Bertolt Brecht (1898-1956)
Eugen Berthold Friedrich Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und starb
am 14. August 1956 in Berlin. In bewusster Abgrenzung zur Theorie und Praxis des traditionellen
aristotelischen Dramas, entwickelte er das epische Theater, eine demonstrierend-
erzählerische Form, bei der er distanzierende Mittel benutzte, um die Identifikation zu verhindern
und statt dessen einen kritischen Lern- und Bewusstseinsprozess anzuregen. Ähnlich wie Lessing oder Schiller
will Brecht mit seinen Dramen die Zuschauer nicht nur unterhalten, sondern auch bilden. Mit seinem
Gesamtwerk, das sich kritisch mit Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Verantwortung des einzelnen
auseinandersetzt, erlangte Brecht den Status eines modernen Klassikers.
Der Sohn eines zum Fabrikdirektor aufgestiegenen Arbeiters studierte
Literatur, Philosophie und Medizin an den Universitäten München und Berlin. 1919/20 schrieb er
Theaterkritiken für die Zeitung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und verfasste
erste Stücke. Der Erfolg des 1922 in München uraufgeführten Trommeln in der Nacht
brachte Brecht den Kleist-Preis ein. 1924 übersiedelte er nach Berlin, wo
er Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin wurde. Bestimmend für sein Leben und Schaffen wurde die
Hinwendung zum Marxismus.
Er versuchte, seine Dichtung in den Dienst der kommunistischen Bewegung zu stellen, ohne aber selbst je
der Partei beizutreten. Mit der Dreigroschenoper begann Brechts
Zusammenarbeit mit dem Komponisten Kurt Weill. Die Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahogonny,
eine Parodie auf die Auswüchse des Kapitalismus, rief 1930 einen der grössten Theaterskandale
der Weimarer Republik hervor. Kurz nach Hitlers Machtübernahme ging Brecht in die Emigration. Er
lebte zuerst in der Schweiz, liess sich aber schon im Dezember 1933 in Dänemark nieder, wo er mit
Unterbrechungen bis 1939 lebte. Über Schweden, Finnland und die Sowjetunion gelangte er schliesslich
1941 nach Kalifornien, wo er sich bis 1947 aufhielt. Im Exil entstanden die berühmten Meisterwerke,
darunter Leben des Galilei, das Antikriegsstück
Mutter Courage und ihre Kinder, das sogenannte "Volksstück" Herr Puntila
und sein Knecht Matti, sowie die Parabelstücke Der aufhaltsame Aufstieg
des Arturo Ui, Der gute Mensch von Sezuan und
Der Kaukasische Kreidekreis. 1948 kehrte Brecht zunächst in die Schweiz, ein Jahr
später nach Deutschland zurück. Er liess sich in Ostberlin nieder und gründete zusammen
mit seiner Frau, der Schauspielerin Helene Weigel, eine eigene Theatertruppe, das Berliner Ensemble, das
ab 1954 im Theater am Schiffbauerdamm residierte. Obgleich Brecht 1951 mit dem Nationalpreis der DDR und
1954 mit dem Internationalen Lenin-Friedenspreis ausgezeichnet worden war und nach seinem Tod zum
Nationaldichter der DDR avancierte, war er in Osteuropa eine umstrittene Persönlichkeit, da sein
moralischer Pessimismus nicht mit dem sowjetischen Ideal des sozialistischen Realismus zu vereinen war.
Auch er teilte nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, dessen Niederschlagung ihn schockiert hatte,
die anfängliche Begeisterung für das ostdeutsche Regime nicht mehr. Nach dem Volksaufstand schrieb
er in sarkastischer Ironie, «dass das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe.» Und schlug den DDR-Behörden vor: «Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?» Trotz der Enttäuschung über Ulbricht und Konsorten blieb aber Brecht auch die letzten drei Lebensjahre in der DDR.
Brecht gilt heute als einer der grössten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Erst seit dem Ende des Kalten
Krieges wird dabei nicht mehr ständig sein Verhältnis zur kommunistischen Partei hervorgehoben. Brecht gilt nicht gerade als netter Mensch; aus seinem Leben wird berichtet, dass er schrecklich zu seiner Frau und seinen Mätressen und aus tiefster Seele eigensüchtig gewesen sein soll.

Das Stück spielt in London. Der Geschäftsmann Peachum, Besitzer der Firma "Bettlers Freund"
beherrscht und kontrolliert die Londoner Bettler. Er organisiert ihren wirkungsvollen Einsatz und
kassiert einen grossen Teil ihrer Einnahmen. Die Hauptperson des Stückes ist aber der
Strassenräuber und Geschäftsmann Macheath, genannt Mackie Messer, der seinerseits in London
Herr über Stassenräuber und Einbrecher ist und Gefallen an Peachums Tochter Polly findet. Da
Polly darauf mit heisser Liebe reagiert und er ihr ein Auskommen bieten kann, schliessen sie im Beisein
von Mackies Bande und seinem engen Freund, Tiger Brown den Bund der Ehe. Dieses ist für die Peachums
unhaltbar und sie beschliessen für die Verhaftung von Macheath zu sorgen; die bestochene
Prostituierte Spelunken-Jenny verrät sein Versteck. Doch der Polizeichef Brown bringt es nicht
übers Herz, seinen Freund an den Galgen zu bringen, der ihm einst beim Militär das Leben
gerettet hatte. Kurz darauf wird Mackie erneut verhaftet und nun sieht es wirklich schlecht für ihn
aus. Sein Tod steht unmittelbar bevor, und nur noch ein Wunder könnte ihn retten. Doch Brecht liebt
die plötzlichen dramatischen Wendungen, und eine solche tritt nun ein. Plötzlich erscheint
nämlich der Bote der Königin, der verkündet, dass diese aufgrund ihres Krönungstag
Gnade vor Recht walten lässt - und dem Gauner obendrein noch einen Adelstitel, ein Schloss und eine
lebenslängliche Rente schenkt.
Die Dreigroschenoper ist auf der Grundlage der "Beggar's Opera" von John Gay entstanden und wurde am
31.08.1929 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin uraufgeführt. Brecht zielt mit diesem Werk auf
die Entlarvung der korrupten Bourgeoisie. Auf der einen Seite erscheint der Bettlerkönig Peachum als
Musterbeispiel des Geschäftemachers, für den Not und Armut nichts anderes sind als Mittel zum
Zweck; auf der anderen Seite entpuppt sich ausgerechnet der skrupellose Verbrecher Mackie Messer als
Prototyp sogenannter bürgerlicher Solidität. Am Schluss zeigt sich auch Brechts Pessimismus:
Die grossen, professionellen Gauner werden niemals geschnappt, weil sie mit den oberen Zehntausend unter
einer Decke stecken. Mackie konnte nur zum Obergauner aufsteigen wegen seiner Freundschaft zum
Polizeichef. Peachum wirkt mit seinem Geschäft für mitleiderregende Bettleruniformen auch alles
andere als astrein; wer oder was gibt ihm das Recht, sämtliche Bettler Londons in bestimmte
Territorien einzuweisen und von ihnen hohe Schutzgelder zu verlangen? Da es sich um eine "Oper" handelt,
hat Kurt Weill viele passende Lieder komponiert, was die Theaterhandlung auflockert und anregt. Einige
davon sind ziemlich bekannt geworden («und der Haifisch der hat Zähne, und die trägt
er im
Gesicht. Und ein Mensch geht um die Ecke, den man Mackie Messer nennt.»); stellvertretend
für
alle folgt hier das "Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens."
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Der Mensch lebt durch den Kopf
Der Kopf reicht ihm nicht aus
Versuch es nur, von deinem Kopf
Lebt höchstens eine Laus. |
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Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Allen Lug und Trug. |
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Ja, mach nur einen Plan
Sei nur ein grosses Licht!
Und mach dann noch 'nen zweiten Plan
Geh' n tun sie beide nicht. |
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Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlecht genug.
Doch sein höh' res Streben
Ist ein schöner Zug. |
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Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher. |
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Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht anspruchslos genug
Drum ist all sein Streben
Nur ein Selbstbetrug. |
Dieses Schauspiel erzählt die Geschichte des berühmten Astronomen und Mathematikers Galileo Galilei. Zu Beginn seiner schöpferischen Zeit lebt
Galilei in Padua und lehrt dort das Ptolemäische Weltbild, welches von der Kirche anerkannt wird.
Sein Wissen lässt ihn jedoch das Kopernikanische für richtig halten. Durch den Hinweis des
Schüler Ludovico konstruiert er ein Fernrohr, das es ihm ermöglicht, für diese Zeit
unglaubliche Dinge zu beobachten. Er entdeckt unter anderem die vier Jupitermonde, die er zu Ehren des
Grossherzogs von Florenz, die "mediceischen Gestirne" nennt. Denn Galilei ist als Hofmathematiker nach
Florenz gezogen, da er als Professor in Padua keine Zeit für seine Studien fand. Dort entdeckt er
die Venusphasen und die Mondgebirge. Die Kirche lädt ihn in der Folge nach Rom ein, wo Pater
Christopher Clavius, der Chefastronom des Vatikans, die Berechnungen Galileis überprüft - und
nach einigen Stunden deren Richtigkeit anerkennt. Die Theologen und Inquisitoren aber setzen das
Kopernikanische System dennoch auf den Index der Inquisition.
Am Tag, als sich seine Tochter Virginia mit Ludovico verlobt, schwört Galilei unter Druck dem
verbotenen Weltbild ab. Als acht Jahre später ein Wissenschafter auf den Papstthron folgt, hält
Galilei den Augenblick gekommen, zusammen mit seinem langjährigen Schüler Andrea Sarti seine
Forschungen wiederaufzunehmen, zumal ihn das Problem der Sonnenflecken interessiert; seine Tochter
verliert dadurch allerdings ihren Bräutigam, da der sich weigert, das Kind eines "Ketzers" zu
ehelichen. Seine Lehre wird schnell im Volk verbreitet und stösst auf Ungläubigkeit. Galilei
werden nur die Folterinstumente gezeigt, und er schwört alles nochmals ab. (Brecht zeichnet
allerdings den Papst so, dass der auch befohlen hatte, allerhöchstens die Instrumente zu zeigen.)
Den Rest seines Lebens verbringt der schon fast erblindete Galilei in einem Landhaus in Italien, wo er
die Discorsi schreibt. Er beschäftigt sich in diesem Werk mit der Falllehre und der Mechanik,
welche zu dieser Zeit noch viele Fragen offen lässt. Anlässlich des Besuches Andrea Sartis, der
sich auf dem Weg nach Holland befindet, übergibt Galilei ihm auf eigene Verantwortung sein Werk.
Brecht lässt Galilei hier selbst bereuen, dass er sich hat einschüchtern lassen. Sarti kann in
der letzten Szene die Zöllner austricksen und so das Buch nach Holland bringen, wo es keine
Inquisition gibt.
Dieses Schauspiel von Brecht entstand in den dreissiger Jahren im dänischen Exil, als die Zeitungen
gerade die Nachricht von der ersten Uranspaltung brachten (Otto Hahn). Die Geschichte ist sicherlich
nicht einfach und Brecht entwickelte seine eigene These, die bis heute umstritten ist; Galilei hätte
ohne sein Leben zu gefährden der Obrigkeit Widerstand leisten können, da er eigentlich
stärker gewesen sei als sie. Das Stück ist inhaltlich sehr anspruchsvoll und Brechts
schwierigstes spätes Drama. Das zentrale Stilmittel ist der für Galilei typische Disput, das Streitgespräch, indem immer wieder die Verantwortung
des Wissenschaftlers - wie auch bei Dürrenmatt - im
Mittelpunkt steht. Wenn Brecht schon 1939 schreibt: «Hütet nun ihr der Wissenschaften
Licht, nutzt es und missbraucht es nicht; dass es nicht, ein Feuerfall, einst verzehre noch uns all.
» entpuppt er sich als Prophet des Atomzeitalters.

Brechts Antikriegsstück spielt im 17. Jahrhundert, als der Dreissigjährige Krieg in
Mitteleuropa wütete. Anna Fierling, die wegen ihrem Heldenmut auch Mutter Courage genannt wird,
zieht mit ihrem Marktwagen, zusammen mit ihren beiden Söhnen, dem mutigen Eilif, dem ehrlichen, aber
dummen Schweizerkas und ihrer stummen Tochter Kattrin durch die Lande. In der ersten Szene wird Eilif von
einem Feldwebel für den Krieg geworben. Mutter Courage sagt dem Feldwebel den Tod voraus, sieht aber
auch mit Schrecken, dass ihre eigenen Kinder den Tod finden werden, wenn sie sich nicht aus dem Krieg
heraushalten. Zwei Jahre später sieht sie ihren Sohn Eilif in Polen wieder. Während sie in der
Küche mit einem Koch um einen Kapaun feilscht, hört sie, wie er einem Feldmarschall seine
Heldentat erzählt. Sie quittiert seine Geschichte mit einer Ohrfeige, weil er sich unnötig in
Gefahr gebracht hat. Gemeinsam mit einem finnischen Regiment gerät Mutter Courage in Gefangenschaft
der Katholiken. Als Schweizerkas die Regimentskassa in Sicherheit bringen will, wird er ertappt, was eine
Verurteilung vor dem Feldgericht zur Folge hat. Um ihn auslösen zu können, will Mutter Courage
ihren Wagen der Lagerhure Yvette verpfänden, doch sie handelt zu lange. Schweizerkas wird
erschossen, und sie lügnet, ihn gekannt zu haben, als man ihr die Leiche zeigt, um nicht in
Schwierigkeiten zu kommen. Ein protestantischer Feldprediger hilft ihr sich dem Heer der Katholischen
anzuschliessen. Der Feldprediger macht ihr auch Heiratsanträge, die sie jedoch ablehnt, die sie aber
zurückweist. Aufgrund eines Überfalls auf Kattrin wechselt Mutter Courage die Front wieder,
aber nach dem Tod König Gustavs erwarten alle Frieden, was Courages Ruin wäre. Eilif wird zum
Tode verurteilt, weil er eine Bauersfrau umgebracht hat, als schon Frieden galt. Der Feldprediger
verlässt sie, dafür schliesst sich der Feldkoch, für den sie jahrelang eine Pfeife aufhob,
ihr an. Schliesslich bekommt er einen Brief, der ihm anzeigt, dass er in seiner Heimat Utrecht ein
Wirtshaus geerbt hat. Courage versteht sich gut mit ihm und würde ihm gerne folgen, doch lässt
sie es bleiben, als er sich weigert, die stumme und etwas entstellte Kattrin mitzunehmen. In der letzten
Szene zwingen ein paar kaiserliche Soldaten einen Bauern, ihnen einen Schleichweg in die Stadt Halle zu
zeigen, die sie stürmen wollen. Kattrin belauscht das Gespräch, steigt auf das Dach des Hauses
und trommelt die Bewohner der Stadt wach, um sie zu warnen. Sie schafft es, wird jedoch dann von einem
Soldaten vom Dach heruntergeschossen. Mutter Courage zieht mit ihrem Wagen alleine weiter. Sie hat alle
drei Kinder verloren und nichts aus dem Krieg gelernt.
- Der älteste Sohn Eilif geht zugrunde, weil er sich selbst treu bleibt und so im Sinne
seiner Mutter handelt. Im Krieg ist er der grosse Held, der brutal die Bauern erschlägt und ihnen
das Vieh raubt, wofür er ausgezeichnet wird. Im Frieden tut er das gleiche, doch nun gilt es als
Verbrechen, und er wird erschossen.
- Der etwas dumme Schweizerkas ist so redlich, dass er die Regimentskassa auch dann nicht an den
Feind ausliefern will, als sein Leben bedroht wird. Er hat dabei nicht den eigenen Vorteil im Sinn,
sondern handelt nur, wie es seine Mutter ihn gelehrt hat. Auch er kann nicht abwägen, wie in einer
besonderen Situation gehandelt werden muss.
- Um die stumme Kattrin ist die Mutter Courage besonders besorgt, und sie verspricht ihr in
Friedenszeiten einen Mann zu suchen. In der zehnten Szene versucht Kattrin mit Trommelschlägen die
Bürger der Stadt Halle vor dem bevorstehenden Überraschungsangriff zu warnen. Die Bauern, denen
das Haus gehört auf dessen Dach Kattrin trommelt, sind genauso wie Courage; sie wollen sich
heraushalten, auch wenn Mitmenschen dabei ums Leben kommen. Die Schrecken und Grauen des Krieges haben es
nicht geschafft, die Leute aus ihrer egoistischen Haltung herauszureissen, sie fürchten nur den
eigenen Nachteil. Ihre völlig uneigennützige Tat kostet Kattrin das Leben, erreicht aber ihr
Ziel: Die Bürger von Halle sind erwacht und greifen zu den Waffen, um sich zu verteidigen.
Mutter Courage will mit dem Krieg das grosse Geschäft machen, ihre Kinder aber aus ihm heraushalten.
Doch weil sie auf den Trick des Werbers hereinfällt, der seinen Freund etwas kaufen lässt,
damit er den Sohn Eilif abwerben kann, verliert sie ihren Ältesten. Hier zeigt sich ein Widerspruch
zwischen Mutter und Händlerin; Courage stellt die Interessen der Händlerin über die
Mutter. Ihr Programm, sich aus dem Krieg rauszuhalten und vom Krieg zu verdienen, kann sie nicht
verwirklichen, sie muss dem Krieg auch etwas geben. Das Verhältnis der Courage zum Krieg ist
wirtschaftlich, d.h. sie sucht im Krieg ihren Vorteil. Sie muss den Krieg also bejahen. Während
andere sich über den Frieden freuen, bedeutet er für sie den Ruin. Ähnlich wie ihren
ersten verliert sie auch ihren zweiten Sohn Schweizerkas. Sie ist zu spät dazu bereit gewesen, ihre
Existenzgrundlage (den Marktwagen) gegen das Leben ihres Sohnes einzutauschen. Sie stellt wieder ihr
wirtschaftliches Interesse vor das Mitleid der Mutter. Courage bezahlt ihre ökonomischen Interessen
mit dem Verlust ihrer drei Kinder und am Ende mit dem persönlichen Ruin. Brecht sagte in einem
Interview, es genüge wenn die Zuschauer aus dem Stück etwas lernten; Courage lernt es eben
nicht, und das ist auch eine Aussage. Die Uneinsichtigkeit der "kleinen Leute" hält die Kriege der
"Grossen" am Leben und macht sie immer wieder möglich. Dem überzeugten Pazifisten Brecht geht
es darum zu zeigen, dass Kriege mit allen Mitteln verhindert werden müssen, da sie nie den einfachen
Leuten dienen. Dieses Antikriegsdrama ist ein Paradebeispiel für Brechts episches
Theater.
Der finnische Gutsbesitzer Puntila ist ein ungemein liebenswerter und herzlicher Mensch - aber nur, wenn
er betrunken ist. Puntilas Chauffeur Matti ist ein distanzierter, kalter Beobachter der wechselnden
Launen seines Herrn und ein Macho, was Frauen angeht. Bei einer frühmorgendlichen Fahndung nach
Schnaps im Nachbardorf verlobt sich Puntila mit vier Weibern gleichzeitig, die am nächsten Sonntag
alle zu ihm reisen, und ziemlich brüsk hinausgeworfen werden, da Puntila seine "Medizin" noch nicht
getrunken hat. Puntila will seine Tochter Eva mit einem Attaché verheiraten, doch zögert er,
da es ihn einen Wald kosten würde. Um einen Skandal hervorzurufen, lädt Eva Matti zu sich in
die Badehütte ein; nur dumm, dass der Attaché so verschuldet ist, dass er alles frisst. Bei
der Verlobungsfeier schlägt Puntila wieder voll zu, und schmeisst den Attaché nachdem er es
zuerst diplomatisch versucht hatte, ziemlich undiplomatisch hinaus. Danach unterzieht Matti Eva einem
strengen Test, der zeigen soll, ob sie ihn (resp. die Schwiegermutter) glücklich machen kann. Als
Puntila sich am nächsten Morgen zur Enthaltsamkeit entschliesst und noch einmal allen Alkohol im
Haus zusammentragen lässt, kommt es zum grossen Finale: der legendären Besteigung des aus
Möbelstücken errichteten Hatelmabergs, für den Puntilas Bibliothek dran glauben muss.
Matti reist ab, da er sich vor dem ausgenüchterten Puntila fürchtet.
Das Volksstück um das Doppelleben des Gutsbesitzers Puntila strotzt vor sinnlichen Bildern und
plastischen Figuren. In einer Mischung aus einfachen poetischen Formen von Ballade, Historie und einer
Schilderung von Streichen und Abenteureien ist es Brecht gelungen, eine ganz neue Form des
Volksstücks zu erfinden, das sowohl geistig eindrucksvoll als auch gleichzeitig eingängig und
für jeden verständlich ist. Hier eine kleine witzige Kostprobe aus dem ersten Akt:
| PUNTILA: |
«Matti, ich bin ein kranker Mann. Wenn du mich so ansiehst, könntest
du's nicht ahnen. Ich hab' Anfälle. Es kommt über mich mindestens einmal im Quartal. Ich wach'
auf und bin plötzlich sternhagelnüchtern.» |
| MATTI: |
«Bekommen Sie diese Anfälle von Nüchternheit
regelmässig?» |
| PUNTILA: |
«Regelmässig. Es ist so: die ganze andere Zeit bin ich vollkommen
normal, so wie du mich jetzt siehst. Ich bin im vollen Besitz meiner Geisteskräfte, ich bin Herr
meiner Sinne. Dann kommt der Anfall. Es beginnt damit, dass mit meinen Augen irgend etwas nicht mehr
stimmt. Anstatt zwei Gabeln -hebt eine Gabel hoch- sehe ich nur noch eine.» |

Brechts Stück spielt in der Stadt Chicago, in der das "Grünzeuggeschäft" in eine
Absatzkrise geraten ist. Dabei wird bei Brecht Chicago zum Ersatzort für Deutschland. Es handelt
sich um ein Parabelstück, das Hitlers Aufstieg vereinfacht skizziert. Arturo Ui ist das Pendant zu
Hitler, Roma das zu Rhöm usw. Ausserdem gibt es den Speicherbrandprozess (zum
Reichstagsbrandprozess) etc. In der Absatzkrise lehnen die Herren des Karfioltrusts (einem
Blumenkohlmonopol) zuerst die Hilfe des Gangsters Ui ab, da sie auf die Hilfe des einflussreichen, als
ehrlich bekannten Politikers Dogsborogh (Hindenburg) hoffen. Dieser hilft ihnen auch, verlässt
dadurch aber den Weg der Ehrlichkeit, um an städtische Gelder zu kommen. Der kleine Gauner Arturo
Ui bekommt Wind von dieser Sache und und übernimmt unter dem Schutz von Dogsborogh zusammen mit dem
demagogischen Blumenhändler Givola (Goebbels) und anderen die Macht im Chicagoer
Grünzeughandel. Von dort aus beginnt er dann auch die Gemüsehändler anderer Städte
(Österreich, Tschechoslowakei, Polen, etc.) unter seine Knute zu zwingen.
Bereits in den ersten Jahren seines Exils beschäftigte Brecht sich mit Plänen, den Aufstieg
Hitlers und seiner Clique während der Weimarer Zeit satirisch verfremdet darzustellen, um so "die
grossen politischen Verbrecher, lebendig oder tot, der Lächerlichkeit" preiszugeben und "den
üblichen Respekt vor den grossen Tötern zu zerstören." In den USA inspirieren ihn
amerikanische Bandenkriege, doch erst 1941 verbindet er im finnischen Exil das Zeitgeschehen in
Deutschland mit den Vorgängen in der amerikanischen Unterwelt zu einer gelungenen Parabel. Brecht
wählte absichtlich eine überschaubare gesellschaftliche Gruppe, um die Mechanismen aufzuzeigen,
mit denen Hitler in Deutschland an die Macht kam und dann die umliegenden Länder anschloss. Man warf
Brecht lange vor, die Machtergreifung Hitlers auf eine Gangstergeschichte zu vereinfachen. In letzter
Zeit mehren sich aber die Stimmen die diese Parabel als wichtiges Werk Brechts gegen die NS-Herrschaft
ansehen. Gerade wegen seiner unmittelbaren Beschäftigung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher
Geschichte zählt es zu den nach wie vor aktuellen Stücken, schreibt doch Brecht selbst im
Epilog: «Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!» Wie recht Brecht hat, wissen
wir nicht erst seit den jüngsten rechtsextremistischen Anschlägen.

Wang, ein obdachloser Wasserverkäufer begegnet in der Hauptstadt Sezuan drei Göttern, die
ausgezogen sind, nur einen einzigen guten Menschen zu finden, damit die Welt weiter bestehen kann. Doch
Wangs Suche nach einem Nachtquartier für die Götter bleibt ohne Erfolg (Anspielung an die
christliche Weihnachtsgeschichte; niemand wollte Maria und Josef aufnehmen). Einzig die Prostituierte
Shen Te verzichtet auf den nächsten Kunden, der ihr das unentbehrliche Mietgeld eingebracht
hätte, und nimmt die Götter bei sich auf. Als diese sie am nächsten Morgen ermahnen,
weiterhin gütig zu bleiben, verweist sie auf ihre finanzielle Notlage und erhält schliesslich
von den Göttern einen Betrag, der ausreicht, einen kleinen Tabakladen zu erwerben. Shen Te kann ihr Herz
jedoch nicht den um Hilfe flehenden Mitmenschen verschliessen, nimmt sie auf, versorgt sie und steht dadurch
nach kurzer Zeit selbst vor dem Ruin. In ihrer Not erfindet sie die Rolle des hartherzigen und
geschäftstüchtigen Vetters Shui Ta, in dessen Maske sie gegenüber den Bettlern und
Gläubigern auftritt und ihre finanziellen Interessen skrupellos
durchsetzt. Erst als die geizige Hausbesitzerin, in dem sich der Tabakladen befindet, die Halbjahresmiete
im voraus will, sieht Shen Te ihre Rettung aus der finanziellen Misere nur mehr durch eine reiche Heirat.
Shen Te lernt auf dem Weg zum Teehaus, wo sie einen heiratswilligen Witwer treffen soll, den arbeitslosen
Flieger Yang Sun kennen, der sich gerade umbringen will. Er hätte eine Stelle in Aussicht, wenn er
500 Silberdollar Bestechungsgeld aufbringen könnte. Shen Te hält ihn von seiner Tat ab und gibt
ihm wieder Hoffnung. In einem Zwischenspiel erzählt Wang den Göttern, dass Shen Te bisher ganz
die Gute gewesen sei. Die Götter aber fragen sich: "Aber überhaupt Geschäfte! Ist das
denn nötig? Immer machen sie jetzt Geschäfte! Machten die sieben guten Könige
Geschäfte?" Wegen ihrer Liebe zu Yang Sun gerät Shen Te erneut in eine Notlage und muss
wieder zur Maske greifen. Sun erklärt dem vermeintlichen Vetter Shui Ta freimütig, dass er,
wenn er das Geld erhalten habe, ohne die dumme Shen Te nach Peking reisen werde. Bei den Vorbereitungen
zur Hochzeit erkennt Shen Te, dass das keine Prahlerei unter Männern war, sondern wirklich Suns
Absicht. So lässt sie die Hochzeit in letzter Sekunde platzen. Als Shui Ta gründet sie in
verfallenen Baracken eine Tabakfabrik und zwingt alle Armen, die von ihrem Mitleid gelebt haben, dort
für Hungerlöhne zu arbeiten. Was ursprünglich eigentlich nur den Ausweg aus einer
verzweifelten Situation bringen sollte, nämlich die Umwandlung von der mit Güte
unökonomisch arbeitenden Shen Te zum mit Härte arbeitenden Shui Ta, wird nun zur
Dauereinrichtung: Shen Te tritt immer mehr in den Hintergrund bis sie verschwunden ist. Nur die alte
Hausbesitzerin weiss von der Doppelrolle, der schwangere Bauch liess sich auch bald nicht mehr
verstecken. Weil Shen Te nicht mehr erscheint, verdächtigen die Leute Shui Ta, das Mädchen
ermordet zu haben und führen ihn vor ein Gericht, dessen Richter jene drei Götter sind, die
Shen Te einst bei sich aufgenommen hat. Ihnen ergibt der Angeklagte sich als Shen Te zu erkennen:
"Euer einstiger Befehl, gut zu sein und doch zu leben, zerriss mich wie ein Blitz in zwei
Hälften. Gut sein zu mir und zu andern konnte ich nicht zugleich. Ach, eure Welt ist schwierig."
Doch auf die vielen Fragen nach Lösungen für die Probleme Shen Tes, des mit Mühe
gefundenen "guten Menschen", wissen sie keine Antwort und sind froh, dass sie wieder in den Himmel
zurückkehren können. Den einzigen Ausweg, den sie ihr anbieten, ist die Möglichkeit,
einmal im Monat als Shui Ta aufzutreten. Mit der Erkenntnis, dass dies kein rechtes Ende sei, wird das
Publikum in einem Schlussvers aufgefordert, einen guten Schluss zu finden.Das Stück mit der
längsten und kompliziertesten Entstehungsgeschichte befasst sich mit der Frage, ob man in einer
schlechten Welt überhaupt (im moralischen Sinne) gut sein kann. Kann man armen Leuten einen Vorwurf
machen, wenn sie geizig und egoistisch sind? Brecht: «Eine Verbesserung der zwischenmenschlichen
Lage ist nur durch eine Verbesserung der ökonomischen Lage zu erreichen.» Daneben geht es aber
auch um die zwei verschiedenen Arten von Liebe, nicht umsonst trug das Stück lange den Arbeitstitel
Ware Liebe.
Ware Liebe |
Wahre Liebe |
- «Heiraten wir ein bisschen Geld!»
- «Er hat sich schon nach ihren Vermögensverhältnissen erkundigt; das beweist
wohl wahre Liebe.»
|
- «Haben Sie schon etwas über die Macht der Liebe gehört?»
- Treue, Hingabe, Vertrauen, Wärme
- Geborgenheit, Nachgiebigkeit
- Wirklichkeit wird positiv gesehen
- Sorgen und Freuden teilen
- Leichtsinn
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In einem zerstörten kaukasischen Dorf findet ein Streitgespräch zwischen zwei Parteien statt,
in dem es um die Rechte an einem Tal geht. Der Kolchos "Galinsk" besass es schon seit langer Zeit und hat
das Gesetz auf seiner Seite. Er musste jedoch im Krieg das Land aus Sicherheitsgründen verlassen.
Der Kolchos "Rosa Luxemburg" kümmerte sich während des Krieges darum und verteidigte es und
konnte es auch besser verwerten. Nach der friedlichen Einigung erscheint ein Sänger und führt
mit den Leuten vom Kolchos "Rosa Luxemburg" ein Theaterstück namens "Der Kreidekreis" auf: In alter,
blutiger Zeit werden nach dem Sturz des Grossfürsten alle Gouverneure Grusiniens hingerichtet,
darunter Georgi Abaschwili. Seine verwöhnte Frau Natella kann mit ihren Kleidern entfliehen,
lässt aber ihr Kind zurück, das gleich darauf von den neuen Machthabern gesucht wird. Die Magd
Grusche nimmt es auf und bringt es durch alle Gefahren unter vielen Opfern in Sicherheit, wobei sie es
liebgewinnt wie ein eigenes. Bevor sie mit ihm aus der Stadt flieht, verlobt sie sich mit dem Soldaten
Simon Chachava, der nun auch in den Krieg hineingezogen wird und kämpfen muss. Auf ihrer Flucht
nimmt Grusche viele Mühen und Strapazen auf sich, sodass es Michel an nichts fehlt: Sie kauft Milch,
kümmert sich um eine Bleibe in der Nacht und versteckt ihn vor feindlichen Soldaten. Nach einiger
Zeit erreicht sie, schon krank und schwach, des Hof ihres Bruders Lavrenti Vachnadze, wo sie sich langsam
erholt und längere Zeit bleibt. Um dem Bruder (und vor allem dessen herrischer Frau) nicht dauernd
zur Last zu fallen, heiratet sie einen sterbenden Bauer, der jedoch wider Erwarten rasch gesund wird. Der
behandelt sie tyrannisch, doch kann sie nichts machen, ist sie doch verheiratet mit ihm. Eines Tages
trifft sie Simon, ihren Verlobten, doch als dieser von Ehemann und Kind erfährt, verschwindet er
wieder, ohne dass Grusche Zeit findet, ihm alles zu erklären. Gleichzeitig bringen Soldaten Michel
weg, die um seine wahre Identität Bescheid wissen. Der Angriff der Perser doch noch abgewehrt
werden, die alten Fürsten kehren zurück; die Palastwache wechselt die Seite erneut. Vor einem
Gericht klagt Natella Abaschwili, die Gouverneursfrau, Grusche der Entführung Michels an. Sie
braucht den Kleinen, um ihre Ansprüche auf das grosse Erbe geltend machen zu können. Doch die
Palastwache hatte zur Zeit der politischen Wirren den Dorfschreiber Azdak zum Richter gemacht, und Azdak
behielt das Amt auch nach der Rückkehr der Fürsten, weil er einst einem von ihnen das Leben
gerettet hatte. Während des Prozesses gelingt es dem Richter nicht, Klarheit über die wahre
Mutter Michels zu erlangen. Er beschliesst, die berühmte Probe mit dem Kreidekreis
durchzuführen: Die Kontrahenten stellen sich in den Kreis und ergreifen je eine Hand des Kindes. Die
richtige Mutter soll dabei die Kraft haben, das Kind herauszuziehen. Natella Abaschwili geht zweimal als
Siegerin hervor, da Grusche Michael nicht verletzen will und ihn loslässt. Daraufhin wird der kleine
ihr zugesprochen, da Azdak nur Grusche mütterliche Liebe zuerkennt (vgl. das Urteil von Salomo im
Alten Testament). Azdak scheidet auch gleich noch die Ehe Grusches mit dem tyrannischen Bauern und macht
so den Weg frei für die Vermählung mit Simon, der inzwischen die ganze Wahrheit erfahren hat.
Die Fabel entstammt einem chinesischen Singspiel des 13. Jh.s, verfasst von Li Hsing-tau. Brecht benutzt
die Kreidekreisprobe als Spielmoment für sein Stück, das Zusammengehörigkeit, Besitz nicht
nach biologischen oder tradierten, formal-juristischen Gesichtspunkten beurteilt wissen will, sondern
nach dem Massstab der Produktivität. Grusche, die Magd, nimmt anfänglich das Kind nur seufzend,
aber je mehr sie durch das Kind in materielle Not gerät, um so stärker wird ihre Einsicht in
die gesellschaftlichen Verhältnisse. Daraus resultiert jene Beziehung gegenseitiger
Abhängigkeit, durch die Grusche zur Mutter für das Kind werden kann. Am Schluss des Stücks
wird diese Lehre aus dem Beispiel Grusches ins Allgemeine ausgeweitet: «Dass da gehören
soll, was da ist, denen, die für es gut sind.», womit der Bogen geschlagen wird zum
einleitenden Streit um das Tal, das zuletzt denen zugesprochen wird, die es am besten zu nutzen versprechen.
Das Stück, wegen seines politischen Gehalts von Anfang an heftig umstritten, ist ein Schulbeispiel
für das epische Theater Brechts und seiner Verfremdungstechnik. Der Sänger
tritt, indem er die Szenenfolge exponiert, begleitet und kommentiert, im Stil des epischen Erzählers dem
Geschehen gegenüber und ermöglicht so durch Verfremdung jene Distanz zwischen Schauspielern und
Publikum, die eine kritische Beurteilung der vorgeführten Verhaltensweisen erlaubt. So wird nacheinander
erzählt, was sich gleichzeitig ereignet - zuerst die Geschichte Grusches, dann die des Azdak, ehe in der
Gerichtsszene die beiden Handlungsstränge verknüpft werden. Dieses künstliche Auseinanderfalten
simultaner Ereignisse beugt der möglichen Einfühlung des Zuschauers in das Spiel vor. Denn
tatsächlich soll der Vorgang ja als eine Utopie, die es erst noch zu realisieren gilt, bewusst gemacht
werden.

| Aristoteles
|
Bertolt Brecht |
- Drei Einheiten (Ort/Zeit/Handl.)
- phobos (Furcht/Schrecken)
- eleos (Mitleid)
- katharsis (Reinigung)
- Identifikation mit
Schauspieler
|
- Verhinderung der Identifikation durch V-Effekte (unrealistisches)
- Keine Einheiten (Illusionsverminderung)
- Erzählende Kommentare für das Publikum
- Lieder (Verdeutlichungen, Auflockerung)
- Verfremdung statt Identität (z.B. gespaltene Hauptrolle)
- Häufig Interpretation offen
|
Elemente des epischen Theaters am Beispiel "Der gute Mensch von Sezuan"
- Keine Ort-/Zeit- und Handlungseinheit (Illusionsverminderung)
- Gespaltene Hauptrolle Shui Ta/Shen Te (Verfremdung statt Identität)
- Spielt in China, jedoch kein chinesisches Stück (Abstand/Interpretation)
- Erzählende Kommentar (zum Publikum gewendet) und Lieder
- Exemplikation der These "unmöglich, gut zu sein & doch zu leben"
- Interpretation offen
- Songs dienen der Verdeutlichung der Handlung, zur Akzentuierung von für Brecht wichtigen
Fragen oder auch nur zur Auflockerung des Publikums (Unterbruch, anderes Medium, Zeit zum Nachdenken).
«Wer A sagt, muss nicht unbedingt auch B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.»
«Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral.»