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Last Update: 16.02.05
 

 
 

Bertolt Brecht (1898-1956)

Eugen Berthold Friedrich Brecht wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren und starb am 14. August 1956 in Berlin. In bewusster Abgrenzung zur Theorie und Praxis des traditionellen aristotelischen Dramas, entwickelte er das epische Theater, eine demonstrierend- erzählerische Form, bei der er distanzierende Mittel benutzte, um die Identifikation zu verhindern und statt dessen einen kritischen Lern- und Bewusstseinsprozess anzuregen. Ähnlich wie Lessing oder Schiller will Brecht mit seinen Dramen die Zuschauer nicht nur unterhalten, sondern auch bilden. Mit seinem Gesamtwerk, das sich kritisch mit Freiheit, sozialer Gerechtigkeit und Verantwortung des einzelnen auseinandersetzt, erlangte Brecht den Status eines modernen Klassikers.

Bertolt Brecht Der Sohn eines zum Fabrikdirektor aufgestiegenen Arbeiters studierte Literatur, Philosophie und Medizin an den Universitäten München und Berlin. 1919/20 schrieb er Theaterkritiken für die Zeitung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) und verfasste erste Stücke. Der Erfolg des 1922 in München uraufgeführten Trommeln in der Nacht brachte Brecht den Kleist-Preis ein. 1924 übersiedelte er nach Berlin, wo er Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin wurde. Bestimmend für sein Leben und Schaffen wurde die Hinwendung zum Marxismus. Er versuchte, seine Dichtung in den Dienst der kommunistischen Bewegung zu stellen, ohne aber selbst je der Partei beizutreten. Mit der Dreigroschenoper begann Brechts Zusammenarbeit mit dem Komponisten Kurt Weill. Die Oper Aufstieg und Fall der Stadt Mahogonny, eine Parodie auf die Auswüchse des Kapitalismus, rief 1930 einen der grössten Theaterskandale der Weimarer Republik hervor. Kurz nach Hitlers Machtübernahme ging Brecht in die Emigration. Er lebte zuerst in der Schweiz, liess sich aber schon im Dezember 1933 in Dänemark nieder, wo er mit Unterbrechungen bis 1939 lebte. Über Schweden, Finnland und die Sowjetunion gelangte er schliesslich 1941 nach Kalifornien, wo er sich bis 1947 aufhielt. Im Exil entstanden die berühmten Meisterwerke, darunter Leben des Galilei, das Antikriegsstück Mutter Courage und ihre Kinder, das sogenannte "Volksstück" Herr Puntila und sein Knecht Matti, sowie die Parabelstücke Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Der gute Mensch von Sezuan und Der Kaukasische Kreidekreis. 1948 kehrte Brecht zunächst in die Schweiz, ein Jahr später nach Deutschland zurück. Er liess sich in Ostberlin nieder und gründete zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Helene Weigel, eine eigene Theatertruppe, das Berliner Ensemble, das ab 1954 im Theater am Schiffbauerdamm residierte. Obgleich Brecht 1951 mit dem Nationalpreis der DDR und 1954 mit dem Internationalen Lenin-Friedenspreis ausgezeichnet worden war und nach seinem Tod zum Nationaldichter der DDR avancierte, war er in Osteuropa eine umstrittene Persönlichkeit, da sein moralischer Pessimismus nicht mit dem sowjetischen Ideal des sozialistischen Realismus zu vereinen war. Auch er teilte nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953, dessen Niederschlagung ihn schockiert hatte, die anfängliche Begeisterung für das ostdeutsche Regime nicht mehr. Nach dem Volksaufstand schrieb er in sarkastischer Ironie, «dass das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe.» Und schlug den DDR-Behörden vor: «Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?» Trotz der Enttäuschung über Ulbricht und Konsorten blieb aber Brecht auch die letzten drei Lebensjahre in der DDR.

Brecht gilt heute als einer der grössten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Erst seit dem Ende des Kalten Krieges wird dabei nicht mehr ständig sein Verhältnis zur kommunistischen Partei hervorgehoben. Brecht gilt nicht gerade als netter Mensch; aus seinem Leben wird berichtet, dass er schrecklich zu seiner Frau und seinen Mätressen und aus tiefster Seele eigensüchtig gewesen sein soll.

 

DREIGROSCHENOPER - 1928

Das Stück spielt in London. Der Geschäftsmann Peachum, Besitzer der Firma "Bettlers Freund" beherrscht und kontrolliert die Londoner Bettler. Er organisiert ihren wirkungsvollen Einsatz und kassiert einen grossen Teil ihrer Einnahmen. Die Hauptperson des Stückes ist aber der Strassenräuber und Geschäftsmann Macheath, genannt Mackie Messer, der seinerseits in London Herr über Stassenräuber und Einbrecher ist und Gefallen an Peachums Tochter Polly findet. Da Polly darauf mit heisser Liebe reagiert und er ihr ein Auskommen bieten kann, schliessen sie im Beisein von Mackies Bande und seinem engen Freund, Tiger Brown den Bund der Ehe. Dieses ist für die Peachums unhaltbar und sie beschliessen für die Verhaftung von Macheath zu sorgen; die bestochene Prostituierte Spelunken-Jenny verrät sein Versteck. Doch der Polizeichef Brown bringt es nicht übers Herz, seinen Freund an den Galgen zu bringen, der ihm einst beim Militär das Leben gerettet hatte. Kurz darauf wird Mackie erneut verhaftet und nun sieht es wirklich schlecht für ihn aus. Sein Tod steht unmittelbar bevor, und nur noch ein Wunder könnte ihn retten. Doch Brecht liebt die plötzlichen dramatischen Wendungen, und eine solche tritt nun ein. Plötzlich erscheint nämlich der Bote der Königin, der verkündet, dass diese aufgrund ihres Krönungstag Gnade vor Recht walten lässt - und dem Gauner obendrein noch einen Adelstitel, ein Schloss und eine lebenslängliche Rente schenkt.

Die Dreigroschenoper ist auf der Grundlage der "Beggar's Opera" von John Gay entstanden und wurde am 31.08.1929 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin uraufgeführt. Brecht zielt mit diesem Werk auf die Entlarvung der korrupten Bourgeoisie. Auf der einen Seite erscheint der Bettlerkönig Peachum als Musterbeispiel des Geschäftemachers, für den Not und Armut nichts anderes sind als Mittel zum Zweck; auf der anderen Seite entpuppt sich ausgerechnet der skrupellose Verbrecher Mackie Messer als Prototyp sogenannter bürgerlicher Solidität. Am Schluss zeigt sich auch Brechts Pessimismus: Die grossen, professionellen Gauner werden niemals geschnappt, weil sie mit den oberen Zehntausend unter einer Decke stecken. Mackie konnte nur zum Obergauner aufsteigen wegen seiner Freundschaft zum Polizeichef. Peachum wirkt mit seinem Geschäft für mitleiderregende Bettleruniformen auch alles andere als astrein; wer oder was gibt ihm das Recht, sämtliche Bettler Londons in bestimmte Territorien einzuweisen und von ihnen hohe Schutzgelder zu verlangen? Da es sich um eine "Oper" handelt, hat Kurt Weill viele passende Lieder komponiert, was die Theaterhandlung auflockert und anregt. Einige davon sind ziemlich bekannt geworden («und der Haifisch der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht. Und ein Mensch geht um die Ecke, den man Mackie Messer nennt.»); stellvertretend für alle folgt hier das "Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens."

  Der Mensch lebt durch den Kopf
Der Kopf reicht ihm nicht aus
Versuch es nur, von deinem Kopf
Lebt höchstens eine Laus.
    Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlau genug.
Niemals merkt er eben
Allen Lug und Trug.
  Ja, mach nur einen Plan
Sei nur ein grosses Licht!
Und mach dann noch 'nen zweiten Plan
Geh' n tun sie beide nicht.
 
    Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht schlecht genug.
Doch sein höh' res Streben
Ist ein schöner Zug.
  Ja, renn nur nach dem Glück
Doch renne nicht zu sehr!
Denn alle rennen nach dem Glück
Das Glück rennt hinterher.
 
    Denn für dieses Leben
Ist der Mensch nicht anspruchslos genug
Drum ist all sein Streben
Nur ein Selbstbetrug.

 

LEBEN DES GALILEI - 1938

Dieses Schauspiel erzählt die Geschichte des berühmten Astronomen und Mathematikers Galileo Galilei. Zu Beginn seiner schöpferischen Zeit lebt Galilei in Padua und lehrt dort das Ptolemäische Weltbild, welches von der Kirche anerkannt wird. Sein Wissen lässt ihn jedoch das Kopernikanische für richtig halten. Durch den Hinweis des Schüler Ludovico konstruiert er ein Fernrohr, das es ihm ermöglicht, für diese Zeit unglaubliche Dinge zu beobachten. Er entdeckt unter anderem die vier Jupitermonde, die er zu Ehren des Grossherzogs von Florenz, die "mediceischen Gestirne" nennt. Denn Galilei ist als Hofmathematiker nach Florenz gezogen, da er als Professor in Padua keine Zeit für seine Studien fand. Dort entdeckt er die Venusphasen und die Mondgebirge. Die Kirche lädt ihn in der Folge nach Rom ein, wo Pater Christopher Clavius, der Chefastronom des Vatikans, die Berechnungen Galileis überprüft - und nach einigen Stunden deren Richtigkeit anerkennt. Die Theologen und Inquisitoren aber setzen das Kopernikanische System dennoch auf den Index der Inquisition. Am Tag, als sich seine Tochter Virginia mit Ludovico verlobt, schwört Galilei unter Druck dem verbotenen Weltbild ab. Als acht Jahre später ein Wissenschafter auf den Papstthron folgt, hält Galilei den Augenblick gekommen, zusammen mit seinem langjährigen Schüler Andrea Sarti seine Forschungen wiederaufzunehmen, zumal ihn das Problem der Sonnenflecken interessiert; seine Tochter verliert dadurch allerdings ihren Bräutigam, da der sich weigert, das Kind eines "Ketzers" zu ehelichen. Seine Lehre wird schnell im Volk verbreitet und stösst auf Ungläubigkeit. Galilei werden nur die Folterinstumente gezeigt, und er schwört alles nochmals ab. (Brecht zeichnet allerdings den Papst so, dass der auch befohlen hatte, allerhöchstens die Instrumente zu zeigen.) Den Rest seines Lebens verbringt der schon fast erblindete Galilei in einem Landhaus in Italien, wo er die Discorsi schreibt. Er beschäftigt sich in diesem Werk mit der Falllehre und der Mechanik, welche zu dieser Zeit noch viele Fragen offen lässt. Anlässlich des Besuches Andrea Sartis, der sich auf dem Weg nach Holland befindet, übergibt Galilei ihm auf eigene Verantwortung sein Werk. Brecht lässt Galilei hier selbst bereuen, dass er sich hat einschüchtern lassen. Sarti kann in der letzten Szene die Zöllner austricksen und so das Buch nach Holland bringen, wo es keine Inquisition gibt.

Dieses Schauspiel von Brecht entstand in den dreissiger Jahren im dänischen Exil, als die Zeitungen gerade die Nachricht von der ersten Uranspaltung brachten (Otto Hahn). Die Geschichte ist sicherlich nicht einfach und Brecht entwickelte seine eigene These, die bis heute umstritten ist; Galilei hätte ohne sein Leben zu gefährden der Obrigkeit Widerstand leisten können, da er eigentlich stärker gewesen sei als sie. Das Stück ist inhaltlich sehr anspruchsvoll und Brechts schwierigstes spätes Drama. Das zentrale Stilmittel ist der für Galilei typische Disput, das Streitgespräch, indem immer wieder die Verantwortung des Wissenschaftlers - wie auch bei Dürrenmatt - im Mittelpunkt steht. Wenn Brecht schon 1939 schreibt: «Hütet nun ihr der Wissenschaften Licht, nutzt es und missbraucht es nicht; dass es nicht, ein Feuerfall, einst verzehre noch uns all. » entpuppt er sich als Prophet des Atomzeitalters.

 

MUTTER COURAGE UND IHRE KINDER - 1939

Brechts Antikriegsstück spielt im 17. Jahrhundert, als der Dreissigjährige Krieg in Mitteleuropa wütete. Anna Fierling, die wegen ihrem Heldenmut auch Mutter Courage genannt wird, zieht mit ihrem Marktwagen, zusammen mit ihren beiden Söhnen, dem mutigen Eilif, dem ehrlichen, aber dummen Schweizerkas und ihrer stummen Tochter Kattrin durch die Lande. In der ersten Szene wird Eilif von einem Feldwebel für den Krieg geworben. Mutter Courage sagt dem Feldwebel den Tod voraus, sieht aber auch mit Schrecken, dass ihre eigenen Kinder den Tod finden werden, wenn sie sich nicht aus dem Krieg heraushalten. Zwei Jahre später sieht sie ihren Sohn Eilif in Polen wieder. Während sie in der Küche mit einem Koch um einen Kapaun feilscht, hört sie, wie er einem Feldmarschall seine Heldentat erzählt. Sie quittiert seine Geschichte mit einer Ohrfeige, weil er sich unnötig in Gefahr gebracht hat. Gemeinsam mit einem finnischen Regiment gerät Mutter Courage in Gefangenschaft der Katholiken. Als Schweizerkas die Regimentskassa in Sicherheit bringen will, wird er ertappt, was eine Verurteilung vor dem Feldgericht zur Folge hat. Um ihn auslösen zu können, will Mutter Courage ihren Wagen der Lagerhure Yvette verpfänden, doch sie handelt zu lange. Schweizerkas wird erschossen, und sie lügnet, ihn gekannt zu haben, als man ihr die Leiche zeigt, um nicht in Schwierigkeiten zu kommen. Ein protestantischer Feldprediger hilft ihr sich dem Heer der Katholischen anzuschliessen. Der Feldprediger macht ihr auch Heiratsanträge, die sie jedoch ablehnt, die sie aber zurückweist. Aufgrund eines Überfalls auf Kattrin wechselt Mutter Courage die Front wieder, aber nach dem Tod König Gustavs erwarten alle Frieden, was Courages Ruin wäre. Eilif wird zum Tode verurteilt, weil er eine Bauersfrau umgebracht hat, als schon Frieden galt. Der Feldprediger verlässt sie, dafür schliesst sich der Feldkoch, für den sie jahrelang eine Pfeife aufhob, ihr an. Schliesslich bekommt er einen Brief, der ihm anzeigt, dass er in seiner Heimat Utrecht ein Wirtshaus geerbt hat. Courage versteht sich gut mit ihm und würde ihm gerne folgen, doch lässt sie es bleiben, als er sich weigert, die stumme und etwas entstellte Kattrin mitzunehmen. In der letzten Szene zwingen ein paar kaiserliche Soldaten einen Bauern, ihnen einen Schleichweg in die Stadt Halle zu zeigen, die sie stürmen wollen. Kattrin belauscht das Gespräch, steigt auf das Dach des Hauses und trommelt die Bewohner der Stadt wach, um sie zu warnen. Sie schafft es, wird jedoch dann von einem Soldaten vom Dach heruntergeschossen. Mutter Courage zieht mit ihrem Wagen alleine weiter. Sie hat alle drei Kinder verloren und nichts aus dem Krieg gelernt.

Mutter Courage will mit dem Krieg das grosse Geschäft machen, ihre Kinder aber aus ihm heraushalten. Doch weil sie auf den Trick des Werbers hereinfällt, der seinen Freund etwas kaufen lässt, damit er den Sohn Eilif abwerben kann, verliert sie ihren Ältesten. Hier zeigt sich ein Widerspruch zwischen Mutter und Händlerin; Courage stellt die Interessen der Händlerin über die Mutter. Ihr Programm, sich aus dem Krieg rauszuhalten und vom Krieg zu verdienen, kann sie nicht verwirklichen, sie muss dem Krieg auch etwas geben. Das Verhältnis der Courage zum Krieg ist wirtschaftlich, d.h. sie sucht im Krieg ihren Vorteil. Sie muss den Krieg also bejahen. Während andere sich über den Frieden freuen, bedeutet er für sie den Ruin. Ähnlich wie ihren ersten verliert sie auch ihren zweiten Sohn Schweizerkas. Sie ist zu spät dazu bereit gewesen, ihre Existenzgrundlage (den Marktwagen) gegen das Leben ihres Sohnes einzutauschen. Sie stellt wieder ihr wirtschaftliches Interesse vor das Mitleid der Mutter. Courage bezahlt ihre ökonomischen Interessen mit dem Verlust ihrer drei Kinder und am Ende mit dem persönlichen Ruin. Brecht sagte in einem Interview, es genüge wenn die Zuschauer aus dem Stück etwas lernten; Courage lernt es eben nicht, und das ist auch eine Aussage. Die Uneinsichtigkeit der "kleinen Leute" hält die Kriege der "Grossen" am Leben und macht sie immer wieder möglich. Dem überzeugten Pazifisten Brecht geht es darum zu zeigen, dass Kriege mit allen Mitteln verhindert werden müssen, da sie nie den einfachen Leuten dienen. Dieses Antikriegsdrama ist ein Paradebeispiel für Brechts episches Theater.

 

HERR PUNTILA UND SEIN KNECHT MATTI - 1940

Der finnische Gutsbesitzer Puntila ist ein ungemein liebenswerter und herzlicher Mensch - aber nur, wenn er betrunken ist. Puntilas Chauffeur Matti ist ein distanzierter, kalter Beobachter der wechselnden Launen seines Herrn und ein Macho, was Frauen angeht. Bei einer frühmorgendlichen Fahndung nach Schnaps im Nachbardorf verlobt sich Puntila mit vier Weibern gleichzeitig, die am nächsten Sonntag alle zu ihm reisen, und ziemlich brüsk hinausgeworfen werden, da Puntila seine "Medizin" noch nicht getrunken hat. Puntila will seine Tochter Eva mit einem Attaché verheiraten, doch zögert er, da es ihn einen Wald kosten würde. Um einen Skandal hervorzurufen, lädt Eva Matti zu sich in die Badehütte ein; nur dumm, dass der Attaché so verschuldet ist, dass er alles frisst. Bei der Verlobungsfeier schlägt Puntila wieder voll zu, und schmeisst den Attaché nachdem er es zuerst diplomatisch versucht hatte, ziemlich undiplomatisch hinaus. Danach unterzieht Matti Eva einem strengen Test, der zeigen soll, ob sie ihn (resp. die Schwiegermutter) glücklich machen kann. Als Puntila sich am nächsten Morgen zur Enthaltsamkeit entschliesst und noch einmal allen Alkohol im Haus zusammentragen lässt, kommt es zum grossen Finale: der legendären Besteigung des aus Möbelstücken errichteten Hatelmabergs, für den Puntilas Bibliothek dran glauben muss. Matti reist ab, da er sich vor dem ausgenüchterten Puntila fürchtet.

Das Volksstück um das Doppelleben des Gutsbesitzers Puntila strotzt vor sinnlichen Bildern und plastischen Figuren. In einer Mischung aus einfachen poetischen Formen von Ballade, Historie und einer Schilderung von Streichen und Abenteureien ist es Brecht gelungen, eine ganz neue Form des Volksstücks zu erfinden, das sowohl geistig eindrucksvoll als auch gleichzeitig eingängig und für jeden verständlich ist. Hier eine kleine witzige Kostprobe aus dem ersten Akt:

PUNTILA: «Matti, ich bin ein kranker Mann. Wenn du mich so ansiehst, könntest du's nicht ahnen. Ich hab' Anfälle. Es kommt über mich mindestens einmal im Quartal. Ich wach' auf und bin plötzlich sternhagelnüchtern.»
MATTI: «Bekommen Sie diese Anfälle von Nüchternheit regelmässig?»
PUNTILA: «Regelmässig. Es ist so: die ganze andere Zeit bin ich vollkommen normal, so wie du mich jetzt siehst. Ich bin im vollen Besitz meiner Geisteskräfte, ich bin Herr meiner Sinne. Dann kommt der Anfall. Es beginnt damit, dass mit meinen Augen irgend etwas nicht mehr stimmt. Anstatt zwei Gabeln -hebt eine Gabel hoch- sehe ich nur noch eine.»

 

DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI - 1941

Brechts Stück spielt in der Stadt Chicago, in der das "Grünzeuggeschäft" in eine Absatzkrise geraten ist. Dabei wird bei Brecht Chicago zum Ersatzort für Deutschland. Es handelt sich um ein Parabelstück, das Hitlers Aufstieg vereinfacht skizziert. Arturo Ui ist das Pendant zu Hitler, Roma das zu Rhöm usw. Ausserdem gibt es den Speicherbrandprozess (zum Reichstagsbrandprozess) etc. In der Absatzkrise lehnen die Herren des Karfioltrusts (einem Blumenkohlmonopol) zuerst die Hilfe des Gangsters Ui ab, da sie auf die Hilfe des einflussreichen, als ehrlich bekannten Politikers Dogsborogh (Hindenburg) hoffen. Dieser hilft ihnen auch, verlässt dadurch aber den Weg der Ehrlichkeit, um an städtische Gelder zu kommen. Der kleine Gauner Arturo Ui bekommt Wind von dieser Sache und und übernimmt unter dem Schutz von Dogsborogh zusammen mit dem demagogischen Blumenhändler Givola (Goebbels) und anderen die Macht im Chicagoer Grünzeughandel. Von dort aus beginnt er dann auch die Gemüsehändler anderer Städte (Österreich, Tschechoslowakei, Polen, etc.) unter seine Knute zu zwingen.

Bereits in den ersten Jahren seines Exils beschäftigte Brecht sich mit Plänen, den Aufstieg Hitlers und seiner Clique während der Weimarer Zeit satirisch verfremdet darzustellen, um so "die grossen politischen Verbrecher, lebendig oder tot, der Lächerlichkeit" preiszugeben und "den üblichen Respekt vor den grossen Tötern zu zerstören." In den USA inspirieren ihn amerikanische Bandenkriege, doch erst 1941 verbindet er im finnischen Exil das Zeitgeschehen in Deutschland mit den Vorgängen in der amerikanischen Unterwelt zu einer gelungenen Parabel. Brecht wählte absichtlich eine überschaubare gesellschaftliche Gruppe, um die Mechanismen aufzuzeigen, mit denen Hitler in Deutschland an die Macht kam und dann die umliegenden Länder anschloss. Man warf Brecht lange vor, die Machtergreifung Hitlers auf eine Gangstergeschichte zu vereinfachen. In letzter Zeit mehren sich aber die Stimmen die diese Parabel als wichtiges Werk Brechts gegen die NS-Herrschaft ansehen. Gerade wegen seiner unmittelbaren Beschäftigung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte zählt es zu den nach wie vor aktuellen Stücken, schreibt doch Brecht selbst im Epilog: «Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!» Wie recht Brecht hat, wissen wir nicht erst seit den jüngsten rechtsextremistischen Anschlägen.

 

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN - 1942

Wang, ein obdachloser Wasserverkäufer begegnet in der Hauptstadt Sezuan drei Göttern, die ausgezogen sind, nur einen einzigen guten Menschen zu finden, damit die Welt weiter bestehen kann. Doch Wangs Suche nach einem Nachtquartier für die Götter bleibt ohne Erfolg (Anspielung an die christliche Weihnachtsgeschichte; niemand wollte Maria und Josef aufnehmen). Einzig die Prostituierte Shen Te verzichtet auf den nächsten Kunden, der ihr das unentbehrliche Mietgeld eingebracht hätte, und nimmt die Götter bei sich auf. Als diese sie am nächsten Morgen ermahnen, weiterhin gütig zu bleiben, verweist sie auf ihre finanzielle Notlage und erhält schliesslich von den Göttern einen Betrag, der ausreicht, einen kleinen Tabakladen zu erwerben. Shen Te kann ihr Herz jedoch nicht den um Hilfe flehenden Mitmenschen verschliessen, nimmt sie auf, versorgt sie und steht dadurch nach kurzer Zeit selbst vor dem Ruin. In ihrer Not erfindet sie die Rolle des hartherzigen und geschäftstüchtigen Vetters Shui Ta, in dessen Maske sie gegenüber den Bettlern und Gläubigern auftritt und ihre finanziellen Interessen skrupellos durchsetzt. Erst als die geizige Hausbesitzerin, in dem sich der Tabakladen befindet, die Halbjahresmiete im voraus will, sieht Shen Te ihre Rettung aus der finanziellen Misere nur mehr durch eine reiche Heirat. Shen Te lernt auf dem Weg zum Teehaus, wo sie einen heiratswilligen Witwer treffen soll, den arbeitslosen Flieger Yang Sun kennen, der sich gerade umbringen will. Er hätte eine Stelle in Aussicht, wenn er 500 Silberdollar Bestechungsgeld aufbringen könnte. Shen Te hält ihn von seiner Tat ab und gibt ihm wieder Hoffnung. In einem Zwischenspiel erzählt Wang den Göttern, dass Shen Te bisher ganz die Gute gewesen sei. Die Götter aber fragen sich: "Aber überhaupt Geschäfte! Ist das denn nötig? Immer machen sie jetzt Geschäfte! Machten die sieben guten Könige Geschäfte?" Wegen ihrer Liebe zu Yang Sun gerät Shen Te erneut in eine Notlage und muss wieder zur Maske greifen. Sun erklärt dem vermeintlichen Vetter Shui Ta freimütig, dass er, wenn er das Geld erhalten habe, ohne die dumme Shen Te nach Peking reisen werde. Bei den Vorbereitungen zur Hochzeit erkennt Shen Te, dass das keine Prahlerei unter Männern war, sondern wirklich Suns Absicht. So lässt sie die Hochzeit in letzter Sekunde platzen. Als Shui Ta gründet sie in verfallenen Baracken eine Tabakfabrik und zwingt alle Armen, die von ihrem Mitleid gelebt haben, dort für Hungerlöhne zu arbeiten. Was ursprünglich eigentlich nur den Ausweg aus einer verzweifelten Situation bringen sollte, nämlich die Umwandlung von der mit Güte unökonomisch arbeitenden Shen Te zum mit Härte arbeitenden Shui Ta, wird nun zur Dauereinrichtung: Shen Te tritt immer mehr in den Hintergrund bis sie verschwunden ist. Nur die alte Hausbesitzerin weiss von der Doppelrolle, der schwangere Bauch liess sich auch bald nicht mehr verstecken. Weil Shen Te nicht mehr erscheint, verdächtigen die Leute Shui Ta, das Mädchen ermordet zu haben und führen ihn vor ein Gericht, dessen Richter jene drei Götter sind, die Shen Te einst bei sich aufgenommen hat. Ihnen ergibt der Angeklagte sich als Shen Te zu erkennen: "Euer einstiger Befehl, gut zu sein und doch zu leben, zerriss mich wie ein Blitz in zwei Hälften. Gut sein zu mir und zu andern konnte ich nicht zugleich. Ach, eure Welt ist schwierig." Doch auf die vielen Fragen nach Lösungen für die Probleme Shen Tes, des mit Mühe gefundenen "guten Menschen", wissen sie keine Antwort und sind froh, dass sie wieder in den Himmel zurückkehren können. Den einzigen Ausweg, den sie ihr anbieten, ist die Möglichkeit, einmal im Monat als Shui Ta aufzutreten. Mit der Erkenntnis, dass dies kein rechtes Ende sei, wird das Publikum in einem Schlussvers aufgefordert, einen guten Schluss zu finden.

Das Stück mit der längsten und kompliziertesten Entstehungsgeschichte befasst sich mit der Frage, ob man in einer schlechten Welt überhaupt (im moralischen Sinne) gut sein kann. Kann man armen Leuten einen Vorwurf machen, wenn sie geizig und egoistisch sind? Brecht: «Eine Verbesserung der zwischenmenschlichen Lage ist nur durch eine Verbesserung der ökonomischen Lage zu erreichen.» Daneben geht es aber auch um die zwei verschiedenen Arten von Liebe, nicht umsonst trug das Stück lange den Arbeitstitel Ware Liebe.

Ware Liebe

Wahre Liebe

  • «Heiraten wir ein bisschen Geld!»
  • «Er hat sich schon nach ihren Vermögensverhältnissen erkundigt; das beweist wohl wahre Liebe.»
  • «Haben Sie schon etwas über die Macht der Liebe gehört?»
  • Treue, Hingabe, Vertrauen, Wärme
  • Geborgenheit, Nachgiebigkeit
  • Wirklichkeit wird positiv gesehen
  • Sorgen und Freuden teilen
  • Leichtsinn

 

DER KAUKASISCHE KREIDEKREIS - 1944

In einem zerstörten kaukasischen Dorf findet ein Streitgespräch zwischen zwei Parteien statt, in dem es um die Rechte an einem Tal geht. Der Kolchos "Galinsk" besass es schon seit langer Zeit und hat das Gesetz auf seiner Seite. Er musste jedoch im Krieg das Land aus Sicherheitsgründen verlassen. Der Kolchos "Rosa Luxemburg" kümmerte sich während des Krieges darum und verteidigte es und konnte es auch besser verwerten. Nach der friedlichen Einigung erscheint ein Sänger und führt mit den Leuten vom Kolchos "Rosa Luxemburg" ein Theaterstück namens "Der Kreidekreis" auf: In alter, blutiger Zeit werden nach dem Sturz des Grossfürsten alle Gouverneure Grusiniens hingerichtet, darunter Georgi Abaschwili. Seine verwöhnte Frau Natella kann mit ihren Kleidern entfliehen, lässt aber ihr Kind zurück, das gleich darauf von den neuen Machthabern gesucht wird. Die Magd Grusche nimmt es auf und bringt es durch alle Gefahren unter vielen Opfern in Sicherheit, wobei sie es liebgewinnt wie ein eigenes. Bevor sie mit ihm aus der Stadt flieht, verlobt sie sich mit dem Soldaten Simon Chachava, der nun auch in den Krieg hineingezogen wird und kämpfen muss. Auf ihrer Flucht nimmt Grusche viele Mühen und Strapazen auf sich, sodass es Michel an nichts fehlt: Sie kauft Milch, kümmert sich um eine Bleibe in der Nacht und versteckt ihn vor feindlichen Soldaten. Nach einiger Zeit erreicht sie, schon krank und schwach, des Hof ihres Bruders Lavrenti Vachnadze, wo sie sich langsam erholt und längere Zeit bleibt. Um dem Bruder (und vor allem dessen herrischer Frau) nicht dauernd zur Last zu fallen, heiratet sie einen sterbenden Bauer, der jedoch wider Erwarten rasch gesund wird. Der behandelt sie tyrannisch, doch kann sie nichts machen, ist sie doch verheiratet mit ihm. Eines Tages trifft sie Simon, ihren Verlobten, doch als dieser von Ehemann und Kind erfährt, verschwindet er wieder, ohne dass Grusche Zeit findet, ihm alles zu erklären. Gleichzeitig bringen Soldaten Michel weg, die um seine wahre Identität Bescheid wissen. Der Angriff der Perser doch noch abgewehrt werden, die alten Fürsten kehren zurück; die Palastwache wechselt die Seite erneut. Vor einem Gericht klagt Natella Abaschwili, die Gouverneursfrau, Grusche der Entführung Michels an. Sie braucht den Kleinen, um ihre Ansprüche auf das grosse Erbe geltend machen zu können. Doch die Palastwache hatte zur Zeit der politischen Wirren den Dorfschreiber Azdak zum Richter gemacht, und Azdak behielt das Amt auch nach der Rückkehr der Fürsten, weil er einst einem von ihnen das Leben gerettet hatte. Während des Prozesses gelingt es dem Richter nicht, Klarheit über die wahre Mutter Michels zu erlangen. Er beschliesst, die berühmte Probe mit dem Kreidekreis durchzuführen: Die Kontrahenten stellen sich in den Kreis und ergreifen je eine Hand des Kindes. Die richtige Mutter soll dabei die Kraft haben, das Kind herauszuziehen. Natella Abaschwili geht zweimal als Siegerin hervor, da Grusche Michael nicht verletzen will und ihn loslässt. Daraufhin wird der kleine ihr zugesprochen, da Azdak nur Grusche mütterliche Liebe zuerkennt (vgl. das Urteil von Salomo im Alten Testament). Azdak scheidet auch gleich noch die Ehe Grusches mit dem tyrannischen Bauern und macht so den Weg frei für die Vermählung mit Simon, der inzwischen die ganze Wahrheit erfahren hat.

Die Fabel entstammt einem chinesischen Singspiel des 13. Jh.s, verfasst von Li Hsing-tau. Brecht benutzt die Kreidekreisprobe als Spielmoment für sein Stück, das Zusammengehörigkeit, Besitz nicht nach biologischen oder tradierten, formal-juristischen Gesichtspunkten beurteilt wissen will, sondern nach dem Massstab der Produktivität. Grusche, die Magd, nimmt anfänglich das Kind nur seufzend, aber je mehr sie durch das Kind in materielle Not gerät, um so stärker wird ihre Einsicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse. Daraus resultiert jene Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit, durch die Grusche zur Mutter für das Kind werden kann. Am Schluss des Stücks wird diese Lehre aus dem Beispiel Grusches ins Allgemeine ausgeweitet: «Dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind.», womit der Bogen geschlagen wird zum einleitenden Streit um das Tal, das zuletzt denen zugesprochen wird, die es am besten zu nutzen versprechen. Das Stück, wegen seines politischen Gehalts von Anfang an heftig umstritten, ist ein Schulbeispiel für das epische Theater Brechts und seiner Verfremdungstechnik. Der Sänger tritt, indem er die Szenenfolge exponiert, begleitet und kommentiert, im Stil des epischen Erzählers dem Geschehen gegenüber und ermöglicht so durch Verfremdung jene Distanz zwischen Schauspielern und Publikum, die eine kritische Beurteilung der vorgeführten Verhaltensweisen erlaubt. So wird nacheinander erzählt, was sich gleichzeitig ereignet - zuerst die Geschichte Grusches, dann die des Azdak, ehe in der Gerichtsszene die beiden Handlungsstränge verknüpft werden. Dieses künstliche Auseinanderfalten simultaner Ereignisse beugt der möglichen Einfühlung des Zuschauers in das Spiel vor. Denn tatsächlich soll der Vorgang ja als eine Utopie, die es erst noch zu realisieren gilt, bewusst gemacht werden.

 

BRECHTS DRAMATURGIE

Aristoteles Bertolt Brecht
  • Drei Einheiten (Ort/Zeit/Handl.)
  • phobos (Furcht/Schrecken)
  • eleos (Mitleid)
  • katharsis (Reinigung)
  • Identifikation mit
    Schauspieler
  • Verhinderung der Identifikation durch V-Effekte (unrealistisches)
  • Keine Einheiten (Illusionsverminderung)
  • Erzählende Kommentare für das Publikum
  • Lieder (Verdeutlichungen, Auflockerung)
  • Verfremdung statt Identität (z.B. gespaltene Hauptrolle)
  • Häufig Interpretation offen
Elemente des epischen Theaters am Beispiel "Der gute Mensch von Sezuan"

 

BERÜHMTE ZITATE

«Wer A sagt, muss nicht unbedingt auch B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.»
«Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral.»
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