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Last Update: 22.12.04
 

 
 

Wilhelm Dilthey (1833-1911)

Der deutsche Philosoph Wilhelm Dilthey wurde am 19. November 1833 in Biebrich bei Wiesbaden geboren und starb am 1. Oktober 1911 in Seis bei Bozen. Dilthey verfasste literarische Werke über Schleiermacher und den frühen Hegel. Er strebte eine methodische Neubegründung der Geisteswissenschaften auf der Grundlage der Hermeneutik an und beeinflusste damit zahlreiche Philosophen des frühen 20. Jahrhunderts. Dilthey betonte die Geschichtlichkeit der Vernunft.

Wilhelm Dilthey Wilhelm Dilthey war der Sohn eines Kirchenrats und Hofpredigers. 1852 schloss Wilhelm das Wiesbadener Gymnasium mit dem Abitur ab, wobei er als Jahrgangsbester die Abschiedsrede halten durfte. Dilthey studierte Theologie und Philosophie in Heidelberg. Auf Wunsch seines Vaters legte er im Sommer 1856 das theologische Examen in Wiesbaden ab und konnte so ab und zu eine Predigt in der Kirche seines Heimatdorfs halten. Dilthey interessierte sich aber weit mehr für Philosophie und wechselte nach Berlin, wo er promovierte und 1864 habilitierte. Seine erste Professorenstelle erhielt er 1867 in Basel, um bereits ein Jahr später nach Kiel zu wechseln. 1871 übernahm er die Professur für Philosophie in Breslau, wo er blieb, bis er 1882 nach Berlin gerufen wurde. Dilthey beendete 1905 seine Lehrtätigkeit, um sich ganz seinem literarischen Werk zu widmen.

Dilthey gilt als Begründer der Erkenntnistheorie der Geisteswissenschaften und der hermeneutischen Wissenschaften, der sogenannten "historischen Schule". Im 1910 erschienenen Werk Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften erklärte Dilthey, dass der Geisteswissenschaftler den Gegenstand seiner Studien, zu dem er als menschliches und geschichtliches Wesen selbst dazugehört, durch Nachvollziehen der symbolischen Zusammenhänge und der gesellschaftlichen und geschichtlichen Wirklichkeit verstehen müsse. Da die Menschen der Welt bereits eine Ordnung gegeben haben, müsse der Geisteswissenschaftler in seiner Analyse von den bestehenden Institutionen, Konventionen, Wertvorstellungen und Kunstwerken ausgehen. Durch das Erleben fremder Sinnformen und die Rekonstruktion ihrer Entstehung, also durch das hermeneutische Sinnverstehen, könne der Mensch ein Verständnis seiner eigenen Geschichtlichkeit gewinnen, das ihm den Rahmen für eine systematische Interpretation seiner Erfahrung in der Gegenwart dienen soll. Dilthey unterschied drei Klassen menschlicher Lebensäusserungen, nämlich sprachliche Ausdrücke (mimische), Handlungen (gestische) und Erlebnisausdrücke (physiognomische).

Erst seit neuere Nachlassausgaben Diltheys Werk wieder bekannt machten, ist Diltheys Bedeutung als Wissenschaftstheoretiker und Kulturphilosoph angemessen gewürdigt geworden. Er beeinflusste nicht nur die nach ihm benannte Dilthey-Schule, der u.a. Misch, Nohl, Spranger und Bollnow angehörten, sondern auch die Neukantianer, Husserl, Heidegger und besonders Gadamer.

Literatur:   Wilhelm Dilthey, Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, Frankfurt am Main 2001, Suhrkamp.
Wilhelm Dilthey, Das Wesen der Philosophie, Stuttgart 1984, Reclam UB 8227.
Internet:   Wilhelm Dilthey, Die Jugendgeschichte Hegels, längerer Ausschnitt aus dem Werk.
Werner Stangl, Die Entstehung der Hermeneutik, längerer Ausschnitt aus dem Werk & Kommentar.

 

BERÜHMTE ZITATE

Ausgangspunkt der Geisteswissenschaften
«Leben ist nun die Grundtatsache, die den Ausgangspunkt der Philosophie bilden muss. Es ist das von innen Bekannte, es ist dasjenige, hinter welches nicht zurückgegangen werden kann. Leben kann nicht vor den Richtstuhl der Vernunft gebracht werden.»

Analyse der endlichen Welt
«Hegel konstruiert metaphysisch; wir analysieren das Gegebene. Und die heutige Analyse der menschlichen Existenz erfüllt uns alle mit dem Gefühl der Gebrechlichkeit, der Macht des dunklen Triebes, des Leidens an der Dunkelheit und den Illusionen, der Endlichkeit in allem, was Leben ist, auch wo die höchsten Gebilde des Gemeinschaftslebens aus ihm entstehen. So können wir den objektiven Geist nicht aus der Vernunft verstehen, sondern müssen auf den Strukturzusammenhang der Lebenseinheiten, der sich in den Gemeinschaften fortsetzt, zurückgehen.»

Methode
«Die Form des Verstehens ist eine Induktion, die aus uns teilweise bestimmten Einzelheiten einen Zusammenhang ablei­tet, der das ganze bestimmt.»

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