John Locke stammt aus dem County Somerset bei Bristol und wurde durch sein puritanisches Elternhaus
geprägt. Nach einer humanistischen Ausbildung in London begann er 1652 sein Studium im Christ Church
College in Oxford. Zuerst lernte er scholastische Philosophie, später auch Medizin. Nach Studienabschluss wirkte er als Dozent, später nahm er diverse Staatsämter an, betätigte sich als Arzt und ab 1667 arbeitete er als Sekretär und Leibarzt des Earl of Shaftesbury. Locke lernte die Naturwissenschafter Boyle und Newton kennen. Weil er den in Ungnade gefallenen Lordkanzler unterstützt hatte, hielt es Locke für ratsam, England zu verlassen; von 1675-79 lebte er in Frankreich. Als der Earl ein zweites Mal Lordkanzler wurde, holte er Locke zurück. Doch bereits 1681 wurde Shaftesbury endgültig verurteilt, 1683 floh Locke ins holländische Exil. Nach der glorreichen Revolution von 1689 wagte er die Rückkehr in sein Heimatland.
Besonders bekannt wurde einerseits Lockes erkenntnistheoretisches Hauptwerk An essay concerning human understanding, das 1689 erschien. Darin lehnt er Descartes' Vorstellung von eingeborenen Ideen ab und vertritt einen konsequenten Empirismus. Andererseits erlangte Locke grossen Einfluss durch seine liberale Staatstheorie, die er in seinen Two treatises of government 1690 ausformulierte. In den letzten Lebensjahren verfasste Locke u.a. die erziehungstheoretischen Some thoughts concerning education und das religionsphilosophische Werk The reasonableness of christianity, in dem er die grundsätzliche Übereinstimmung von christlichen Glaubensinhalten mit der Vernunft feststellte.
Locke gilt als Begründer des Empirismus und der Erkenntniskritik der Aufklärung. Seine Gedanken waren von grosser Bedeutung für die weitere Geschichte der Philosophie, u.a. beeinflusste er mit seiner Erkenntnistheorie und Staatsphilosophie Hume, Montesquieu, Voltaire, Rousseau und Kant.
| Literatur: | John Locke, Versuch über den menschlichen Verstand, Hamburg 2000, Meiner. John Locke, Über die Regierung, Stuttgart 1974, Reclam UB 9691. |
| Internet: | John Locke, An Essay Concerning Human Understanding, Originaltext (englisch). John Locke, Two Treatises of Government, Originaltext (englisch). |
![]()
Die Frage, die Locke zu beantworten versucht, ist jene nach dem «Ursprung, Umfang und Grad der Gewissheit menschlicher Erkenntnis». In einer ersten Überlegung lehnt er Descartes' These ab, wonach gewisse Prinzipien oder Grundideen dem Menschen ursprünglich eingeboren - oder in den Worten Kants: "a priori" vorhanden - seien. Locke hält die Seele für ein zunächst leeres, unbeschriebenes Blatt. Denn Locke vertritt einen konsequenten Empirismus, wonach nichts im Verstand ist, was nicht vorher in den Sinnen gewesen ist. Alle Ideen, alle Bewusstseinsinhalte, mit denen sich der menschliche Geist herumschlägt, stammten aus der Erfahrung. Dabei unterteilt er diese in die äussere Erfahrung einerseits und die innere Erfahrung andererseits. Unter der äusseren Erfahrung oder «sensation» versteht Locke die sinnlichen Eindrücke, die der Mensch über seine Sinne von der Aussenwelt aufnimmt. Unter der inneren Erfahrung oder «reflection» dagegen die Eigentätigkeit des Geistes, welche die Prozesse des Denkens, Zweifelns und Wollens wahrnimmt.
Lockes Erkenntnistheorie will nun zeigen, wie der menschliche Geist zu komplexer Erkenntnis gelangen kann. Ganz knapp gesagt, gelangt der Verstand durch die aktive Kombination und Vergleiche der einfachen, rein passiv aufgenommen «simple ideas» zu den «complex ideas». Nach Locke gibt es drei Typen oder Kategorien solcher zusammengesetzten Ideen: Substanzideen, Relationen (Verhältnis von Ideen zueinander) und Modi (abstrakte Begriffe, wie z.B. Dreieck, Dankbarkeit). Zwar könne die Existenz realer Gegenstände in der Aussenwelt, ausserhalb unserer Ideen, nicht bewiesen werden, doch sei diese Existenz praktisch gewiss, da der Mensch ja zwischen Wahrgenommenem und bloss Vorgestelltem unterscheiden könne. Bei diesem Punkt wird dann später Berkeley einhacken.
Nach Locke ist die Grenze der menschlichen Erkenntnisfähigkeit durch die praktischen Lebensbedürfnisse bestimmt. Der Mensch könne und brauche auch gar nicht mehr zu erkennen, als was zur Befriedigung seiner Bedürfnisse erforderlich ist. Im Unterschied zu Descartes, Hobbes und Gassendi geht es in Lockes Theorie nur am Rande um Probleme der Naturwissenschaft. Locke leistete aber einen Beitrag zur atomistischen Theorie durch seine Unterscheidung von primären und sekundären Qualitäten von Körpern. Nur Ausdehnung, Gestalt und Bewegung seien reale Phänomene, also primäre Qualitäten; Farben, Gerüche etc. dagegen seien sekundäre Qualitäten, die ihrerseits durch primäre Qualitäten unsichtbarer kleiner Körper zustandekämen.
![]()
Lockes wichtigstes staats- und rechtsphilosophisches Werk Two treatises of government erschien 1690, also nur kurze Zeit nach seiner Erkenntnistheorie. Wie der Titel schon sagt, sind es eigentlich zwei Abhandlungen. Der erste Traktat befasst sich mit der Frage der Legitimation politischer Herrschaft. Darin lehnt Locke die patriarchale Staatstheorie vom göttlichen Recht königlicher Herrschaft ab. Eine solche Begründung der Monarchie durch das "Gottesgnadentum" hatte unter anderem Sir Robert Filmers vertreten.
In der zweiten und entscheidenden Abhandlung entwirft Locke eine liberale Staatstheorie. Er erklärt Freiheit, Gleichheit und das Recht auf Unverletzlichkeit von Leib, Leben und Eigentum zu den obersten Rechtsgütern. Im Naturzustand sei deren Bestand jedoch nicht garantiert. Um die von Hobbes beschriebene Gefahr eines allgemeinen Kriegszustandes abzuwenden, sollen sich die Individuen zu einem Staat zusammenschliessen. Durch allgemeine Zustimmung wird eine politische Gemeinschaft ins Leben gerufen, die als Monarchie, Oligarchie oder Demokratie organisiert werden kann. Jedes Volk dürfe die ihm gemässe Regierungsform selbst bestimmen. Locke schlägt die Trennung von Legislative und Exekutive vor; die Gewaltentrennung, die Montesquieu ausbaute, war bei Locke schon angelegt. Im Gegensatz zu Hobbes bejaht Locke die Möglichkeit des Tyrannenmords. Wenn ein Gewaltherrscher das Volk unterdrückt, darf sich dieses selbst mit Gewalt wehren. Locke schränkt allerdings ein, nur im Vertrauen auf Rechtfertigung durch einen «himmlischen Richter» sei dies zulässig - eine einigermassen problematische Formulierung.
Trotz einiger problematischer Punkte hat Lockes Staatstheorie die Entwicklung des liberalen Verfassungsstaates entscheidend beeinflusst. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 und die erste französische Verfassung 1791 enthielten teilweise wortwörtliche Passagen aus Lockes Werk. Lobenswert ist vor allem Lockes scharfsichtige Analyse, dass ein Mittelmass aus individueller Freiheit und kollektiver Gleichheit gefunden werden müsse.
![]()
Staat und Recht
«Gerechtigkeit und Treue sind bei allen Gesellschaften Bindemittel. Deshalb müssen selbst Ausgetretene und Räuber, die mit der ganzen übrigen Welt gebrochen haben, untereinander Treue halten.»
Andere Aussprüche
«Arbeit um der Arbeit willen ist gegen die Natur.»
«Glück und Unglück sind zwei Zustände, deren äusserste Grenzen wir nicht kennen.»
«Der Glaube kann uns niemals von etwas überzeugen, was unserer Erkenntnis
zuwiderläuft.»
«Nichts macht einen zarteren und tieferen Eindruck auf den Geist des Menschen als das
Beispiel.»