Nach dem frühen Tod seines Vaters, einem lutheranischen Pfarrer, zog Nietzsches Mutter 1849 nach
Naumburg um. Nietzsche verbrachte seine Kindheit und Jugend mit dem Damentrio Grossmutter, Mutter und
Schwester. Er studierte in Bonn und Leipzig Theologie und klassische Philologie. Auf Empfehlung
seines Lehrers erhielt er bereits 1869, kaum 25-jährig, die Stelle eines ausserordentlichen
Professors für Philologie in Basel. Für kurze Zeit nahm er 1870 am Deutsch-Französischen
Krieg als freiwilliger Krankenpfleger teil. Nietzsche verband seit der ersten Begegnung 1868 eine
starke Freundschaft mit dem Komponisten Richard Wagner und besuchte ihn oft in Luzern, bis die
Freundschaft 1876 zerbrach und in Gegnerschaft umschlug. 1879 musste Nietzsche den Lehrauftrag in Basel
aus gesundheitlichen Gründen niederlegen, geplagt von Ruhr und Diphterie, die er sich im
Deutsch-Französischen Krieg zugezogen hatte. 1882 verliebte sich Nietzsche heftig in Lou
Salomé und machte ihr einen Heiratsantrag, den sie aber ausschlug. In der Folge lebte Nietzsche
als freier Philosoph an wechselnden Orten in Norditalien und in der Schweiz. 1889 umarmte Nietzsche, 45-
jährig, in Turin von Mitgefühl überwältigt ein geschundenes Pferd. Er wurde nach
Basel in eine Nervenklinik gebracht, wo die Ärzte "Paralysa progressiva" diagnostizierten; die Folge
einer Syphillis-Ansteckung, die er sich in jungen Jahren bei einem Bordellbesuch aufgelesen hatte.
Nietzsche lebte die letzten Jahre bei seiner Mutter und seiner Schwester und verfiel langsam psychisch
und körperlich.
In seiner Philosophie proklamierte Nietzsche eine "Umwertung aller Werte". Seine Kritik am repressiven und auf einer "Sklavenmoral" basierenden Christentums führte zur Formel «Gott ist tot». Nach einer nihilistischen Zwischenphase soll an dessen Stelle ein neues Wertsystem treten, eine "Herrenmoral" der "Übermenschen". Im berühmtesten Werk Also sprach Zarathustra benutzte Nietzsche eine sich an die Bibel anlehnende Gleichnissprache, um seine Ideen vorzustellen.
Nietzsche hat die Literatur und Philosophie des 20. Jahrhunderts sehr stark beeinflusst. Mit seiner Lebensphilosophie nahm er entscheidende Aspekte der Existenzphilosophie vorweg. Aufgrund der Begriffe wurde Nietzsches Philosophie allerdings von den Nationalsozialisten politisiert, wobei seine Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche mit den teilweise gefälschten Nachlassausgaben bei dieser Verfremdung tüchtig mithalf. Nietzsches deutliche Kritik am deutschen Nationalismus, Antisemitismus und Biologismus wurde dabei völlig ignoriert.
| Literatur: |
Friedrich Nietzsche, Also
sprach Zarathustra, Stuttgart 1994, Reclam UB 7111. Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Stuttgart 1988, Reclam UB 7114. Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral, Stuttgart 1988, Reclam UB 7123. Friedrich Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, Stuttgart , Reclam UB 7134. Robert Zimmer, Das Philosophen-Portal. Ein Schlüssel zu klassischen Werken, München 2004, dtv. |
| Internet: | Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra,
Originaltext im Gutenberg-Projekt. Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke, Originaltexte im Gutenberg-Projekt. VirtuSens, Friedrich Nietzsche - Spuren, professionelle Seite. VirtuSens, Lou von Salomé, informatives rund um Nietzsches Freundin. |
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Nietzsches philosophisches Lebenswerk lässt sich in drei Phasen einteilen. In der ersten Phase steht er noch unter dem Einfluss von Schopenhauer und Wagner. In seiner Zeit als Basler Profesor gab er mit Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik 1872 sein erstes Werk heraus, in dem er die Begriffe "apollinisch" und "dionysisch" einführt. Die Welt des Traums und des schönen Scheins ist für Nietzsche das "Apollinische", daneben gäbe es aber auch seit der griechischen Antike noch eine tiefere Dimension in der Kunst, das "Dionysische", das ein Bereich der ungebändigten und ungezähmten Vitalität ist, die rauschhafte Wirklichkeit. In seiner Zeit sah er dies in der Metaphysik Schopenhauers und in der Musik Wagners verwirklicht. In den vier Bänden der Unzeitgemässen Betrachtungen (1873-76) geht Nietzsche kritisch mit seiner eigenen Zeit ins Gericht. Die erste Betrachtung dreht um den Schriftsteller David Strauss, dessen schwärmerisch-optimistisches Bekenntnisbuch über das Leben Jesu den Spott Nietzsches herausfordert. Im zweiten Band mit dem Titel Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben analyisert Nietzsche die Zweideutigkeit der historischen Wissenschaften, die im 19. Jahrhundert sehr beliebt waren. Im dritten Band beschäftigt er sich mit Schopenhauer und dem Willen als übersinnlichem Prinzip der Welt. Der vierte und letzte Band schliesslich ist dem von Nietzsche verehrten Komponisten Richard Wagner gewidmet.
Nachdem es 1876 zum allmählichen Bruch mit Wagner gekommen war, befreite sich Nietzsche von seinen Vorbildern. In dieser zweiten Phase zeigt sich Nietzsche als scharfer Kritik und freier Geist mit einer gewissen Nähe zum Positivismus. Im Aphorismenband Menschliches, Allzumenschliches (1878-80) wird der Streit mit Wagner verarbeitet, der zur Forderung nach einer radikal antiromantischen Haltung führt. Nietzsche versucht nun, die traditionellen Wertvorstellungen zu entlarven. Dabei fordert er mehr «freie Geister», denn diese hälfen der Gesellschaft Selbsttäuschungen und Illusionen zu entdecken und Vorurteile zu relativieren. In dieser Zeit benutzt Nietzsche häufig das Wort «Nihilismus» (lat. nihil: nichts). Er beschreibt nun die gesamte Geschichte der abendländischen Philosophie seit Platon als eine konstante Entwertung der höchsten Werte. Die übersinnlichen Ideen von Platon und seinen Nachfolgern haben Nietzsche zufolge den Blick auf die Wirklichkeit verstellt. Nietzsche prägt das berühmte Wort «Gott ist tot!», womit er sagen will, dass Gott als letzte Rechtfertigung der herrschenden Moral ausgedient hat. Als letztes Werk der zweiten Phase entstand 1882 Die fröhliche Wissenschaft.
In der dritten und letzten Phase entwickelt Nietzsche eine eigene Philosophie. Sein Hauptwerk Also sprach Zarathustra erschien von 1883-1885. Darin überwindet Nietzsche seinen eigenen Nihilismus, indem er zum Leben "Ja" sagt. Allerdings bleibt er dabei, dass Gott überwunden werden müsse, doch dies führt ihn zu einem neuen Menschenbild, dem Übermenschen. Die berühmten Schlagworte vom «Willen zur Macht», der «ewigen Wiederkehr des Gleichen» und der «Umwertung aller Werte» werden hier näher erläutert. Eine solche Umwertung der geltenden Werte skiziert er im Werk Jenseits von Gut und Böse (1886). In der nachfolgenden Streitschrift Zur Genealogie der Moral (1887) will Nietzsche die ganze westliche Moral demontieren, indem er die Bedingungen und Bedingungsverhältnisse aufdeckt, aus denen sich die Moral herausgebildet hat. Er bezeichnet darin das Christentum als «Sklavenmoral».
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Das Werk beginnt mit den Worten: «Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den See seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahre nicht müde.» Nietzsches Zarathustra ist die Gegenfigur zum biblischen Jesus. Während dieser mit 30 Jahren lehrte und bald gekreuzigt wurde, zieht sich Zarathustra zurück. Jesus kommt als Botschafter eines diesseitigen Gottes, während Zarathustra sich den Segen der Sonne erbietet, des Lichtes der diesseitigen Welt. Zarathustra will aber endlich auch zu den Menschen «untergehen» und ist bereits, sein Leben für die Sache zu opfern. Wie Jesus das alte mosaische Gesetz durch den neuen Bund ablöste, so will auch Nietzsches Zarathustra neue Gesetze verkünden. Es ist eine diesseitige Weltfrömmigkeit ohne moralische oder metaphysische «Hinterwelten», die Zarathustra lehren will.
Rund um die Figur des Zarathustras dreht sich die Rahmenhandlung des Werkes: Im ersten Teil geht Zarathustra auf die Marktplätze der Städte, wo er den Samen seiner Botschaft ausstreuen kann, aber nicht viel mehr erreicht. Nachdem er wieder eine Weile in der Einsamkeit verbracht hat, findet er im zweiten Teil Jünger, denen er aber noch nicht die volle Lehre offenbart. Nach einer erneuten Phase der Zurückgezogenheit kommt es im dritten Teil zum Höhepunkt der philosophischen Offenbarung, die Zarathustra jetzt an die Tiere richtet. Im vierten und letzten Teil schliesslich kommt der greise Zarathustra auf die «höheren Menschen» zu sprechen. Es sind jene, die ihre alten Ideale verloren haben und sich neue Werte geben müssen.
Zarathustras Botschaft lautet, zur Welt Ja zu sagen, wie sie ist und keine Idealwelt zu suchen. Der Sinn der Welt ist also nicht in Gott oder einer Moral, sondern in ihr selbst zu finden. Der Mensch soll sich dem Diesseits zuwenden. Im Kapitel Von den drei Verwandlungen (I, 24f) stellt er die drei menschlichen Erkenntnisstadien Kamel, Löwe und Kind vor. Das Kamel trägt die Lasten, es ist ein «tragsamer Geist», womit es sich das Leben schwer macht. Kamele sind also die streng gläubigen Christen, die in der Hoffnung auf eine jenseitige Belohnung auf jeden diesseitigen Genuss verzichten. Das Kamel muss sich zum Löwen verwandeln, der dem alten «Drachen» und dessen moralischem «Du sollst» seinen kritischen Geist und das «Ich will» entgegensetzt. Schliesslich muss der Löwe in einer letzten Verwandlung dem Kind Platz machen. Das Kind ist geprägt von Unschuld und zeichnet sich durch einen leichten, spielerischen Umgang mit der Welt aus. Es bejaht die Welt und das Leben, wie es ist.
Freie Geister traten vor allem im Zeitalter der Aufklärung auf, doch Nietzsche hat ein zweispältiges Verhältnis zu dieser Epoche. Er begrüsst die Kritik an tradierter Religion und Moral, aber die neuen Forderungen nach materieller Besserstellung und politischer Emanzipation sind ihm zuwider. Nietzsche kritisiert nicht nur die Tradition, sondern auch die moderne Zeit und greift deren liebste Ideen wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Glück an. Verächtlich bezeichnet er seine Zeitgenossen in Zarathustras Vorrede (I, 14-16) als «letzte Menschen», der Gipfel der Dekadenz. Doch die letzten Menschen sind auch die Vorstufe zum neuen Menschentyp, dem «Übermenschen». Dieser repräsentiert für Nietzsche den Sinn der Erde und die höchste Stufe menschlicher Selbstverwirklichung. Er ist klug, stolz, mutig, unbekümmert, gewalttätig, schöpferisch und für Neues offen. Nietzsche betont den Leib gegenüber der Seele. Problematisch wurde der Begriff des Übermenschen, weil sich Nietzsche einer biologischen Sprache bediente und die Faschisten ihn so verstanden, dass rassische Herrenmenschen gezüchtet werden sollen, was gewiss nicht Nietzsches Anliegen war.
In der neuen bejahenden und weltlichen Sicht der Erde wird Nietzsches Gegensatz zu Schopenhauer deutlich. Die durch den Leib und die Erde wirkende Kraft nannte Schopenhauer "Wille" und war für ihn ziellos und sich selbst widerstreitend. Für Nietzsche ist dieser "Wille zur Macht" die Quelle aller Werte und Tugenden, um ihn geht es im zweiten Teil. Es ist aber zu beachten, dass Nietzsche hier nicht an politische Macht denkt, sondern vielmehr an die persönliche Energie, die schöpferische Menschen zu ihren Höchstleistungen antreibt.
Im dritten Teil wird die Lehre von der «Ewigen Wiederkehr des Gleichen» ausgesprochen.
Die Welt befindet sich in einem ewigen Kreislauf. Im Kapitel Der Genesende (III, 228) heisst es
dazu: «Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles
blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins.» Damit nimmt Nietzsche auch Abschied
von der christlichen Geschichtsvorstellung, die diese als Entwicklung auf ein Ziel hin begreift. Unsere
diesseitige Welt wird als ewig verstanden; im Kapitel Die sieben Siegel, oder: das
Ja-und-Amen-Lied endet jede Strophe mit den Worten: «Denn ich liebe dich, oh
Ewigkeit!» Im letzten Teil schliesslich befasst sich Nietzsche mit den «höheren
Menschen»; arbeitslosen Päpsten, Zauberern und Königen, die im Glauben verwurzelt
waren und diesen nun verloren haben. Auch der «Schatten Zarathustras» nimmt am
Abendmahl teil, womit Nietzsche andeutet, dass er selbst mit dem Zarathustra aus dem Schatten des
Nihilismus herausgetreten ist und damit einen Teil seiner Vergangenheit hinter sich gelassen hat.
[Nach: Zimmer, S. 164-178]
Politik & Geschichte
«Die demokratischen Einrichtungen sind Quarantäneanstalten gegen tyrannenhafte
Gelüste.»
«Wahnsinn bei Individuen ist selten, aber in Gruppen, Nationen und Epochen die Regel.»
«Geschichte handelt fast nur von schlechten Menschen, die später gutgesprochen worden
sind.»
«Die Zeit für kleine Politik ist vorbei. Schon das nächste Jahrhundert bringt den Kampf
um die Erdherrschaft.»
«Krieg ist der Winterschlaf der Kultur.»
«Kein Sieger glaubt an den Zufall.»
«Eure falsche Liebe zur Vergangenheit ist ein Raub an der Zukunft.»
«Tradition ist die Behauptung, dass das Gesetz bereits seit uralten Tagen bestanden
hat.»
Frauen, Liebe & Ehe
«Die Frau war Gottes zweiter Fehler.»
«Wo nicht Liebe oder Hass mitspielt, spielt das Weib mittelmässig.»
«In der Rache und in der Liebe ist das Weib barbarischer als der Mann.»
«Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!»
«Mancher findet sein Herz nicht eher, als bis er seinen Kopf verliert.»
«Eine gute Ehe beruht auf dem Talent zur Freundschaft.»
«Nicht der Mangel an Liebe, sondern der Mangel an Freundschaft macht unglückliche
Ehen.»
«Man soll sich beim Eingehen einer Ehe die Frage vorlegen: Glaubst du, dich mit dieser Frau bis ins
Alter hinein gut zu unterhalten? Alles andere in der Ehe ist transitorisch, aber die meiste Zeit des
Verkehrs gehört dem Gespräche an.»
Andere Aussprüche
«Selig sind die Vergesslichen: denn sie werden auch mit ihren Dummheiten fertig.»
«Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu
glänzen.»
«Das beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist beim Erwachen daran denken, ob man nicht
wenigstens einen Menschen an diesem Tage eine Freude machen könne.»