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Last Update: 07.12.04
 

 
 

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Joseph (Freiherr) von Eichendorff wurde am 10. März 1788 auf Schloss Lubowitz bei Ratibor geboren und starb am 26. November 1857 in Neisse. Bedeutend sind v.a. seine volksliedhaft-schlichten Gedichte, die wie seine Romane und Novellen – darunter Aus dem Leben eines Taugenichts – einen Höhepunkt der deutschen Spätromantik bilden.

Joseph von Eichendorff Eichendorff wurde auf seinem Schloss in Oberschlesien katholisch erzogen. Bereits während seines Jurastudiums in Halle, Heidelberg und Berlin (1805-1810) kam er mit Joseph von Görres, Adam von Müller, Achim von Arnim, Heinrich von Kleist und Brentano in Kontakt. 1810 übersiedelte er nach Wien, wo er Frau Louise von Larisch heiratete und sich dem Kreis um Friedrich von Schlegel anschloss. Zu dieser Zeit entstand der autobiographische, 1815 von de la Motte Fouqué herausgegebene Roman Ahnung und Gegenwart, in dem bereits zahlreiche Motive seines Werkes (die Reise, der geheimnisvolle Wald, die melancholische Sehnsucht nach dem Verlorenen etc.) anklingen. 1813 bis 1815 nahm er an den deutschen Befreiungskriegen gegen das Napoleonische Regime teil. Danach schlug Eichendorff eine preussische Beamtenlaufbahn ein; 1831 wurde er ins Berliner Kultusministerium befördert, wo er 1844 ohne Ordenverleihung pensioniert wurde. Während dieser Zeit erschienen die zeitkritisch akzentuierten Novellen Das Marmorbild (1819) und Schloss Dürande (1836) über die Wirren der Französischen Revolution. Demgegenüber liegt Eichendorffs berühmtester, u.a. von Thomas Mann hochgelobter Novelle Aus dem Leben eines Taugenichts (1826) eine dezidiert eskapistische Tendenz zugrunde: So flieht der Protagonist, ein Troubadourkünstler, vor der Enge einer bürgerlichen Welt gen Italien. In dem bewusst naiv erzählten, in der Tradition des romantischen Kunstmärchens stehenden Taugenichts liess Eichendorff einige seiner populärsten, am Volkslied orientierten Gedichte einfliessen (Wem Gott will rechte Gunst erweisen, Wenn ich ein Vöglein wär etc.), die in seine 1837 herausgegebene grosse Lyriksammlung aufgenommen wurden. Eichendorffs spätere vom Katholizismus durchdrungene Arbeiten – wie die Versepen Julian (1853) und Robert und Guiscard (1855) – reichen an die Qualität dieser Dichtungen nicht mehr heran. 1855 liess sich Eichendorff in Neisse nieder. Seine Gedichte wurden später u.a. von Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Johannes Brahms, Hugo Wolf und Richard Strauss vertont.

 

AUS DEM LEBEN EINES TAUGENICHTS

An einem schönen Frühlingssonntag verlässt der Taugenichts, wie ihn sein Vater nennt, die väterliche Mühle und zieht singend und auf seiner Geige spielend hinaus in die Welt, ein harmlos glücklicher Bursche. Unterwegs wird er auf dem Reisewagen zweier adliger Damen nach Wien mitgenommen und wird in ihrem Schloss erst Gärtnergehilfe, dann Zolleinnehmer. Aus heimlicher Liebe zu der Jüngeren, seiner "lieben gnädigen Frau", zieht er für sie eine Fülle der schönsten Blumen. Der Zwang schmerzlicher Entsagung weckt in ihm aber wieder die alte Wanderlust, und an einem schönen Sommertage lässt er alles stehen und liegen und macht sich nach Italien auf.

Eines Abend begegnet er zwei abenteuerlich aussehenden Reitern, die sich jedoch als zwei Maler, Leonhard und Guido, entpuppen. Er schliesst sich ihnen an, und es geht im Postwagen Italien zu. In der Lombardei trennen sich die beiden heimlich von ihm, lassen ihm aber einen grossen Beutel mit Geld zurück, und der Postwagen bringt ihn schliesslich in ein Schloss, wo alles zu seiner Aufnahme vorbereitet ist und man ihn herrlich verpflegt. Alle seine Fragen nach dem Wie und Warum lässt man unbeantwortet. Eines Tages wird ihm ein mit "Aurelie" unterzeichneter Brief ausgehändigt des Inhalts, es seien alle Hindernisse beseitigt, er solle zurückkehren, sie könne kaum mehr ohne ihn leben. Da er seine "liebe gnädige Frau" für die Absenderin hält, flieht er nachts unter abenteuerlichen Umständen aus dem Schlosse und gelangt nach Rom. Durch einen deutschen Maler erfährt er, dass die Gräfin hier lebe, und er trifft auch ihre ihm bekannte Kammerjungfer, die ihm mitteilt, wo er sie finden könne. Als er sich in ihrem Garten einstellt, ist es aber eine ganz andere, und er erfährt nur, dass seine Angebetete längst wieder in Deutschland sei. Wie vor den Kopf geschlagen beschliesst er er, "dem falschen Italien auf ewig den Rücken zu kehren und wandert noch zur selbigen Stunde zum Tore hinaus."

Auf dem Rückweg lernt er drei Musikanten, Prager Studenten, kennen. Gemeinsam fahren sie die Donau abwärts nach dem Schloss der schönen Gräfin. Im Schlosspark trifft unser Taugenichts auf den Maler Leonhard, auf die alte Gräfin und eine junge Dame, Flora, die sich damals, wie er jetzt erfährt, als Maler Guido verkleidet hatte. Man erlaubt sich allerlei Spässe mit dem Taugenichts und macht ihm klar, dass er in einem Roman mitgespielt habe. Leonhard – in Wirklichkeit ein benachbarter Graf – hatte Flora aus einer Pensionatsanstalt nach Italien entführt, sie wurden verfolgt, und er wollte sie auf einem seiner Schlösser verbergen, nahm aber dann davon Abstand, und der Taugenichts spielte dort, ohne es zu ahnen, Floras Rolle. Der Brief, den er erhielt, war für Flora bestimmt gewesen. In einem abgelegenen Häuschen des Gartens kommt es nun zu einem Zusammentreffen mit seiner "lieben gnädigen Frau"; sie umfangen sich, und es klärt sich alles auf: Leonhard heiratet Flora, die Tochter der alten Gräfin; die "liebe gnädige Frau" ist aber gar keine Gräfin, sondern ein Waisenkind, das einst von der Gräfin als Pflegetochter angenommen worden ist. So steht ihrer Heirat mit dem Taugenichts nichts im Wege.

 

LYRIK

Mondnacht

Es war, als hätt der Himmel
Die Erde still geküsst,
Dass sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müsst.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

Abend

Gestürzt sind die goldenen Brücken,
und unten und oben so still!
Es will mir nichts mehr glücken,
ich weiss nicht mehr, was ich will.

Von üppig blühenden Schmerzen
Rauscht eine Wildnis im Grund,
da spielt wie in wahnsinnigen Scherzen
das Herz an dem schwindligen Schlund.

Die Felsen möchte ich packen
Vor Zorn und Wehe und Lust,
und unter den brechenden Zacken
begraben die wilde Brust.

Da kommt der Frühling gegangen
wie ein Spielmann aus alter Zeit
und singt von uraltem Verlangen
so treu durch die Einsamkeit.

Und über mir Lerchenlieder
Und unter mir Blumen bunt,
so werf ich im Grase mich nieder
und weine aus Herzensgrund.

Da fühl ich ein tiefes Entzücken,
nun weiss ich wohl, was ich will,
es bauen sich andere Brücken,
das Herz wird auf einmal still.

Der Abend streut rosige Flocken,
verhüllt die Erde nun ganz,
und durch des Schlummernden Locken
ziehn Sterne den heiligen Kranz.

Wünschelrute

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

 

Die zwei Gesellen

Es zogen zwei rüstige Gesellen
zum erstenmal von Haus,
so jubelnd recht in die hellen,
klingenden, singenden Wellen
des vollen Frühlings hinaus.

Die strebten nach hohen Dingen,
die wollten, trotz Lust und Schmerz,
was Rechts in der Welt vollbringen,
und wem sie vorüber gingen,
dem lachten Sinnen und Herz.

Der erste, der fand ein Liebchen,
die Schwieger kauft Hof und Haus;
der wiegte gar bald ein Bübchen,
und sah aus heimlichen Stübchen
behaglich ins Feld hinaus.

Dem zweiten sangen und logen
die tausend Stimmen im Grund,
verlockend Sirenen, und zogen
ihn in der buhlenden Wogen
farbig klingenden Schlund.

Und wie er auftaucht vom Schlunde,
da war er müde und alt,
sein Schifflein das lag im Grunde
so still wars rings in der Runde,
und über die Wasser wehts kalt.

Es singen und klingen die Wellen
des Frühlings wohl über mir;
und seh ich so kecke Gesellen,
die Tränen im Auge mir schwellen –
ach Gott, führ uns liebreich zu dir!

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