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Last Update: 07.12.04
 

 
 

Georg Büchner (1813-1837)

Georg Büchner wurde am 17. Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren und starb am 19. Februar 1837 in Zürich. Seine drei Bühnenstücke Dantons Tod, Woyzeck und Leonce und Lena beeinflussten die Entwicklung des deutschen Dramas massgeblich und gelten als Vorläufer der naturalistischen Dramen. Ebenso sind sie Vorbilder des Expressionismus.

Georg Büchner Als Arztsohn studierte Büchner in Strassburg und später in Giessen Naturwissenschaften, Medizin und Philosophie. In Giessen befasste sich Büchner ausführlich mit der Geschichte der Französischen Revolution und begann, sich als Gegner der Reaktion politisch zu engagieren. 1834 verfasste er unter dem Motto "Friede den Hütten, Krieg den Palästen" die Flugschrift Der Hessische Landbote. Schon bald nahm er eine führende Rolle in der politischen Opposition Oberhessens ein und betrieb deren Umgestaltung von liberal-demokratischer Oppostion zu sozial-revolutionärer Agitation. Von seinem Vater wurde Büchner nach Darmstadt zurückbeordert, wo er sein erstes Stück zu schreiben begann. Aufgrund seiner radikalen politischen Aktivitäten musste Büchner 1835 fliehen. In Strassbourg lebte Büchner als Emigrant, betrieb keine Politik mehr, machte aber naturwissenschaftliche Untersuchungen. In Zürich nahm er einen Lehrauftrag als Privatdozent an und widmete sich danaben dem Schreiben. Sein erstes Stück, die Tragödie Dantons Tod, verfasste er 1835. Er zeigt darin anhand des Schicksals des französischen Revolutionärs Georges Jacques Danton den verhängnisvollen Lauf der Geschichte auf und bringt dadurch wohl auch seine eigene Enttäuschung über den Ausgang der Französischen Revolution zum Ausdruck. Büchners einziges Lustspiel Leonce und Lena ist ein sozialkritisch-satirisches Stück. Das Drama Woyzeck, das erste soziale Drama in Deutschland, schildert die Tragödie eines einfachen verwirrten Mannes, der unter dem Druck gesellschaftlicher Ungerechtigkeit zum Mörder seiner Geliebten wird. In dem bei Büchners Tod unvollendeten Stück kommt seine pessimistische Lebenshaltung besonders stark zum Ausdruck. Den Stoff des Dramenfragments verarbeitete der österreichische Komponist Alban Berg zu seiner berühmten Oper Wozzeck (uraufgeführt 1925). In seiner einzigen hinterlassenen Novelle Lenz versucht Büchner die Krankheit des unglücklichen Dichters J. M. R. Lenz (Zeitgenosse Goethes, Sturm und Drang-Exponent) von innen heraus zu schildern. Im Alter von nur 24 Jahren starb Georg Büchner 1837 in Zürich an Typhus.

 

DER HESSISCHE LANDBOTE - Streitschrift (1834)

Nachdem 1830 ein Bauernaufstand in Södel brutal niedergeschlagen wurde, lernt Büchner Weidig, den Präsident der Giessener "Gesellschaft für Menschenrechte" kennen. 1834 schrieb Büchner den Hessischen Landboten, der von F. L. Weidig überarbeitet wurde. Weidig hat Büchners allzu harte Kritiken und Angriffe rausgekürzt, dafür aber Bibelstellen eingefügt, um die Wirkung auf das einfache Volk zu verstärken. Geplant waren mehrere solche Botschaften, es blieb bei dieser einen, die in 300facher Auflage gedruckt wurde. Der Text hat seinen Zweck nicht erreicht: Die Bauern haben die Schrift aus Furcht abgeliefert. Während der polizeilichen Verfolgung starb Weidig, während der leidenschaftliche Fischer Büchner nach Frankreich floh. Er betrieb fortan keine Politik mehr.


Inhalt

Im Hessischen Landboten will Büchner die Bauern aufrütteln, gegen die Unterdrückung durch die Vornehmen zu protestieren. Er zeigt auf, dass das Leben der Reichen durch die Schinderei der Armen ein langer Sonntag ist und viel zu viele Abgaben an den Staat geleistet werden müssen. Er zeigt das Missverhältnis zwischen Arm und Reich auf, macht verschiedene konkrete Beispiele (Gesamtabgaben, Gerechtigkeitspflege, Militär..). Weiter betont er, dass etwa 700'000 Menschen im Grossherzogtum Hessen schwitzen, stöhnen und hungern, um die Abgaben für den Staat bezahlen zu können. Diese Abgaben werden verlangt, um die Ordnung im Staate aufrechtzuerhalten. Doch Büchner macht bewusst, was Ordnung bedeutet; nämlich dass 700'000 Menschen zu Ackergäulen und Pflugstieren gemacht und unmenschlich geschunden werden. Den Bauern soll bewusst werden, dass alle Abgaben, die sie leisten, wiederum gegen sie verwendet werden. Büchner will den Bauern die Augen öffnen, dass die Macht der Masse durchaus vorhanden ist, um gegen die herrschenden Verhältnisse einen Aufstand zu machen.


Rhetorische Mittel

 

DANTONS TOD - Drama (1835)

Die Handlung des Dramas setzt zum Zeitpunkt ein, an dem Danton alle politische Aktivität bereits aufgegeben hat. Seine Skepsis kontrastiert scharf mit dem Bild des dynamischen, ungebrochenen Revolutionärs, das seine Anhänger beschwörend aufrechterhalten. Sie sind sich darin einig, dass die Revolution ins Stadium der Reorganisation treten und das Chaos einer neuen, elastischen Staatsform weichen müsse, die sich dicht an den Leib des Volkes schmiegt. Das universale Glücksversprechen, mit dem die Revolution die geknechteten Volksmassen gewann, soll durch eine neue Ethik erfüllt werden. Danton, der bestürmt wird, das politische Konzept seiner Anhänger vor dem Nationalkonvent durchzusetzen, zögert und lehnt desillusioniert ab. Seine Tragik, die sich schon in den ersten Szenen andeutet, erwächst nicht etwa daraus, dass seine durch überhelles Bewusstsein gebrochene Tatkraft sich gegen Robespierre nicht durchzusetzen vermöchte, sondern aus dem Verzicht auf jedes politische Handeln. Dantons Gegenspieler Robespierre, der in den folgenden Szenen des ersten Aktes als Redner vor einer aufgebrachten Volksmenge auftritt, beugt dagegen jeden Widerstand durch seine asketische Strenge und die zynische Rationalität seines entfesselten Machtwillens: "Der Schrecken ist ein Ausfluss der Tugend, er ist nichts anderes als die schnelle, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit!" Er wirft der Gruppe um Danton vor, das sie das Erbe des Aristokratismus angetreten habe; ihre Lasterhaftigkeit sei gefährlich. Dantons Anhänger, die ihn warnen wollen, finden ihn bei Marion, einer Dirne des Palais Royal. Was Robespierre in seinem totalitären Tugendutopismus Dantons "Lasterhaftigkeit" nannte, ist ein verfeinerter Sensualismus, eine eingestanden gegenrevolutionäre Genussbereitschaft. Danton weiss, dass sie ihm schaden wird; denn aus vorrevolutionärem Ressentiment hasst das Volk die Geniessenden. Mittelpunkt des ersten Akts ist der grosse Dialog zwischen Danton und Robespierre. Während dieser sich wiederum nur bemüht, in Danton den Vertreter einer parasitären Ideologie dadurch vernichtend zu treffen, dass er das Laster zum Hochverrat erklärt, entlarvt Danton die kleinbürgerliche Tugendrechtschaffenheit Robespierres als verbitterte Genussfeindschaft, die nur das elende Vergnügen kennt, andere schlechter zu finden als sich selbst. Robespierre zaudert zunächst, lässt sich aber von seinem entschlossenen Parteigänger Saint-Just bald umstimmen und billigt die vorbereiteten Massnahmen gegen Danton. Der Beginn des zweiten Aktes macht deutlich, wie wenig Danton an Auflehnung und Kampf denkt. Seine Langeweile schlägt um in Sehnsucht nach dem "Asyl im Nichts", nach endgültiger Ruhe. Er bleibt untätig im Vertrauen auf sein unantastbares Ansehen im Volk: "Sie werden's nicht wagen!" In einem Alptraum sieht er die Menschen als Spielbälle ihrer inneren Gewalttätigkeit. Schon erscheinen Bürgersoldaten und verhaften ihn und seine Freunde. Vor dem Nationalkonvent wird Legendres Antrag auf Anhörung Dantons abgewiesen. Saint-Just heisst Dantons Satz, die Revolution fresse ihre eigenen Kinder, ironisch gut: "Sie zerstückelt die Menschheit, um sie zu verjüngen." Der dritte Akt behandelt den Prozess gegen Danton. Im Palais Luxemburg sitzen die Revolutionäre Chaumette, Payne, Mercier und Hérault Séchelles und diskutieren pantheistische, deistische und atheistische Philosophien, v.a. Spinoza, Voltaire und Anaxagoras. Die folgende Szene zeigt, wie die Geschworenenauswahl für Dantons Prozess manipuliert wird. Danton beklagt sich über das von ihm geschaffene Revolutionstribunal: gegründet, Unschuldige zu retten, ist es nun ein Instrument des Justizmords. Vor diesem Gericht spielt die nächste Szene, in der Danton der Konspiration beschuldigt wird. Die "Verschwörung" eines inhaftierten betrunkenen Generals zur Befreiung Dantons wird von St. Just als brauchbares Mittel gegen Danton bewertet. Später zeigt Büchner Danton erneut in Lethargie: er sucht Ruhe, aber nicht in Gott, wie Philippeau vermutet, sondern im "Nichts". Die nächste Kurzszene bringt die Übermittlung der Denunziation. Vorläufig gelingt es Danton, die Sitzung vor dem Revolutionstribunal für sich zu nutzen; die Stimmung in der Versammlung ist günstig: "Es lebe Danton, nieder mit den Dezemvirn!" Doch dann genügt das "Argument" eines Bürgers, Danton sei ein wohlhabender Fresser, Säufer und Lustmolch, um den Volkshaufen für Robespierre zu gewinnen. Das letzte Aufbäumen Dantons war vergeblich. Vor der Hinrichtung greift Camille zu einer Erbauungsschrift als Trostmittel, Danton dagegen zu Voltaires Spottwerk über die heilige Jungfrau von Orleans. Die Dantonisten nehmen Abschied voneinander, während Julie Selbstmord begeht. Auf dem Revolutionsplatz erfährt man, was das Volk denkt: Die Hinrichtungen sind eine Ablenkung von existentiellen Sorgen. Zuletzt irrt Lucile durch die Strassen, als sie von der vollzogenen Hinrichtung hört. Am Revolutionsplatz schliesslich verurteilt sie sich selbst zum Tod, indem sie den König hochleben lässt. Während sie abgeführt wird, ruft ein Bürger: "Im Namen der Republik!"

Büchner erkennt als unausweichliche Gesetzmässigkeit der Geschichte, das einer Revolution der Armen gegen die Reichen, so wie er sich wünscht, Revolutionen des Bürgertums gegen den Adel vorausgehen, die nur eine Geldaristokratie an die Macht bringen. Hiervon handelt die Tragödie um Dantons Tod: Die Französische Revolution hat das Schicksal der Armen nicht gebessert. Danton bleibt dem gegenüber gleichgültig, findet in seinem Tun keinen Sinn und verfällt dem Lebensüberdruss. Der sittenstrenge und selbstgerechte Robespierre benutzt die Unzufriedenheit des Volkes nur, um weitere Hinrichtungen zu rechtfertigen. Die Geschichte geht über beide Männer hinweg; Robespierre wird seinem Opfer Danton bald nachsterben. Die irdisch-sinnliche Liebe der Frauen dagegen, die ihren Geliebten in den Tod folgen, weist in eine noch offene Zukunft, in der irdisches Glück, Genuss und Liebe, vielleicht möglich sein werden. Wie in allen Büchner-Dramen spielen auch hier die Langeweile und der Genuss eine wichtige Rolle; im Namen Büchners bekennt sich Danton hier ausdrücklich zur Philosophie Epikurs. In der ersten Szene des dritten Akts wird allerdings auch Anaxagoras erwähnt. Mit diesem Drama verarbeitete Büchner auch die Enttäuschung über seine gescheiterten politischen Pläne.

 

LEONCE UND LENA - Lustspiel (1836)

Dramatis personae

Leonce Prinz vom Reiche Popo, er ist unterbeschäftigt, philosophiert gerne, humorvoll, sympathisch, romantisch veranlagt, nicht zweckgebunden, kein Philister/Spiesser
Lena Prinzessin vom Reiche Pipi, sanft, lieb, unterwürfig, etwas selbstmitleidig, romantisch
Valerio eine Art Hofnarr, Begleiter von Leonce, humorvoll, witzig, Philosoph, recht intelligent und besonders sprachgewandt
Gouvernante Begleiterin von Lena, mütterlich besorgt, mitfühlend
König Peter Vater von Leonce, König von Popo, zerstreut, verlegen, schlechtes Gedächtnis, Pseudo-Denker


Absolutismuskritik


Ironischer Abgang auf die Romantik


Langeweile


Handlungsübersicht

Der Prinz Leonce und die Prinzessin Lena sind zwangsverlobt, obwohl sie nicht voneinander wissen, einander nicht einmal gesehen haben. Leonce muss Abschied nehmen von seiner Geliebten Rosetta, empfindet Wehmut. Am gleichen Tag kündigt ihm der Präsident im Auftrag seines Vaters an, dass am nächsten Tag seine zukünftige Braut eintreffen werde. Leonce flieht mit seinem Freund Valerio Richtung Süden. Unterdessen ist auch die Prinzessin mit ihrer Gouvernante unterwegs. Die Prinzessin kann nicht verstehen, warum sie jemanden heiraten soll, den sie nicht liebt. Die Gouvernante empfindet Mitleid mit ihr.

Leonce und Valerio sind schon sehr weit gelaufen, Valerio ist schlapp. Sie machen nach der langen Reise Rast in einem Wirtshaus. Auch Lena und die Gouvernante haben ihr Nachtquartier bezogen. Leonce und Valerio philosophieren im Garten vor dem Wirtshaus, als die beiden Frauen auftreten. Nach einem kurzen Gespräch gehen sie ins Haus. Leonce lässt die sanfte Stimme von Lena nicht mehr los, während sie über Leonce nachdenkt. In der Nacht sitzt Lena im Garten, Leonce nähert sich ihr leise und küsst sie. Sie springt auf und rennt davon. Leonce will sich danach umbringen, wird aber von Valerio daran gehindert. Leonce verspricht seinem Freund, ihn zum Minister zu ernennen, wenn es Valerio gelingen sollte, eine Heirat zwischen der schönen Dame und Leonce zu arrangieren.

Inzwischen laufen die Vorbereitungen für die bevorstehende Hochzeit im Reiche Popo auf Hochtouren, sogar das Volk wird extra instruiert. Als Prinz und Prinzessin nirgends zu sehen sind, scheint die ganze Sache im Eimer zu sein. König Peter ist völlig aus der Rolle, als er erfährt, dass auch die Prinzessin verschwunden ist. Er lässt die Grenzen sperren und alles beobachten. Plötzlich treten vier maskierte Gestalten auf. Valerio spricht und stellt die Gestalten als Maschinen, ein Männchen und ein Weibchen, vor. Er sagt, die Maschinen würden beginnen, sich zu lieben. Da lässt König Peter die Zwei anstelle von Leonce und Lena heiraten. Als das "Amen" gesprochen ist, ziehen die Gestalten ihre Masken ab. König Peter ist elendiglich zumute, bis sich herausstellt, dass die andere Personen, die zur Frau seines Sohnes wird, ja tatsächlich Prinzessin Lena ist. Nun sind alle glücklich und Peter übergibt seine Regierungsgeschäfte dem Sohn Leonce.

 

WOYZECK - Fragment (1837)

Woyzeck Marie Tambourmajor
  • unsicher, zerstreut
  • sensibel, eigentlich sehr lieb
  • unkontrolliert, unstetig
  • finanziell & gesundheitl. angeschlagen
  • naiv, mitleiderregend
  • furchteinflössend, verrückt, psychotisch, wahnsinnig, depressiv, jähzornig
  • keine Ehe, vor Öffentlichkeit niedrigster Stand
  • Probleme mit Geliebter
  • ausgenützt
  • intelligent, gehetzt, nicht realitätsbezogen, etc.
  • schön, hübsch
  • ängstlich
  • untreu, unehrlich
  • begierig, ausnützend
  • arm, schuldbewusst
  • fromm
  • stark, respekteinflössend
  • gutes Herz
  • einsam, stolz, sinnlich
  • träumend
  • wird gleichgültig, erwartet etwas
  • männlich
  • selbstbewusst, arrogant
  • selbstsüchtig, grobredend
  • egoistisch, oberflächlich
  • Macho, Imponiergehabe
  • Angeber, Verführer
  • Säufer (Branntwein)
  • Prügelknabe
  • ungebildet aber nicht dumm

Historischer Hintergrund

Am 21.6.1821 hatte Johann Christian Woyzeck, ein Perückenmacher aus Leipzig, seine Geliebte - eine fünf Jahre ältere Witwe - aus Eifersucht erstochen. Sie hatte sich nicht an ihre Verabredung gehalten, sondern war statt dessen mit Soldaten ausgegangen. Es war ein geplanter Eifersuchtsmord, was der Messerkauf bewies. Am 27. August 1824 wurde er auf dem Marktplatz zu Leipzig in aller Öffentlichkeit hingerichtet.

Der Fall wurde bekannt durch die vielen psychiatrischen Gutachten, die bezeugen sollten, dass der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat nicht voll zurechnungsfähig war (Stimmen sollen ihn verfolgt haben). Büchner lernte Woyzeck von den Arztzeitschriften seines Vaters kennen, die den Fall Woyzeck diskutierten.


Sozialkritik, Welt- und Menschenbild

Das Soldatentum wird massiv kritisiert. Das Verhältnis zwischen Arm und Reich wird thematisiert. Durch das ganze Stück zieht sich das Motiv materieller und seelischer Armut.

Die Welt wird als verderblich betrachtet, auch der Mensch ist vergänglich, ist nur ein kleines Etwas. Er hat es schwer, seinen Willen durchzusetzen, denn die Realität ist stärker als der Wille des Einzelnen.


Form des Dramas


Handlungsübersicht

Als Woyzeck den Hauptmann rasiert, wirft dieser ihm vor, er habe kein Moral, dafür ein uneheliches Kind. Beim Steckenschneiden mit Andres hat Woyzeck erste Wahnvorstellungen, er leidet unter imaginären Geräuschen. Derweil beobachtet seine Marie eine Soldatenparade und macht dem Tambourmajor schöne Augen. Als Woyzeck erscheint und von seinen Vorstellungen spricht, versteht sie ihn nicht. Der Doktor hält ihm zuerst mal eine Moralpredigt, weil er an die Wand gepisst habe. Vom Doktor wird Woyzeck als Versuchskaninchen benutzt; er darf sich ausschliesslich von Erbsen ernähren. Deshalb freuen ihn Woyzecks Fantastereien, seinen Zustand findet er interessant für Untersuchungen. Der Doktor ist unmenschlich, skrupellos, sarkastisch, zynisch und offenbar von Grössenwahnsinn zerfressen; er will der Beste in seinem Fach sein. Auf dem Markt trifft der Tambourmajor Marie wieder, die er haben will. Während Woyzeck vom Doktor seinen Studenten vorgeführt wird, sieht man Marie und den Tambourmajor bereits in ihrer Kammer. Zurück bei Marie, bemerkt Woyzeck ihre Ohrringe; er glaubt ihr nicht, dass sie gleich zwei gefunden habe. Als er in einen Streit zwischen dem Hauptmann und dem Doktor, die sich nicht riechen können, platzt, macht der Hauptmann Andeutungen über Maries Affäre. Woyzeck stellt sein Weib zur Rede und wirkt dabei völlig wirr. Marie streitet alles ab und Woyzeck geht unverrichteter Dinge wieder. Als er sich allein auf freiem Feld befindet, glaubt er, Stimmen zu hören, die ihm befehlen, Marie zu töten. Woyzeck trifft den Tambourmajor im Wirtshaus, sie ringen miteinander, wobei der schwächliche Woyzeck natürlich unterliegt. Woyzeck träumt, er solle Marie erstechen. Bei einem Juden kauft er sich ein Messer. Marie wundert sich schon, wo er so lange bleibe, als er sie abholt, um einen kleinen Spaziergang im Wald zu machen. Bei Dunkelheit will sie heimkehren, doch er lässt sie nicht gehen. Nach zweideutigen Bemerkungen, die sie immer noch nicht verstehen will, sticht Woyzeck so lange auf sie ein, bis sie tot ist. Dann wirft er das Messer fort und geht zum Kind, das ihn abweist und fürchterlich schreit. Da er vergass, sich die Blutflecken abzuwischen, sind die Leute im Wirtshaus entsetzt. Der verstörte Woyzeck läuft zur Mordstelle zurück, um sein Messer zu holen und geht ins Wasser, um sich zu waschen. Der Mord wird entdeckt.

 

LENZ - Novelle (1837)

"Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht, und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehn konnte."

Lenz junger Mann, blonde Locken, bleiches Gesicht; komische Gemütszustände, Symptote: Verfolgungsangst, Leere, Traurigkeit, Langeweile, Liebesprobleme, Stille, Beengung, gestörte Wahrnehmung, religiöser Wahn, masochistische Anwandlungen, Empfindsamkeit, Regression zur Kindheit
Pfarrer Oberlin guter, lieber Mensch, gottesfürchtig und religiös

Lenz geht durchs Gebirge. In der Brust hat er ein Engegefühl. Als er auf dem höchsten Gipfel steht, ist es ihm, als jage der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm her. Er will nach Waldbach. Erst als er sich der Zivilisation nähert, wird ihm leichter ums Herz. Er geht ins Pfarrhaus zu Oberlin, bestellt ihm Grüsse von einem Bekannten und stellt sich vor. Oberlin glaubt, schon einige Dramen von Lenz gelesen zu haben und nimmt ihn freundlich auf. Er erzählt bis tief in die Nacht hinein von seiner Heimat, wobei ihm in dieser Gesellschaft wohl ist. Er bekommt ein grosses, leeres Zimmer im Schulhaus gegenüber. Als er den Tag Revue passieren lässt, fühlt er eine ungeheure, bedrohliche Finsternis. Er fügt sich Schmerz zu, um zu Bewusstsein zu kommen, aber erst der Sprung in einen Brunnen zeigt die ersehnte Wirkung. Danach kann er endlich einschlafen. Am nächsten Tag reitet er mit Oberlin durchs Gebirge, die Natur macht einen starken Eindruck auf ihn. Oberlin besucht viele Leute, gibt Rat und tröstet. Am Abend, als die Dunkelheit kommt, kommt auch die furchtbare Angst wieder, erneuter Sprung ins kalte Wasser. Zunehmend wird Lenz aber ruhiger, unterstützt Oberlin, zeichnet und liest die Bibel. Er hat wieder Naturerlebnisse. Lenz soll sogar einmal predigen. Sobald er beschäftigt ist, wird er ruhig, auch in der Nacht. Als Lenz predigt, wird ihm wohl und leicht. Er findet irgendwie Trost durch seine Zuhörer. In der folgenden Nacht erscheint ihm seine Mutter; er glaubt, sie sei gewiss tot. Oberlin erzählt ihm auch so ein Erlebnis. In dieser Zeit kommt Kaufmann mit seiner Braut ins Steintal, was Lenz unangenehm ist, da es ihn an früher erinnert. Bei einer Diskussion über Literatur äussert sich Lenz detailiert zu seinen Ansichten. Lenz mag keinen Idealismus, denn dies sei die schmählichste Verachtung der menschlichen Natur. Ihm ist der Dichter am liebsten, der die Natur am wirklichsten widergibt. Er beschreibt Bilder von Rembrandt. Nach dem Essen erzählt ihm Kaufmann, er habe Briefe vom Vater erhalten, Lenz solle zurück, um ihn zu unterstützen. Lenz gerät ausser sich, denn er will nicht weg, er hat sich endlich ein aushaltbares Leben geschaffen. Schliesslich geht man auseinander, Lenz sichtlich verstimmt. Am folgenden Tag überredet der Kaufmann Oberlin, mit ihm in die Schweiz zu reisen, um Lavater persönlich kennenzulernen. Lenz fürchtet sich vor der Abreise, denn er hängt sehr an Oberlin. Er beschliesst, die beiden zu begleiten, doch bereits nach einem Stück trennen sie sich wieder, Lenz kehrt allein zurück. Als es Abend wird, findet er Unterschlupf in einer Hütte, wo er auf einen Heiler trifft, der ein junges Mädchen behandelt. Am Morgen kommt Lenz heim zum Pfarrhaus; die Nacht beim Heiler hat Eindrücke hinterlassen: schnell wechselnde Gefühle. Er fragt Madame Oberlin, was das Mädchen mache, dessen Schicksal ihm am Herzen liegt. Er vertraut ihr an, dass er sich fühle, als ob er gleich ersticken würde. Er erfährt, dass das Kind gestorben ist, will zu ihm und es aufwecken. Der Versuch misslingt, er verliert den Glauben an Gott. Er dreht fast durch, als Oberlin widerkommt und ihm sagt, er solle doch nach Hause zu seinem Vater. Lenz stumpft ab und kann Gott trotz wiederholter Mahnung von Oberlin nicht mehr finden. Er geht mit einem Schulmeister zum Grab des Kindes, erschreckt die Leute und gibt sich als Mörder aus. Er kehrt zum Pfarrer zurück, findet aber keine Ruhe mehr. Er lebt in einer schrecklichen Leere, in Angstträumen und nicht in der Realität. Er bekommt Anfälle, vor allem in der Nacht. Er macht halbernstgemeinte Selbstmordversuche, die allesamt scheitern. Lenz kann nicht mehr schlafen, wird unerträglich und unberechenbar. Er wird schliesslich nach Strassburg fortgebracht. Er fühlt eine entsetzliche Leere in sich, sein Dasein ist ihm eine notwendige Last.

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