Der Sohn eines britischen Kolonialbeamten besuchte eine Eliteschule in Eton, diente von 1922 bis 1927 in
der Indian Imperial Police in Burma und kehrte dann nach England zurück. Mit dem Wunsch,
Schriftsteller zu werden, lebte Orwell mehrere Jahre in Paris und in London. In seinem literarischen
Debüt Down and Out in Paris and London (1933) resümierte er die Erfahrungen dieser Zeit
und schilderte illusionslos das Obdachlosenmilieu. Autobiographisch gefärbt war auch Burmese Days
(1934), eine Anklage gegen die britische Kolonialherrschaft in Indien und den Imperialismus im
allgemeinen. Eine gesellschaftskritische Tendenz prägte auch das Sozialmelodram A Clergyman's
Daughter (1935). Wie viele politisch interessierte Schriftsteller seiner Generation (Auden, Day
Lewis) schloss sich auch Orwell 1936 den republikanischen Kräften im Spanischen Bürgerkrieg an.
Aus seinem Erfahrungsbericht Homage to Catalonia (1938) sprach indessen tiefe Enttäuschung
über die Querelen der Linken in Spanien, vor allem über die stalinistische Ausrichtung der
Kommunisten.
Einige Jahre später setzte sich die grimmige Fabel Animal Farm (1945) kritisch mit
gesellschaftlichen Machtmechanismen auseinander. Und in seinem Welterfolg Nineteen Eighty-four
(1948/49) verarbeitete Orwell sein pessimistisches Menschen- und Geschichtsbild in einem utopischen
Roman, dessen Titel im Lauf der Jahre zum Inbegriff der philosophisch akzentuierten Science-fiction
wurde. Das dort entworfene Bild einer totalitären Gesellschaft der Zukunft hat die Sowjetunion unter
Stalin zum Vorbild und übertrifft in seiner Radikalität bei weitem Aldous Huxleys Brave New
World (1932). Aus heutiger Sicht haben sich Orwells düstere Visionen zwar nicht konkret
bestätigt, doch seine Prognose eines umfassend überwachten Staatsbürgers ohne
geschützte Privatsphäre ist im fortschreitenden Medienzeitalter aktueller denn je.
| Literatur: | George Orwell, Nineteen Eighty-Four, London 2000, Penguin. George Orwell, 1984, Berlin 1985, Ullstein. George Orwell, Animal Farm, London 1996, Longman. George Orwell, Farm der Tiere, Zürich 2002, Diogenes. |
| Internet: | Die Zeit, Orwell Spezial, Sonderbeilage zum 100. Geburtstag. |
![]()
Nach aussen hin verhält sich Winston ganz normal, aber in Gedanken lehnt er sich gegen den autoritären Staat auf. Er kauft sich heimlich ein Tagebuch, in das er seine Gedanken zu schreiben beginnt. Dabei versucht er immer, sich vom Televisor abzuwenden, sein Heft im toten Punkt der Kamera zu halten. Winston ist zwar verheiratet, hat aber keine Ahnung, was mit seiner Frau ist. Er lebt allein in einer Wohnung. Liebe ist im Staat sowieso unerwünscht und man könnte sagen, dass Kinder nur aus Pflicht gezeugt werden. Bei einer Versammlung aller Mitarbeiter seiner Abteilung zum sogenannten "Zwei- Minuten-Hass", der sich gegen Goldstein und dessen gefürchtete Untergrundorganisation, die «Brotherhood» richtet, entdeckt er ein junges Mädchen von ungefähr 27 Jahren, das sich hinter ihn setzt. Er fühlt sich irgendwie beobachtet und vermutet sogar, sie sei bei der gefürchteten Gedankenpolizei. Diese Vermutung bestärkt sich noch. Eines Tages geht er heimlich wieder in den Antiquitätenladen von Mr. Charrington, in dem er auch sein Tagebuch gekauft hat. Eigentlich ist dies den Angestellten in den Ministerien nicht gestattet, weil der Laden in einem Elendsviertel liegt und man sich dort nicht aufhalten darf. Im Laden kauft er einen Briefbeschwerer und unterhält sich mit dem Besitzer. Der zeigt ihm ein Zimmer im Obergeschoss, dass er früher mit seiner Frau bewohnte. Dort scheint es nicht einmal einen Televisor zu geben. Winston gefällt es dort sofort. Und als er den Laden verlässt, begegnet ihm wieder die junge Frau und er hat höllische Angst, dass sie ihn bespitzelt. Wer bei der Partei nämlich in Ungnade fällt, wird zur Unperson erklärt und alle Beweise seiner Existenz (sämtliche Urkunden, alle Zeitungsartikel etc.) würden getilgt oder abgeändert. Und was einem im Keller Nr. 101 des MiniLuv dann physisch genau passiert, hört man nur von Gerüchten.
Im zweiten Teil nimmt die Julia-Episode ihren Lauf. Als Winston Julia bei der Arbeit wieder begegnet, fällt sie gerade hin. Er will ihr aufhelfen, da ihr Arm verletzt scheint. So gelingt es ihr, ihm einen Zettel zuzustecken. Sogar diesen muss Winston heimlich lesen und überrascht wird auch der Leser durch die schlichte Botschaft: «Ich liebe dich». Nun versucht Winston natürlich, Julia näherzukommen. Doch ist das in einem diktatorischen Staat, der für Gefühle nichts übrig hat, schwer zu arrangieren. Heimlich müssen die beiden in einer Menschenmenge fast ohne die Lippen zu bewegen einen Treffpunkt ausmachen. Julia und Winston fühlen sich gezwungen, sich immer an verschiedenen Orten zu treffen, z.B. auf einer einsamen Waldlichtung, wo sie annehmen, dass es keine Telescreens gibt. Schliesslich entschliessen sie sich, sich im Zimmer bei Mr. Charrington zu treffen. Dort fühlen sie sich unbeobachtet. Auch Julia scheint nur nach aussen hin für die Partei zu sein. Nach einem verschwörerischen Zwinkern, wagt Winston Kontakt mit O'Brien, einem Mitglied der Inneren Partei, aufzunehmen. Winston glaubte nämlich schon länger, dass dieser eigentlich ein Mitglied der Brotherhood sei. Diese Annahme scheint sich zunächst zu bestätigen, als O'Brien Julia und Winston zu sich einlädt, wo er dies auch zugibt. O'Brien erzählt ihnen einiges über die Organisation und sie müssen allerlei Fragen beantworten, z.B. ob sie dafür töten oder Selbstmord begehen würden; kurzum was sie bereit wären, gegen die Partei zu tun. Das Pärchen bekennt, zu allem bereit zu sein. Einzig die Frage, ob sie sich auch trennen und einander nie wiedersehen würden, verneinen sie. Wenig später lässt O'Brien Winston heimlich "das Buch" übergeben. Einige Kapitel davon sind in Orwells Roman enthalten; es handelt sich um die theoretischen Grundlagen der Machtpolitik, wie sie die Big-Brother- Diktatur ausübt. Kurz darauf, als Julia und Winston wieder im Zimmer bei Mr. Charrington sind, bricht alles zusammen: Hinter einem Bild ist ein Televisor versteckt. Durch das Fenster kommen uniformierte Männer ins Zimmer und etwas später erscheint Mr. Charrington, der sich als Mitarbeiter der Gedankenpolizei entpuppt.
Seit diesem Ereignis hat Winston Julia nicht mehr gesehen. In seiner Haft bekommt er nur wenig zu essen. Als er sich einmal im Spiegel sieht, erkennt er die abgemagerte und fast zahnlose Gestalt kaum wieder. Er ist mit anderen Gefangenen in einer Zelle, wird aber oft verhört - meistens von O'Brien, der sich als loyales Mitglied der Inneren Partei entpuppt. Doch es bleibt nicht beim Verhör; es werden furchtbare Foltermethoden eingesetzt. Zum Beispiel wird Winston auf einem Stuhl festgeschnallt und wird manipuliert, muss möglichst das sagen, was O'Brien von ihm erwartet. Wenn er dies nicht tut, stellt O'Brien eine Skala nach oben und Winstons Körper wird bis zum absoluten Maximum gestreckt. So befiehlt ihm O'Brien nicht nur zu glauben, sondern überzeugt zu sein, 2 und 2 gebe 5. Wenn es die Partei wolle, könne es auch 6 oder 7 sein. Doch die furchtbarste Folter erfährt Winston im Kellerraum. Was eigentlich im Zimmer 101 passiert, weiss keiner der Gefangenen. Aber alle wissen, dass es das Schlimmste ist. Das Schlimmste ist individuell; jedem Mensch wird dort das für ihn Schlimmste auf der Welt vorgesetzt. Da dies für Winston Ratten sind, setzt man ihn einer Unzahl hungriger Nager aus. Ihn ergreift eine immense Panik, so dass er schliesslich schreit, sie sollen Julia nehmen, nicht ihn. Er hat sie verraten, obwohl sie sich doch geschworen hatten, dies nie zu tun. Nachdem er aufgehört hat, als Individuum zu existieren, wird er frei gelassen. Im Grossen und Ganzen lebt er seitdessen wieder normal, arbeitet wieder und trifft auch Julia noch einmal. Sie haben sich aber nichts mehr zu sagen, gestehen sich nur, dass sie jeweils den anderen verraten haben und trennen sich. Das Buch endet mit den Worten: «Er hatte den Sieg über sich selbst errungen. Er liebte den Grossen Bruder.»
FREEDOM IS SLAVERY
Freiheit und Gleichheit sind zwei konzeptionell metaphysische Begriffe, die seit 1789 eine wichtige Rolle
im politischen Denken spielten. Gleichheit aber will die Partei mit allen Mitteln verhindern. Aus dem
Buch: «In dem Augenblick, in dem Gleichheit infolge technischer Neuerung erstmals theoretisch
möglich zu werden drohte, musste...» Ist nun wenigstens Freiheit erreicht? Kämpft man
für eine wie auch immer geartete Freiheit gegen die anderen Staaten? Nein, denn es gibt keine
Freiheit unter Big-Brother-Überwachung. Doch der Slogan wandelt diese für uns so schreckliche
Aussage gleich in eine positive um. Freiheit sei gleichbedeutend mit Sklaverei. Möchtest du gerne
versklavt werden? Freiheit ist ausser einer Worthülse ohnehin nichts, aber es ist besser, wenn man
diese Worthülse mit einer komplett anderen Worthülse gleichsetzt, zwecks Verwirrung der Idee
Freiheit, damit diese allmählich aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinde. Das ist letztlich
ja auch der Zweck der Geschichtsfälschung: Die Wahrheit, dass die Partei einmal nicht regiert hat;
die Wahrheit von den Weltkriegen und anderen geschichtlichen Prozessen zu vertuschen.
IGNORANCE IS STRENGTH
In der 1984-Diktatur soll man wohl vor allem gewisse Fakten ignorieren. Doch muss man auch seine
Gefühls- und Gewissensregungen ignorieren, wenn sie der Parteimeinung widersprechen. Das Fremdwort
Ignoranz bedeutet nun aber im Französischen, und auch im Englischen, eigentlich Unwissenheit. Es ist
das Gegenteil der culture. Und tatsächlich zerstört ja die Propagandamaschine
systematisch das, was wir heute "Zivilgesellschaft" nennen. Die durchgreifende individuelle
Isolierung weist jedem sein Gefängnis in Form eines staatlichen Arbeitsplatz zu, von dem aus er
überwacht werden kann. Die Macht unter Umständen gefährdende Gruppenbildungen werden so
systematisch verunmöglicht. Wo ein Gespräch unter vier Augen möglich wäre, stehen
Telescreens. Man resigniert, man stumpft ein, man wird zum Tier. Und das ist - nach Parteimeinung - die
grösste Tugend.
Politik
«Der Liberale ist ein Anbeter der Macht ohne Macht.»
«Man hat gewöhnlich nicht zwischen Gut und Böse, sondern zwischen zwei Übeln zu
wählen.»
«Die Schwäche aller linken Parteien ist ihre Unfähigkeit, etwas Wahres über die
unmittelbare Zukunft zu sagen.»
Andere Aussprüche
«Mit fünfzig hat jeder das Gesicht, das er verdient.»
«Der ist der beste Lehrer, der sich nach und nach überflüssig macht.»
«Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.»