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Last Update: 07.12.04
 

 
 

Gerhart Hauptmann (1862-1946)

Gerhart Hauptmann wurde am 15. November 1862 in Bad Salzbrunn geboren und starb am 6. Juni 1946 in Agnetendorf bei Hirschberg. Mit seinen sozialkritischen Dramen - bekannt wurden vor allem Vor Sonnenaufgang und Die Weber - gilt er als bedeutendster Vertreter des deutschen Naturalismus.

Gerhart Hauptmann Hauptmann stammt aus Schlesien (Salzbrunn heisst heute Szczawno Zdroj, und liegt also in Polen) geboren. Nach einem kurzen Bildhauerstudium in Breslau und Jena wandte er sich dem Schreiben zu. Er wurde entscheidend von den realistischen Werken des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen beeinflusst. Nach Erfolgen in unterschiedlichen literarischen Genres, so mit der naturalistisch-psychologischen Novelle Bahnwärter Thiel (1888), erlangte er vor allem als Dramatiker Berühmtheit. Sein erstes Stück Vor Sonnenaufgang (1889) gilt als grundlegendes Werk des Naturalismus, gezeigt wird der moralische Verfall mehrerer Bauernfamilien, die plötzlich zu Wohlstand gelangt sind, als auf ihrem Land Kohlevorkommen entdeckt wurden. In Die Weber (1892), seinem bedeutendsten Drama, thematisiert er das Schicksal einer Gruppe schlesischer Weber zu Zeiten der Weberaufstände, wobei er eine ganze soziale Schicht zu Protagonisten des Stückes macht, um so die sozialen und politischen Dimensionen des Konflikts zu verdeutlichen. Hauptmann wandte sich mit der Traumdichtung Hanneles Himmelfahrt (1893) vom rein naturalistischen Drama ab, indem er naturalistische Elemente mit romantisch symbolischen Versen kombiniert. Die Hinwendung zur Neuromantik zeigt sich im Versdrama Die versunkene Glocke (1897). Im gleichen Jahr wandte sich Hauptmann wieder dem realistischen Drama zu, aber statt das soziale Anliegen hervorzuheben, nimmt er sich nun der Auswirkungen moralischer Korruption auf den einzelnen an. Im Fuhrmann Henschel (1898) und in Rose Bernd (1903) stellt er das Schicksal von Menschen dar, deren Scheitern bereits in ihren Unzulänglichkeiten angelegt ist. Hauptmann schrieb ausserdem die Dramen Der rote Hahn (1901) und Der arme Heinrich (1902), die Komödie Der Biberpelz (1893), in der die preussischen Repräsentanten des Kaiserreiches blossgestellt werden, den Roman Der Ketzer von Soana (1918) und Erzählgedichte. In der Atriden-Tetralogie (1941-1945), denen die antike griechische Sage des zum Untergang verdammten Geschlechts der Atriden zugrundeliegt, zeigt sich wie in vielen seiner späten Werke eine Annäherung an das Gedankengut des Nationalsozialismus, mit dem er sich zurückgezogen lebend arrangiert hatte.

 

DIE WEBER

Das Drama

Im Expeditionsraum von Dreissigers Parchentfabrik liefern die Weber ihre Heimarbeit ab. Es sind arme elende, von Hunger und Not ausgemergelte Menschen, die um ein paar Pfennige Lohnerhöhung oder um einen geringen Vorschuss bitten. Der Expedient Pfeifer aber, früher selbst Weber und jetzt ein beflissener Leuteschinder im Dienste Dreissigers, lehnt alles ab, krittelt an dem abgelieferten Zeug herum und sucht durch möglichst viele Beanstandungen die Hungerlöhne noch weiter hinunterzudrücken. Der Weber Bäcker, ein junger aufsässiger Bursche, der als einziger nicht bemäkelt wird protestiert laut: dies seien keine Löhne, sondern schäbige Almosen. Ein kleiner Junge bricht vor Entkräftung zusammen. Der herbeigerufene Fabrikant Dreissiger, der in Bäcker einen der Burschen erkennnt, die am Abend davor das verbotene "Lied vom Blutgericht" (das Trutzlied der Weber) gesungen haben, ist von dem Vorfall peinlich berührt und lässt das Kind in sein Privatkontor bringen. Mit billigen Phrasen über die Verantwortung des Unternehmers sucht er die murrenden Leute zu beschwichtigen und teilt ihnen mit, dass er 200 neue Arbeiter einstellen werde. In Wahrheit ist diese soziale Massnahme nur der Vorwand, um die Meterlöhne um ein Fünftel herabzusetzen.

In der Hütte des Häuslers Ansorge arbeiten die Baumertsleute an Webstühlen und Garnspulen. Der alte Baumert, der seit zwei Jahren kein Fleisch mehr gegessen hat, hat seinen kleinen Hund geschlachtet und schmort den trüben Braten im Topf. Gerade hat er neues Webgarn geholt und dabei unterwegs den Reservisten Moritz Jäger getroffen, der eine Flasche Schaps mitbringt und den mit offenen Mund zuhörenden Webersleuten vom Glanz des Soldatenlebens in der Stadt erzählt, zugleich aber auch angeberische Hetzreden führt. Der geschwächte Magen des alten Baumert kann das Hundefleisch nicht bei sich behalten. Er weint, sein Weib jammert über das Elend. Moritz Jäger stimmt das Weberlied an, das die andern zu auftrumpfender Entschlossenheit reizt: so kann´s nicht weitergehen, es muss anders werden.

In Welzels Gaststube unterhalten sich ein Reisender aus der Stadt und der Tischler Wiegand über die Aufruhr, die unter den Heimarbeitern gärt. Der Reisende versucht erst auf alberne Art mit der Wirtstochter anzubandeln, dann reizt sein stichelndes Geschwätz aber die hinzukommenden Weber, dass sie ihn ins Nebenzimmer hinausdrängen. Die Erregung wächst, die jungen Männer fangen, von dem Schmied Wittig aufgestachelt, wiederum mit dem Weberlied an. Als der versoffene Gendarm Kutsche Ruhe gebietet, wird die Situation so bedrohlich, dass der Polizist schleunigst retiriert. Die Weber singen auf der Strasse das verbotene Weberlied weiter.

In Dreissigers Wohnung wagt der junge Hauslehrer Weinhold im Verlauf einer kleinen Abendgesellschaft die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit zu stellen. Pastor Kittelhaus hält ihm in salbungsvollem Ton seinen Irrtum vor, Dreissiger aber verbittet sich Vorlesungen über Humanität; dafür habe er den Kandidaten nicht aufgestellt. Weinhold geht. Die aufständischen Weber sind im Anmarsch. Dreissigers Färbereiarbeiter haben den Rädelsführer Jäger festgenommen und bringen ihn zum Verhör in die Villa des Fabrikanten. Jäger gibt dem Polizeiverwalter Heide und dem Pastor höhnische Antworten. Als Heide ihn ungeachtet der drohenden Haltung der vor dem Haus randalierenden Weber abführen lässt, bricht die Aufruhr mit voller Gewalt los. Jäger wird befreit, die Polizei verprügelt und selbst der freundliche, aber gänzlich lebensferne Pastor misshandelt. Dreissiger bringt sich mit seiner Familie gerade in Sicherheit, bevor die Weber in seine Villa eindringen und den Menschenschinder Pfeifer, gegen den sich die Wut vor allem richtet, suchen. Als sie das ganze Haus leer finden, schlagen sie alles kurz und klein.

Der fromme alte Webermeister Hilse im Nachbardorf ist entsetzt über den Aufstand. Hornig erzählt, dass die tobenden Menge unterwegs ist, um auch hier die Unternehmer zu vertreiben, aber schon ist das Militär aufgeboten, um die Revolte niederzuschlagen. Hilse glaubt an das Eingreifen einer höheren Gerechtigkeit, aber seine Schwiegertochter Luise begrüsst den Aufruhr mit fanatischer Begeisterung. Die revoltierenden Weber rufen ihre Kameraden auf die Strasse, Hilses alter Freund Baumert ist, von Alkohol ermutigt, einer ihrer Anführer. Die Soldaten schiessen, die Weber nötigen sie durch Steinwürfe zum Rückzug. In eigensinniger Gottergebenheit bleibt der einarmige Vater Hilse in seiner Stube und arbeitet weiter an dem Platz, an den ihn sein himmlischer Vater hingesetzt hat. Draussen kracht eine neue Salve, der alte Mann bricht zusammen. Eine verirrte Kugel hat ihn getötet.


Quellen zum Weberaufstand in Schlesien

"Allgemeine Zeitung", Augsburg vom 12. Juni 1844
So eben hat ein Haufen Weber aus Peterswaldau, Langenbielau und der Umgegend in Peterswaldau (dem Consistorialpräsidenten Grafen Stolberg gehörig) die Gebäude und Vorräthe des Fabricanten Zwanziger niedergerissen und zerstört. Die Familie des Zwanziger ist auf das Schloss des Grafen Stolberg geflüchtet. Das angemessene Einschreiten der Prediger Schneider und Knüttel hat vorläufig weiteren Unfug gehemmt, wozu Geldaustheilung des Fabricanten Wagenknecht, der sein Haus nur durch diese bewahrt hat, beigetragen haben mögen. Es ist Militär aus Schweidnitz verlangt, das jeden Augenblick erwartet wird.

Berliner "Vossische Zeitung" vom 13. Juni 1844
Gehen wir an den einzelnen, durch andere Häuser getrennt neben einander liegenden Gebüden der HH. Dierig vorüber bis gegen das Ende des Dorfes, wo ein Weg von Peterswaldau einmündet. Das Etablissement der HH. Hilbert und Andretzky liegt hier an der Strasse und file zuerst in Langenbielau unter den Streichen der Wüthenden. Noch sehen wir überall auch äusserlich das Werk der Zerstörung. Kein Fenster, nur einige Trümmer der Scheiben vom Giebel der Gebäude bis zur Sohle, die Kreuze zerbrochen oder ausgerissen, die eisernen Stäbe, wo die Fenster mit Gittern verkleidet sind, zum Theil zerschlagen, die Thüren da und dort zersprengt, vor den Häusern Überreste zertrümmerter Geräthschaften, an den Wänden deutliche Zeichen von zahllosen Steinwürfen. Und so treten wir einigermassen vorbereitet in das Innere ein, aber der erste Blick überzeugt uns, wie unzulänglich alle unsere trüben Erwartungen waren. Wir schreiten über Trümmer wohin sich unser Fuss wendet, nichts ist verschont geblieben was nicht auch den Hieben einer mit dämonischer Wuth geschwungenen Axt widersteht. Wir sehen nichts als kahle Wände, .....

"Kölnische Zeitung" vom 18. Juni 1844
Was wir im Nachfolgenden mittheilen, sagt dasselbe Blatt, ist theils aus schriftlichen, theils mündlichen Berichten von Augenzeugen entnommen, in deren Wahrhaftigkeit wir unserseits kein Misstrauen zu setzen berechtigt sind, die wir indessen doch nur als subjective Auffassungen dessen geben, was unsere Berichterstatter, die wir möglichst mit eigenen Worten reden lassen, sahen. Bekanntlich begannen jene Auftritte bei dem Baumwollenfabrikanten Zwanziger und Söhne in Peterswaldau, der noch vor 30 Jahren ganz mittellos, sich jetzt ein Vermögen von 230.000 Thlr. erworben, und dessen Härte in Bedrückung der Weber sprichwörtlich geworden. Besonders wird über einen Sohn desselben geklagt. Die Verandlassung zu den zerstörenden Auftritten wird nun folgendermassen angegeben: Am 3. d.M. zog ein Haufe Weberburschen vor das Wohnhaus des Zwanziger und sang dort ein die Handlungsweise gedachter Herren darstellendes Lied, das sie schon vorher an die Thüren angeheftet hatten, von wo es durch Zwanziger wieder entfernt worden war. Das Lied ist aus dem Bewusstsein des Contrastes zwischen der üppigen, sich breitmachenden Herrlichkeit der Fabrikherren und der elenden Lage der Arbeiter hervorgegangen. Bei dieser Gelegenheit gelang es den Fabrikherren, einen der tumultuarischen Sänger in Haft zu bekommen.

 

BAHNWÄRTER THIEL

Thiels Bahnwärterhaus liegt in der märkischen Kiefernheide mitten im Walde. Er selbst wohnt in dem kleinen Orte Neu-Schornstein. Nach zweijähriger Ehe ist ihm seine zarte Frau im Wochenbett gestorben und hat ihm ein Söhnchen, Tobias, hinterlassen. Er heiratet wieder, und zwar die dralle, arbeitsame Kuhmagd Lene, eine Frau ohne Seele und beherrscht von Zanksucht und brutalem Wesen. Thiel dagegen ist ein phlegmatischer, nachgiebiger Mensch, der sich seiner Frau immer mehr unterordnet. Sein abgelegener Posten und die enge Berührung mit der Natur fördern in ihm mystische Neigungen; so hält er hier mit seiner ersten Frau geheime Zwiesprache und hat allerlei Visionen. Aus seiner zweiten Ehe geht ebenfalls ein Knabe hervor, und nun beginnt für den kleinen Tobias die Leidenszeit. Thiel wird selbst einmal Zeuge der Misshandlungen, denen das Kind durch seine Stiefmutter ausgesetzt ist, findet aber nicht die Kraft einzuschreiten.

Thiel hat vom Bahnmeister an der Strecke einen Kartoffelacker überlassen bekommen, und eines Tages macht sich die ganze Familie auf, um diesen zu bestellen. Bei dieser Gelegenheit wird Tobias vom Vater bei der Begehung der Strecke mitgenommen, und dieser freut sich an den verwunderten Fragen des Kindes. Dann empfiehlt er Tobias der besonderen Obhut Lenes und geht auf seinen Posten, um den Schnellzug abzunehmen. Da geschieht das Furchtbare: Tobias kommt unter die Räder und kann nur noch tot geborgen werden. Thiel bricht ohnmächtig zusammen und wird nach Hause gebracht, wo die Bewusstlosigkeit andauert. Als einige Stunden später die Leiche des kleinen Tobias gebracht wird, findet man Lene und ihr Kind erschlagen. Thiel ist verschwunden. Erst am nächsten Morgen entdeckt man ihn auf den Geleisen an der Stelle sitzend, wo das Unglück geschehen ist, und mit der Mütze seines Kindes spielend. Er ist geistiger Umnachtung verfallen.
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