Der uneheliche Sohn eines Priesters und einer Arzttochter wurde nach dem frühen Tod seiner Eltern
dem Augustinuerkloster Steyn bei Gouda gegeben. Er besuchte Ordensschulen in Deventer und Herzogenbusch.
1492 erreichte er die Priesterweihe und wurde kurz darauf Sekretär des Bischofs von Cambrai, der ihm
ein Theologiestudium an der berühmten Sorbonne-Universität in Paris ermöglichte. Im Rahmen
seiner Studien in den Jahren 1495-99 befasste sich Erasmus mit der griechischen Sprache und entwickelte
sich je länger je mehr zum einflussreichsten Kritiker der erstarrten Scholastik. Er distanzierte
sich nun vom Klosterleben (von seinen Gelübden wurde er später durch den Papst entbunden). Auf
einem Englandaufenthalt lernte er 1499 More kennen und begann
unter dem Einfluss von Colet das Neue Testament genau zu studieren. Von 1506-09 hielt er sich in Italien
auf, wo er an der Universität Turin den Doktorgrad erlangte. Auf Einladung Mores weilte er 1509-14
in dessen Haus in London, wo er sich das philologische Erbe Vallas aneignete, um den Urtext der Bibel von
späteren Entstellungen zu reinigen. Weitere Reisen führten Erasmus nach Italien, England, in
die Schweiz und in die Niederlande. Er betrieb intensive Quellenstudien und verdiente sich seinen
Lebensunterhalt als Privatlehrer und Dozent. Er liess sich für die letzten Lebensjahre im
protestantischen Basel nieder.
In seinem More gewidmeten Lob der Torheit entlarvte er 1511 die intellektualistische Begriffsspielerei der Scholastik, kritisierte die einflussreichen Leute seiner Zeit und pries die Menschlichkeit. In seiner Colloquia familiaria zeigte er sich 1518 als Meister einer an der Sprache Ciceros orientierten Latinität. Inhaltlich skizzierte er in dieser Schrift eine lebensnahe Moral, die u.a. den Bildungsanspruch der Frau verteidigte. In seiner Kritik am Machtmissbrauch der Kirche stimmte er mit Luther überein, doch dessen Radikalität störte ihn. In seiner Schrift De libero arbitrio diatribe sive collatio kritisierte er 1524 Luthers antihumanistische Bestreitung der Freiheit des menschlichen Willens. Er wirft dem Reformator vor, Gott grausam zu machen, denn ein Gott, der die Menschen bestraft, weil sie seine Gebote nicht befolgt haben, wenn sie gar nicht anders konnten, sei ein grausamer Gott. Erasmus folgert, man müsse dem freien Willen seinen Platz lassen, sonst hätten alle Gebote und Verbote gar keinen Sinn. Luthers Stellungnahme für die Fürsten im Bauernkrieg von 1525 missbilligte Erasmus. Das Gesamtwerk des Humanisten umfasst u.a. eine Sprichwörtersammlung, mehrere Kommentare zum Neuen Testament, kritische Auseinandersetzungen mit den Kirchenvätern, einen Fürstenspiegel und Querela pacis, ein Plädoyer für den Pazifismus. Daneben pflegte er auch eine umfangreiche Korrespondenz mit der Prominenz seiner Zeit, wovon über 1500 erhaltene Briefe Zeugnis ablegen.
Erasmus führte ein neues Exegese-Konzept ein und lehrte eine an der Bergpredigt orientierte christliche Philosophie ohne Aberglauben und Dogmatismus. Er liess sich weder von den Reformatoren noch von den Katholiken vereinnahmen, sondern hielt sich in diesen Fragen vornehm zurück. Das ärgerte beide Seiten; die Päpste verboten seine Schriften und Luther kanzelte ihn als Skeptiker und Epikureer ab. Mit seiner Kritik am Dogmatismus aller Konfessionen, seiner Verwerfung jeden Aberglaubens und seinem Friedenswillen war Erasmus seiner Zeit weit voraus. Der Schriftsteller Zweig widmete ihm ein Buch und nannte ihn den ersten «bewussten Europäer».
| Literatur: | Erasmus von Rotterdam, Das Lob der Torheit, Stuttgart 1949, Reclam UB 1907. Erasmus von Rotterdam, Die Klage des Friedens, Frankfurt am Main 2001, Insel. Erasmus von Rotterdam, Vom freien Willen, Göttingen 1998, Vandenhoeck & Ruprecht. |
Intelligenz, Reden & Bücher
«Intelligenz macht schüchtern.»
«Von den Schlechten verlacht zu werden ist fast schon ein Lob.»
«Ich will lieber mit einem aufrichtigen Türken, als mit einem falschen Christen zu tun
haben.»
«Wenn ich ein wenig Geld bekomme, kaufe ich mir davon Bücher. Wenn dann noch etwas übrig
ist, kaufe ich mir Essen und Kleidung.»
«Der Umgang mit Büchern bringt die Leute um den Verstand.»