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Last Update: 11.09.07
 

 
 

Max Frisch (1911-1991)

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren und starb dort am 4. April 1991. Mit Friedrich Dürrenmatt gehört Frisch zu den wichtigsten schweizerischen Schriftstellern der Nachkriegszeit. Zentrale Themen seines zeitkritischen Werkes sind Selbstentfremdung und das Ringen um Identität in einer ebenso entfremdeten Welt.

Max Frisch Frisch studierte zuerst in Zürich Architektur und war danach als Journalist und Architekt tätig. Nach ausgedehnten Reisen durch Europa, Amerika und Mexiko war er seit Beginn der fünfziger Jahre als freier Schriftsteller tätig. 1958 erhielt Frisch den Georg-Büchner-Preis, und 1976 wurde er mit dem Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Frischs wohl bekanntestes Stück Andorra (1961) ist eine tragische Parabel auf die Folgen des Antisemitismus, während die Farce Biedermann und die Brandstifter (1958) anhand einer absurden Einquartierungssituation die Anpassungsmentalität des satten Bürgertums und seine Anfälligkeit für autoritäre Herrschaftsformen blosslegt. In seinem zweiten Roman Homo Faber wird aus der Sicht eines rationalistischen Ingenieurs der Gegensatz von technisch-wissenschaftlichem Weltbild und "unlogischen" Schicksalsmächten geschildert und mit der schon in Stiller auftretenden Eheproblematik (die auch das konfliktgeladene Verhältnis zu seiner langjährigen Lebensgefährtin Ingeborg Bachmann widerspiegelt) verbunden. Frisch entwickelt eine Romanform, indem er permanent verschiedene Textsorten mischt und getroffene Aussagen wieder relativiert. Dieses Mischungsprinzip begegnet wieder in der autobiographischen Erzählung Montauk (1975), die zugleich die Möglichkeiten des Erzählens reflektiert und die Suche nach objektiver Wahrheit als unausweichlichen Fehlschlag auch im eigenen Lebensplan des Autors transparent macht. Seine Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän (1979) ist bereits gezeichnet vom Leiden am Verlust der literarischen Schaffenskraft und an der Aussichtslosigkeit eines Strebens nach einer erfüllten menschlichen Existenz angesichts einer gleichgültigen Natur. Blaubart, seine letzte 1982 veröffentlichte Erzählung, nimmt das Motiv des bekannten Märchens von Charles Perrault auf. Bemerkenswert vom literarischen und argumentativen Standpunkt sind Frischs Tagebücher, erschienen unter dem Titel Tagebuch 1946-1949 (1950) und Tagebuch 1966-1971 (1972). Neben der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Literatur präsentiert sich Frisch hier wie anderenorts als scharfsinniger Kritiker des Zeitgeschehens, insbesondere der Schweizer Verhältnisse. So schockierte er bürgerliche Kreise mit seiner durchaus ernstgemeinten Forderung, die Schweizer Armee ersatzlos abzuschaffen - dies noch lange bevor GSoA ein Begriff war.

 

ANDORRA

Das kleine Volk der Andorraner ist stolz auf seine Reinheit, fürchtet sich aber vor den bösen Schwarzen, die gerade die Juden ausrotten. Die Andorraner sind entschlossen zu kämpfen, sollten die Schwarzen kommen. Aber auch in Andorra breitet sich der Antisemitismus langsam aus; die Andorraner sind längst nicht so weiss, wie sie es gern sehen würden... Lehrer Can hatte ein uneheliches Kind mit der Senora, die nach Schwarzland gezogen ist. Andri aber glaubt, sein Vater habe ihn, ein Judenkind, vor den Schwarzen gerettet und adoptiert. Er sieht daher nicht ein, was an seiner Beziehung zur Lehrertochter Barblin falsch sein soll. Bis vor kurzem arbeitete er als Küchenjunge beim Wirt, doch nun möchte er eine Tischlerlehre beginnen, wofür der Tischler aber happige 50 Pfund verlangt, die der Lehrer nur durch Landverkauf zusammenbringen kann. Schliesslich kann Andri die Lehre beginnen, doch darf er gar nicht tischlern; Prader versetzt ihn nach einem vermeintlichen Fehler ins Büro. Andri bittet den Lehrer um Barblin, doch dieser sagt nein, worauf Andri ihm vorwirft, die eigene Tochter nicht dem Jud zu geben. Die Senora taucht auf und die Leute streiten sich, ob man sie aufnehmen solle. Sie hilft Andri, als dieser gerade vom Soldaten und dessen Kollegen verprügelt wird. Der Lehrer erlaubt ihr nicht, Andri aufzuklären über seine Herkunft, er möchte es selber tun, Andri will aber gar nicht hören, auch dem Pater glaubt er nicht mehr. Die Senora wird schliesslich ermordet, und man beschuldigt Andri. Andorra wird über Nacht schwarz und die Soldaten kollabieren mit den neuen Herrschern. Der Judenschauer tritt auf, alle Andorraner müssen mit einem Tuch über dem Kopf und barfuss eine Strecke laufen, worauf der Judenschauer sagen kann, wer Jud ist. Schliesslich wird Andri am Pfahl hingerichtet, der Lehrer erhängt sich im Schulzimmer und Barblin dreht durch.

Andri Angeblich Jude, der durch den Lehrer Can vor den Schwarzen gerettet wurde. Als er erkennt, dass man ihn nirgends akzeptiert, sondern von ihm erwartet, dass er sich wie ein Jud benimmt, steigert er sich in etwas hinein. Er wird wütender, Hass steigt in ihm auf, er beginnt sich zu wehren und wird jetzt auch knauserig, wie man es den Juden vorwirft. Später glaubt er dem Lehrer nicht mehr, dass er kein Jude sei.
Barblin Die Tochter des Lehrers liebt ihren Adoptivbruder. Später allerdings lässt sie sich mit Peider ein, der sie aber anschliessend wieder als "Judenhure" bezeichnet. Sie überlebt die Tragödie als einzige der Familie.
Lehrer Can Aussenseiter in Andorra. Man nimmt ihn nicht so ernst und er hat Angst, dass er selber den Vorurteilen erliegt. In letzter Zeit trinkt er sehr oft, wird dann sehr jähzornig und ungeduldig. Er ist aber einer der letzten mit Zivilcourage; er liess die Schüler ihre Schulbücher zerreissen, da er keine Lügen unterrichten wollte.
Senora Andris eigentliche Mutter ist entweder eine Schwarze, oder eine nach Schwarland gezogene Andorranerin. Sie reiste nach Andorra, um den Lehrer zu überzeugen, Andri über seine Herkunft aufzuklären. Die Senora und Andri mögen sich, doch sie kommt nicht dazu, ihm zu erklären warum, denn auf dem Rückweg wird sie von einem Stein erschlagen.
Soldat Peider Prahlt stolz, dass die kleine Andorranische Armee sich wehren würde und dass keine Frau ihm widerstehe. Als die Schwarzen tatsächlich eindringen, kollabiert er als einer der ersten mit ihnen.
Wirt Knallharter Geschäftsmann, nutzt die Misslage anderer Leute zu seinen Gunsten aus und windet sich dann auch noch ein Kränzchen. Der eigentliche "Jud" im Sinn des Geizkragens.
Tischler Prader Eingebildeter und geldgieriger Handwerker. Als Andri seinen ersten Stuhl zusammengesetzt hat, glaubt er ihm nicht, dass es seiner ist, er glaubt lieber dem Gesellen Ferdi, da der kein Jud ist.
Doktor Ferrer Falsche Bescheidenheit und Vorurteile gegen Juden. Fachlich versteht er gar nichts; behauptet zwar, alle Lehrstühle der Welt angeboten bekommen zu haben, doch ist er nicht einmal imstande, eine Routineuntersuchung durchzuführen. Er ist Chauvinist, intellektuell und menschlich beschränkt, routiniert und kalt, aber auch gefährlich, weil so harmlos wirkend.
Jemand Kommt immer wieder vor im Buch, sagt aber meistens nicht viel, sondern hört vor allem zu. Wahrscheinlich ein Spion, die zu dieser Zeit ja Hochkonjuktur hatten.

Obwohl Frisch wieder und wieder betonte, Andorra sei bloss als Modell zu verstehen, stellt man als Schweizer Leser zweifelsfrei die Parallen zur Situation der Schweiz im Zweiten Weltkrieg fest. Schwarzland steht symbolisch für Nazideutschland, wo die Juden verfolgt und eliminiert wurden. Es ist tatsächlich so, dass zu dieser Zeit auch in der Schweiz Juden nicht voll toleriert wurden. Zwar wurden keine an den Pfahl gebracht. Aber die Schweiz hat - und das weiss man erst seit kurzem genauer - mindestens 30'000 Juden an den Grenzen abgewiesen, obwohl das Boot keineswegs voll war, aber man fürchtete sich - kaum zu Recht - davor, die Deutschen zu provozieren. Anderseits muss man fairerweise auch schreiben, dass die Schweiz in den sechs Kriegsjahren mindestens 300'000 Menschen Schutz bot.

 

HOMO FABER

"Der Bürger verlässt das Gefängnis seiner Wohlanständigkeit, versinkt im Anonymen und kehrt anders zurück, als er aufbrach. Dort, wo das Ich sich in der Namenlosigkeit verliert und seine Vergangenheit preisgibt, entfernt sich das Individuum von allem Vertrauten."
Zitat von Walter Jens auf dem Buchrücken


Aufbau


Personen

Walter "Homo" Faber (50) Hanna Sabeth


Zusammenfassung

Erste Station

Walter Faber fliegt von New York nach Venezuela, um im Zusammenhang mit seinem Unesco-Job bei einer Montage zu helfen. Seinen Nachbarn möchte Faber gar nicht kennenlernen, doch Herbert hat eine Menge zu erzählen, während Faber über Ivy nachdenkt, die er soeben verlassen hat. Faber mag Deutsche nicht, nur Joachim mochte er. Bei der Zwischenlandung in Houston sucht er die Toilette auf; als er wieder zu sich kommt, kniet die Putzfrau neben ihm und er schwört sich, nie wieder zu rauchen. Der Lautsprecher meldet den Start des Flugzeugs, immer wieder wird gerufen: "Passenger Faber!", doch Faber will nicht mehr neben Herbert sitzen. Als er denkt, jetzt sei das Flugzeug weg, geht er nach oben, wo ihn prompt die Stewardess findet. Im Flugzeug erzählt Herbert von einer Zigarrenfabrik mitten in Guatemala, wo sich sein Bruder aufhalte. Als Faber erwacht, sieht er, dass der linke Motor eine Panne hat. Die Stewardess versucht die Leute zu beruhigen und verteilt Schwimmwesten. Doch man landet nicht in Tampico, sondert dreht wieder landeinwärts, was Faber zur Frage: Kann man im Gebirge schwimmen? veranlasst. Nach dem Ausfall des zweiten Motors entschliesst man sich zur Notlandung. Die Super-Constellation landet in der Wüste, doch niemand wird schwer verletzt. Als sich die Passagiere im Schatten der Maschine versammeln, überlegt sich Faber, dass er nichts von Schicksal hält, die Wahrscheinlichkeit genügt ihm, er kann sich das ganze Dasein rational erklären. Der Aufenthalt in der Wüste von Tamaulipas dauert vier Tage und drei Nächte. Faber erfährt, dass Herbert tatsächlich der Bruder von Joachim ist. Herbert ist besorgt, da er schon lange keine Nachricht von Joachim mehr bekommen hatte. Auf Fabers Frage erklärt er, dass Joachim Hanna Landsberg, eine Halbjüdin geheiratet habe und sie ein Kind gehabt hätten. Hanna habe 1938 vor den Deutschen fliehen müssen, zuerst nach Paris. In Mexiko beschliesst Faber, seine Dienstreise kurzfristig abzuändern und einen privaten Umweg nach Guatemala zu machen. Auf der Reise mit Herbert möchte er immer wieder umkehren, tut es dann aber doch nie. In Palenque ist trotz gegenteiliger Versprechen nirgends ein Jeep zu sehen. Marcel, ein junger Amerikaner französischer Herkunft besichtigt zu dieser Zeit die Pyramiden von Yucatan und überredet den Hotelier, ihnen den Landrover auszuleihen. Die drei folgen anderen Spuren und finden die Tabakplantage. Die Indios berichten ihnen, ihr Señor sei tot. Die Baracke ist abgeschlossen und darin findet man die Leiche von Joachim - erhängt. Die Indios akzeptieren Herbert als neuen Herrn, während Faber und Marcel wieder zurückfahren.

Hanna studierte Kunstgeschichte in Zürich und Faber war an der ETH. Er wollte sie heiraten, doch sie ihn nicht. Sie gab ihm den Spitznamen Homo Faber, da er sie Kunstfee nannte. Er bekam dann eine Arbeit in Bagdad und erfuhr am selben Tag, dass sie schwanger sei; er sagte: Wenn du dein Kind haben willst, müssen wir natürlich heiraten. Sein Freund Joachim war Mediziner im Staatsexamen und bereit, eine allfällige Abtreibung vorzunehmen. Hanna aber machte Schluss, da er dein Kind statt unser Kind gesagt hatte. Sie hätten dann doch fast geheiratet, sie waren schon im Stadthaus; als man sie aber aufrief, war Hanna verschwunden. So trennten sie sich endgültig, als Faber 1936 nach Bagdad fuhr.

Ivy steuert zu seiner Wohnung in New York. Faber wollte mit seinem Freund Dick abmachen, doch er muss absagen. Sie will nicht ausgehen, sondern eine Woche mit ihm zusammen sein. Er fragt sich, ob sie seinen Brief, den er in der Wüste schrieb und in dem er Schluss machte, nicht erhalten hat. Schliesslich bucht er eine Schiffsreise nach Europa für den nächsten Tag. Als Begründung macht er Ivy vor, er habe Flugangst, was natürlich nicht stimmt. Er wollte sie hinauswerfen, doch eine Stunde später sitzen sie im Morgenrock und essen Hummer. Er hasst sie dafür und sich selbst, während er bemerkt, dass sie seinen Brief die ganze Zeit in ihrer Tasche hatte. Er nimmt einen Rassierapparat auseinander, bevor sie ins Kino gehen und nur deswegen kann ihn die Schiffahrtsgesellschaft noch erreichen, um mitzuteilen, dass er bis 22 Uhr mit dem Pass vorbeikommen müsse. Wäre der Rassierapparat nicht kaputt gewesen, hätte er diesen Anruf nicht mehr erhalten und er hätte nicht dieses Schiff nehmen können und hätte seine Tochter Sabeth nie kennengelernt. Doch auch rückblickend glaubt Faber nicht an Fügungen; es gibt nur Zufälle. Eine Stunde später sitzt er in der Bar und freut sich auf seine erste Schiffsreise. Nach Mitternacht trennt er sich endgültig von Ivy, dann verführt sie ihn wieder. Dann laden sie Dick und seine Freunde ein, die in Fabers Haus eine Riesenschweinerei anrichten.

Auf dem Schiff muss er lange anstehen und sieht dabei immer wieder die junge Frau mit dem Pferdeschwanz an. Später lernt er die junge Frau beim Ping-Pong-Spiel kennen. Eines Morgens sprechen sie und Faber sehr lange miteinander. Sie heisst Elisabeth, doch Faber findet dies einen unmöglichen Namen und nennt sie Sabeth. Er spricht wie ein Lehrer über Navigation, Radar, Erdkrümmung, Elektrizität, Entropie und Computer. Irgendwie erinnert Sabeth ihn an Hanna, doch das redet er sich wieder aus. Schliesslich heisst sie ja Piper. Sie erzählt ihm, sie habe ein Semester in Yale studiert und kehre nun zur Mutter nach Athen zurück. Herr Piper lebe überzeugt vom Kommunismus in Ostdeutschland. Sie suche ein billiges Hotel in Paris, dann wolle sie mit Autostopp Italien bereisen, und später möchte sie Kinderärztin oder Kunstgewerblerin werden. Sie besichtigen zusammen den Maschinenraum, wo Faber ihr alles mögliche erklären kann. Am letzten Abend, der zugleich Fabers 50. Geburtstag ist, wird auf dem Schiff ein Ball gegeben. Sabeth meint, er solle heiraten, worauf er ihr einen Heiratsantrag stellt, den sie allerdings nicht ernst nimmt. Am anderen Tag kommen sie in Le Havre an, wo sie sich verabschieden. Faber besucht einige kulturelle Orte in Paris, da er von Sabeths Vorlieben weiss, und findet sie an einem solchen wieder. Er lädt sie in die Opéra ein, obwohl er noch nie dort war. Später trifft er Professor O., der ihn anspricht. Doch Faber glaubte O., seinen ehemaligen Professor, schon lange tot und lehnt dessen Einladung in ein Café ab. Erst jetzt nimmt er Williams‘ Angebot an; gibt Ferien ein und borgt einen Citröen. So reist er mit Sabeth durch Frankreich und Italien. Beide sind glücklich, er mag Campari und sie Kunst. Er erfährt, dass sie das Interesse für Kunst von ihrer Mutter hat und jeder Kunst verstehen kann, nur der Bildunsspiesser nicht. Die Mama sei zwar auch mal Kommunistin gewesen, doch mit Piper sei es nicht gegangen. Da ihr das derzeitige Westdeutschland aber auch nicht zusage, arbeite sie nun in Athen. Seit Avignon erinnert Sabeth ihn nicht mehr so stark an Hanna, doch jetzt erfährt er auf seine Frage, dass Sabeth tatsächlich die Tochter von Hanna ist. Er sei natürlich nicht der erste Mann in ihrem Leben gewesen, da könne er sich beruhigen. Faber fragt sich, was denn seine Schuld sei; sie war in Avignon ja in sein Hotelzimmer gekommen.

Faber erwacht im Spital von Athen und sieht Hanna nach zwanzig Jahren erstmals wieder. Sie erklärt, Sabeth habe eine Operation hinter sich, hoffentlich überlebe sie. Er hatte die Schlange nicht gesehen. Er lief mit ihr zur Strasse, doch ein Ford fuhr vorbei. Auf einem Zweiräder eines Arbeiters gelangten sie weiter. Ein Lastwagen führte die beiden ins Krankenhaus von Athen. Der Arzt beruhigt Hanna und Walter. Walter erklärt, dass die Mortalität bei Schlangenbissen nur 3 bis 10 Prozent beträgt, doch von Statistik will Hanna nichts wissen, sie habe schliesslich nicht 100 Töchter. Sie erlaubt ihm, für eine Weile bei ihr zu wohnen. Im Bad wünscht er sich plötzlich, nie gelebt zu haben, doch von Selbstmord hält er nichts. Es kommt zum Streit, als er ihr vorwirft: "Du tust wie eine Henne!" Später will sie wissen, was er mit ihrer Tochter hatte und er gibt alles zu. Dann erzählt Walter ihr von Joachims Ende in Guatemala. Sie schluchzt im Schlafzimmer und lässt ihn nicht hinein. Vor 24 Stunden noch sassen Sabeth und er auf Akrokorinth. Sie fanden kein Hotel und schliefen unter einem Feigenbaum. Sie spielten ein Spiel, bei dem es darum ging, Vergleiche anzustellen. Als er erwacht, ist Hanna schon vom Spital zurück. Es gehe ihr schlechter, sie rede wirres Zeug. Hanna und Walter fahren zur Unglücksstelle zurück, um Walters Sachen zu holen. Bei der Stelle, wo sie gebadet hatten, meint Hanna: "Schön hier!" Als sie schrie, war er 50 Meter draussen. Als er zurückkam, wich sie zurück und fiel rücklings über eine kleine Böschung, dann erst sah er die Bisswunde. Hanna gibt zu, dass es sein Kind ist. Er will jetzt sogar bei ihr bleiben. Am Nachmittag meldet das Spital die traurige Botschaft, Sabeth sei um 14.00 Uhr gestorben – und zwar nicht an einem Schlangenbiss sondern an einer Schädelfraktur, die mittels chirurgischem Eingriff problemlos hätte behoben werden können .


Zweite Station

Walter liegt 6 Wochen nach dem Tod seiner Tochter wieder im Spital von Athen und wartet auf seine Operation, er weiss nicht, ob es sich um Magenkrebs handelt, doch er ist bereit zu sterben. Er denkt über die letzten sechs Wochen nach, in denen sich sein Leben und sein Denken verändert haben. Jeden Tag besucht ihn Hanna. Einmal bezeichnet Hanna die Technik als Kniff, die Welt so einzurichten, dass wir sie nicht erleben müssen. Manie des Technikers, die Schöpfung nutzbar zu machen, weil er sie als Partner nicht aushält; Technik als Kniff, die Welt als Widerstand aus der Welt zu schaffen, beispielsweise durch Tempo zu verdünnen, damit wir sie nicht erleben müssen. Als Faber sich ein anderes Mal im Spiegel anschaut, erkennt er: Fleisch ist kein Material, sondern ein Fluch. Er ist entschlossen, Hanna zu heiraten, falls er überlebt.

In New York war er nicht so glücklich an einer dieser Saturday-parties, froh, bald weiterfliegen zu können. Als er bei sich zu Hause anrief, meldete sich jemand anders. Dann besuchte er nochmals Marcel und Herbert. Faber regte sich auf, dass Herbert sich nicht um den Nash 55 kümmerte; er war der Meinung, ohne diesen sei Herbert verloren. Doch das kümmerte Herbert nicht, er gab Walter 20 Indios um ihm zu helfen. Schliesslich schaffte es Faber, doch Herbert will nie mehr zurückkehren. Als Faber schliesslich in Caracas ankam, waren zwar – anders als im April nach dem ersten Wildnisaufenthalt – die Teile bereit zur Montage, doch Faber lag zwei Wochen im Hotelzimmer wegen Magenschmerzen. In diesen zwei Wochen schrieb er den ersten Bericht. Danach verbrachte er vier Tage in Kuba, da er keinesfalls New York wiedersehen wollte. Auf der Insel fand Faber Ruhe und Frieden, er rauchte Zigarren und realisierte, dass auch er den American Way of Life nicht mehr unterstützen kann. Dass das Leben endlich ist. Er unterhielt sich mit einem Mädchen am Strand, ihr Bruder war Zuhälter. Nach diesem Aufenthalt besuchte er die Firma Hencke in Düsseldorf, die Herbert und seine Zigarrenfabrik schon abgeschrieben hatten. Im Büro konnte er aber die Filmspule mit Sabeth ansehen und dachte immer wieder, dass es ihr Lachen, ihren Körper, ihre Hände, sie nicht mehr gab. Anstatt auf den Verwaltungsrat zu warten, um den Film über Joachim vorzuführen, verschwand Faber einfach und liess alles zurück. Im Zug nach Zürich überlegte er sich urplötzlich: Warum nicht diese zwei Gabeln nehmen, sie aufrichten in meinen Fäusten und mein Gesicht fallen lassen, um die Augen loszuwerden? Was er eigentlich in Zürich wollte, wusste er nicht. Er traf Prof. O. wieder, mit dem er ein Café besuchte. Auf einmal fragte der Professor, wie es denn seiner Tochter ginge. Er habe gedacht, dass es die Tochter sei, erklärt er auf Fabers Frage. Mit dem Flugzeug reiste Faber dann nach Athen, er kündigte unterwegs bei Williams. Als er im Athener Spital eine Untersuchung verlangte, wurde er nicht mehr entlassen, die Operation auf übermorgen angesetzt.

Hanna erklärt, auch sie habe keine Wohnung mehr; zuerst wollte sie ein Jahr auf den griechischen Inseln umherreisen, doch im letzten Moment kehrte sie dann zurück. Ihr Posten im Institut war schon wieder vergeben, nichts zu machen. Jetzt führe sie Mittelmeerreisegesellschaften herum, die möglichst viel auf einmal sehen wollten. Faber kann Hanna auch nicht erklären, warum sich Joachim erhängte. Sie wollte das Kind behalten, als Faber 1936 ging, es war nicht Joachims Entscheidung. Sie erzählt ihm, am Anfang sei die Beziehung gut gewesen, gerade weil er nicht der Vater des Kindes war, Joachim mischte sich nicht in die Erziehung ein. Schwieriger wurde es erst, als sich die Erziehungsfragen mehrten, Joachim ertrug es nicht, dass Hanna in allem, was Kinder betrifft, als die einzige und letzte Instanz auftrat. Der Ausspruch "Du tust wie eine Henne!" habe auch Joachim einmal so gebraucht, denn es hätte gestimmt, sie erzog ein vaterloses Kind, ihr Kind. Joachim hoffte auf ein zweites Kind, so dass er Vater wäre. Was Faber auch nicht wusste war, dass Joachim seine Auswanderung nach Übersee seit 1935 betrieb. Hanna wollte ihn ja nicht verlassen, sie lernte sogar den Beruf einer Laborantin, um ihm helfen zu können, dazu kam es aber nie. Als Joachim erfährt, dass Hanna sich hat unterbinden lassen, kommt es zu einer Kurzschlusshandlung: Joachim meldet sich freiwillig zur Wehrmacht. Hanna opferte ihr ganzes Leben für das Kind. Sie arbeitete in Paris, später in London, in Ostberlin und dann in Athen. Sie unterrichte ihr Kind selbst und lernte mit vierzig Jahren noch Geige, um Sabeth begleiten zu können. Sie fragt ihn, ob er gewusst habe, wie recht er hatte, als er sagte "Dein Kind" statt "unser Kind". Sie fragt, ob er ihr verzeihen könne. Hanna will Athen nie wieder verlassen, das Grab ihres Kindes. Es ist Hanna schon schwer genug gefallen, das Mädchen allein auf die Reise zu lassen, wenn auch nur für ein halbes Jahr. Hanna hat immer schon gewusst, dass ihr Kind sie einmal verlassen wir; aber auch Hanna hat nicht ahnen können, dass Sabeth auf dieser Reise gerade ihrem Vater begegnet, der alles zerstört.

Das Buch endet mit den Worten: "08.05 Uhr; Sie kommen." Gemeint sind die Ärzte, die sich um Fabers Magen kümmern.

 

BERÜHMTE ZITATE

«Eifersucht ist die Angst vor dem Vergleich.»
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