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Last Update: 07.12.04
 

 
 

Hans Magnus Enzensberger (1929-)

Hans Magnus Enzensberger wurde am 11. November 1929 in Kaufbeuren geboren. Bekannt wurde er vor allem mit seiner zeitkritischen Lyrik in schmuckloser, klarer Sprache.

Hans Magnus Enzensberger Nach dem Studium der Germanistik und der Philosophie betätigte sich Enzensberger als Rundfunkredakteur und Lektor. Seine schriftstellerische Karriere begann mit betont zeitkritischer Lyrik, die - wie in den Sammelbänden verteidigung der wölfe (1957) und landessprache (1960) - mit irritierenden Stilmitteln (Verfremdung des Wortmaterials, parodistischer Gebrauch von Zitaten etc.) verfuhr. Darüber hinaus verfasste Enzensberger seit den sechziger Jahren auch politik- und medienkritische Essays, z. B. Einzelheiten (1962-1964), Politik und Verbrechen (1964), Deutschland, Deutschland unter anderem (1967) und Baukasten zur Theorie der Medien (1971). Im Rahmen der Studentenbewegung forderte er die Intellektuellen auf, an der "politischen Alphabetisierung Deutschlands" mitzuwirken. Mit den teils dokumentarischen Arbeiten Das Verhör von Habana (1970), Freisprüche, Revolutionäre vor Gericht (1970; Hg.) und dem Roman Der kurze Sommer der Anarchie. Buenaventura Durrutis Leben und Tod (1972) suchte er dieses Vorhaben praktisch umzusetzen. International bekannt wurde Enzensberger vor allem auch als Herausgeber der Zeitschriften Kursbuch (1965-1975; seitdem beratend) und Transatlantik (1980-1982). Seit 1985 fungiert er als Herausgeber der bemerkenswerten Verlags-Reihe Die Andere Bibliothek. Enzensberger äussert sich immer wieder engagiert zu aktuellen politischen und sozialen Fragen. So übte er nach der Wiedervereinigung Deutschlands vehemente Kritik an der Linken, die eine Neuorientierung in der politischen Praxis verspielt hätte. Seit 1980 lebt Enzensberger in München. Weitere Werke sind u.a. Ach Europa! (1987) und Mittelmass und Wahn (1988). Zu Enzensbergers Dramen gehören Der Untergang der Titanic. Eine Komödie (1978) und Der Menschenfreund (1984), das auf Molières Menschenfeind anspielt.

 

BILDZEITUNG - Gedicht 1957

Abrechnung mit "BILD", dem deutschen Boulevardblatt vom Springer-Konzern. Alex Springer galt als fast rechtsextremer Verleger; sein Blatt war politisch um einiges aggressiver als der Blick in seinen besten Zeiten.

Du wirst reich sein
Markenstecher Uhrenkleber:
wenn der Mittelstürmer will
wird um eine Mark geköpft
ein ganzes Heer beschmutzter Prinzen
Turandots Mitgift unfehlbarer Tip
Tischlein deck dich:
Du wirst reich sein.

Manitypistin Stenoküre
du wirst schön sein:
wenn der Produzent will
wird die Druckerschwärze salben
zwischen Schenkeln grober Raster
missgewählter Wechselbalg
Eselin streck dich:
du wirst schön sein.

Sozialvieh Stimmenpartner
du wirst stark sein:
wenn der Präsident will
Boxhandschuh am Innenlenker
Blitzlicht auf das Henkerlächeln
gib doch Zunder gib doch Gas
Knüppel aus dem Sack:
du wirst stark sein.

Auch du auch du auch du
wirst langsam eingehn
an Lohnstreifen und Lügen
reich, stark erniedrigt
durch Musterungen und Malz-
kaffee, schön besudelt mit Straf-
zetteln, Schweiss,
atomarem Dreck:
deine Lungen ein gelbes Riff
aus Nikotin und Verleumdung
möge die Erde dir leicht sein
wie das Leichentuch
aus Rotation und Betrug
das du dir täglich kaufst
in das du dich täglich wickelst.

Sprachliche Elemente

  • Montage-Gedicht
  • Vertauschung zusammengesetzer Wörter (Markenkleber, Uhrenstecher, Maniküre, Stenotypistin ...)
  • Gliederung in drei thematische Strophen (Sport, Prominenz, Politik) und eine vierte finale Strophe
  • Wiederkehrendes Märchenmotiv aus "Tischlein deck dich" nach den Gebrüdern Grimm


Inhaltliche Bemerkungen

  • Die 1. Strophe spricht den "Uhrenstecher" an, den einfachen Arbeiter. Wer REICH sein will, muss etwas riskieren; man ist auf den Mittelstürmer angewiesen, dass Tore geschossen werden. Ganze Heere investieren eine Mark in Toto-Wetten - und verlieren, wenn Turandot (mythische Frau, die Rätsel stellt) nicht will.
  • Die 2. Strophe spricht die "Stenotypistin" an, die brave Büroangestellte. Wer SCHÖN sein will, muss sich sehen lassen; der Produzent entscheidet, ob die Druckerschwärze salbt (man salbt Könige). Jemand wird zur "Miss" gewählt oder eben "missgewählt", ein Wechselbalg ist ein Kind des Teufels (alte Sage).
  • In der 3. Strophe wird die Politik angesprochen, Stimmenvieh wird abwertend für unkritische Wähler benutzt; mit dem Präsident, auf dessen Wohlwollen es herausläuft, sind die Pinochets der Welt gemeint. Aus dem Bauch heraus wird unreflektiert Gewalt und Aktion gefordert!
  • In der letzten Strophe kritisiert Enzensberger die naive Gläubigkeit der Zeitungsleser. Sie werden zwar reich, schön und stark; reich an Verleumdungen und Lügen, schön an Strafzetteln und Schweiss, stark erniedrigt usw.
  • Schlusszeilen (fett): Kaufe weiter jeden Morgen dein Leichentuch aus Rotation (Druckmaschinen) und Betrug (erfundenen Geschichten); lass dich ablenken durch die inszenierte Berichterstattung; weg von den wahren Problemen unserer Zeit....

Enzensberger über sein Gedicht: "Die Bewusstseins-Industrie ist ein Kind der letzten hundert Jahre. ... Sie ist die eigentliche Schlüsselindustrie des 20. Jahrhunderts. ... Indem Meinungen, Urteile und Vorurteile verbreitet werden, versucht diese Art von Industrieerzeugnissen die existierenden Herrschaftsverhältnisse, gleich welcher Art sie sind, zu verewigen. Sie soll Bewusstsein nur induzieren, um es auszubeuten. Ihr Produkt ist immateriell. ... Wer Herr und Knecht ist, das entscheidet sich nicht nur daran, wer über Kapital, Fabriken und Waffen, sondern, je länger je deutlicher, daran, wer über das Bewusstsein der anderen verfügen kann. Seitdem sich die Produktion materiller Güter genügend ausgedehnt hat ... ist jede Herrschaft prinzipiell ungesichert, von der Zustimmung ihrer Subjekte abhängig: nach deren Zustimmung muss sie trachten, unablässig muss sie sich selbst rechtfertigen. ... An die Stelle der materiellen tritt eine immaterielle Verelendung, die sich am deutlichsten im Schwinden der politischen Möglichkeiten des einzelnen ausdrückt: einer Masse von politischen Habenichtsen, über deren Köpfe hinweg sogar der kollektive Selbstmord beschlossen werden kann, steht eine immer kleinere Anzahl von politisch Mächtigen gegenüber. Dass dieser Zustand von der Majorität hingenommen und freiwillig ertragen wird, ist heute die wichtigste Leistung der Bewusstseins-Industrie." (Einzelheiten I, 1962)


Voraussetzungen der Bewussseinsbeeinflussung im industriellen Massstab

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