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Last Update: 23.12.04
 

 
 

Karl R. Popper (1902-1994)

Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Karl R. Popper wurde am 28. Juli 1902 in Wien geboren und starb am 17. September 1994 in Croydon bei London. Kritisch gegenüber der neopositivistischen Philosophie des Wiener Kreises entwickelte er eine Theorie, die in der prinzipiellen Widerlegbarkeit das Kriterium jeder wissenschaftlichen Hypothese sah. Seine Lehre wurde mit dem Etikett "kritischer Rationalismus" versehen. Im vielbeachteten Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde wandte er sich gegen totalitäre Weltdeutungen.

Karl R. Popper Ab 1922 studierte Popper in Wien Mathematik und Physik, machte daneben aber 1922-24 auch eine Tischlerlehre. Nachdem er 1928 den Doktor der Philosophie erlangt hatte, unterrichtete er einige Jahre an einer Schule. Von 1937-45 lebte er im neuseeländischen Exil und kehrte nach dem Krieg nicht mehr nach Mitteleuropa zurück, sondern liess sich in London nieder, wo er als Professor für Logik und Wissenschaftstheorie und späterer Leiter der London School of Economics dieser zu einem grossen Renomee verhalf. 1964 wurde Sir Karl geadelt.

Mit seiner Logik der Forschung begründete Popper den kritischen Rationalismus. Entgegen den Vorstellungen des logischen Empirismus sah Popper nicht in der Induktion die Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis. An die Stelle der Induktion trat bei Popper eine teilweise an Kant anschliessende, deduktionslogische Theorie der Erfahrung. Er schlug unter Verzicht auf die Entscheidbarkeit der Wahrheit empirischer Aussagen eine Methode vor, die darin besteht, Allgemeinsätze als Arbeitshypothesen zu formulieren, die solange als wahr gelten, bis ein Einzelbeispiel sie widerlegt. Berühmt ist auch Poppers Werk The Open Society and Its Enemies, das unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstand. Darin rechnet Popper mit Platon, Hegel, Marx und anderen Philosophen ab, die ein deterministisches Geschichtsbild vertreten. Popper meint im Gegensatz zu den "Historizisten", dass die zukünftige Entwicklung weder durch Gesetze erklärbar noch voraussagbar sei. Er kritisierte autoritäre Theorien der politischen Herrschaft, wie er sie schon in Platons Staatutopie sah.

Poppers logisches Modell war eine Kritik am Neopositivismus des Wiener Kreises. Zusammen mit Hans Albert lieferte er sich ab 1961 mit der Frankfurter Schule um Adorno den sogenannten "Positivismusstreit". Die 68er lehnten Popper ab, weil er liberale Ideen vertrat. Poppers kritischer Rationalismus ist eine der wichtigsten Strömungen in der modernen Wissenschaftstheorie.

Literatur:   Karl R. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1994, Mohr Siebeck.
Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd.1, Der Zauber Platons, Tübingen 2002, Mohr Siebeck.
Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd.2, Falsche Propheten, Tübingen 2002, Mohr Siebeck
Robert Zimmer, Das Philosophen-Portal. Ein Schlüssel zu klassischen Werken, München 2004, dtv.
Internet:   Peter Möller, Popper, Darstellung & persönliche Kritik.

 

EINSTIEG

Der kleingewachsene Karl war der Sohn eines bekannten Wiener Rechtsanwalts jüdischer Abstammung. Er erlebte in seiner Jugend noch die letzten Atemzüge der k.k-Monarchie und schloss sich nach dem Ende des Ersten Weltkrieges der allgemeinen Aufbruchsstimmung an, die im "roten Wien" herrschte. Um für soziale Gerechtigkeit und eine gesellschaftliche Veränderung zu kämpfen, trat er der kommunistischen Bewegung bei. Doch bereits im Juni 1919 wandte er sich von den Kommunisten wieder ab, nachdem bei einer Manifestation der Kommunistischen Partei einige Demonstranten von der Polizei erschossen wurde. In der Arroganz, mit der die kommunistischen Führer diese Opfer zum Bestandteil des "notwendigen historischen Fortschritts" erklärten, erkannte Popper eine Geringschätzung des Individuums.

Popper machte von 1922-24 beim Tischlermeister Adalbert Pösch eine Lehre. Popper schrieb später über seinen Meister: «Pösch sah Georges Clemenceau zum Verwechseln ähnlich, aber er war ein sanfter und gutmütiger Mann.» Pösch versuchte in seiner Freizeit ein Perpetuum mobile zu bauen und wusste allerhand historische Kuriositäten und meinte manchmal, halb ernst und halb ironisch: «Da können S' mi frag'n, was Sie woll'n: ich weiss alles.» Popper erzählte, die Zeit mit seinem Meister habe ihn zu einem Jünger Sokrates' gemacht. So sehr er auch die Diskussionen mit seinem Lehrmeister schätzte, beendete Popper das Experiment, da er zum Handwerker wenig taugte. Er arbeitete eine Weile als Sozialarbeiter und nach seinem Studium heiratete er schliesslich und nahm 1930 eine Tätigkeit als Lehrer an.

Durch seine Logik der Forschung bekannt geworden, setzten sich namhafte Philosophen wie Russell, Bohr und Carnap für ihn ein und vermittelten ihm die Stelle eines Dozenten am Canterbury College in Christchurch. Dies kam Popper sehr gelegen, denn im bedrohlich nationalistischen Klima erkannte er schon vor dem Anschluss Österreichs an das Reich dieselben totalitären und menschenverachtenden Tendenzen wie damals in der Kommunistischen Partei. Er war daher ganz froh, sich ans andere Ende der Welt begeben zu können und erst noch an einer Universität unterrichten zu dürfen. Nach der Annexion Österreichs erreichten Popper in Neuseeland immer mehr Hilferufe aus der Heimat. Mit Freunden gründete er daraufhin ein "jüdisches Flüchtlingskomitee", dem es immerhin gelang, etwa 36 Familien die Ausreise zu ermöglichen. Poppers Interesse galt nun nicht mehr der Logik, sondern der Auseinandersetzung mit Faschismus und Kommunismus. Er leistete aber nicht eine Totalitarismustheorie, sondern analysierte die philosophischen Hintergründe der Gesellschaftsmodelle, die er kritisierte. Dies führte nach einer intensiven Arbeit, die Popper während des ganzen Weltkriegs beschäftigt hielt, zum grossartigen Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.

Als Popper aus Österreich geflüchtet war, trug er bereits ein Manuskript bei sich, das erst sieben Jahre später unter dem Titel Das Elend des Historizismus veröffentlicht wurde. Bereits darin ist der Grundgedanke enthalten, dass Faschismus und Kommunismus sich in einigen Grundüberzeugungen decken, wovon eine der «Historizismus» ist. Darunter versteht Popper den Glauben an die Gesetzmässigkeit und damit Vorhersagbarkeit geschichtlicher Abläufe. Der Anspruch der Geschichtsphilosophen des 19. Jahrhundert, vor allem Hegel und Marx, die ganze Geschichte zu verstehen, weist er zurück. Popper wendet dagegen ein, das es keine historischen Gesetze gebe, die mit Naturgesetzen vergleichbar wären, da die Geschichte nicht geschrieben, sondern noch offen ist. Die weitere Zukunft hänge daher nicht von historischen Notwendigkeiten ab, sondern von unserem Verhalten hier und jetzt.

Der unmittelbare Anlass für den Beginn der Arbeit an Die offene Gesellschaft und ihre Feinde bildeten die Berichte vom Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 und der bald darauf ausgebrochene Konflikt. Beim Schreiben stand Popper stets dieser Weltkrieg vor Augen, selbst Neuseeland war davon bedroht, denn Japan kam auf seinem Eroberungszug den beiden Inseln immer näher. An der Universität wurde es nicht gerne gesehen, dass Popper ein Buch schrieb, da seine Stelle eigentlich der Lehre und nicht der Forschung diente. Weitere Schwierigkeiten bestanden darin, dass die Bibliothek des Christchurch College wenig philosophische Klassiker umfasste und Papier während dem Krieg rationiert war. Popper musste jedes Blatt Papier, das er von der Universität mitnahm, selbst bezahlen, obwohl er finanziell ohnehin nicht gerade auf Rosen gebettet war, da auch die Telefongespräche in die Heimat teuer zu Buche schlugen. Herr und Frau Popper lebten in dieser Zeit äusserst spartanisch und der Dozent erlaubte es sich nicht einmal, in der Mensa zu essen, statt dessen setzte er sich auf eine «Diät aus Reis und Kartoffeln». Mangelnde Ernährung, zu wenig Schlaf und kleinere Krankheiten stürzten Popper zeitweise in Zustände der Depression und Verzweiflung. Der Workaholic Popper rauchte nicht, trank nicht und nahm an keinerlei gesellschaftlichen Anlässen teil. Ein paar Bergwanderungen waren die einzige Abwechslung, die er sich gönnte. Er schrieb praktisch in jeder freien Minute an dem Manuskript, das seine Frau Hennie mehrmals abtippte. Im Februar 1943 lag endlich ein Werk von nicht weniger als 1000 Seiten vor. Um das Buch möglichst noch vor Kriegsende bekannt zu machen, suchte er sofort einen Verlag, trotzdem erschien das Werk erst im Herbst 1945, als der Krieg mit der japanischen Kapitulation gerade endgültig zu Ende ging. Weil Popper mit seinem Werk direkt Partei für den demokratischen Rechtsstaat ergreift, wurde das Buch auch von vielen Nichtphilosophen gelesen und dies hat dazu geführt, dass es schnell sehr bekannt wurde. Popper, vorher ein relativ unbekannter Wissenschaftstheoretiker, wurde mit einem Schlag zum weltberühmten Philosophen. Wenn der Vorwurf vom Wirken im Elfenbeinturm der Wissenschaft auf einen Philosophen nicht zutrifft, dann bei Popper.

 

LOGIK DER FORSCHUNG - 1935

Popper ärgerte sich an der Vermessenheit und Selbstsicherheit der Philosophen seiner Zeit. Aus der Lektüre von Kants Kritik der reinen Vernunft zog er den Schluss, dass die Theorien der Wissenschaft nur Menschenwerk sind, die kritisierbar sein müssten. Für Popper war die deutsche Philosophie bei Kant stehengeblieben, denn die idealistischen Gedankengebäude von Fichte bis Hegel konnten Poppers Skeptizismus nicht überstehen; zu sehr glichen sie auf Sand gebauten Hochhäusern. Die von Kant gutgeheissene induktive Methode, die alle Erfahrung auf einzelne Erfahrungssätze zurückführte, hatte in Poppers Augen einen gewaltigen Schönheitsfehler: das Induktionsproblem. Da jeder Versuch, den Schluss von besonderen Sätzen auf allgemeine Sätze mangels eines Induktionsprinzips selbst noch durch Erfahrung gerechtfertigt werden müsste, führe dies zu einem infiniten Regress. Damit werden aus den sakrosankten Naturgesetzen sinnlose Sätze.

In seinem Erstling Die Logik der Forschung stellte Popper ein neues Kriterium vor, um wissenschaftliche von nicht-wissenschaftlicher Erkenntnis abzugrenzen: die Falsifizierbarkeit. Popper hat ein neues Bild vom wissenschaftlichen Fortschritt: «Der Fortschritt besteht darin, zu Theorien fortzuschreiten, die uns mehr und mehr sagen - zu Theorien von immer grösserem Gehalt. Je mehr aber eine Theorie aussagt, um so mehr schliesst sie aus oder verbietet sie, und um so grösser sind die Chancen, sie zu falsifizieren. Eine Theorie mit grösserem Gehalt ist also auch eine Theorie, die strenger geprüft werden kann. Diese Überlegung führte zu einer Erkenntnistheorie, der zufolge der wissenschaftliche Fortschritt nicht darin bestand, Beobachtungen anzuhäufen, sondern darin, weniger gute Theorien zu stürzen und durch bessere zu ersetzen, insbesondere durch Theorie von grösserem Gehalt.»

Mit seiner Lehre glaubte Popper auch ein Instrument gefunden zu haben, das Subjekt zurückzudrängen und in der wissenschaftlichen Forschung eine neue Art von Objektivität einzuführen: «Natürlich kann man die 'Erkenntnis' auch anders sehen: Wir können die 'Erkenntnis' oder das 'Wissen' als einen subjektiven Bewusstseinszustand auffassen oder als einen Zustand der Dispositionen eines Organismus. Ich entschied mich jedoch dafür, die Erkenntnis als ein System von Sätzen zu behandeln, von Theorien, die zur Diskussion gestellt werden. 'Erkenntnis' in diesem Sinne ist objektiv; und sie besteht aus Hypothesen und Vermutungen.»

Die Wissenschaft folgt im Wesentlichen heute noch Poppers Modell. Eine Forschergruppe untersucht ein Phänomen wie z.B. eine neue Krankheit und stellt sich die Frage, was die Auslöser seien. Es werden möglichst viele Einzelfälle dokumentiert und anschliessend ausgewertet. Es zeigt sich dabei, dass eine bestimmte Eigenschaft oder Kombinationen aus verschiedenen Elementen bei allen Fällen vorkommen. Die Forscher stellen dann die Hypothese auf, dass diese die Krankheit auslösen. Dies wird in Fachzeitschriften dokumentiert und ruft andere Forschergruppen auf den Plan. Kommen andere Forscher zum selben Ergebnis, gilt die Theorie vorerst als bestätigt. Gelingt es aber einer Forschergruppe nachzuweisen, dass in einem einzigen Fall die These nicht zutrifft, so ist die Theorie durchgefallen. Dann beginnt der Prozess der Theoriebildung von vorne; die neue Theorie muss dann sowohl die alten Fälle als auch den neuen Fall erklären können.

 

DIE OFFENE GESELLSCHAFT UND IHRE FEINDE - 1945

Das 1945 in englischer Sprache erschienene Werk The Open Society and Its Enemies besteht aus zwei ziemlich umfangreichen Bänden. Der Leser braucht also einige Zeit, um es durchzuarbeiten. Hinzu kommt - und das ist für Studenten besonders ärgerlich -, dass es recht teuer ist. Doch die Lektüre lohnt sich, denn Popper unternimmt eine umfassende Kritik der philosophischen Väter des Totalitarismus und formuliert Prinzipien, auf denen eine friedliche Nachkriegswelt aufbauen sollte. Das Werk besteht aus zwei Bänden. Im ersten Band mit dem Titel Der Zauber Platons äusserst sich Popper kritisch zu Platon, dem Verfasser der ersten uns überlieferten Staatsutopie. Der zweite Band Falsche Propheten enthält eine Abrechnung mit den beiden wichtigsten Geschichtsphilosophen des 19. Jahrhunderts, Hegel und Marx. In diesen drei Denkern sieht Popper die Urväter des Totalitarismus. Doch das Buch ist keineswegs nur eine Philosophiegeschichte, sondern auch ein Plädoyer für die liberale Demokratie und enthält ein interessantes Schlusskapitel, in dem Popper in kurzen Zügen sein eigenes Geschichtsbild formuliert.

Der Begriff "offene Gesellschaft" übernahm Popper vom französischen Philosophen Bergson. Unter einer solchen Gesellschaft versteht Popper eine Demokratie, die Macht kontrolliert und soziale Gerechtigkeit auf der Grundlage der individuellen Freiheit garantiert. Solche Modelle sah er in Neuseeland und England bereits verwirklicht: Respekt vor dem Individuum und seiner Würde, Freiheit, Weltoffenheit und ein politisches System, das Kritik ausdrücklich erlaubte. Popper sah sich als Fortführer der Gedanken der berühmten Aufklärer des 18. Jahrhundert, da er für Menschenrechte, Toleranz und rechtliche Gleichheit eintrat. Sein Werk widmete Popper seinem grossen Vorbild Kant, dem «Philosophen der Freiheit und Menschlichkeit».

Popper sah im Weltkrieg nicht nur den Kampf vieler verfeindeter Völker, sondern auch ein Kampf der Systeme: freiheitliche westliche Demokratien gegen totalitäre Diktaturen. Im Peloponnesischen Krieg, in dem sich Athen und Sparta zu Tode kriegten, sah er dieselbe Auseinandersetzung. Die beiden Ansichten werden nun durch zwei berühmte Männer personifiziert; durch den Staatsmann Perikles und den Philosophen Platon. Popper eröffnet den ersten Band, der den Titel Der Zauber Platons trägt, mit Zitaten dieser beiden Herren:
Perikles:   «Obgleich nur wenige eine politische Konzeption entwerfen und durchführen können, so sind wir doch alle fähig, sie zu beurteilen.»
Platon: «Das erste Prinzip von allen ist dieses: Niemand, weder Mann noch Weib, soll jemals ohne Führer sein.»
Während Perikles für die demokratische Gesellschaft (Athen) steht, wird Platon als Vertreter des geschlossenen Ständestaats (Sparta) eingeführt. Viele Philosophen konnten es nie ganz verwinden, dass Popper einen ihrer Heiligen, den unsterblichen Platon, als Urfeind der offenen Gesellschaft charakterisierte. Doch Popper war kein Platon-Hasser, er bezeichnete ihn im Gegenteil trotz der deutlichen Kritik am Hauptwerk Der Staat als den «grössten Philosophen aller Zeiten». Nicht von der Hand zu weisen ist die Tatsache, dass Platon, der aus einer Athener Aristokratenfamilie stammte, politisch sehr konservativ dachte. Popper interpretiert die politische Theorie Platons dahingehend, dass Platon mit seinem Entwurf einer idealen Gesellschaftsordnung eine stabile Ordnung anstrebte, die keine Veränderung braucht, weil in ihr die «Idee der Gerechtigkeit» bereits vollständig verwirklicht ist. Doch Platons Gerechtigkeit ist meilenweit entfernt von den modernen Auffassungen, wie sich in den Schlagworten liberté, egalité und fraternité der Französischen Revolution äusserten. Seine Losung lautete bekanntlich «Jedem das Seine», d.h. jeder hat den Platz in der Gesellschaft auszufüllen, der ihm von seinem Stand und seiner Geburt her zugewiesen worden ist. Platons Entwurf geht Popper zufolge von der biologischen und rechtlich-moralischen Ungleichheit der Menschen aus. Den biologisch "wertvolleren" Menschen steht das Recht zu, über die anderen zu herrschen. So kommt Popper zum Schluss, dass Platons Staat in gewisser Weise ein frühes Vorbild der nazistischen Rassenlehre enthält, Popper wirft Platon ausdrücklich eine «biologische Rassentheorie» vor. Besonders die Vorstellung, dass eine Kriegerkaste eine speziell abgegrenzte Erziehung erhalten soll, um später die Geschicke des Staates zu lenken, erinnert Popper fatal an die Züchtung einer Art Herrenrasse. Popper kritisiert, Platon habe sich damit gegen «Individualismus» (Achtung vor der Würde des einzelnen Menschen) und «Universalismus» (jeder Mensch hat die gleichen Rechte) gestellt. Popper bestreitet, dass Sokrates Platons Vorstellungen zugestimmt hätte. Er sieht in Sokrates, Protagoras, Demokrit, Herodot, Perikles und den Sophisten die Vorläufer der modernen Demokratie. Platon und Aristoteles aber hätten diese Ansätze im Keim erstickt.

Im zweiten Band befasst sich Popper mit jenen Denkern, die Platons «Aufstand gegen die Vernunft» fortgesetzt hätten. Mit dem Titel Falsche Propheten sind Hegel und Marx gemeint. Popper stört sich insbesondere an der Auffassung, dass die Geschichte der Menschheit "gesetzmässig" ihrer Vollendung entgegenstrebe; bei Hegel ist das Ziel die Verwirklichung der Freiheit, bei Marx die klassenlose Gesellschaft. Damit wird das Individuum zum blossen Werkzeug einer übergeordneten Weltvernunft degradiert, kritisiert Popper. Der Wissenschaftstheoretiker kann der von Hegel entwickelten dialektischen Methode nichts abgewinnen, er spricht ihr jede Legitimation ab. Popper charakterisiert Hegel darum als «logischen Hexenmeister», der «mit Hilfe der zauberkräftigen Dialektik wirkliche, physische Kaninchen aus rein metaphysischen Zylindern hervorholt.» Zur heftigen Ablehnung des deutschen Idealisten dürfte neben den wissenschaftlichen Bedenken gegen die Dialektik auch die Tatsache beigetragen haben, dass Hegel den preussischen Staat gepriesen und Kriege als notwendiges Mittel der Politik bejaht hatte. Das Urteil gegenüber Marx fällt demgegenüber milder aus. Popper gesteht diesem zu, dass er immerhin die humanitäre Absicht gehabt habe, soziale Gerechtigkeit herbeizuführen. Der Marxismus aber ist Popper zufolge eine «materialistische und zugleich mystische Religion». Gerade anhand von Marx' Prognosen, wonach sich das Elend der arbeitenden Klassen vergrössern würde und die Revolution sozusagen automatisch komme, will Popper belegen, dass auch Marx die Zukunft nicht richtig voraussah, dass es also mit den behaupteten Gesetzmässigkeiten der geschichtlichen Entwicklung wenig auf sich hat. Eine offene Gesellschaft kann auf utopische Entwürfe und jede Art von Geschichtsprophetie getrost verzichten, meint Popper. Seine Theorie der Demokratie geht nicht von historischen Gesetzen, sondern von der Freiheit und Selbstverantwortung des Bürgers aus. Die alte Frage "Wer soll regieren?" will Popper durch die Frage ersetzen, wie ein politisches System organisiert werden muss, damit es die Freiheit des Bürgers schützt und soziale Gerechtigkeit schafft. Seine Antwort besteht darin, dass eine moderne Demokratie, die diesen Namen verdient, Raum für Opposition und Kritik einerseits und die Möglichkeit zur Fehlerkontrolle andererseits bieten muss. Mit dem später oft zitierten geflügelten Wort, wonach Demokratie diejenige Staatsform sei, die es erlaube, die Machthaber zu ersetzen ohne Blut vergiessen zu müssen, ist für Popper das wesentliche Kriterium bestimmt: Das Volk muss nicht nur die Möglichkeit haben, zu wählen, sondern auch abzuwählen. Zusammenfassend sind also die institutionell garantierten Kritikmöglichkeiten und ein legales Verfahren zur Abwahl der Regierung die zwei Hauptkriterien, die eine Demokratie von einer Diktatur unterscheiden. Eine Gesellschaft habe niemals ihre endgültige Form erreicht, von Reform zu Reform solle sich ein Staat weiterentwickeln. An die Stelle einer grossangelegten Utopie eines Idealstaates tritt also bei Popper ein dynamisches Bild von Politik. Niemand habe das Recht, sich als auserwählt zu verstehen, die Gesellschaft führen und ihr die "Einsicht in die Notwendigkeit" aufzwingen zu müssen. Das Volk müsse sich frei entscheiden können, wem es erlaubt, eine begrenzte Zeit zu regieren.
[Nach: Zimmer, S. 209-223]

 

BERÜHMTE ZITATE

Wissen & Nichtwissen
«Durch unser Wissen unterscheiden wir uns nur wenig, in unserer grenzenlosen Unwissenheit aber sind wir alle gleich.»
«Sollte auch einer einst die vollendete Wahrheit finden, so wüsste er es doch nicht. Es ist alles durchsetzt von Vermutung.»
«Unser Wissen kann nur endlich sein, während unser Nichtwissen notwendigerweise unendlich sein muss.»
«Wir erahnen die Unermesslichkeit unserer Unwissenheit, wenn wir die Unermesslichkeit des Sternenhimmels betrachten.»
«Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er's klar sagen kann.»
«Während die Philosophen noch streiten, ob die Welt überhaupt existiert, geht um uns herum die Natur zugrunde.»

Politik & Macht
«Man hat nur die Wahl zwischen Vernunft und Gewalt.»
«Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle.»
«Im Namen der Toleranz sollten wir das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu tolerieren.»
«Die Frage, wer herrschen soll, ist falsch gestellt. Es genügt, wenn eine schlechte Regierung abgewählt werden kann. Das ist Demokratie.»

Gegenwart & Zukunft
«Nie überlegen, was morgen sein wird, sondern das tun, was man heute tun kann.»
«Unsere Einstellung der Zukunft gegenüber muss sein: Wir sind jetzt verantwortlich für das, was in der Zukunft geschieht.»
«Optimismus ist Pflicht. Man muss sich auf die Dinge konzentrieren, die gemacht werden sollen und für die man verantwortlich ist.»

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