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Last Update: 22.12.04
 

 
 

Heinrich von Kleist (1777-1811)

Heinrich von Kleist wurde am 18. Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren und erschoss sich am 21. November 1811 am Ufer des Kleinen Wannsees. Vor allem seine differenzierte Darstellung des Menschen im Widerstreit von individuellem moralischen Empfinden und gesellschaftlicher Norm hat seinen Ruf als einen der bedeutendsten deutschen Dramatiker begründet.

Heinrich von Kleist Bernd Heinrich von Kleist ist der Sohn des Offiziers Friedrich von Kleist und dessen zweiter Frau Ulrike geboren. Die Kleists sind eine ausgesprochene Soldatenfamilie, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts bereits achtzehn preussische Generäle hervorgebracht hatte. Gemäss der Familientradition wurde Kleist protestantisch und preussisch streng erzogen, von Liebe und Wärme in der Familie, wie sie etwa Goethe erfuhr, kann bei ihm keine Rede sein. Doch Vater und Mutter starben früh, einzig zu seiner Stiefschwester Ulrike hatte Kleist ein herzliches Verhältnis (vgl. Kafka). 1792 trat er in Potsdam ins Militär ein, hielt jedoch nicht viel von der nur dem Staat dienenden und das Individuum vernachlässigenden Institution. Sein Abschied vom Militärdienst und die schnelle Aufgabe des anschliessend aufgenommenen Studiums (Musik, Philosophie, Mathematik und Staatswissenschaften) führten im Verein mit der Problematisierung seines rationalistischen Weltbildes zur "Kantkrise". Sie markierten einen entscheidenden Wendepunkt in seinem Dasein, das fortan von unruhigem Oszillieren zwischen gegensätzlichen Polen geprägt war: familiären Ansprüchen und persönlichen Neigungen, dem Zwang zur Daseinsvorsorge und dem Wunsch nach freiem Ausleben seiner poetischen Neigung, der Sehnsucht nach Partnerschaft und einer aus Selbstzweifeln genährten Bindungsunfähigkeit. So zog Kleist 1802 in die Schweiz und trug die Absicht, einen alten Bauernhof zu erwerben um auf dem Land sein Glück zu finden. Doch schon 1803 trat Kleist wieder in die Armee ein, diesmal auf der Seite des ihm angeblich verhassten Napoleons, um den Tod zu finden. 1806 war Kleist bei sehr schlechtem gesundheitlichem Zustand, mit der es allerdings nie so furchtbar stand, wie er glaubte. Kleists Vorhaben nach seiner Rückkehr nach Berlin 1809 schlugen sämtlich fehl, obwohl er die Unterstützung einflussreicher Persönlichkeiten des kulturellen Lebens gewinnen konnte, die durchweg die patriotische Stossrichtung der Berliner Romantik vertraten. Kleist sieht die Dichtung als Handlungsersatz. Kleist entschliesst sich, patriotischer Dichter zu werden, der in kriegerischer Sprache zu Franzosenhass aufruft (Befreiungskriege). Als die Zeitung eingehen musste und die Bemühungen um die Aufführung des Dramas Prinz Friedrich von Homburg ebenfalls scheiterten, fasste er, isoliert von Familie und Öffentlichkeit, den Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er und seine Freundin Henriette Vogel erschossen sich am Morgen des 21. November 1811 am Ufer des Kleinen Wannsees in der Nähe von Berlin.

Das Spannungsverhältnis von Ich und Welt ist vor allem in den Erzählungen mit einer psychologischen Raffinesse ausgebreitet, die neue Massstäbe in der deutschsprachigen Erzählkunst gesetzt hat und aufgrund ihrer Modernität für das Unverständnis der Zeitgenossen zumindest mitverantwortlich war. Die für Kleists Leben charakteristische Konstellation von komplexer Persönlichkeit und widrigen Schicksalsmächten wird weithin in seinem literarischen Werk reflektiert, häufig im Gewand juristischer Konflikte, so z.B. in Michael Kohlhaas. Auch dies ist eine weitere Parallele zu Kafka.

 

MICHAEL KOHLHAAS

Michael Kohlhaas lebt um die Mitte des 16. Jahrhunderts am Ufer der Hafel in einem kleinen Dorf namens Kohlhaasenbrück in Brandenburg. Er ist Pferdehändler und bis zu seinem dreissigsten Lebensjahr ein ehrlicher und gerechter Mensch. Aber gerade dieses Rechtsgefühl lässt ihn zum Räuber und Mörder werden.

Wie kommt es dazu?

Wieder einmal ist der Rosshändler unterwegs nach Sachsen, um dort seine gesunden jungen Tiere zu verkaufen. Er wird jedoch von einem Zöllner aufgehalten, dem er Zoll bezahlen muss. Nach Entrichtung des Weggeldes will er weiterreiten, wird jedoch vom Burgvogt aufgehalten, der von ihm einen Passierschein fordert. Kohlhaas, der bisher einen solchen noch nie benötigte, sucht den Junker Wenzel von Tronka auf, um dieses Missverständnis aufzuklären. Der Junker aber, der von den Pferden von Kohlhaas begeistert ist, beharrt auf dem Gesetz. So erklärt sich der Pferdehändler bereit, einen solchen Passierschein aus Sachsen zu holen und lässt als Pfand die Pferde und einen Knecht zurück.

Wie er vermutet hatte, war das ganze nur ein Schwindel. Als er deswegen wieder auf das Schloss zurückkehrt, um sich seine Pferde wieder abzuholen, ist sein Knecht nicht mehr da und er findet zwei völlig abgemagerte Pferde vor. Auf dem Schloss wird behauptet, dass der Knecht ein Verbrechen begangen hatte, und er daher verjagt worden war. Die Pferde wurden dann, während seiner Abwesenheit für die Feldarbeit eingesetzt.

Als Kohlhaas nach Hause zurückkehrt, erfährt er von seinem Knecht, dass er zu Unrecht vertrieben worden sei. Daher reicht der Rosshändler eine Klage ein, die jedoch abgewiesen wird. Er wendet sich deshalb über den Staatshauptmann Heinrich von Geusau an den Brandenburger Kurfürsten. Doch die Bitte um Hilfe kommt nicht zu diesem selbst, sondern zu dessen Erzkanzler Graf Kallheim, der mit dem Junker von Tronka verwandt ist. Deswegen misslingt auch dieser Versuch. Schliesslich will die Frau von Kohlhaas versuchen, in die Burg des Junkers zu gelangen, um die Klage ihres Ehemannes noch einmal vorzubringen. Dabei wird sie aber von einer Wache der Burg verletzt und stirbt wenige Tage später an den Verletzungen. Vor dem Tod beschwört sie ihrem Mann, seinem Feind zu vergeben, wie es in der Bibel steht, und die Sache auf sich beruhen zu lassen.

Kohlhaas, der seine Familie jedoch sehr geliebt hat, schwört nun ewige Rache. Er stellt dem Junker ein Ultimatum von drei Tagen, in denen er die Pferde durchfüttern und anschliessend nach Kohlhaasenbrück zurückbringen sollte. Als die Tage vorübergehen und er keine Antwort erhält, verkauft er sein Grundstück und schickt seine Kinder zur Grossmutter.

Dann brennt er mit einigen seiner Knechte, die ihm treu ergeben sind, die Burg des Junkers nieder. Dabei tötet er mehrere Menschen, doch der Junker von Tronka kann über ein Kloster in die Stadt Wittenberg entkommen. So zündet Kohlhaas trotz der Gegenwehr des Landvogts die Stadt dreimal an. Die Wut der Bürger richtet sich nun gegen Wenzel von Tronka. Kohlhaas gelingt es mit dem kleinen Haufen von Anhängern, der sich mittlerweile um ihn gebildet hat, 500 Mann unter dem Befehl von Friedrich von Meissen, durch einen Überraschungsangriff zu besiegen. Kurz danach schlägt er 300 Männer des Landvogt in die Flucht. Nach einiger Zeit nennt man Kohlhaas bereits den "Mordbrenner". Leipzig ist in Kriegsbereitschaft, kann jedoch gegen die immer grössere Anzahl an Gegnern gegen Kohlhaas nichts ausrichten.

Durch Martin Luther, den Kohlhaas sehr verehrt, bekommt er freies Geleit und die Klage wird von neuem vor Gericht gebracht. Der Pferdehändler legt die Waffen nieder. Auf das hinauf macht ihm der Kurfürst klar, dass er, wenn er den Prozess verlieren würde, mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestraft würde. Kohlhaas nimmt trotzdem die Bedingungen an. Da die Unruhe wächst, beschliesst Kohlhaas zu fliehen. Doch die Flucht misslingt und Kohlhaas wird zum Tode verurteilt. Er soll nach Brandenburg gebracht werden, dies wird durch die Krankheit eines seiner Kinder verzögert.

Als er endlich eintrifft wird nach der Kapsel, die er um den Hals trägt gefragt. Da erzählt er von einer Zigeunerin, die dem sächsischen und brandenburgschen Kurfürsten die Zukunft vorausgesagt hat. In der Kapsel befindet sich ein Zettel, der wichtige Nachrichten für den Kurfürsten von Sachsen enthält. Bevor Kohlhaas gehängt werden soll, liest er den Zettel und vernichtet ihn, indem er ihn isst. Der Kurfürst von Sachsen fällt sofort in Ohnmacht. Kohlhaas wird nun unter der Klage des Volkes hingerichtet und begraben.


Historischer Hintergrund

Diese Novelle ist im Winter 1804/05 entstanden, in einer verhältnismässig ruhigen Periode des Dichters, als er in Königsberg tätig war. Vollendet wurde das Werk für die Buchausgabe erst 1810, doch schon zwei Jahre vorher hatte Kleist Teile davon in seiner Zeitschrift "Phöbus" abgedruckt. Da diese Zeitschrift in Sachsen erschien, musste Kleist Teile des Werkes, die Sachsen stark angriffen, umschreiben. Er verlegte dabei das meiste der negativen Geschehnisse nach Brandenburg. Bei der späteren Buchausgabe in Brandenburg ging er nach dem gleichen Schema genau umgekehrt vor, indem er wieder Sachsen in den Mittelpunkt stellte.

Teile der Novelle beruhen auf wahren Begebenheiten: Etwa im Jahre 1535 war ein Viehhändler namens Hans Kohlhaase mit seinem Vieh nach Sachsen unterwegs. In einer Schenke fiel er einigen Bauern auf, da er in Eile war. Die Bauern hielten ihn für einen Viehdieb, weil er in der Nacht weiterreiten wollte. Als ihn die Bauern zur Rede stellen wollten, zog Hans Kohlhaase sein Messer und bedrohte die Bauern. Deshalb nahmen ihm die Bauern die Pferde weg und verlangten, dass sie solange bei ihnen blieben, bis Kohlhaase genug Beweise gebracht hatte, dass die Pferde sein Eigentum wären. Als Hans Kohlhaase bei seiner Rückkehr erkannte, dass seine Pferde für die Feldarbeit benützt worden waren und er einen grossen Betrag für die Fütterung bezahlen sollte, protestierte er bei verschiedenen Fürsten, die ihm jedoch nicht halfen. Als Rache plünderte er mehrere Orte und zündete sie an. Als er gefangen genommen und zum Tode verurteilt worden war, soll er auf dem Weg zu seiner Hinrichtung immer wieder gemurmelt haben: "Nunquam vidi iustum derelictum." - "Niemals habe ich einen Gerechten verlassen gesehen" ...

 

BERÜHMTE ZITATE

Mensch
«Ach! wie gebrechlich ist der Mensch, ihr Götter!»
«Ein frei denkender Mensch bleibt nicht da stehen, wo der Zufall ihn hinstösst.»
«Lustige Leute begehen mehr Torheiten als traurige. Aber traurige Menschen begehen grössere.»

Liebe, Schmerz und Schicksal
«Auch der Olymp ist öde ohne Liebe.»
«Unsere äusseren Schicksale interessieren die Menschen, die inneren nur den Freund.»
«Der Schmerz macht, dass wir Freude fühlen, so wie das Böse macht, dass wir das Gute erkennen.»

Künste
«Rom ward an einem Tage nicht erbaut.»
«Ich betrachte die Musik als die Wurzel aller übrigen Künste.»

Politik
«Was man dem Volk dreimal sagt, hält das Volk für wahr.»
«Nicht ein Zehnteil würd´ ein Herr des Bösen tun, müsst er es selbst mit eignen Händen tun.»
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