablierten Normalbürger, den Frau Kramer in dieser Szene darstellt. Wie der Normalbürger kümmert sich Frau Kramer nur um ihre Interessen. Es gilt einzig den Besitzfragen: "Was für ein unser Schild?", "Ihre Wohnung ist das nicht. Die gehört uns." Die Nachricht von Kramer vom Selbstmord der Eltern wurde auf "rauhe" Art überbracht. "Die alten Beckmanns konnten nicht mehr, wissen sie. Hatten sich ein bisschen verausgabt im Dritten Reich, das wissen sie doch, Sie, Sohn, Sie. Immer wenn eine Bombe runterging, hat er einen Fluch auf die Juden losgelassen." Was mit dem "alten" Beckmann "ganz oberfaul" war, wird jedoch nie in dem Drama genau erwähnt. Das Gespräch mit Frau Kramer endet damit, dass die Tür kreischend zuschlägt. Dies geschah schon viermal zuvor. Und jedesmal, mit Ausnahme der zweiten Szene, war dieses Kreischen und Zuschlagen begleitet von einem Beckmann, der schreiend die Konsequenz zog aus dem durch die zuschlagende Tür beendeten Gespräch: "ich will nicht mehr Beckmann sein!", "Ja was seid ihr denn? Menschen", "Mit der Wahrheit macht man sich nur unbeliebt."

In der fünften Szene sieht sein Abgang ganz anders aus. Beckmann droht Frau Kramer "...Machen Sie ganz schnell ihre Tür zu, sage ich Ihnen! Machen Sie!" Beckmanns Schrei der Anklage bleibt diesmal aus, die Anklage aber nicht: "einen Mord" hätte Beckmann begehen mögen, "diese Traurigen, die um das Gas trauern, ermorden." Die Empörung über dieses herzlose Normalbürgerdenken war berechtigt. Aber Beckmann denkt in seinem Schmerz über den Verlust der Eltern und nicht mehr über die Ursache nach. Er reiht die toten Eltern in die Liste der unschuldigen Opfer des Krieges: "Zwei alte Leute sind in die Gräberkolonie Ohlsdorf abgewandert. Gestern waren es vielleicht zweitausend, vorgestern vielleicht siebzigtausend. Morgen werden es viertausend oder sechs Millionen sein. Abgewandert in die Massengräber der Welt. Wer fragt danach? Keiner." Dass die Eltern Beckmanns nicht nur Opfer waren, erkennt er nicht, sondern nur Frau Kramer: "Das war nun wieder konsequent von Ihrem Alten." 

Beckmanns letzter Zufluchtsort existiert nicht mehr und nun steht er wieder "Draussen vor der Tür". Allein auf der Strasse erscheint Gott, der mit ihm einen Dialog führt. Das Ergebnis ist das gleiche wie im Vorspiel. Gott "ist der Gott, an den keiner mehr glaubt". Aber ein Vorwurf kommt hinzu: "Du hast es [...] zugelassen". Doch die Rechtfertigung Gottes berührt Beckmann nicht , denn er sieht keinen Sinn mehr im Glauben an Gott. Nun erscheint auch der Strassenfeger (Tod) und weist auf einen immer bestehenden Ausweg hin: "Meine Tür steht immer offen", doch der "Andere" plädiert für das Leben. Bevor der Oberst, der Direktor und Frau Kramer auftauchen verurteilt Beckmann die drei als Mörder. Der Vorwurf Beckmanns wiederholt sich in der Begegnung mit den einzelnen Opfern. Auch Beckmanns Frau, die mit ihrem Liebhaber vorübergeht, wird als Mörderin bezeichnet. Spiegelbildlich zum Verlauf des Stückes kommt das Mädchen nun am Schluss dieser Szene an die Reihe und bittet Beckmann "Komm, wir wollen zusammen lebendig sein", aber der Einbeinige erscheint und beschuldigt Beckmann: "Du hast ein Mord begangen, Beckmann". Beckmann ist Opfer und Täter zugleich, jeder ist ein schuldiges Opfer: "wir werden jeden Tag ermordet und jeden Tag begehen wir ein Mord." Eine Lösung scheint Beckmann nicht zu finden, denn die Frage danach stellt er wieder und wieder: "Gibt mir denn keiner Antwort? Gibt keiner Antwort? Gibt denn keiner, keiner Antwort?"


Interpretation

Das Stück "Draussen vor der Tür" ist - wie man vielleicht zuerst meinen könnte - kein autobiographisches Werk des Heimkehrers Wolfgang Borchert. Seine persönliche Situation nach dem Zusammenbruch Deutschlands war wesentlich besser, als die seiner millionenfachen Schicksalsgenossen. Im Gegensatz zu diesen hatte Borchert ein erträgliches wirtschaftliches Auskommen, wenn auch bei gleichzeitigem grossen gesundheitlichen Leidensdruck. Schon zwei Tage nach der Kapitulation war er ein freier Mann, konnte bei seinen Eltern einziehen, seine Freunde kümmerten sich um ihn. Für viele begann zu dieser Zeit erst die Tragödie von Flucht, Vertreibung, Internierung oder Gefangenschaft. Borchert versucht mit "Draussen vor der Tür" in der Figur des Beckmann die Millionen junger Soldaten, deren bisheriges Leben fast ausschliesslich militärischen Gehorsam, Angst, Leid und Verwundungen jeglicher Art bestanden hat, widerzuspiegeln: "Was haben sie denn so bis jetzt gemacht?" wird in dem Drama gefragt. Die Antwort darauf: "Nichts. Krieg. Gehungert, Gefroren, Geschossen." zeigt Beckmanns Situation und die der vielen anderen Soldaten auf. Der Einbeinige, der in der 2. Szene auftaucht, verkörpert ebenfalls das Schicksal jedes einzelnen Soldaten. Der Einbeinige macht Beckmann, der in dieser Situation den Vorgesetzten verkörpert, den von ihm erteilten Befehl zum Vorwurf: "Sie halten Ihren Posten unbedingt bis zuletzt!" Damit spielt der Autor auf die Durchhalteparolen des Naziregimes in den letzten Kriegsmonaten an. Für die meisten galt damals der Krieg schon als verloren und dennoch wurde eine grosse Anzahl von Soldaten - unter ihnen auch besonders viele junge - noch in der letzten Phase verheizt. Wolfgang Borchert verurteilt in seinem Stück den Krieg und seine Folgen.

Er stellt Beckmann als Heimkehrer dar, der mit der Rückkehr in seine Heimat auch auf dem Weg ist, den Anschluss an sein früheres "Ich", seine frühere Identität zu finden. Er versucht in jedem Akt eine Tür zu finden, die er aufstossen kann und mit deren Durchschreiten er wieder bei sich und bei den Menschen seines früheren Umfeldes ist. Aber jedesmal wird er abgewiesen, denn die Menschen wollen mit dem Krieg und seinen Folgen nicht mehr konfrontiert werden. Sie fordern Beckmann auf, seine Gasmaskenbrille und seinen Mantel abzulegen, um so die Vergangenheit zu vergessen. Der Kabarettdirektor geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt zu Beckmann: "Ich habe schliesslich keinen nach Sibirien geschickt." Damit versucht er die Verantwortung für Krieg und Heimkehrer völlig von sich zu schieben. Beckmann antwortet: "Nein, keiner hat uns nach Sibirien geschickt. Wir sind von alleine gegangen. Und einige sind ganz von alleine dageblieben." Er beschuldigt so nicht nur die Parteimitglieder, sondern auch die Menschen die sich nicht gegen den Krieg und das Regime, trotz allen Druckes, wehrten. Borchert versucht in seinem Stück, dem Leser vor Augen zu führen, dass in jedem Menschen ein Wolf steckt, der aus reinem Selbsterhaltungstrieb, ohne Rücksicht auf Verluste, um sein Hab und Gut kämpft. Die Situation in der 5. Szene soll verdeutlichen, dass der Glaube an die Güte des Menschen ein Irrglaube ist. Frau Kramer, der Allerweltsmensch, zeigt keinerlei Güte und Warmherzigkeit. Sie weist Beckmann mit einer "gleichgültigen, grauenhaften, glatten Freundlichkeit, die furchtbarer ist als alle Roheit und Brutalität", zurück.

 

DIE KÜCHENUHR - Kurzgeschichte

Ein Mann sitzt auf einer Bank und erzählt den versammelten Leuten, die er nicht kennt, von seinem Besuch bei sich zu Hause. Man sieht dem jungen Mann an, dass er etwa zwanzig Jahre alt ist, doch sein Gesicht sieht viel älter aus. "Das war unsere Küchenuhr, sagte er und sah sie alle der Reihe nach an, die auf der Bank in der Sonne sassen. Ja, ich habe sie noch gefunden." Er weiss, dass sie weiter keinen Wert hat, denn sie geht ja nicht einmal mehr. Doch sie stellt eine Brücke zur paradiesischen Vergangenheit des jungen Mannes dar.  In zweierlei Hinsicht kann die kaputte Uhr verstanden werden; 1. als Dingsymbol für das Übriggebliebene und 2. als Metapher für den jungen Mann, der auch im Zerfall begriffen ist; vor der Zeit gealtert. Ein Rationalist neben ihm meint, dass sein Haus wohl um 2:30 Uhr von einer Bombe getroffen wurde, denn "Das habe ich schon oft gehört. Wenn die Bombe runtergeht, bleiben die Uhren stehen. Das kommt von dem Druck." Doch mit dieser Zeit hat es etwas Besonderes auf sich: Immer um 2:30 Uhr war der junge Mann nämlich nach Hause gekommen, seine Mutter aufgestanden und hatte ihn bedient. Sie meinte immer: "So spät wieder"; und er hatte gedacht, "das könnte nie aufhören."

Paradies: Wenn es einem gut geht, ist man sich nicht bewusst, wie schön das Leben ist.
Wahnsinn: Glück im grössten Unglück; verstärkt für die Umstehenden den Eindruck der Tragik.
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