Ab 1922 studierte Popper in Wien Mathematik und Physik, machte daneben aber 1922-24 auch eine
Tischlerlehre. Nachdem er 1928 den Doktor der Philosophie erlangt hatte, unterrichtete er einige Jahre an
einer Schule. Von 1937-45 lebte er im neuseeländischen Exil und kehrte nach dem Krieg nicht mehr
nach Mitteleuropa zurück, sondern liess sich in London nieder, wo er als Professor für Logik
und Wissenschaftstheorie und späterer Leiter der London School of Economics dieser zu einem grossen
Renomee verhalf. 1964 wurde Sir Karl geadelt.
Mit seiner Logik der Forschung begründete Popper den kritischen Rationalismus. Entgegen den Vorstellungen des logischen Empirismus sah Popper nicht in der Induktion die Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnis. An die Stelle der Induktion trat bei Popper eine teilweise an Kant anschliessende, deduktionslogische Theorie der Erfahrung. Er schlug unter Verzicht auf die Entscheidbarkeit der Wahrheit empirischer Aussagen eine Methode vor, die darin besteht, Allgemeinsätze als Arbeitshypothesen zu formulieren, die solange als wahr gelten, bis ein Einzelbeispiel sie widerlegt. Berühmt ist auch Poppers Werk The Open Society and Its Enemies, das unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstand. Darin rechnet Popper mit Platon, Hegel, Marx und anderen Philosophen ab, die ein deterministisches Geschichtsbild vertreten. Popper meint im Gegensatz zu den "Historizisten", dass die zukünftige Entwicklung weder durch Gesetze erklärbar noch voraussagbar sei. Er kritisierte autoritäre Theorien der politischen Herrschaft, wie er sie schon in Platons Staatutopie sah.
Poppers logisches Modell war eine Kritik am Neopositivismus des Wiener Kreises. Zusammen mit Hans Albert lieferte er sich ab 1961 mit der Frankfurter Schule um Adorno den sogenannten "Positivismusstreit". Die 68er lehnten Popper ab, weil er liberale Ideen vertrat. Poppers kritischer Rationalismus ist eine der wichtigsten Strömungen in der modernen Wissenschaftstheorie.
| Literatur: | Karl R. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1994, Mohr Siebeck. Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd.1, Der Zauber Platons, Tübingen 2002, Mohr Siebeck. Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd.2, Falsche Propheten, Tübingen 2002, Mohr Siebeck Robert Zimmer, Das Philosophen-Portal. Ein Schlüssel zu klassischen Werken, München 2004, dtv. |
| Internet: | Peter Möller, Popper, Darstellung & persönliche Kritik. |
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Popper machte von 1922-24 beim Tischlermeister Adalbert Pösch eine Lehre. Popper schrieb später über seinen Meister: «Pösch sah Georges Clemenceau zum Verwechseln ähnlich, aber er war ein sanfter und gutmütiger Mann.» Pösch versuchte in seiner Freizeit ein Perpetuum mobile zu bauen und wusste allerhand historische Kuriositäten und meinte manchmal, halb ernst und halb ironisch: «Da können S' mi frag'n, was Sie woll'n: ich weiss alles.» Popper erzählte, die Zeit mit seinem Meister habe ihn zu einem Jünger Sokrates' gemacht. So sehr er auch die Diskussionen mit seinem Lehrmeister schätzte, beendete Popper das Experiment, da er zum Handwerker wenig taugte. Er arbeitete eine Weile als Sozialarbeiter und nach seinem Studium heiratete er schliesslich und nahm 1930 eine Tätigkeit als Lehrer an.
Durch seine Logik der Forschung bekannt geworden, setzten sich namhafte Philosophen wie Russell, Bohr und Carnap für ihn ein und vermittelten ihm die Stelle eines Dozenten am Canterbury College in Christchurch. Dies kam Popper sehr gelegen, denn im bedrohlich nationalistischen Klima erkannte er schon vor dem Anschluss Österreichs an das Reich dieselben totalitären und menschenverachtenden Tendenzen wie damals in der Kommunistischen Partei. Er war daher ganz froh, sich ans andere Ende der Welt begeben zu können und erst noch an einer Universität unterrichten zu dürfen. Nach der Annexion Österreichs erreichten Popper in Neuseeland immer mehr Hilferufe aus der Heimat. Mit Freunden gründete er daraufhin ein "jüdisches Flüchtlingskomitee", dem es immerhin gelang, etwa 36 Familien die Ausreise zu ermöglichen. Poppers Interesse galt nun nicht mehr der Logik, sondern der Auseinandersetzung mit Faschismus und Kommunismus. Er leistete aber nicht eine Totalitarismustheorie, sondern analysierte die philosophischen Hintergründe der Gesellschaftsmodelle, die er kritisierte. Dies führte nach einer intensiven Arbeit, die Popper während des ganzen Weltkriegs beschäftigt hielt, zum grossartigen Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde.
Als Popper aus Österreich geflüchtet war, trug er bereits ein Manuskript bei sich, das erst sieben Jahre später unter dem Titel Das Elend des Historizismus veröffentlicht wurde. Bereits darin ist der Grundgedanke enthalten, dass Faschismus und Kommunismus sich in einigen Grundüberzeugungen decken, wovon eine der «Historizismus» ist. Darunter versteht Popper den Glauben an die Gesetzmässigkeit und damit Vorhersagbarkeit geschichtlicher Abläufe. Der Anspruch der Geschichtsphilosophen des 19. Jahrhundert, vor allem Hegel und Marx, die ganze Geschichte zu verstehen, weist er zurück. Popper wendet dagegen ein, das es keine historischen Gesetze gebe, die mit Naturgesetzen vergleichbar wären, da die Geschichte nicht geschrieben, sondern noch offen ist. Die weitere Zukunft hänge daher nicht von historischen Notwendigkeiten ab, sondern von unserem Verhalten hier und jetzt.
Der unmittelbare Anlass für den Beginn der Arbeit an Die offene Gesellschaft und ihre Feinde bildeten die Berichte vom Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 und der bald darauf ausgebrochene Konflikt. Beim Schreiben stand Popper stets dieser Weltkrieg vor Augen, selbst Neuseeland war davon bedroht, denn Japan kam auf seinem Eroberungszug den beiden Inseln immer näher. An der Universität wurde es nicht gerne gesehen, dass Popper ein Buch schrieb, da seine Stelle eigentlich der Lehre und nicht der Forschung diente. Weitere Schwierigkeiten bestanden darin, dass die Bibliothek des Christchurch College wenig philosophische Klassiker umfasste und Papier während dem Krieg rationiert war. Popper musste jedes Blatt Papier, das er von der Universität mitnahm, selbst bezahlen, obwohl er finanziell ohnehin nicht gerade auf Rosen gebettet war, da auch die Telefongespräche in die Heimat teuer zu Buche schlugen. Herr und Frau Popper lebten in dieser Zeit äusserst spartanisch und der Dozent erlaubte es sich nicht einmal, in der Mensa zu essen, statt dessen setzte er sich auf eine «Diät aus Reis und Kartoffeln». Mangelnde Ernährung, zu wenig Schlaf und kleinere Krankheiten stürzten Popper zeitweise in Zustände der Depression und Verzweiflung. Der Workaholic Popper rauchte nicht, trank nicht und nahm an keinerlei gesellschaftlichen Anlässen teil. Ein paar Bergwanderungen waren die einzige Abwechslung, die er sich gönnte. Er schrieb praktisch in jeder freien Minute an dem Manuskript, das seine Frau Hennie mehrmals abtippte. Im Februar 1943 lag endlich ein Werk von nicht weniger als 1000 Seiten vor. Um das Buch möglichst noch vor Kriegsende bekannt zu machen, suchte er sofort einen Verlag, trotzdem erschien das Werk erst im Herbst 1945, als der Krieg mit der japanischen Kapitulation gerade endgültig zu Ende ging. Weil Popper mit seinem Werk direkt Partei für den demokratischen Rechtsstaat ergreift, wurde das Buch auch von vielen Nichtphilosophen gelesen und dies hat dazu geführt, dass es schnell sehr bekannt wurde. Popper, vorher ein relativ unbekannter Wissenschaftstheoretiker, wurde mit einem Schlag zum weltberühmten Philosophen. Wenn der Vorwurf vom Wirken im Elfenbeinturm der Wissenschaft auf einen Philosophen nicht zutrifft, dann bei Popper.
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In seinem Erstling Die Logik der Forschung stellte Popper ein neues Kriterium vor, um wissenschaftliche von nicht-wissenschaftlicher Erkenntnis abzugrenzen: die Falsifizierbarkeit. Popper hat ein neues Bild vom wissenschaftlichen Fortschritt: «Der Fortschritt besteht darin, zu Theorien fortzuschreiten, die uns mehr und mehr sagen - zu Theorien von immer grösserem Gehalt. Je mehr aber eine Theorie aussagt, um so mehr schliesst sie aus oder verbietet sie, und um so grösser sind die Chancen, sie zu falsifizieren. Eine Theorie mit grösserem Gehalt ist also auch eine Theorie, die strenger geprüft werden kann. Diese Überlegung führte zu einer Erkenntnistheorie, der zufolge der wissenschaftliche Fortschritt nicht darin bestand, Beobachtungen anzuhäufen, sondern darin, weniger gute Theorien zu stürzen und durch bessere zu ersetzen, insbesondere durch Theorie von grösserem Gehalt.»
Mit seiner Lehre glaubte Popper auch ein Instrument gefunden zu haben, das Subjekt zurückzudrängen und in der wissenschaftlichen Forschung eine neue Art von Objektivität einzuführen: «Natürlich kann man die 'Erkenntnis' auch anders sehen: Wir können die 'Erkenntnis' oder das 'Wissen' als einen subjektiven Bewusstseinszustand auffassen oder als einen Zustand der Dispositionen eines Organismus. Ich entschied mich jedoch dafür, die Erkenntnis als ein System von Sätzen zu behandeln, von Theorien, die zur Diskussion gestellt werden. 'Erkenntnis' in diesem Sinne ist objektiv; und sie besteht aus Hypothesen und Vermutungen.»
Die Wissenschaft folgt im Wesentlichen heute noch Poppers Modell. Eine Forschergruppe untersucht ein Phänomen wie z.B. eine neue Krankheit und stellt sich die Frage, was die Auslöser seien. Es werden möglichst viele Einzelfälle dokumentiert und anschliessend ausgewertet. Es zeigt sich dabei, dass eine bestimmte Eigenschaft oder Kombinationen aus verschiedenen Elementen bei allen Fällen vorkommen. Die Forscher stellen dann die Hypothese auf, dass diese die Krankheit auslösen. Dies wird in Fachzeitschriften dokumentiert und ruft andere Forschergruppen auf den Plan. Kommen andere Forscher zum selben Ergebnis, gilt die Theorie vorerst als bestätigt. Gelingt es aber einer Forschergruppe nachzuweisen, dass in einem einzigen Fall die These nicht zutrifft, so ist die Theorie durchgefallen. Dann beginnt der Prozess der Theoriebildung von vorne; die neue Theorie muss dann sowohl die alten Fälle als auch den neuen Fall erklären können.
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Der Begriff "offene Gesellschaft" übernahm Popper vom französischen Philosophen Bergson. Unter einer solchen Gesellschaft versteht Popper eine Demokratie, die Macht kontrolliert und soziale Gerechtigkeit auf der Grundlage der individuellen Freiheit garantiert. Solche Modelle sah er in Neuseeland und England bereits verwirklicht: Respekt vor dem Individuum und seiner Würde, Freiheit, Weltoffenheit und ein politisches System, das Kritik ausdrücklich erlaubte. Popper sah sich als Fortführer der Gedanken der berühmten Aufklärer des 18. Jahrhundert, da er für Menschenrechte, Toleranz und rechtliche Gleichheit eintrat. Sein Werk widmete Popper seinem grossen Vorbild Kant, dem «Philosophen der Freiheit und Menschlichkeit».
Popper sah im Weltkrieg nicht nur den Kampf vieler verfeindeter Völker, sondern auch ein Kampf der Systeme: freiheitliche westliche Demokratien gegen totalitäre Diktaturen. Im Peloponnesischen Krieg, in dem sich Athen und Sparta zu Tode kriegten, sah er dieselbe Auseinandersetzung. Die beiden Ansichten werden nun durch zwei berühmte Männer personifiziert; durch den Staatsmann Perikles und den Philosophen Platon. Popper eröffnet den ersten Band, der den Titel Der Zauber Platons trägt, mit Zitaten dieser beiden Herren:
| Perikles: | «Obgleich nur wenige eine politische Konzeption entwerfen und durchführen können, so sind wir doch alle fähig, sie zu beurteilen.» |
| Platon: | «Das erste Prinzip von allen ist dieses: Niemand, weder Mann noch Weib, soll jemals ohne Führer sein.» |
Im zweiten Band befasst sich Popper mit jenen Denkern, die Platons «Aufstand gegen die Vernunft» fortgesetzt hätten. Mit
dem Titel Falsche Propheten sind Hegel und Marx gemeint. Popper stört sich insbesondere an der Auffassung,
dass die Geschichte der Menschheit "gesetzmässig" ihrer Vollendung entgegenstrebe; bei Hegel ist
das Ziel die Verwirklichung der Freiheit, bei Marx die klassenlose Gesellschaft. Damit wird das
Individuum zum blossen Werkzeug einer übergeordneten Weltvernunft degradiert, kritisiert Popper. Der
Wissenschaftstheoretiker kann der von Hegel entwickelten dialektischen Methode nichts abgewinnen, er
spricht ihr jede Legitimation ab. Popper charakterisiert Hegel darum als «logischen
Hexenmeister», der «mit Hilfe der zauberkräftigen Dialektik wirkliche, physische
Kaninchen aus rein metaphysischen Zylindern
hervorholt.» Zur heftigen Ablehnung des deutschen Idealisten dürfte neben den
wissenschaftlichen Bedenken gegen die Dialektik auch die Tatsache beigetragen haben, dass Hegel den
preussischen Staat gepriesen und Kriege als notwendiges Mittel der Politik bejaht hatte. Das Urteil
gegenüber Marx fällt demgegenüber milder aus. Popper gesteht diesem zu, dass er immerhin
die humanitäre Absicht gehabt habe, soziale Gerechtigkeit herbeizuführen. Der Marxismus aber
ist Popper zufolge eine «materialistische und zugleich mystische Religion». Gerade
anhand von Marx' Prognosen, wonach sich das Elend der arbeitenden Klassen vergrössern würde und
die Revolution sozusagen automatisch komme, will Popper belegen, dass auch Marx die Zukunft nicht richtig
voraussah, dass es also mit den behaupteten Gesetzmässigkeiten der geschichtlichen Entwicklung wenig
auf sich hat. Eine offene Gesellschaft kann auf utopische Entwürfe und jede Art von
Geschichtsprophetie getrost verzichten, meint Popper. Seine Theorie der Demokratie geht nicht von
historischen Gesetzen, sondern von der Freiheit und Selbstverantwortung des Bürgers aus. Die alte
Frage "Wer soll regieren?" will Popper durch die Frage ersetzen, wie ein politisches System organisiert
werden muss, damit es die Freiheit des Bürgers schützt und soziale Gerechtigkeit schafft. Seine
Antwort besteht darin, dass eine moderne Demokratie, die diesen Namen verdient, Raum für Opposition
und Kritik einerseits und die Möglichkeit zur Fehlerkontrolle andererseits bieten muss. Mit dem
später oft zitierten geflügelten Wort, wonach Demokratie diejenige Staatsform sei, die es
erlaube, die Machthaber zu ersetzen ohne Blut vergiessen zu müssen, ist für Popper das
wesentliche Kriterium bestimmt: Das Volk muss nicht nur die Möglichkeit haben, zu wählen,
sondern auch abzuwählen. Zusammenfassend sind also die institutionell garantierten
Kritikmöglichkeiten und ein legales Verfahren zur Abwahl der Regierung die zwei Hauptkriterien, die
eine Demokratie von einer Diktatur unterscheiden. Eine Gesellschaft habe niemals ihre endgültige
Form erreicht, von Reform zu Reform solle sich ein Staat weiterentwickeln. An die Stelle einer
grossangelegten Utopie eines Idealstaates tritt also bei Popper ein dynamisches Bild von Politik. Niemand
habe das Recht, sich als auserwählt zu verstehen, die Gesellschaft führen und ihr die "Einsicht
in die Notwendigkeit" aufzwingen zu müssen. Das Volk müsse sich frei entscheiden können, wem es
erlaubt, eine begrenzte Zeit zu regieren.
[Nach: Zimmer, S. 209-223]
Politik & Macht
«Man hat nur die Wahl zwischen Vernunft und Gewalt.»
«Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, produziert stets die Hölle.»
«Im Namen der Toleranz sollten wir das Recht beanspruchen, die Intoleranz nicht zu
tolerieren.»
«Die Frage, wer herrschen soll, ist falsch gestellt. Es genügt, wenn eine schlechte
Regierung abgewählt werden kann. Das ist Demokratie.»
Gegenwart & Zukunft
«Nie überlegen, was morgen sein wird, sondern das tun, was man heute tun kann.»
«Unsere Einstellung der Zukunft gegenüber muss sein: Wir sind jetzt verantwortlich für
das, was in der Zukunft geschieht.»
«Optimismus ist Pflicht. Man muss sich auf die Dinge konzentrieren, die gemacht werden sollen und
für die man verantwortlich ist.»