Georg Büchner (1813-1837)
Georg Büchner wurde am 17. Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren und starb am 19.
Februar 1837 in Zürich. Seine drei Bühnenstücke Dantons Tod, Woyzeck und Leonce und Lena beeinflussten die Entwicklung des deutschen Dramas massgeblich und gelten als Vorläufer der naturalistischen Dramen. Ebenso sind sie Vorbilder des Expressionismus.
Als Arztsohn studierte Büchner in Strassburg und später in Giessen Naturwissenschaften, Medizin und Philosophie. In Giessen befasste sich Büchner ausführlich mit der Geschichte der Französischen Revolution und begann, sich als Gegner der Reaktion politisch zu engagieren. 1834 verfasste er unter dem Motto "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" die Flugschrift Der Hessische Landbote. Schon bald nahm er eine führende Rolle in der politischen Opposition Oberhessens ein und betrieb deren Umgestaltung von liberal-demokratischer Oppostion zu sozial-revolutionärer Agitation. Von seinem Vater wurde Büchner nach Darmstadt zurückbeordert, wo er sein erstes Stück zu schreiben begann. Aufgrund seiner radikalen politischen Aktivitäten musste Büchner 1835 fliehen. In Strassbourg lebte Büchner als Emigrant, betrieb keine Politik mehr, machte aber naturwissenschaftliche Untersuchungen.
In Zürich nahm er einen Lehrauftrag als Privatdozent an und widmete sich danaben dem
Schreiben. Sein erstes Stück, die Tragödie Dantons Tod,
verfasste er 1835. Er zeigt darin anhand des Schicksals des französischen Revolutionärs Georges Jacques Danton den verhängnisvollen Lauf der Geschichte auf und bringt dadurch wohl auch seine eigene Enttäuschung über den Ausgang der Französischen Revolution zum Ausdruck. Büchners einziges Lustspiel Leonce und Lena ist ein
sozialkritisch-satirisches Stück. Das Drama Woyzeck, das
erste soziale Drama in Deutschland, schildert die Tragödie eines einfachen verwirrten Mannes, der unter dem Druck gesellschaftlicher Ungerechtigkeit zum Mörder seiner Geliebten wird. In dem bei Büchners Tod unvollendeten Stück kommt seine pessimistische Lebenshaltung besonders stark zum Ausdruck. Den Stoff des Dramenfragments verarbeitete der österreichische Komponist Alban Berg zu seiner berühmten Oper Wozzeck (uraufgeführt 1925). In seiner einzigen hinterlassenen Novelle Lenz versucht Büchner die Krankheit des unglücklichen Dichters J. M. R. Lenz (Zeitgenosse Goethes, Sturm und Drang-Exponent) von innen heraus zu schildern. Im Alter von nur 24 Jahren starb Georg Büchner 1837 in Zürich an Typhus.

Nachdem 1830 ein Bauernaufstand in Södel brutal niedergeschlagen wurde, lernt Büchner
Weidig, den Präsident der Giessener "Gesellschaft für Menschenrechte" kennen.
1834 schrieb Büchner den Hessischen Landboten, der von F. L. Weidig überarbeitet wurde.
Weidig hat Büchners allzu harte Kritiken und Angriffe rausgekürzt, dafür aber
Bibelstellen eingefügt, um die Wirkung auf das einfache Volk zu verstärken. Geplant
waren mehrere solche Botschaften, es blieb bei dieser einen, die in 300facher Auflage
gedruckt wurde. Der Text hat seinen Zweck nicht erreicht: Die Bauern haben die Schrift aus
Furcht abgeliefert. Während der polizeilichen Verfolgung starb Weidig, während der
leidenschaftliche Fischer Büchner nach Frankreich floh. Er betrieb fortan keine Politik
mehr.
Inhalt
Im Hessischen Landboten will Büchner die Bauern aufrütteln, gegen die Unterdrückung
durch die Vornehmen zu protestieren. Er zeigt auf, dass das Leben der Reichen durch die
Schinderei der Armen ein langer Sonntag ist und viel zu viele Abgaben an den Staat
geleistet werden müssen. Er zeigt das Missverhältnis zwischen Arm und Reich auf, macht
verschiedene konkrete Beispiele (Gesamtabgaben, Gerechtigkeitspflege, Militär..). Weiter
betont er, dass etwa 700'000 Menschen im Grossherzogtum Hessen schwitzen, stöhnen und
hungern, um die Abgaben für den Staat bezahlen zu können. Diese Abgaben werden verlangt,
um die Ordnung im Staate aufrechtzuerhalten. Doch Büchner macht bewusst, was Ordnung
bedeutet; nämlich dass 700'000 Menschen zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht und
unmenschlich geschunden werden. Den Bauern soll bewusst werden, dass alle Abgaben, die sie
leisten, wiederum gegen sie verwendet werden. Büchner will den Bauern die Augen öffnen,
dass die Macht der Masse durchaus vorhanden ist, um gegen die herrschenden Verhältnisse
einen Aufstand zu machen.
Rhetorische Mittel
- Metaphern, Zahlen --> dokumentarische Literatur
- Übertreibung, aggresive Härte, Zuspitzung, Drastik, starke und kritische Betonung,
Gegensätze
- nicht intellektuell, Bibelsprüche, Aufforderungscharakter,
- rhetorische Fragen, Wiederholungen, Anaphern, ironische Redewendungen
Die Handlung des Dramas setzt zum Zeitpunkt ein, an dem Danton alle politische Aktivität bereits
aufgegeben hat. Seine Skepsis kontrastiert scharf mit dem Bild des dynamischen, ungebrochenen
Revolutionärs, das seine Anhänger beschwörend aufrechterhalten. Sie sind sich darin einig,
dass die Revolution ins Stadium der Reorganisation treten und das Chaos einer neuen, elastischen
Staatsform weichen müsse, die sich dicht an den Leib des Volkes schmiegt. Das universale
Glücksversprechen, mit dem die Revolution die geknechteten Volksmassen gewann, soll durch eine neue
Ethik erfüllt werden. Danton, der bestürmt wird, das politische Konzept seiner Anhänger
vor dem Nationalkonvent durchzusetzen, zögert und lehnt desillusioniert ab. Seine Tragik, die sich
schon in den ersten Szenen andeutet, erwächst nicht etwa daraus, dass seine durch überhelles
Bewusstsein gebrochene Tatkraft sich gegen Robespierre nicht durchzusetzen vermöchte, sondern aus
dem Verzicht auf jedes politische Handeln. Dantons Gegenspieler Robespierre, der in den folgenden Szenen
des ersten Aktes als Redner vor einer aufgebrachten Volksmenge auftritt, beugt dagegen jeden Widerstand
durch seine asketische Strenge und die zynische Rationalität seines entfesselten Machtwillens:
"Der Schrecken ist ein Ausfluss der Tugend, er ist nichts anderes als die schnelle, strenge und
unbeugsame Gerechtigkeit!" Er wirft der Gruppe um Danton vor, das sie das Erbe des Aristokratismus
angetreten habe; ihre Lasterhaftigkeit sei gefährlich. Dantons Anhänger, die ihn warnen wollen,
finden ihn bei Marion, einer Dirne des Palais Royal. Was Robespierre in seinem totalitären
Tugendutopismus Dantons "Lasterhaftigkeit" nannte, ist ein verfeinerter Sensualismus, eine eingestanden
gegenrevolutionäre Genussbereitschaft. Danton weiss, dass sie ihm schaden wird; denn aus
vorrevolutionärem Ressentiment hasst das Volk die Geniessenden. Mittelpunkt des ersten Akts ist der
grosse Dialog zwischen Danton und Robespierre. Während dieser sich wiederum nur bemüht, in
Danton den Vertreter einer parasitären Ideologie dadurch vernichtend zu treffen, dass er das Laster
zum Hochverrat erklärt, entlarvt Danton die kleinbürgerliche Tugendrechtschaffenheit
Robespierres als verbitterte Genussfeindschaft, die nur das elende Vergnügen kennt, andere
schlechter zu finden als sich selbst. Robespierre zaudert zunächst, lässt sich aber von seinem
entschlossenen Parteigänger Saint-Just bald umstimmen und billigt die vorbereiteten Massnahmen gegen
Danton. Der Beginn des zweiten Aktes macht deutlich, wie wenig Danton an Auflehnung und Kampf denkt.
Seine Langeweile schlägt um in Sehnsucht nach dem "Asyl im Nichts", nach endgültiger Ruhe. Er
bleibt untätig im Vertrauen auf sein unantastbares Ansehen im Volk: "Sie werden's nicht
wagen!" In einem Alptraum sieht er die Menschen als Spielbälle ihrer inneren
Gewalttätigkeit. Schon erscheinen Bürgersoldaten und verhaften ihn und seine Freunde. Vor dem
Nationalkonvent wird Legendres Antrag auf Anhörung Dantons abgewiesen. Saint-Just heisst Dantons
Satz, die Revolution fresse ihre eigenen Kinder, ironisch gut: "Sie zerstückelt die Menschheit,
um sie zu verjüngen." Der dritte Akt behandelt den Prozess gegen Danton. Im Palais Luxemburg
sitzen die Revolutionäre Chaumette, Payne, Mercier und Hérault Séchelles und
diskutieren pantheistische, deistische und atheistische Philosophien, v.a. Spinoza, Voltaire und Anaxagoras. Die folgende Szene zeigt, wie die
Geschworenenauswahl für Dantons Prozess manipuliert wird. Danton beklagt sich über das von ihm
geschaffene Revolutionstribunal: gegründet, Unschuldige zu retten, ist es nun ein Instrument des
Justizmords. Vor diesem Gericht spielt die nächste Szene, in der Danton der Konspiration beschuldigt
wird.
Die "Verschwörung" eines inhaftierten betrunkenen Generals zur Befreiung Dantons wird von St.
Just als brauchbares Mittel gegen Danton bewertet. Später zeigt Büchner Danton erneut in
Lethargie: er sucht Ruhe, aber nicht in Gott, wie Philippeau vermutet, sondern im "Nichts". Die
nächste Kurzszene bringt die Übermittlung der Denunziation. Vorläufig gelingt es Danton,
die Sitzung vor dem Revolutionstribunal für sich zu nutzen; die Stimmung in der Versammlung ist
günstig: "Es lebe Danton, nieder mit den Dezemvirn!" Doch dann genügt das "Argument"
eines Bürgers, Danton sei ein wohlhabender Fresser, Säufer und Lustmolch, um den Volkshaufen
für Robespierre zu gewinnen. Das letzte Aufbäumen Dantons war vergeblich. Vor der Hinrichtung
greift Camille zu einer Erbauungsschrift als Trostmittel, Danton dagegen zu Voltaires Spottwerk über
die heilige Jungfrau von Orleans. Die Dantonisten nehmen Abschied voneinander, während Julie
Selbstmord begeht. Auf dem Revolutionsplatz erfährt man, was das Volk denkt: Die Hinrichtungen sind
eine Ablenkung von existentiellen Sorgen. Zuletzt irrt Lucile durch die Strassen, als sie von der
vollzogenen Hinrichtung hört. Am Revolutionsplatz schliesslich verurteilt sie sich selbst zum Tod,
indem sie den König hochleben lässt. Während sie abgeführt wird, ruft ein
Bürger: "Im Namen der Republik!"
Büchner erkennt als unausweichliche Gesetzmässigkeit der Geschichte, das einer Revolution der
Armen gegen die Reichen, so wie er sich wünscht, Revolutionen des Bürgertums gegen den Adel
vorausgehen, die nur eine Geldaristokratie an die Macht bringen. Hiervon handelt die Tragödie um
Dantons Tod: Die Französische Revolution hat das Schicksal der Armen nicht gebessert. Danton bleibt
dem gegenüber gleichgültig, findet in seinem Tun keinen Sinn und verfällt dem
Lebensüberdruss. Der sittenstrenge und selbstgerechte Robespierre benutzt die Unzufriedenheit des
Volkes nur, um weitere Hinrichtungen zu rechtfertigen. Die Geschichte geht über beide Männer
hinweg; Robespierre wird seinem Opfer Danton bald nachsterben. Die irdisch-sinnliche Liebe der Frauen
dagegen, die ihren Geliebten in den Tod folgen, weist in eine noch offene Zukunft, in der irdisches
Glück, Genuss und Liebe, vielleicht möglich sein werden. Wie in allen Büchner-Dramen
spielen auch hier die Langeweile und der Genuss eine wichtige Rolle; im Namen Büchners bekennt sich
Danton hier ausdrücklich zur Philosophie Epikurs. In der
ersten Szene des dritten Akts wird allerdings auch Anaxagoras
erwähnt. Mit diesem Drama verarbeitete Büchner auch die Enttäuschung über seine
gescheiterten politischen Pläne.

Dramatis personae
| Leonce |
Prinz vom Reiche Popo, er ist unterbeschäftigt, philosophiert gerne, humorvoll,
sympathisch, romantisch veranlagt, nicht zweckgebunden, kein Philister/Spiesser |
| Lena |
Prinzessin vom Reiche Pipi, sanft, lieb, unterwürfig, etwas selbstmitleidig,
romantisch |
| Valerio |
eine Art Hofnarr, Begleiter von Leonce, humorvoll, witzig, Philosoph, recht
intelligent und besonders sprachgewandt |
| Gouvernante |
Begleiterin von Lena, mütterlich besorgt, mitfühlend |
| König Peter |
Vater von Leonce, König von Popo, zerstreut, verlegen, schlechtes Gedächtnis,
Pseudo-Denker |
Absolutismuskritik
- Darstellung des Königs ist ironisch
- König langweilt sich, Woyzeck verhungert
- König handelt nach Lust und Laune, meistens aber gar nicht
- Marionettenuntertanen, blinde Gefolgschaft
- Dynastische Heiraten
- Lähmende, zerstörerische Wirkung des Zwangs
- Menschen sind Automaten
Ironischer Abgang auf die Romantik
- irgendwie ist alles romantisch, wird aber oftmals ins Lächerliche gezogen
- Italienssehnsucht
- Naturbeschreibungen
- Prinz - Prinzessin
- Liebesromanze mit Happy-End
- Nicht-zweckgebundene Einstellung Leonces
Langeweile
- Wie in Woyzeck schon, ist auch die Langweile hier wieder ein bedeutendes Element
- Die Langeweile wird durch Denken und sinnloses Philosophieren überdeckt
- Leonce kann nichts mehr glauben, lässt seine Gedanken spielen, alles ist gleichgültig
- Liebe kann die Langeweile vertreiben, sie verleiht Flügel, während die Langeweile den
Menschen lähmt
- Was Menschen tun, tun sie nur, weil sie nichts anderes zu tun wissen
Handlungsübersicht
Der Prinz Leonce und die Prinzessin Lena sind zwangsverlobt, obwohl sie nicht
voneinander wissen, einander nicht einmal gesehen haben. Leonce muss Abschied nehmen von
seiner Geliebten Rosetta, empfindet Wehmut. Am gleichen Tag kündigt ihm der Präsident im
Auftrag seines Vaters an, dass am nächsten Tag seine zukünftige Braut eintreffen werde.
Leonce flieht mit seinem Freund Valerio Richtung Süden. Unterdessen ist auch die
Prinzessin mit ihrer Gouvernante unterwegs. Die Prinzessin kann nicht verstehen, warum sie
jemanden heiraten soll, den sie nicht liebt. Die Gouvernante empfindet Mitleid mit ihr.
Leonce und Valerio sind schon sehr weit gelaufen, Valerio ist schlapp. Sie machen nach
der langen Reise Rast in einem Wirtshaus. Auch Lena und die Gouvernante haben ihr
Nachtquartier bezogen. Leonce und Valerio philosophieren im Garten vor dem Wirtshaus, als
die beiden Frauen auftreten. Nach einem kurzen Gespräch gehen sie ins Haus. Leonce lässt
die sanfte Stimme von Lena nicht mehr los, während sie über Leonce nachdenkt. In der
Nacht sitzt Lena im Garten, Leonce nähert sich ihr leise und küsst sie. Sie springt auf
und rennt davon. Leonce will sich danach umbringen, wird aber von Valerio daran gehindert.
Leonce verspricht seinem Freund, ihn zum Minister zu ernennen, wenn es Valerio gelingen
sollte, eine Heirat zwischen der schönen Dame und Leonce zu arrangieren.
Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die bevorstehende Hochzeit im Reiche Popo auf
Hochtouren, sogar das Volk wird extra instruiert. Als Prinz und Prinzessin nirgends zu
sehen sind, scheint die ganze Sache im Eimer zu sein. König Peter ist völlig aus der
Rolle, als er erfährt, dass auch die Prinzessin verschwunden ist. Er lässt die Grenzen
sperren und alles beobachten. Plötzlich treten vier maskierte Gestalten auf. Valerio
spricht und stellt die Gestalten als Maschinen, ein Männchen und ein Weibchen, vor. Er
sagt, die Maschinen würden beginnen, sich zu lieben. Da lässt König Peter die Zwei
anstelle von Leonce und Lena heiraten. Als das "Amen" gesprochen ist, ziehen die
Gestalten ihre Masken ab. König Peter ist elendiglich zumute, bis sich herausstellt, dass
die andere Personen, die zur Frau seines Sohnes wird, ja tatsächlich Prinzessin Lena ist.
Nun sind alle glücklich und Peter übergibt seine Regierungsgeschäfte dem Sohn Leonce.
WOYZECK - Fragment (1837)
| Woyzeck |
Marie |
Tambourmajor |
- unsicher, zerstreut
- sensibel, eigentlich sehr lieb
- unkontrolliert, unstetig
- finanziell & gesundheitl. angeschlagen
- naiv, mitleiderregend
- furchteinflössend, verrückt, psychotisch, wahnsinnig, depressiv, jähzornig
- keine Ehe, vor Öffentlichkeit niedrigster Stand
- Probleme mit Geliebter
- ausgenützt
- intelligent, gehetzt, nicht realitätsbezogen, etc.
|
- schön, hübsch
- ängstlich
- untreu, unehrlich
- begierig, ausnützend
- arm, schuldbewusst
- fromm
- stark, respekteinflössend
- gutes Herz
- einsam, stolz, sinnlich
- träumend
- wird gleichgültig, erwartet etwas
|
- männlich
- selbstbewusst, arrogant
- selbstsüchtig, grobredend
- egoistisch, oberflächlich
- Macho, Imponiergehabe
- Angeber, Verführer
- Säufer (Branntwein)
- Prügelknabe
- ungebildet aber nicht dumm
|
Historischer Hintergrund
Am 21.6.1821 hatte Johann Christian Woyzeck, ein Perückenmacher aus Leipzig, seine
Geliebte - eine fünf Jahre ältere Witwe - aus Eifersucht erstochen. Sie hatte sich nicht
an ihre Verabredung gehalten, sondern war statt dessen mit Soldaten ausgegangen. Es war
ein geplanter Eifersuchtsmord, was der Messerkauf bewies. Am 27. August 1824 wurde er auf dem Marktplatz
zu Leipzig in aller Öffentlichkeit hingerichtet.
Der Fall wurde bekannt durch die vielen psychiatrischen Gutachten, die bezeugen
sollten, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat nicht voll zurechnungsfähig war
(Stimmen sollen ihn verfolgt haben). Büchner lernte Woyzeck von den Arztzeitschriften
seines Vaters kennen, die den Fall Woyzeck diskutierten.
Sozialkritik, Welt- und Menschenbild
Das Soldatentum wird massiv kritisiert. Das Verhältnis zwischen Arm und Reich wird
thematisiert. Durch das ganze Stück zieht sich das Motiv materieller und seelischer
Armut.
Die Welt wird als verderblich betrachtet, auch der Mensch ist vergänglich, ist nur ein
kleines Etwas. Er hat es schwer, seinen Willen durchzusetzen, denn die Realität ist
stärker als der Wille des Einzelnen.
Form des Dramas
- Vom Dialekt geprägte realistische Sprache
- Einfache Form, kurze Sätze, viele Imperative
- Alles in "Er"-Form, wenig direkte Anreden -> Unterwürfigkeit
- Dialektreden in hessischem Dialekt
- Expressive Sprache (ziemlich modern)
- Grelle Szenen
- Gewisse Tabulosigkeit (Gegensatz zur Klassik)
- Offene Form (Klassik: 5 Akte!) mit innerem Faden; keine Einheit von Ort & Zeit
- Kein Happy end, Woyzeck als Antiheld
- Dichte des Werkes (atmosphärisches zwischen den Zeilen); Eisberg-Struktur
- Bibelzitate, Aberglauben, trauriges Märchen, Volkslied, Berührung mit Volksliteratur
- Leitmotive (Stimmen, "Stich zu!"-Element)
- Symbolische Textelemente (Märchen, Handwerker)
- Mischung von Komik und Tragik
- Drama des Vierten Standes (ANTI: Romantik, Klassik, Idealismus)
- Früher Realismus
- Fragment geblieben (durch frühen Tod Büchners)
Handlungsübersicht
Als Woyzeck den Hauptmann rasiert, wirft dieser ihm vor, er habe kein Moral, dafür ein uneheliches
Kind. Beim Steckenschneiden mit Andres hat Woyzeck erste Wahnvorstellungen, er leidet unter
imaginären Geräuschen. Derweil beobachtet seine Marie eine Soldatenparade und macht dem
Tambourmajor schöne Augen. Als Woyzeck erscheint und von seinen Vorstellungen spricht, versteht sie
ihn nicht. Der Doktor hält ihm zuerst mal eine Moralpredigt, weil er an die Wand gepisst habe. Vom
Doktor wird Woyzeck als Versuchskaninchen benutzt; er darf sich ausschliesslich von Erbsen ernähren.
Deshalb freuen ihn Woyzecks Fantastereien, seinen Zustand findet er interessant für Untersuchungen.
Der Doktor ist unmenschlich, skrupellos, sarkastisch, zynisch und offenbar von Grössenwahnsinn
zerfressen; er will der Beste in seinem Fach sein. Auf dem Markt trifft der Tambourmajor Marie wieder,
die er haben will. Während Woyzeck vom Doktor seinen Studenten vorgeführt wird, sieht man Marie
und den Tambourmajor bereits in ihrer Kammer. Zurück bei Marie, bemerkt Woyzeck ihre Ohrringe; er
glaubt ihr nicht, dass sie gleich zwei gefunden habe. Als er in einen Streit zwischen dem Hauptmann und
dem Doktor, die sich nicht riechen können, platzt, macht der Hauptmann Andeutungen über Maries
Affäre. Woyzeck stellt sein Weib zur Rede und wirkt dabei völlig wirr. Marie streitet alles ab
und Woyzeck geht unverrichteter Dinge wieder. Als er sich allein auf freiem Feld befindet, glaubt er,
Stimmen zu hören, die ihm befehlen, Marie zu töten. Woyzeck trifft den Tambourmajor im
Wirtshaus, sie ringen miteinander, wobei der schwächliche Woyzeck natürlich unterliegt. Woyzeck
träumt, er solle Marie erstechen. Bei einem Juden kauft er sich ein Messer. Marie wundert sich
schon, wo er so lange bleibe, als er sie abholt, um einen kleinen Spaziergang im Wald zu machen. Bei
Dunkelheit will sie heimkehren, doch er lässt sie nicht gehen. Nach zweideutigen Bemerkungen, die
sie immer noch nicht verstehen will, sticht Woyzeck so lange auf sie ein, bis sie tot ist. Dann wirft er
das Messer fort und geht zum Kind, das ihn abweist und fürchterlich schreit. Da er vergass, sich die
Blutflecken abzuwischen, sind die Leute im Wirtshaus entsetzt. Der verstörte Woyzeck läuft zur
Mordstelle zurück, um sein Messer zu holen und geht ins Wasser, um sich zu waschen. Der Mord wird
entdeckt.
LENZ - Novelle (1837)
"Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee,
die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt,
das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen
hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so
dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das
Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg,
bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm,
dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte."
| Lenz |
junger Mann, blonde Locken, bleiches Gesicht; komische Gemütszustände, Symptote:
Verfolgungsangst, Leere, Traurigkeit, Langeweile, Liebesprobleme, Stille, Beengung,
gestörte Wahrnehmung, religiöser Wahn, masochistische Anwandlungen, Empfindsamkeit,
Regression zur Kindheit |
| Pfarrer Oberlin |
guter, lieber Mensch, gottesfürchtig und religiös |
Lenz geht durchs Gebirge. In der Brust hat er ein Engegefühl. Als er auf dem höchsten
Gipfel steht, ist es ihm, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm her. Er will nach
Waldbach. Erst als er sich der Zivilisation nähert, wird ihm leichter ums Herz. Er geht
ins Pfarrhaus zu Oberlin, bestellt ihm Grüsse von einem Bekannten und stellt sich vor.
Oberlin glaubt, schon einige Dramen von Lenz gelesen zu haben und nimmt ihn freundlich
auf. Er erzählt bis tief in die Nacht hinein von seiner Heimat, wobei ihm in dieser
Gesellschaft wohl ist. Er bekommt ein grosses, leeres Zimmer im Schulhaus gegenüber. Als
er den Tag Revue passieren lässt, fühlt er eine ungeheure, bedrohliche Finsternis. Er
fügt sich Schmerz zu, um zu Bewusstsein zu kommen, aber erst der Sprung in einen Brunnen
zeigt die ersehnte Wirkung. Danach kann er endlich einschlafen. Am nächsten Tag reitet er
mit Oberlin durchs Gebirge, die Natur macht einen starken Eindruck auf ihn. Oberlin
besucht viele Leute, gibt Rat und tröstet. Am Abend, als die Dunkelheit kommt, kommt auch
die furchtbare Angst wieder, erneuter Sprung ins kalte Wasser. Zunehmend wird Lenz aber
ruhiger, unterstützt Oberlin, zeichnet und liest die Bibel. Er hat wieder
Naturerlebnisse. Lenz soll sogar einmal predigen. Sobald er beschäftigt ist, wird er
ruhig, auch in der Nacht. Als Lenz predigt, wird ihm wohl und leicht. Er findet irgendwie
Trost durch seine Zuhörer. In der folgenden Nacht erscheint ihm seine Mutter; er glaubt,
sie sei gewiss tot. Oberlin erzählt ihm auch so ein Erlebnis. In dieser Zeit kommt
Kaufmann mit seiner Braut ins Steintal, was Lenz unangenehm ist, da es ihn an früher
erinnert. Bei einer Diskussion über Literatur äussert sich Lenz detailiert zu seinen
Ansichten. Lenz mag keinen Idealismus, denn dies sei die schmählichste Verachtung der
menschlichen Natur. Ihm ist der Dichter am liebsten, der die Natur am wirklichsten
widergibt. Er beschreibt Bilder von Rembrandt. Nach dem Essen erzählt ihm Kaufmann, er
habe Briefe vom Vater erhalten, Lenz solle zurück, um ihn zu unterstützen. Lenz gerät
ausser sich, denn er will nicht weg, er hat sich endlich ein aushaltbares Leben
geschaffen. Schliesslich geht man auseinander, Lenz sichtlich verstimmt. Am folgenden Tag
überredet der Kaufmann Oberlin, mit ihm in die Schweiz zu reisen, um Lavater persönlich
kennenzulernen. Lenz fürchtet sich vor der Abreise, denn er hängt sehr an Oberlin. Er
beschliesst, die beiden zu begleiten, doch bereits nach einem Stück trennen sie sich
wieder, Lenz kehrt allein zurück. Als es Abend wird, findet er Unterschlupf in einer
Hütte, wo er auf einen Heiler trifft, der ein junges Mädchen behandelt. Am Morgen kommt
Lenz heim zum Pfarrhaus; die Nacht beim Heiler hat Eindrücke hinterlassen: schnell
wechselnde Gefühle. Er fragt Madame Oberlin, was das Mädchen mache, dessen Schicksal ihm
am Herzen liegt. Er vertraut ihr an, dass er sich fühle, als ob er gleich ersticken
würde. Er erfährt, dass das Kind gestorben ist, will zu ihm und es aufwecken. Der
Versuch misslingt, er verliert den Glauben an Gott. Er dreht fast durch, als Oberlin
widerkommt und ihm sagt, er solle doch nach Hause zu seinem Vater. Lenz stumpft ab und
kann Gott trotz wiederholter Mahnung von Oberlin nicht mehr finden. Er geht mit einem
Schulmeister zum Grab des Kindes, erschreckt die Leute und gibt sich als Mörder aus. Er
kehrt zum Pfarrer zurück, findet aber keine Ruhe mehr. Er lebt in einer schrecklichen
Leere, in Angstträumen und nicht in der Realität. Er bekommt Anfälle, vor allem in der
Nacht. Er macht halbernstgemeinte Selbstmordversuche, die allesamt scheitern. Lenz kann
nicht mehr schlafen, wird unerträglich und unberechenbar. Er wird schliesslich nach
Strassburg fortgebracht. Er fühlt eine entsetzliche Leere in sich, sein Dasein ist ihm
eine notwendige Last.
- Chronikstil (Tätigkeitswörter überwiegen), geniale Verdichtung der Situation
- luzide, expressionistische Sprache mit vielen Vergleichen
- sehr präzise, zeigt viele Gemütszustände (Äusseres als Spiegel des Inneren)
- sehr komplexe, lange Sätze, die trotzdem verständlich wirken