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Last Update: 07.12.04
 

 
 

Paul Celan (1920-1970)

Paul Celan wurde am 23. November 1920 in Czernowitz geboren und nahm sich Ende April 1970 in Paris das Leben. Er wurde vor allem wegen seiner vom Surrealismus beeinflussten, in der jüdischen Kulturtradition wurzelnden chiffrenhaften Gedichten bekannt. Das bekannteste darunter ist die Todesfuge, die sich mit dem Holocaust auseinandersetzt.

Paul Celan Czernowitz war die Hauptstadt der bis 1918 zu Österreich-Ungarn und danach zu Rumänien gehörenden Bukowina. Dieses Gebiet war im 19. Jahrhundert von Ukrainern, Rumänen, Juden, Deutschen, Polen, Ungarn, Huzulen, Lipowaner, Slowaken, Tschechen, Armeniern und Zigeunern bewohnt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verzeichnete die Bukowina eine Bevölkerung deutscher "Nationalität" von ungefähr 20 Prozent der Gesamteinwohner. Fast drei Viertel dieser Deutschen waren jüdischer Religion.

Nach seinem Abitur im Jahre 1938 nahm Paul Antschel in Tours sein Medizinstudium auf, kehrte aber bereits im folgenden Jahr in seine Heimat zurück, um dort Romanistik zu studieren. 1940 war die Bukowina sowjetisch geworden, aber schon 1941 nahmen sie rumänische Truppen mit Hilfe deutscher Soldaten wieder ein. Für die jüdische Bevölkerung richtete man daraufhin ein Ghetto ein. 1942 wurden die Eltern Paul Celans deportiert und kamen in einem Vernichtungslager am Bug um. Der Dichter konnte zunächst fliehen, kam aber dann in das Arbeitslager Tirguliu. 1943 wurde Czernowitz wieder sowjetisch; Celan kehrte dorthin zurück und nahm im Herbst 1944 auch wieder sein Studium auf. 1945 reiste er aus der Sowjetunion aus, lebte für einige Zeit in Bukarest als Übersetzer und Verlagslektor, dann in Wien und ab 1948 schliesslich in Paris, wo er an der École Normale Supérieure als Deutschlehrer tätig war. Während dieser Zeit übersetzte er u.  a. Werke von Arthur Rimbaud, Alexandr Blok, Ossip Emiljewitsch Mandelstam, Sergej Jessenin und William Shakespeare jeweils aus der Originalsprache kongenial ins Deutsche, weswegen heute die besten Übersetzer den Paul-Celan-Preis gewinnen können. Celans frühe Lyrik steht unter dem Einfluss des Surrealismus und verknüpft die einzelnen Gedichte mit Bezügen und Metaphern zu komplexen "Sprachgittern". Danach wird seine sprachvirtuose Dichtung zunehmend hermetischer, die Bildwelt immer undurchdringlicher. Neben komplexen Neologismen werden zahlreiche biblische Motive aufgegriffen. Die Sprachproblematik wird für Celan zum wichtigen Thema: Zahlreiche seiner Gedichte spielen mit der fragmentarischen Form. Zu Celans Werk gehören die Lyrikbände Der Sand aus den Urnen (1948), Von Schwelle zu Schwelle (1955), Die Niemandsrose (1963), Atemwende (1967), Fadensonnen (1968), Lichtzwang (1970), Schneepart (1971), Zeitgehöft (1976) sowie der Prosatext Der Meridian (1961). Mohn und Gedächtnis von 1952 enthält sein bekanntestes Gedicht Todesfuge (1948), das sich in kryptischen Chiffren mit der Massenvernichtung der Juden während der Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt. 1960 erhielt Celan den Georg-Büchner-Preis. Um den 20. April 1970 herum nahm er sich in Paris das Leben.

 

TODESFUGE - Gedicht 1948

Celan und die Lyriker nach 1945 standen vor einem kulturellen Scherbenhaufen: Wie kann man das "Unsagbare" ausdrücken? Gibt es überhaupt eine "Literatur nach Auschwitz"? Jedenfalls muss man sich von überlieferten Formen und sprachlichen Bildern lösen, um in einer neuen, paradoxen Sprache neue Beziehungen zu setzen und die Welt wieder zu erfassen. Celan wurde vorgeworfen, dass die Schönheit seines Gedichtes dem Thema (Auschwitz) nicht angemessen sei. Adorno meinte, dass nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, barbarisch sei. Ein Gegenargument könnte lauten: "Ein modernes Gedicht kann gar nicht schön genug sein, wenn es nur nicht beschönigt."

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor lässt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt nun zum Tanz

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus und spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr anderen singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr andern spielt weiter zum Tanz auf

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süsser den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng

Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith


Form des Gedichts


Die Fuge als musikalische Form = TOTENTANZ

1. Thema / 2. Gegenthema / 1. Durchführung / 3. Wiederholung des Themas / 4. Wiederaufnahme des Gegenthemas / 5. Weiterführung des Themas / Zwischensatz / 1. Thema / 2. Durchführung / 2. Gegenthema / 3. Thema / 4. Gegenthema / 5. Weiterführung des Themas / Zwischensatz

Im Titel des Gedichts (Todesfuge) wird auf diese sehr strenge musikalische Form verwiesen. Mögliche Bedeutung: Diese strenge Form wird dem inhaltlichen und emotionalen Chaos entgegengesetzt. Im KZ herrscht eiserne Disziplin, die Menschen standen gleichzeitig unter unvorstellbarem psychischen Stress, da in jeder Sekunde Lebensgefahr drohte.


Gegenüberstellung der Personen des Gedichts

Lagerinsassen
wir = Juden

Lageraufseher
"er" = ein Deutscher

  • Erniedrigte/Verfolgte
  • Unterdrückte
  • Todesangst
  • Ohnmacht
  • Verfolger
  • Unterdrücker
  • Zynismus
  • Macht
  • trinken schwarze Milch
  • schaufeln ein Grab in den Lüften
  • spielen zum Tanz auf
  • stechen tiefer ins Erdreich
  • spielen süsser den Tod
  • streichen dunkler die Geigen
  • steigen als Rauch in die Luft
  • haben ein Grab in den Wolken
  • werden mit bleiernen Kugeln getroffen
  • dein aschenes Haar Sulamith
  • Abhängigkeit, Not, Leiden, Tod
  • wohnt im Haus
  • spielt mit den Schlangen
  • schreibt nach Deutschland
  • pfeift seine Rüden/Hunde herbei
  • pfeift seine Juden hervor
  • lässt schaufeln ein Grab
  • befiehlt
  • greift nach dem Eisen und schwingt es
  • trifft, hetzt
  • dein goldenes Haar Margarete
  • Macht, Bösartigkeit, Zynismus, Brutalität


Stilfiguren

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