Friedrich Dürrenmatt (1921-1990)
Friedrich Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 in Konolfingen bei Bern geboren und starb am 14.
Dezember 1990 in Neuenburg. Er bezeichnete die Komödie «als die einzig mögliche
dramatische Form, heute das Tragische auszusagen». Dürrenmatt verfasste neben vielen
Theaterstücken auch zahlreiche Romane, Novellen und Erzählungen. Ein zentrales Thema seines
Schaffens ist die Spannung zwischen Recht und Macht.
Der Sohn eines Pfarrers besuchte das Gymnasium in Bern und studierte in Zürich und Bern Theologie,
Literatur, Philosophie sowie Naturwissenschaften. Ab 1952 lebte Dürrenmatt in Neuchâtel.
Romulus der Grosse aus dem Jahr 1949 ist eine seltsam-unhistorische Kömodie, die den letzten
römischen Kaiser als leidenschaftlichen Hühnchenzüchter zeigt, dem die Geschicke seines
Reiches egal sind. Danach schrieb Dürrenmatt die beiden Kriminalromane Der
Richter und sein Henker (1952) und Der Verdacht (1953), auf die sich
das lesende Publikum stürzte. Welterfolg errang Dürrenmatt mit der 1956 in Zürich
uraufgeführten Tragikomödie Der Besuch der alten Dame. Sein
Meisterwerk Die Physiker, das am 20. Februar ebenfalls in Zürich
uraufgeführt wurde, befasst sich mit der Gefährdung der Welt durch die moderne Kernphysik. 1986
erhielt Dürrenmatt den Georg-Büchner-Preis. Zu
Dürrenmatts Spätwerken zählen die Erzählungen Der Auftrag (1986) und
Durcheinandertal (1989).
Als Dramatiker bevorzugte Dürrenmatt die Form der Tragikomödie, verbunden mit Elementen der
Satire und Farce, des schwarzen Humors und des Aberwitzes. Verfremdungseffekte sind äusserliche
Entsprechungen zur Dramaturgie Brechts, dessen
Forderung, die Welt als veränderbar darzustellen, Dürrenmatt aber ebenso wie Frisch als
unrealistisch abgelehnt hat.
Dürrenmatt und Frisch gelten als grösste Schweizer Dichter des 20. Jahrhunderts. Beide liessen es sich nicht nehmen, immer wieder kritisch die kleine und grosse Politik zu thematisieren. Noch kurz vor seinem Tod löste Dürrenmatt hierzulande einen grossen Sturm der Entrüstung aus, als er beim Empfang des tschechoslowakischen Präsidenten meinte, die Schweiz sei eigentlich ebenso ein Gefängnis wie die zusammengebrochenen osteuropäischen "Volksrepubliken", wo die Gefangenen zugleich ihre eigenen Wärter seien.
| Literatur: |
Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame,
Zürich 1985, Diogenes. Friedrich Dürrenmatt, Romulus der Grosse,
Zürich 1985, Diogenes.
Friedrich Dürrenmatt, Die
Physiker, Zürich 1985, Diogenes.
Friedrich Dürrenmatt,
Durcheinandertal, Zürich 1998, Diogenes.
Friedrich Dürrenmatt,
Gedankenfuge, Zürich 1992, Diogenes. |
| Internet: |
Goethe-Institut, Friedrich Duerrenmatt, viele Links. |
Im Mittelpunkt des Romans steht der alternde, kranke Kommissar Bärlach. Ihm bleibt nicht mehr viel
Zeit, seine Wette zu gewinnen, die er einst in der Türkei als junger Kriminalbeamter mit Gastmann
abgeschlossen hatte. Während Bärlach behauptete, dass «die menschliche
Unvollkommenheit, die Tatsache, dass wir die Handlungsweise anderer nie mit Sicherheit voraussagen
können und dass ferner der Zufall, der in alles hineinspielt, der Grund sei, der die meisten
Verbrecher zwangsläufig zutage fördern müsse», sah Gastmann darin gerade eine
Möglichkeit, ein perfektes, unaufklärbares Verbrechen zu verüben. Vor den Augen des
Kommissars stiess Gastmann einen Unbeteiligten über eine Brücke, Bärlachs Beteuerungen
fanden kein Gehör bei der Polizei, und in der Folgezeit schützten internationale Beziehungen
Gastmanns kriminelle Aktivitäten. Erst am Ende seiner Laufbahn bietet sich Bärlach die Chance,
als Polizist Schmid, den er auf Gastmann angesetzt hatte, ermordet wird. Bärlach kennt den wahren
Mörder, lenkt aber den Verdacht auf Gastmann. Zu spät durchschaut Tschanz die skrupellose
Intrige, er erschiesst Gastmann in angeblicher Notwehr, um sich selbst zu retten. In einem für
Bärlach beinahe tödlich endenden Essen mit Tschanz gelingt es ihm schliesslich, Tschanz zu
überführen, der auf der Flucht tödlich verunglückt.
Die Figur des Kommissars hat ihre Vorbilder in den Helden der amerikanischen Kriminalromane. Weniger
diese literarischen Anleihen, vielmehr die Verstösse dagegen machen den Reiz des Romans aus.
Während für den herkömmlichen Krimi die Welt und das Verhalten der Menschen erklärbar
sind, ist in Dürrenmatts Erzählung der Zufall bestimmend. Er spielt mit den Handlungsmustern
des "Helden", parodiert sie teilweise und negiert damit den Mythos der ausgleichenden Kraft der
Gerechtigkeit. So kann Bärlach nur Gerechtigkeit üben, indem er selbst einen kriminellen Akt
begeht. Wie schwer nun das Verschweigen der Schuld Tschanz' ist, im Gegensatz zu der späten
Gerechtigkeit, die ja mehr Jagdgelüste Bärlachs waren, sei dahingestellt. Der Staatsbeamte
Bärlach pflegt jedenfalls ein ausgesprochen individualistisches Verhältnis zum Prinzip der
Gerechtigkeit, seine Handlungsweisen unterscheiden sich nur wenig von dem seiner Gegner. Er soll
dämonisch wirken, als ein verschwiegener Moralist mit dem Revolver in der Tasche, gebannt vom
Bösen, ein unheimlicher Richter, der seinen Henker kaltblütig in den Tod schicken würde.
Persönlicher klingen die Seitenhiebe auf das helvetische Beamtenwesen, die natürlich nicht
fehlen dürfen.

Bärlach ist in dem Folgewerk von Der Richter und sein Henker einem
weiteren Nihilisten auf der Spur. Er erfährt vom Arzt Emmenberger, der unter falschem Namen in den
Jahren des Dritten Reiches als SS-Arzt gearbeitet hatte und jetzt in Zürich eine Privatklinik
besitzt. Emmenberger hat die Menschen vom «archimedischem Punkt» einer absoluten
Freiheit aus gequält und getötet, auf dass seine Macht offenbar werde. Seine Spezialität
waren Operationen ohne Narkose, da er die Qual und den Schrecken seiner Patienten liebt. Seine Opfer aber
mussten sich vor ihrer "Behandlung" eine solche Operation anschauen, bevor sie sich bereit erklärten
sich operieren zu lassen. Überlebten sie, liess sie Emmenegger zwar tatsächlich in weniger
schlimme Lager bringen, doch fast niemand überstand die Prozedur. Diesem Sadisten will nun
Bärlach, der krebskrank im Salemspital liegt, das Handwerk legen. Unter falschem Namen lässt er
sich in die Zürcher Privatklinik Emmenbergers aufnehmen, diese Höhle der Reichen, in der die
Morphinistin Dr. Marlok und eine bigotte Schwester Kläri mittöten. Schon beim
Begrüssungsgespräch wird er aber erkannt, und ist somit dem Messer seines Gegners ausgeliefert.
In letzter Minute rettet ihn Gulliver, ein riesenhafter Jude, der die Unmenschlichkeit Emmenbergers
seinerzeit am eigenen Leibe erfahren hat. Und dieser, ein moderner Ashaver, formuliert auch die Lehre
beider Bärlach-Erzählungen: «Wir können als Einzelne die Welt nicht retten, das
wäre eine ebenso hoffnungslose Arbeit wie die des armen Sisyphos; sie ist nicht in unsere Hand
gelegt, auch nicht in die Hand eines Mächtigen oder eines Volkes oder in die des Teufels, der doch
am mächtigsten ist, sondern in Gottes Hand, der seine Entscheide allein fällt. Wir können
nur im einzelnen helfen, nicht im gesamten, die Begrenzung des armen Juden Gulliver, die Begrenzung aller
Juden. So sollen wir die Welt nicht zu retten suchen, sondern zu bestehen, das einzige wahrhafte
Abenteuer, das uns in dieser späten Zeit noch bleibt.» Es wird offensichtlich, dass
Dürrenmatt Bärlach nicht als Held zeichnet, sondern als Moralist, der bald lächerlich und
bald tragisch erscheint, in seinem Anspruch auf "wahre Gerechtigkeit" aber zum Scheitern verurteilt ist.
Güllen ist eine kleine Stadt, die seit einigen Jahren in einer tiefen Krise steckt. Man träumt
den Zeiten nach, als man noch eine Kulturstadt war. Damals gab es noch Schnellzugsverbindungen, heute
halten gerade noch zwei Regionalzüge täglich an. Doch nun soll sich das Blatt wenden: Claire
Zachanassian, die als Kläri Wäscher vor 45 Jahren Güllen verlassen hat, und durch Heirat
zur reichsten Dame der Welt geworden war, kündigte ihren Besuch an. Während sich der
Bürgermeister und die Bewohner des völlig verarmten Städtchens versammeln, um der Dame
einen rührenden Empfang in der alten Heimat zu bereiten, erzählt der Kaufmann Ill, ein Mann von
Mitte Sechzig, was seine Kläri für ein leidenschaftliches Mädchen gewesen sei, und dass
das Leben sie leider von ihm getrennt habe. Noch ehe er damit zu Ende ist, erscheint Frau Zachanassian
mit ihrem Gefolge. Alle Hoffnungen ruhen auf Alfred Ill, den sie auch sofort auffordert, sie wie damals
"Wildkätzchen" zu nennen. Sie stellt ihren 7. Gatten vor; Pedro, ein Tabakplantagenbesitzer, doch
nenne sie ihn lieber Moby, das passe besser zum Butler Boby. Gegenüber den Bewohnern macht Claire
erste Andeutungen ihres finsteren Plans. Mit Ill sucht sie anschliessend die Orte ihrer einstigen
Liebschaft auf. Er macht ihr vor, er habe damals die Krämerstochter Mathilde nur geheiratet, damit
Claire in der weiten Welt glücklich würde. Die nimmt das nicht ab und wirft ihm seinen
Opportunismus vor. Nein, auf ihren Gatten müsse man nicht warten, erklärt die Alte später
vor der Gemeindeversammlung, sie lasse sich scheiden. Schliesslich habe sie einen Jugendtraum zu
erfüllen; nämlich im Güllener Münster zu heiraten. Ein deutscher Filmschauspieler
wird die Ehre haben, zum Gatten Nr. 8 geküsst zu werden. Die Rede, die der Bürgermeister
hält, ist masslos übertrieben; Claire erklärt darauf, sie werde Güllen eine Milliarde
spenden. «Unter einer Bedingung.» Sie wolle sich die Gerechtigkeit kaufen. Ihr Butler
entpuppt sich als Oberrichter Hofer, der im Jahr 1910 eine Vaterschaftsklage zu behandeln hatte. Ill war
angeklagt, der Vater des Kindes von Claire zu sein, doch sagten zwei Zeugen vor Gericht aus, die ihn
entlasteten. Die beiden Blinden Koby und Loby, die mit der Dame angereist waren, sind Jakob Hühnlein
und Ludwig Sparr, die damaligen Zeugen. Dass sie sich nach Australien resp. Kanada abgesetzt hatten,
nützte ihnen gar nichts; die Dame liess sie suchen und dann von ihren Sänftentragern Toby und
Roby (unentwegt Kaugummi kauende, einst zum Tode verurteilte Knastbrüder) blenden und kastrieren.
Nun lässt die reiche alte Dame endlich die Bombe platzen: «Eine Milliarde für
Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet.» Entrüstet weist der Bürgermeister
das Angebot zurück, schliesslich seien sie keine Heiden. Und er bringt es auf den kurzen Nenner:
«Lieber arm als blutbefleckt», was von der Versammlung mit riesigem Beifall
bestätigt wird. «Ich warte», erwidert Claire nur. Der zweite Akt beginnt mit der
Ladenszene. Alle Städter kaufen weiterhin bei Ill ein, der glaubt die ganze Stadt halte zu ihm. Dass
aber alle sich teurere Waren leisten, macht ihn stutzig. Ihm fällt auf, dass alle neue gelbe Schuhe
tragen und verlangt die Verhaftung der Milliardärin wegen Mordaufforderung. Doch der Polizist meint,
dass nur bei einer ernst gemeinten Anstiftung zum Mord eingegriffen werden könne; dass jemand aber
eine Milliarde zahle für eine Leiche, sei nicht ernst zu nehmen. Beim Bürgermeister
erfährt Ill, dass er wegen seiner Vergangenheit nicht mehr als Nachfolger in Frage komme.
Befürchten müsse er aber nichts, «wir leben schliesslich in einem Rechtsstaat.»
Der Pfarrer, der soeben eine zweite Glocke angeschafft hat, rät Ill zu fliehen, denn die
Menschen seien schwach. Ill beschliesst zu verreisen und geht zum Bahnhof, doch alle begleiten ihn. Er
wagt nicht einzusteigen, da er befürchtet, jemand würde ihn zurückhalten. Mit Ills Ausruf
der Resignation «Ich bin verloren» endet der mittlere Akt. Im letzten Akt verschwinden
bei den Güllener Bürgern die letzten Hemmungen. Ill gilt als Lump, weil er sich nicht selbst
umbringt, wie es alle von ihm erwarten. Nur der Lehrer wollte sich an die Presse wenden, wird aber von
den anderen Bürgern daran gehindert. An einer weiteren Gemeindeversammlung beschliessen sie die
"Stiftung" der Zachanissian anzunehmen. Nur die Bürger der Stadt verstehen den wahren Sinn der
Frage, Ill wird kurz darauf im Nebenzimmer getötet. Die Reporter berichten später, der alte
Jugendfreund Ill sei vor Freude über den grossen Geldsegen gestorben; "Herzschlag" stellte der Arzt
aus.
Neben der gewiss ernst zu nehmenden Aussage von der Käuflichkeit der Welt bzw. der Menschen, ist das
Stück auch eine wunderbare Komödie, die besonders dem Schweizer Zuschauer immer wieder ein
Schmunzeln abringen kann, wird doch hier der typische Opportunismus karrikiert. Der Name Zachanassian
setzt sich aus Zacharoff, Onassis und Gulbenkian zusammen, die alle drei ziemlich reich waren. Ill
beinhaltet eine Anspielung an das englische ill, das neben krank auch übel und schlimm bedeutet. Nur
er erkennt die Notwendigkeit, Schuld auf sich zu nehmen; anfangs ist er zuversichtlich, im zweiten Akt
dominiert seine Angst, die er im dritten Akt überwunden hat. Er ist die tragische Grösse des
Stücks. Im Gegensatz dazu sind die Güllener zu Beginn mit Ill solidarisch, bringen ihn aber am
Schluss um. Dürrenmatt weist im Nachwort darauf hin, dass er sich nicht sicher sei, ob er anders
gehandelt hätte. Man müsse sich die Güllener nicht böse denken; im zweiten Akt seien
sie noch nicht entschlossen, Claires bösem Wunsch nachzukommen, sie machten einfach Schulden, weil
sie glauben, irgendwie werde es sich schon regeln lassen. Der Lehrer vertritt allegorisch den
christlichen Humanismus, symbolisiert das Versagen der Menschlichkeit und bekennt schlussendlich, dass
die Versuchung auch für ihn zu gross sei, doch versteckt er seine Opportunität hinter der
Floskel "Gerechtigkeit".
| ILL: |
Ich lebe in einer Hölle seit du von mir gegangen bist. |
| CLAIRE: |
Und ich bin die Hölle geworden. |
| ILL: |
Ich führe ein lächerliches Leben. Nicht einmal recht aus dem
Städtchen bin ich gekommen. Eine Reise nach Berlin und eine ins Tessin, das ist alles. |
| CLAIRE: |
Wozu auch? Ich kenne die Welt. |
| ILL: |
Weil du immer reisen konntest. |
| CLAIRE: |
Weil sie mir gehört. |
Das Stück spielt irgendwo in der Schweiz in einem privaten Nervensanatorium, wo die weltbekannte
Psychiaterin Dr. h.c. Dr. med. Mathilde von Zahnd drei Kernphysiker, harmlose, liebenswerte Irre,
behandelt: Ernst Heinrich Ernesti, der sich für Einstein
hält, Herbert Georg Beutler, der sich mit Newton identifiziert, und Johann Wilhelm Möbis, dem König Salomon aufsehenerregende Erfindungen diktiert. In der Villa geschehen merkwürdige Dinge, die auch die Polizei beschäftigen. Inspektor Voss untersucht in kürzester Zeit drei Morde an Krankenschwestern. Der parallele Bau der beiden Akte kommt darin zum Ausdruck, dass Dürrenmatt sie jeweils mit der Untersuchung des zuletzt erfolgten Mordes einleitet. Die überraschende Wendung geschieht erst in der Mitte des zweiten Aktes: Keiner der drei Patienten ist wirklich krank. Die Schwestern mussten sterben, weil sie Verdacht geschöpft hatten. Sie wurden das Opfer einer höheren Notwendigkeit. Möbius hatte mit einer genialen Dissertation die beiden grössten Geheimdienste der Welt auf sich aufmerksam gemacht, die zwei Kernphysiker, Kilton alias Newton und Eisler alias Einstein, als Agenten in das Irrenhaus schickten, wo Möbius, dessen Handeln allein von der Verantwortlichkeit der Wissenschaft bestimmt ist, Zuflucht gesucht hat. Denn Möbius, dem grössten Physiker der Welt, ist es gelungen, das System aller möglichen Erfindungen, die Weltformel, zu entdecken, aber er hat aus Gründen der Verantwortung den vorgetäuschten Wahnsinn als einzige Alternative zu einer glänzenden wissenschaftlichen Karriere gewählt. Er entscheidet sich für die Narrenkappe, denn das Irrenhaus garantiert ihm die Sicherheit, von Politikern nicht ausgenutzt zu werden. Die beiden gleichfalls Wahnsinn simulierenden Agenten versuchen, jeder mit anderen ideologischen Gründen, die Weltformel für ihr Land zu erwerben. Möbius aber überzeugt seine beiden Kollegen, dass es keinen anderen Ausweg als die Flucht aus der Welt gibt: «Wir müssen unser Wissen zurücknehmen. Entweder bleiben wir im Irrenhaus oder die Welt wird eines.» Seiner Erkenntnis folgend, hat Möbius die Manuskripte längst verbrannt. Da erscheint Mathilde von Zahnd, die missgestaltete Anstaltsleiterin, und erklärt die drei Physiker zu Gefangenen. Sie hat das Spiel durchschaut, die Manuskripte rechtzeitig kopieren lassen und mit der Auswertung des Systems aller möglichen Erfindungen in ihrem Weltfrust begonnen, denn auch ihr ist König Salomon erschienen, um durch sie die Weltherrschaft zu ergreifen. Die Welt fällt in die Hände einer verrückten, buckligen, alten Irrenärztin. Hinter den drei Kernphysikern aber schliessen sich die Anstaltsgitter für immer. Als Einstein, Newton und Salomon erscheint ihnen der selbstgewählte Wahnsinn als die einzig sinnvolle Existenzform in einer Welt, die dem eigenen Untergang entgegentaumelt; als Mördern bleibt ihnen keine andere Wahl als das Paradoxon vernünftiger Schizophrenie.
Was als kriminalistische Kolportage begann, endet in einer grotesken Umkehrung. Dramatisches Vehikel
dafür ist der für die Gattung Komödie charakteristische Überraschungseffekt, den
Dürrenmatt in virtuoser Steigerung einsetzt, vom dreifachen Mord an den Krankenschwestern über
die Preisgabe der wahren Identität der Physiker bis zur Aufdeckung der diabolisch-irrwitzigen
Pläne der Anstaltsleiterin. Dieser letzte Überraschungseffekt, mit dem das Stück seine
«schlimmst-mögliche Wendung» nimmt, enthüllt die zentrale Funktion, die der
Zufall in Dürrenmatts Theater hat. Am Zufall, dem unerwarteten Manöver einer Irrenärztin,
scheitert das durchdachte, verantwortungsbewusste Vorgehen von Möbius. Damit ist das Paradoxe zum
dramaturgischen Bauprinzip erhoben. «Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer
vermag sie der Zufall zu treffen», heisst es in den 21 Punkten zu den Physikern, einem
lakonischen Kommentar des Autors zu seiner Komödie. Gerade die heroische Individualethik fällt
diesem Paradox zum Opfer. Die in Brechts Leben
des Galilei gestellte Frage nach der Verantwortung des Naturwissenschaftlers wird irrelevant angesichts der Tatsache, dass der einzelne, selbst wenn er verzichtbereit sein Wissen zurücknimmt, die Menschheit nicht vor dem drohenden Untergang retten kann. «Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden», sagt Möbius. Aus dieser These resultiert Dürrenmatts idealistischer Vorschlag einer universalen, quasi globalen Lösung des Problems:
«Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen alle Menschen. Was alle angeht, können nur alle lösen. Jeder Versuch eines einzelnen, für sich zu lösen, was alle angeht, muss scheitern.» Dürrenmatts Einsicht in die Hilflosigkeit des einzelnen hat eine
dramaturgische Konsequenz: An die Stelle der Tragödie mit ihren an das geschichtsmächtige Individuum gebundenen Kategorien der Schuld, des Masses, der Übersicht, der Verantwortung tritt die
Komödie, die das Tragische als verhängnisvollen Zufall in sich aufnimmt.

Mensch & Vernunft
«Ideologie ist Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens.»
«Niemand köpft leichter als jene, die keine Köpfe haben.»
«Der Wirklichkeit ist mit der Logik nur zum Teil beizukommen.»
«Die Welt ist eine Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht verboten ist.»
«In der Wirtschaft geht es nicht gnädiger zu als in der Schlacht im
Teutoburger Wald.»
«Das Rationale am Menschen sind seine Einsichten; das Irrationale, dass er
nicht danach handelt.»
Zitate zur Politik 1948 (in Politik, S. 11-14)
«Von den Idealen redet man so viel, weil sie nichts kosten.»
«Ich bin eigentlich nur dann vom Weltuntergang überzeugt, wenn ich Zeitungen lese.»
«Es hat viele entmutigt, dass ein Trottel wie Hitler an die Macht kommen konnte, aber auch einige
ermutigt.»
«Es ist schon ein grosses Kunststück, noch an den dogmatischen Marxismus
zu glauben.»
«Dass die Lehre des Christentums nicht gebessert hat, daran sind die Christen schuld, nicht die
Kommunisten.»
Zitate zu den Physikern
«Nichts kann rückgängig gemacht werden, was einmal gedacht wurde.»
(Möbius' Einsicht, 85)
«Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.»
(21 Punkte, 91)
«Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen. Was alle angeht,
können nur alle lösen.» (21 Punkte, 92)
Kurztext über Zürich
«Ich verliess eine formlose Ansammlung von Kirchen, Banken, Kultur- und Bildungsstätten, von Zunft-, Waren-, Geschäfts- und Mehrfamilienhäusern, [...] alles wie hingeschüttet um einen schmalen See und die Hügelzüge hinauf, die ihn umgaben. Hochhäuser waren noch verboten, die Massagesalons wagten noch nicht zu inserieren, der Strich war durch die Verdunkelung teils gefördert, teils behindert. Der See mündet in ein Flüsschen. An seinen Ufern finden sich die Reste einer Altstadt, deren Bürger ihren Bürgermeister köpften. Im Mittelalter. Jetzt kacken auf sein Denkmal Möwen. Dann treibt das Flüsschen am trostlosen Bahnhof vorbei, vor dessen Haupteingang ein noch mächtigerer Herrscher steht als der geköpfte Bürgermeister, ein heimlicher König der Gründerjahre, Alfred Escher, auch von Möwen bekackt, eine Aktentasche zu Füssen. Er wurde nicht geköpft. Nur Möwen sind gerecht.»