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Last Update: 07.09.07
 

 
 

Hermann Hesse (1877-1962)

Emil Sinclair wurde am 2. Juli 1877 in Calw geboren und starb am 9. August 1962 in Montagnola. Durch sein ganzes schriftstellerisches Werk zieht sich ein Konflikt zwischen Geist und Natur. Da Hesse meist zurückgezogen auf dem Lande lebte, ist dieser Gegensatz zugleich als Kritik an der modernen technisierten Welt interpretierbar und besitzt insofern auch eine politische Dimension.

Hermann Hesse Emil Sinclair wurde am 2. Juli 1877 in Calw/Württemberg als Sohn eines baltendeutschen Missionars und einer württembergischen Indologin geboren. Nachdem Hesse in seiner Kindheit einige Jahre in der Schweiz gelebt hatte, zog er mit seinen Eltern wieder zurück nach Deutschland, wo er zur Vorbereitung auf das württembergische Landexamen die Lateinschule in Göppingen 1890 besuchte. Das Landexamen war die Voraussetzung für eine kostenlose Ausbildung zum evangelischen Theologen im Tübinger Stift. Nach sieben Monaten in einem evangelischen Klosterseminar floh Hesse, weil er "entweder Dichter oder gar nichts werden wollte". Nach einer Buchhändlerlehre in Tübingen erschien 1898 Hesses erste Publikation in Das deutsche Dichterheim. Im September 1899 zog Hesse nach Basel, wo er bis 1901 in der Buchhandlung Reich beschäftigt war. Ab diesem Jahr verfasste Hesse auch regelmässig Artikel für diverse Zeitungen und Zeitschriften. 1902 erschient der Textband Gedichte, den Hesse seiner kurz zuvor verstorbenen Mutter widmete. Im Jahr 1904 heiratete Hesse Maria Bernoulli, die drei Söhne gebar. Später gründete er die liberale, gegen das Regime von Kaiser Wilhelm II. gerichtete Zeitschrift März, als dessen Herausgeber er bis 1912 zeichnete. Als im Jahre 1914 der Krieg begann, meldete sich Hesse, wurde aber als dienstuntauglich zurückgestellt und 1915 der deutschen Gesandtschaft in Bern zugeteilt, wo er bis 1919 Hunderttausende von Kriegsgefangenen mit Lektüren versorgte. Zusammen mit Romain Rolland oder Stefan Zweig versuchte Hesse, die europäische Bildungselite von der unnötigen Barbarei des Krieges zu überzeugen. Als 1916 Hesses Vater starb, bei seiner Frau Schizophrenie auftrat und sein jüngster Sohn erkrankte, erlitt Hesse einen Nervenzusammenbruch. Nur langsam erholte er sich wieder von seiner folgenden Krankheit und zog dann 1919 nach Montagnola bei Lugano. 1923 liess er sich von Maria Bernoulli scheiden und wurde im selben Jahr auch wieder Schweizer Staatsbürger. Im gleichen Jahr heiratete er auch seine zweite Frau Ruth Wenger, die er allerdings drei Jahre später wieder verliess. Schliesslich heiratete er 1932 Ninon Dolbin, mit der er bis zu seinem Lebensende zusammenlebte. 1946 wurde Hesse der Literaturnobelpreis verliehen, 1955 der Friedenspreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Am 9. August 1962 starb Hesse in Montagnola.

In seinen ersten Romanen Unterm Rad (1906) und Peter Camenzind (1904) verarbeitete Hesse die drückenden Erfahrungen der Schulzeit und des Priesterseminars und setzte dagegen das Ideal eines freizügigen Vagabundendaseins. Das literarische Werk der Zwischenkriegszeit enthält zunehmend meditative, von der fernöstlichen Philosophie beeinflusste Züge, wie in Siddharta (1922). Seine Beschäftigung mit der Psychoanalyse, vor allem der Archetypenlehre Carl Gustav Jungs, fand im 1919 veröffentlichten Roman Demian literarischen Niederschlag. Die in diesem Buch thematisierte symbolische Doppelexistenz des Protagonisten Sinclair und seiner Trauminkarnation Demian stiess beim deutschen Publikum auf grosses Interesse. In der Morgenlandfahrt (1932) trat verstärkt Hesses mystische und letztlich neuromantisch-konservative Disposition zutage, während sein Roman Der Steppenwolf (1927) zumindest formal den Anschluss an die zeitgenössische Literatur hielt. Die darin geschilderte Doppelnatur des Künstlerhelden, der halb Mensch, halb "Wolf", durch ein Labyrinth alptraumhafter Erlebnisse treibt, personifiziert die Spannung zwischen Trieb und Geist und reflektiert die Zweifel des fünfzigjährigen Autors an seinen Lebensmaximen, vor allem sein Defizit an erotischer Erfüllung. Der Steppenwolf avancierte später mit Siddharta zur Pflichtlektüre der Flower-Power-Generation, wenn auch im Zeichen eines (missverstandenen?) Individualismus. Nicht zufällig wurde der Song Born to Be Wild der amerikanischen Rockgruppe "Steppenwolf" zum musikalischen Hit in Dennis Hopper's Film Easy Rider, der das Lebensgefühl dieser Generation repräsentierte. Ohne autobiographischen Bezug, aber mit ähnlicher Tendenz schilderte Hesse in Narziss und Goldmund (1930) die Zerrissenheit zwischen individuellem Rebellionsdrang und dem Zwang zu spiessbürgerlicher Anpassung. In seinem Alterswerk Das Glasperlenspiel (1943) legte Hesse den Entwurf einer poetischen Sozialutopie vor, in der die ihn bedrängenden Probleme eine Lösung erfahren. Seine Prosa wie seine nostalgische, oft nahezu larmoyante und volksliednahe Lyrik weisen Hesse als harmonisierend- epigonalen Nachfahren der Romantiker aus. Die literarische Qualität seiner Texte ist heutzutage eher umstritten, ausser Frage stehen hingegen seine kulturkritischen und seine literaturkritischen Verdienste.

 

UNTERM RAD

Die Erzählung entstand 1903 in Calw und zeigt das Schicksal des begabten Knaben Hans Giebenrath, dem der Ehrgeiz seines Vaters und Lokalpatriotismus seiner Heimatstadt eine Rolle aufnötigen, die ihm nicht entspricht.


Personen

Vater Joseph Sohn Hans Flaig Heilner


Zusammenfassung

Als Klassenbester der Lateinschule seines Heimatdorfes darf Hans Giebenrath am Landexamen in Stuttgart teilnehmen, welches notwendig war für den Besuch eines Gymnasiums. Schon Wochen vorher muss Hans viele Stunden täglich mit Lehrern, mit dem Direktor und dem Pfarrer lernen und hat so keine freie Minute mehr, sich zu erholen. Das Examen, das aus Deutsch-, Latein- und Griechischprüfungen besteht, beendet Hans als zweiter und ist daher für das Gymnasium zugelassen. Doch auch in den darauffolgenden Sommerferien gönnt man Hans keine Freizeit. Um ihn aufs Gymnasium vorzubereiten, lehrt man ihn das Neugriechische, hilft ihm in Mathematik und unterrichtet ihn in Religion. Im Gymnasium befreundet sich Hans mit Hermann Heilner, der bei den Professoren nicht sehr beliebt ist, da er mit einem anderen Schüler gerauft hat und sich Befehlen und Anordnungen der Lehrer widersetzt. Wegen dieser Freundschaft fällt auch Hans Giebenrath bei den Lehrern in Ungnade, was ihm eine Menge Ärger bringt. Als Hermann Heilner wegen einer Untat in den Karzer muss, vergisst Hans seine Freundespflicht; noch einmal siegt der Streber in ihm, und er meidet den Freund. Der jähe Tod eines Mitschülers bringt Hans zur Erkenntnis seines Fehlverhaltens, und es kommt zur Aussöhnung der beiden Knaben, die von den Lehrern mit Argwohn beobachtet wird. Richtig schlimm wird es für Hans aber erst, als sein Kreislauf nicht mehr mitspielt und er im Unterricht nicht mehr mitarbeiten kann. Daher muss Hans die Schule verlassen und lebt erst einmal ohne neue Beschäftigung über ein Jahr mit seinem Vater in seinem Heimatstädtchen. Hans beginnt, über Selbstmord nachzudenken und sucht sich einen Platz für diese letzte Tat. Tag und Nacht träumt er von diesem grossen Ereignis und freut sich schon richtiggehend auf seinen Tod, der später jedoch nicht an diesem Ort eintritt. In den Ferien hat Hans sein erstes Erlebnis mit einem Mädchen. Es dauert einige Tage, bis er die Geschichte realisieren kann, nur leider ist das Mädchen da schon wieder verschwunden. Im Herbst schliesslich beginnt Hans Giebenrath eine Feinmechanikerlehre beim städtischen Schmied. Dort erst lernt er die Strapazen der körperlichen Arbeiten kennen. Die ersten Tage werden die anstrengendsten seines Lebens. Als er am Ende der Woche seinen ersten Lohn ausbezahlt bekommt, lässt er sich von einem Gesellen dazu überreden, ihm und ein paar Freunden in die nahegelegene Stadt zu folgen, um den Wochenlohn des Gesellen in Bier zu investieren. An diesem Herbstsonntag trinkt und raucht Hans das erste und letzte Mal in seinem Leben. Als er sich nämlich viel zu spät alleine, dafür aber stockbetrunken, auf den Heimweg macht, stürzt er in einen Fluss und wird erst am nächsten Tag tot aufgefunden.


Interpretation

Es gibt die umgangssprachliche Wendung "unter die Räder kommen", die so viel wie "zugrunde gehen" heisst. Der Titel des Buches sagt also in etwa, dass Hans Giebenrath, vom Vater und den Erziehern unters Rad gebracht wird. Erst als Hans eine Feinmechanikerlehre beginnt, entdeckt er auch die andere Seite des Lebens. Er, der vorher seine gesamte ihm zur Verfügung stehende Zeit für Lernen und Fortbilden aufgewendet hatte, versucht nun, das Versäumte nachzuholen. Doch genau dieser Zwang, das Versäumte nachzuholen, wird Hans zum Verhängnis, als er zu übertreiben beginnt. Hesse lässt offen, ob der Tod von Hans gewollt oder ungewollt geschehen ist und stellt nur ein paar Möglichkeiten zu dessen Hergang zur Wahl.

Der Roman weist einige autobiographische Züge auf. Schon der Vorname macht einen Bezug zu Hesses Bruder Hans deutlich. Hesse selbst nahm auch an einem Landexamen teil, beendete es allerdings nicht als zweiter wie Hans, sondern als 28. In seinen Erzählungen ist oftmals die Mutter bereits gestorben, doch er selbst wurde von seiner Mutter zum Landexamen begleitet, im Gegensatz zu Hans, der mit seinem Vater reiste. Hesse besuchte auch das gleiche Klosterseminar wie Hans und beschreibt dies als "die Zeit meiner wildesten Stürme". Die Lehrer von Hans sind grossteils identisch mit Hesses Erziehern. Sogar die bei Hans durch Überforderung aufgetretene Nervenkrankheit war bei Hesse zu finden. Genau aus diesem Grund verliess auch Hesse das Klosterseminar.

 

BERÜHMTE ZITATE

«Ein Lächeln ist die kürzeste Entfernung zwischen zwei Menschen.»
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