Helmut Qualtinger (1928-1986)
Helmut Qualtinger wurde am 8. Oktober 1928 in Wien geboren und starb am 29. September 1986 ebenda.
Er machte sich als Schriftsteller, Kabarettist und Schauspieler einen Namen. Zusammen mit Carl Merz
verfasste er eine Satire auf den typischen Durchschnittsösterreicher, die weltberühmt wurde.
Nach dem
Zweiten Weltkrieg arbeitete Qualtinger zunächst als Film-, Theater- und Literaturkritiker. 1947 kam
er zum Kabarett und prägte von da an massgeblich die Wiener Kabarettkultur der Nachkriegszeit. Mit
dem Ein-Personen-Stück Der Herr Karl über einen unverbesserlichen
Mitläufer, das er zusammen mit Carl Merz verfasste, wurde Qualtinger weltberühmt: So
präsentierte er es in verschiedenen Städten Europas sowie in New York. Nach 1953 arbeitete
Qualtinger auch als Theaterschauspieler u.a. in Dramen von Johann Nepomuk Nestroy und Ödön von
Horváth. Darüber hinaus trat er in Film- und Fernsehproduktionen auf. Seine letzte Filmrolle
war die des Pater Remigius in Der Name der Rose (1986, nach Umberto Eco).

Im Magazin einer Gemischtwarenhandlung drängt der "Herr Karl" einem unsichtbar
bleibenden
jüngeren Arbeitskollegen ("Se san a junger Mensch") seine Erlebnisse auf. Seine
Liebenswürdigkeit ist bösartig, kleinbürgerlich und selbstzufrieden, mit ordinärem
Augenzwinkern berichtet er von Liebesabenteuern und von seinen politischen Ansichten. Er
war einer der vielen Mitläufer Hitlers, die sich keiner Schuld bewusst sind.
Karls Charakter
- Profiteur, Ausnützen der Leute, korrupt, skrupellos, rechtfertigend, selbstzufrieden
- Egoist, überheblich, überschätzt sich als "Mann von Welt"
- Anpasser: Gehorsam gegen oben / Treten nach unten !
- Opportunist, Wendehals, schwimmt im Mainstream, dreht Fahne nach dem Wind
- Fassade der Gemütlichkeit, doch ein faschistoider Anpasser (sehr gefährlicher Banause)
- emotional unterentwickelt, kalt, hartherzig, gemein
- Drückeberger, Parasit, "Der ewige Spiesser"
Hauptstationen von Karl
- Brand des Justizpalastes 1927 (ähnlich Reichtagsbrand): Zeichen der wachsenden Spannung
- 1930er-Krise: Arbeitslosigkeit, bis 1934 war Karl Sozialist
- 1934 Rechtsrutsch bei den Wahlen, Karl wird brauner Anhänger
- arbeitslos; Witwe geheiratet, Wirtshaus // Auszug -> Sparverein, Sterbeverein,
Volkswohlfahrt
- Zweiter Weltkrieg vorausgeträumt
- Hitler marschiert 1938 in Österreich ein (Stichwort: "Anschluss ans Reich")
- 1945 Kriegsende
- 1955 Staatsvertrag führt zum neutralen Österreich, wie wir es heute kennen
Inhalt des Stückes
Der 1961 uraufgeführte Monolog ist eine brilliante Satire, die nicht ohne Bosheit,
aber dennoch liebevoll den latenten Opportunismus des Kleinbürgers skizziert.
Darüberhinaus bleibt er auch heute ein gültiger Spiegel der Zeitgeschichte, deren
Phänomene sich offenbar in nur unerheblichen Variationen auch in jüngerer Vergangenheit
bis heute wiederholen. "Der Herr Karl" ist Angestellter in einem
Feinkostgeschäft und verbreitet einem imaginären Gesprächspartner gegenüber seine
unreflektierten Gedanken über "Gott und die Welt". Der Text ist gratwanderisch
zwischen Kabarett und Theater angesiedelt; es entsteht das kraftvolle Bild eines
"kleinen Mannes", den der bekannte österreichische Regisseur und Publizist Hans
Weigel schlicht als "menschlichen Zustand österreichischer Färbung"
beschreibt. Weiterhin urteilt er: "Man wird über den Herrn Karl lachen und weinen,
man wird ihn verdammen und bemitleiden, man wird ihn zitieren, man wird ihm - als höchste
Bestätigung seiner Gültigkeit - auf Schritt und Tritt begegnen. Sein scheinbar
zufälliges Gerede enthält in konzentrierter Form die Substanz eines Zeitromans oder
eines Zeitstücks, ist zugleich Zeugnis einer Epoche, Enthüllung einer Haltung und
Ergebnis souveräner literarischer Gestaltung, mit einem Wort: ein Stück Welt."
(Hans Weigel)
Presse-Stimmen
"Der böse Mensch aus Wien. Wolfgang Wirtz brilliert als Herr Karl..., ... immer
kurz vorm Abgrund. Ein Mitläufer schält sich aus dem patenten Kumpel, ein Wolf im
Schafspelz, das Paradebeispiel des miesen klein-bürgerlichen Faschisten, der als der
unauffällige Herr Jedermann von nebenan wohl zu den gefährlichsten Erscheinungen
gehört. Wolfgang Wirtz hat ... dessen üble Konturen mit viel leise-bösem Witz
blossgelegt." (Kölner Stadtanzeiger, 9.7.1996)
"Der Herr Karl" von Carl Merz und Helmut Qualtinger ist ein Wiener Schmankerl
wie man es sich vorstellt: Hinter Charme und Schmäh tun sich Abgründe auf, tritt die
grosse politische Dummheit des kleinen Mannes mit Macht zu Tage. Herr Karl ist 60,
Lieferant irgendeines Feinkostladens und blickt auf ein bewegtes Leben zurück: Drei
Frauen har er verschlissen und so ziemlich jeden Job gemacht, Kassierer im Sparverein,
Bestattungsunternehmer, Wirt, Billeteur im Kino, Ballonverkäufer, Parkwächter, Blockwart
und vieles mehr. Blockwart - nun ja, eigentlich ist der Herr Karl ja kein politischer
Mensch, sondern Sozialist ist er gewesen, ursprünglich, aber wies dann im Vieradreissiger
Jahr so eine harte Zeit war... und immerhin, der Hitler, das war ein ganz Grosser... Und
so outet sich denn der hemdsärmelige Herr Jedermann mit dem treuen Dackelblick mehr und
mehr als fieser, berechnender Opportunist. Wolfgang Wirtz verleiht diesem
"menschlichen Zustand österreichischer Färbung" Gestalt und ist jede Sekunde
des ca. 45-minütigen Monologs schlicht Der Herr Karl. (Kölner Illustrierte, 8/96)