Der Sohn einer hugenottischen Uhrmacherfamilie wurde von Verwandten aufgezogen, da seine Mutter bei der
Geburt gestorben war. Nach seiner Flucht nach Annecy wurde er 1728 Sekretär und Gefährte von
Madame Louise de Warens, einer wohlhabenden Frau, die auf Rousseaus Leben und Schreiben einen grossen
Einfluss ausübte. Nach intensiver Lektüre und Musikstudien setzte sich Rousseau das Ziel,
Schriftsteller und Musiker zu werden und zog 1742 nach Paris, wo er als Lehrer, Kopist und Sekretär
arbeitete. Für kurze Zeit hielt er sich als Gesandtschaftssekretär in Venedig auf. In Paris
lebte er mit Thérèse Levasseur (1721-1801) in freier Ehe, die er erst 1768 legalisieren
liess. Seine fünf Kinder aus dieser Beziehung liess der spätere Erziehungstheoretiker im
Waisenhaus aufziehen. Rousseau lernte Diderot kennen, der ihn
beauftragte, für seine Encyclopédie einige musiktheoretische Beiträge zu
schreiben. Obwohl der Autodidakt Rousseau nie eine systematische Ausbildung genossen hatte, gewann
Rousseau 1750 ein Preisausschreiben der Akademie von Dijon für seinen Discours sur les sciences
et les arts. In seinem fünf Jahre später erschienenen Discours sur
l'origine et les fondements de l'inégalité parmi les hommes zeichnet Rousseau die
Entwicklung einer glücklichen Naturgesellschaft zur Rechtsungleichheit in der modernen Gesellschaft
nach.
Die Folgejahre waren für Rousseau weder beruflich noch privat sehr erfolgreich. Er zerstritt sich
mit fast allen Freunden und Gönnern, auch mit Madame d'Épinay, die ihm 1756 ein
Landhäuschen bei Montmorency zur Verfügung gestellt hatte. Seelisch und körperlich dem
Untergang nahe, fand er 1758 Zuflucht in einem Schlösschen bei Montmorency. Im Briefroman Julie
ou la nouvelle Héloise von 1761 schilderte Rousseau eine tragische Liebesgeschichte. 1762
erschienen die zwei wichtigsten Romane, die als Rousseaus Hauptwerke gelten. In Du
contrat social ou principes du droit politique einerseits vertrat er die Theorie, dass jeder
Staat als politische Organisation auf einem Gesellschaftsvertrag beruht. Im pädagogischen Lehrbuch
Émile ou de l'éducation andererseits postulierte er als Erziehungsideal die freie
Entfaltung der Persönlichkeit. Wegen der Forderung eines dogmenfreien Christentums und
religionskritischer Passagen in Profession de foi d'un vicaire savoyard, erwirkte der Erzbischof
in Paris ein Verbot von Rousseaus Schriften, dem sich kurze Zeit später auch seine calvinistische
Heimatstadt anschloss. Tief gekränkt weilte Rousseau zunächst an verschiedenen Orten der
Westschweiz (u.a. im damals preussischen Neuchâtel, berühmt wurde vor allem sein Aufenthalt
auf der St.-Peters-Insel im Bielersee) und folgte 1766 einer Einladung von Hume nach England. Bereits 1768 kehrte Rousseau unter dem Pseudonym Renou nach
Frankreich zurück und vollendete 1770 in Paris seine autobiographischen Confessiones, in
denen er sein Leben zusammenfasste. Als Alterswerk erschien unter anderem noch Les rêveries du
promeneur solitaire. Seine letzten Lebensjahre verbrachte der menschenscheu gewordene Rousseau in
Einsamkeit. Er starb wie Voltaire 1778 und konnte so die
Französische Revolution nicht mehr miterleben, deren Jünger seinen Leichnam 1794 ins
Panthéon überführten.
Rousseau steht geistes- und literaturgeschichtlich zwischen Aufklärung und Romantik. Indem er für Vernunft und individuelle Rechte eintrat, ist Rousseau ein typischer Vertreter der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Andererseits begründete er durch die Betonung der subjektiven Empfindungen gegenüber dem rationalen Denken die Romantik des 19. Jahrhunderts mit. Auch wenn Rousseau in seinen antropologischen und politischen Erörterungen Methoden und Anschauungen der Aufklärung anwandte, hat er das aufklärerische Denken doch mehr noch in Frage gestellt, indem er als früher Kritiker des allzu optimistischen Fortschrittsglauben diesem das subjektive Gefühl entgegensetzte. Seine Ideen sind nur an wenigen Stellen wirklich originell, aber Rousseaus Werke zeichnen sich durch einen schönen Sprachgebrauch aus. Der emotional-individuelle Ansatz seiner Werke wirkte anregend auf die französische Literatur der Romantik, inspirierte Goethe, Schiller und Herder. Seine Erziehungstheorie gab den Anstoss zu neuen Methoden der Erziehung, die vom Grundsatz ausgehen, dass jedes Kind eine eigenständige Persönlichkeit ist. Im 19. Jahrhundert setzte eine starke Rousseau-Kritik ein, die noch von Nietzsche vertreten wurde. Durch seine Betonung der Willensfreiheit sowie die Ablehnung der Erbsünde übte Rousseau auch im letzten Jahrhundert einigen Einfluss aus, so etwa auf Freuds Psychoanalyse wie auch auf die Existenzphilosophie.
| Literatur: | Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des Staatsrechts,
Stuttgart 1997, Reclam UB 1769. Jean-Jacques Rousseau, Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, Stuttgart 1998, Reclam UB 1770. |
| Internet: | Jean-Jacques Rousseau, Du contrat social ou
principes du droit politique, frz. Originaltext im Athena-Projekt. Jean-Jacques Rousseau, Discours sur l'origine et les fondements de l'inegalite parmi les hommes, frz. Originaltext. Peter Möller, Rousseau-Kritik, gute Zusammenfassung seiner Philosophie mit persönlichen Gedanken. Esther Scheidegger Zbinden, Die St.-Peters-Insel - einer der freundlichsten Fluchtpunkte der Schweiz, NZZ 2002. Memo, Dossier Rousseau, Ausführliche Vita mit vielen Hintergrundinfos (französisch). Rousseau Association, Links zu Originaltexten und von Rousseau komponierter Musik (englisch). |
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Durch Zufall stiess Rousseau 1749 auf ein Ausschreiben der Dijoner Akademie. Das Thema lautete: "Hat die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Verfeinerung der Sitten beigetragen?" Erst durch diese Fragestellung begann sich Rousseau philosophische Gedanken zu machen. In seiner Antwort Discours sur les sciences et les arts zweifelte Rousseau den durch Vernunft und Wissenschaft ausgelösten Fortschritt an. Zum ersten Mal taucht hier bereits der Gedanke auf, dass der Mensch ursprünglich gut und frei sei, aber durch die Gesellschaft verdorben wurde. Ebenfalls auf Anregung der Académie von Dijon verfasste Rousseau 1755 sein zweites philosophisches Werk, das aber bei dieser auf wenig Gegenliebe stiess. In diesem Discours formulierte Rousseau seine Kulturtheorie aus, wonach der Naturmensch im Einklang mit sich und der Umwelt gelebt habe. Erst durch die Behauptung von Eigentum und Herrschaft und die dadurch ausgelösten sozialen Ungleichheiten sei diese natürliche Harmonie zerstört worden. Daran anschliessend fordert Rousseau die Restaurierung der "natürlichen" Rechtsgleichheit aller Menschen. Égalité war eine der Kernforderungen der Französischen Revolution, ihre Verwirklichung fand sie in der Gleichheit vor dem Gesetz. Eine weitergehende Interpretation, wonach alle Menschen auch in ökonomischer Hinsicht gleich behandelt werden sollten, entwickelte erst der Marxismus.
Mit seiner Kritik an der modernen Zivilisation wollte Rousseau nicht für eine Rückkehr zur primitiven Lebensweise plädieren, wie es sein Gegner Voltaire ihm polemisch unterstellte. Der in diesem Zusammenhang berühmt gewordene Ausspruch «Zurück zur Natur!» stammt nicht einmal von Rousseau. Dieser anerkannte durchaus die Bedeutung des Sozialen für das Individuum. Mit seiner Kulturskepsis wollte er aber darauf hinweisen, dass sich der Mensch durch eine von der natürlichen Ordnung immer weiter entfernende Lebensweise sich selbst entfremde und damit unglücklich mache. Derartige Überlegungen beschäftigten schon einige Philosophen dieser Zeit, die den Widerspruch zwischen dem optimistischen Fortschrittsglauben und der Wirklichkeit erkannten. Im Gegensatz zu diesen konnte Rousseau dieses Problem so darstellen, dass man ihm seinen Ton der wirklichen Betroffenheit und inneren Anteilnahme abnimmt.
Im Gesellschaftsvertrag setzt Rousseau den politisch mündigen Bürger an die Stelle des einst gepriesenen freien Naturmenschen. Rousseau meint also, eine legitime politische Ordnung erreichen zu können, in der alle an das Gesetz gebunden sind und trotzdem so frei sind wie zuvor, indem sich die Individuuen freiwillig vollkommen entäussern. Sie sollen alle ihre Rechte an die Gemeinschaft abtreten, die sie durch ihre «volonté générale» selbst gebildet haben. Durch eine solche Bindung aller an das Gemeinwesen sollen die Staatsbürger eine höhere Art von Gleichheit und Freiheit erreichen.
Rousseaus Schlüsselwerk zum Verständnis der modernen Demokratie richtet sich historisch gegen die absolutistische Monarchie und orientiert sich am antiken Ideal der Polis. Seine Betonung des Gemeinwillens gegenüber dem König bildete eine der theoretischen Grundlagen der Französischen Revolution. Obwohl Rousseau es mit diesem Werk gut meinte und sich für die individuelle Freiheit einsetzte, kann man in seiner Auffassung vom Staat als der Verkörperung des abstrakten Gemeinwillens und seiner Forderung nach striktem Einhalten politischer und religiöser Konformität trotzdem auch eine Begründung totalitärer Ideologien erkennen. So schrieb etwa Hartwich: «In Rousseaus Theorie sind die Keime für zwei gänzlich verschiedene Entwicklungen enthalten: Sein leidenschaftliches Eintreten für die Beteiligung des ganzen Volkes an der politischen Gewalt gab dem Gedanken der Volkssouveränität in Europa neue Kraft. Doch zugleich sind in Rousseaus Demokratiebegriff freiheitsgefährdende Elemente enthalten, die ihm selbst offenbar nicht bewusst waren, die aber von späteren Diktatoren zur Errichtung einer Scheindemokratie missbraucht wurden: Die Behauptung, dass es einen unfehlbaren Gemeinwillen gäbe, die Machtkonzentration bei der Volksversammlung, das Fehlen unantastbarer Grundrechte.»
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Freiheit
«Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass
er nicht tun muss, was er nicht will.»
«Das Geld, das man besitzt, ist das Mittel zur Freiheit, dasjenige, dem man nachjagt, das Mittel
zur Knechtschaft.»
«Mit der Freiheit ist es nicht anders als mit derben und saftigen Speisen oder starken Weinen.
Für gesunde und starke Naturen sind sie nahrhaft und stärkend. Sie überladen, verderben
und berauschen jedoch schwache und zarte Menschen.»
Erziehung
«Viele Kinder haben schwer erziehbare Eltern.»
«Kindererziehung ist ein Beruf, wo man verstehen muss, Zeit zu verlieren, um Zeit
zu gewinnen.»
«Wir legen den Worten zuviel Gewicht bei: mit unserer geschwätzigen Erziehung erzeugen wir nur
Schwätzer.»
«Eine einzige offenkundige Lüge des Lehrers gegen seinen Zögling kann den ganzen Ertrag
der Erziehung zunichte machen.»
«Vor allem wegen der Seele ist es nötig, den Körper zu üben, und gerade das ist es,
was unsere Klugschwätzer nicht einsehen wollen.»
Andere Aussprüche
«Es ist viel wertvoller, stets den Respekt der Menschen als gelegentlich ihre Bewunderung zu
haben.»
«Glück besteht aus einem hübschen Bankkonto, einer guten Köchin und einer tadellosen
Verdauung.»
«Um einen guten Liebesbrief zu schreiben, musst du anfangen, ohne zu wissen, was du sagen willst,
und endigen, ohne zu wissen, was du gesagt hast.»