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Friedrich Schiller (1759-1805)

Friedrich Schiller wurde am 10. November 1759 in Marbach geboren und starb am 9. Mai 1805 in Weimar. Zusammen mit Goethe entwickelte er den Stil der "Weimarer Klassik". Da er neue Massstäbe für die weitere Entwicklung des deutschsprachigen Dramas gesetzt hatte, gilt er als eine der zentralen Gestalten der deutschen Literaturgeschichte.

Friedrich Schiller Auf Befehl des Herzogs Karl Eugen ab 1773 die strenge Militärakademie besuchen, wo er 1773 zunächst ein Jurastudium aufnahm, sich Ende 1775 aber dem medizinischen Fach zuwandte. In dieser Zeit entstanden unter dem Eindruck der Dichtungen Klopstocks und Lessings erste lyrische und dramatische Versuche. 1777 schrieb Schiller unter dem Eindruck des Aufklärungsgedankens einer Ablehnung jeglicher Autorität das von Pathos getragene Drama Die Räuber. Erst im zweiten Anlauf konnte sich Schiller 1780 mit dem Versuch über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen, der dem Wechselverhältnis von Körper und Geist nachging, promovieren. Während seiner Tätigkeit als Regimentsmedikus in Stuttgart ab 1780 führte Schiller ein ausschweifendes Leben. Als der Herzog ihn mit Schreibverbot für jegliche literarische Produktion belegte, floh Schiller zuerst nach Mannheim, daraufhin nach Frankfurt am Main und von dort nach Oggersheim. Finanziell und psychisch angeschlagen, fand Schiller schliesslich Aufnahme bei der Schriftstellerin Karoline Freifrau von Wolzogen auf deren Gut Bauerbach bei Meiningen, wo er das bürgerliche Trauerspiel Kabale und Liebe um die "verhassten Hülsen des Standes" schrieb. Zurück in Mannheim wurde Schiller im Herbst 1783 für ein Jahr Theaterdichter an Dalbergs Nationaltheater. Anders als Fiesco wurde Kabale und Liebe vom Mannheimer Publikum begeistert aufgenommen. Seine Rede Die Schaubühne als eine moralische Anstalt betrachtet bestimmte die Bühne als Forum humanitärer Ideale und übte auf die Entwicklung der deutschen Dramenlandschaft bis hin zum Expressionismus und Brecht Einfluss aus. Nachdem seine Anstellung nicht verlängert wurde, reiste Schiller wieder umher und weilte eine Zeitlang beim Beamten Christian Gottfried Körner (1756-1831) im sächsischen Loschwitz, wo u.a. der 1823 von Beethoven vertonte Hymnus An die Freude und die pantheistischen Philosophischen Briefe (1786) entstanden. Die unglückliche Liebe zu Henriette von Arnim (1768-1847) bestärkte Schiller im Entschluss, nach Weimar zu gehen. Am 21. Juli 1787 kam er dort an, nahm den Kontakt zu seiner früheren Vertrauten, der Schriftstellerin Charlotte von Kalb, wieder auf und lernte Herder und Wieland kennen. Die Auseinandersetzung mit historischen Themen und die daraus resultierende Studie Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der Spanischen Regierung (1788), welche in der Tradition von Rousseau und Voltaire das Naturrecht der Völker auf Beendigung von Unterdrückung propagiert, brachte Schiller 1789 durch Vermittlung von Goethe eine Professur für Geschichte in Jena ein. Seine Antrittsvorlesung Was heisst und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? fand bei den Studenten enthusiastische Aufnahme. Darüber hinaus schrieb er die dreibändige Geschichte des dreissigjährigen Krieges vom Prager Fenstersturz bis zum Westfälischen Frieden (1790-1792), in der bereits eine deutliche Verschiebung des Interesses vom historischen Ereignis zur herausragenden geschichtlichen Persönlichkeit erkennbar ist. In diese Jenaer Zeit fällt auch Schillers Auseinandersetzung mit der idealistischen Philosophie Kants. Am 22. Februar 1790 heiratete Schiller die Schwester Karoline von Wolzogens, Charlotte von Lengefeld (1766-1826). Bereits ein Jahr später erkrankte er aber lebensgefährlich, was ihn zwang, seine Lehrtätigkeit aufzugeben. In den 1790er Jahren entwickelte sich die zunächst problematische Bekanntschaft mit Goethe zu einer äusserst gewinnbringenden Freundschaft. Die Tatsache, dass der Abschluss des ersten Teiles von Goethes Faust ebenso auf Schillers Initiative zurückging, wie dieser andererseits für seine Balladen Ermutigung durch Goethe erfuhr, beweist, dass die beiden Dichter sich gegenseitig inspirierten. Aus gemeinsamen Gesprächen, Projekten, Theorien und Werken entwickelte sich der an Vorbildern der Antike und Renaissance orientierte Stil der "Weimarer Klassik". Nun entstanden in rascher Folge die berühmten Theaterstücke Maria Stuart (1800), Die Jungfrau von Orleans (1801), Die Braut von Messina (1803) und Wilhelm Tell (1804). Schiller starb am 9. Mai 1805 in Weimar an den Folgen der ein Jahr zuvor wieder ausgebrochenen Krankheit.

Bereits zu Lebzeiten hochangesehen, wurde Schiller nach seinem Tode - vor allem bezüglich seiner Freundschaft mit Goethe - zum Gegenstand einer Legendenbildung und zuweilen kultischen Verehrung. Schiller wurde schon als Freiheitskämpfer (Junges Deutschland) aber auch als Nationalist (Nazizeit) interpretiert. Sein Werk wird als "Klassiker" gelobt, Kritik an dem "Moral-Trompeter von Säckingen", wie Nietzsche ihn nannte, blieb eher selten. Zu den erklärten Bewunderern Schillers gehörten u.a. Thomas Mann, Brecht und Dostojewskij.

Literatur:   Friedrich Schiller, Die Räuber, Stuttgart .., Reclam UB 15.
Friedrich Schiller, Maria Stuart, Stuttgart 1900, Reclam UB 64.
Friedrich Schiller, Wilhelm Tell, Stuttgart 1993, Reclam UB 12.
Internet:   Friedrich Schiller, Fast alle Werke, Originaltexte im Gutenberg-Projekt.

 

MARIA STUART - Tragödie 1800

Historischer Hintergrund

England unternimmt im 16. Jahrhundert immer neue Versuche, Schottland in seine politische Abhängigkeit zu zwingen, so dass das nördliche Land immer wieder die alte Allianz mit Frankreich, dem englischen Erbfeind, erneuert, was zu wiederholten Teilbesetzungen durch beide Mächte führt. Schottland ist also ein Spielball ausländischer Interessen. Aus dieser politischen Konstellation versucht der Adel, in feindliche, oft wechselnde Gruppierungen aufgesplittert, seine eigenen Vorteile zu ziehen, was die Königsmacht schwächt, zumal nahezu das ganze 16. Jahrhundert hindurch minderjährige Monarchen den Thron innehaben. (Jakob V. [1513–42] ist achtzehn Monate alt, als sein Vater Jakob IV. [1488–1513] ermordet wird. Als er selbst einunddreissigjährig stirbt, ist seine Tochter Maria [1542–1567] fünf Tage alt. Als ihr Sohn Jakob VI. [1567–1625] nach ihrer erzwungenen Abdankung gekrönt wird, ist er ein Jahr alt. Beide Faktoren beeinflussen die Situation in Schottland noch stärker, als die Reformation nach Norden vordringt und das protestantische England Heinrichs VIII. und das katholische Frankreich Heinrichs II. Exponenten religiöser Kräfte werden. Maria wird der Preis für französische Unterstützung im Kampf gegen England und wird 1548 zur Erziehung nach Frankreich gebracht. 1558 heiratet sie den Dauphin, der 1559 als Franz II. König wird und 1560 stirbt. Für Marias späteres Schicksal sind diese Jahre entscheidend: Unter der Aufsicht ihrer Guise-Verwandten wird sie zur überzeugten Katholikin, und unter dem Einfluss des französischen Königs erkennt sie Elisabeth 1558 nicht als englische Königin an, sondern erhebt selbst den Anspruch, rechtmässige englische Thronfolgerin zu sein, da ihre Grossmutter Margarete Tudor die Schwester Heinrichs VIII. war und Elisabeth aus katholischer Sicht nur dessen illegitime Tochter. Damit wird sie zur ständigen Bedrohung Elisabeths. Elisabeth hat bei ihrem Regierungsantritt den Protestantismus nach der kurzen Herrschaft ihrer katholischen Halbschwester Maria (1553–58) wiederhergestellt. Ihr politisches Hauptziel ist es, in einem von katholischen Grossmächten beherrschten Europa zu überleben, indem sie diese gegeneinander ausspielt. Da 1560 der Protestantismus offiziell als Staatsreligion in Schottland eingeführt wird und Elisabeth mit dem nördlichen Nachbarn den Vertrag von Edinburg abschliesst, nach dem sie als englischer Souverän anerkannt wird und alle ausländischen Truppen Schottland verlassen sollen, bedeutet die Rückkehr der katholisch-französischen Königinwitwe Maria Stuart, die den Vertrag von Edinburg nicht anerkannt hat, einen politischen Unruheherd.

Maria trifft im August 1561 wieder in Schottland ein und meistert die Lage zunächst bemerkenswert. 1565 spitzt sich ihre Lage zu, und Ereignisse vor allem dieser Jahre, zu Marias Ungunsten interpretiert, werden bei Schiller im ersten Akt rekapituliert. Ihre Heirat (29. Juli 1565) mit ihrem Vetter Henry Darnley vereinigt offenbar dynastische und persönliche Motive: Die Königin scheint sich in den Neunzehnjährigen verliebt zu haben, der allerdings als Enkel der Schwester Heinrichs VIII. eine grosse Rolle in der englischen Thronfolge spielt. Maria kann ihn also durch die Heirat als Konkurrenten um den englischen Thron ausschalten und zugleich ihren eigenen Anspruch gemeinsam mit ihm verstärken. Die Ehe stellt sich schnell als Katastrophe heraus. Dem eitlen, häufig betrunkenen, wahrscheinlich syphiliskranken Darnley gelingt es in kurzer Zeit, sich politisch völlig zu isolieren, weil er ständig seine politischen Allianzen wechselt. Einer seiner waghalsigsten Frontwechsel geschieht 1566: Im Gefolge des Gesandten von Savoyen ist 1561 David Riccio nach Schottland gekommen und 1564 von Maria als Sekretär eingestellt worden. Als politischer Günstling von niedriger Geburt, ausgestattet mit erheblicher Macht und offenbar bestechlich, erregt er den immer heftigeren Unwillen des schottischen Adels und die Eifersucht des Königs. Es gehört zu Schillers Konzept der sündigen Maria zu Anfang des Stückes, dass er die häufig vermutete Liebesaffäre zwischen Maria und Riccio anklingen lässt (I,2). Im Beisein der schwangeren Königin wird Riccio am 9. März 1566 von Darnley und einigen Adligen ermordet. Darnley geht noch in derselben Nacht zur Partei der Königin über und flieht mit ihr aus Edinburg. Aber schon bei der Geburt ihres Sohnes (19. Juni 1566) hat sich das Ehepaar wieder entfremdet. Als Darnley am 10. Februar 1567 ermordet wird, wird Maria mitverdächtigt. Wahrscheinlich hat ein Teil des schottischen Adels unter Führung des Grafen von Bothwell sich gegen den König verschworen. James Hepburn, Graf von Bothwell ist der Führer der antienglischen Fraktion des schottischen Adels. Maria zog ihn 1566/67 mehr in die politische Verantwortung, zumal sie sich auf ihren Mann nicht stützen konnte. Als Maria Ende April von Sterling nach Edinburg reitet, wird sie von Bothwell entführt – ob mit ihrem Einverständnis, ist bis heute ungeklärt. Tatsache ist, dass sie Bothwell am 15. Mai 1567 heiratet, möglicherweise weil er sie vergewaltigt hat. Das Ereignis muss einen Skandal hervorrufen, da Darnley erst drei Monate tot ist und Bothwell angeblich daran beteiligt ist und sich im Eilverfahren hat scheiden lassen. Marias dritte, möglicherweise wieder politisch motivierte Ehe ist durch die berühmt-berüchtigten ›Kassettenbriefe‹ als skrupellose Liebesaffäre interpretiert worden. Diese Sammlung von zehn (vermutlich gefälschten) Briefen, angeblich von Maria an Bothwell gerichtet, in denen sie u. a. ihre Mitschuld am Mord Darnleys erwähnt haben soll, taucht kurz nach ihrer Flucht nach England auf und dient als Beweismaterial gegen sie. Nach der Heirat erhebt sich der schottische Adel unter Moray gegen die Königin. Sie wird nach verlorener Schlacht bei Carberry Hill (15. Juni 1567) auf Schloss Lochleven gefangengesetzt und zur Abdankung zugunsten ihres Sohnes gezwungen. Am 2. Mai 1568 gelingt Maria Stuart die Flucht. Sie sammelt ein Heer und findet rasch Zulauf, lässt sich aber am 13. Mai vorschnell in die Schlacht bei Langside gegen den aufständischen Adel ein und unterliegt.

Sie flieht nach Süden und setzt, ohne die Rückkehr ihres Boten an Elisabeth abzuwarten, in einem Fischerboot nach England über – in der Erwartung, von Elisabeth empfangen und bei der Wiedergewinnung ihres Throns unterstützt zu werden. Damit schafft sie für Elisabeth eine höchst prekäre Situation. Elisabeth ist nicht daran interessiert, die katholische Königin nach Schottland zurückzulassen. Weiterreisen darf Maria auch nicht, da sie in Frankreich anti-englische Politik aktivieren könnte. Aber im eigenen Land kann sie sie auch nicht behalten, weil Maria angemasste englische Königin ist und ihre Gegenwart eine Aufforderung an den katholischen Adel des Nordens bedeutet, Maria auf den Thron zu setzen und den Katholizismus wieder einzuführen. Elisabeth tut das politisch Klügste: Sie spielt auf Zeit. Erst in York und dann in London arrangiert sie eine Verhandlung unter dem Vorwand, zwischen der schottischen Königin und ihren rebellischen Untertanen vermitteln zu wollen, in Wirklichkeit, um Maria zu überführen. Von Fairness gegen Maria kann dabei keine Rede sein. Für Elisabeth wird die Notwendigkeit, sie aus dem Spiel auszuschalten, bald deutlich: Thomas Howard, Herzog von Norfolk, ranghöchster Aristokrat Englands und (protestantisches) Haupt des katholischen Adels im Norden, plant im Herbst 1568, Maria zu heiraten, was Elisabeth untersagt, da die Heirat Maria als nicht offiziell anerkannte Thronfolgerin mit einer bedenklichen Macht versehen und den Katholizismus gestärkt hätte. Als Norfolk seine Pläne weiterverfolgt und im Tower gefangengesetzt wird, erhebt sich der Adel des Nordens, um Maria zu befreien. Der Aufstand schlägt fehl. Norfolk wird im Herbst 1570 entlassen, verstrickt sich aber 1571 wieder in ein vages Befreiungsunternehmen und wird im Juni 1572 hingerichtet. Die europäisch- katholische Offensive (vgl. Anm. zu V. 493–495), die 1572 mit der Bartholomäusnacht in Paris beginnt, zwingt Elisabeth, Marias Spielraum vollends einzuschränken. Ihr Geheimdienst unter Walsingham arbeitet bei der Überwachung der Gefangenen vorzüglich. Immer neue Verschwörungen zu ihren Gunsten werden entdeckt, und sie gräbt sich selbst ihr Grab: Ihre Korrespondenz enthüllt umstürzlerische Pläne. Die Ermordung Wilhelms von Oranien am 1. Juli 1584 führt zur Einführung des »Act for the Queen’s Savety« (Gesetz für die Sicherheit der Königin): Strafbar ist nicht nur, wer der Königin nach dem Leben trachtet, sondern auch, zu wessen Gunsten das geschieht, ein deutlich gegen Maria gerichtetes Gesetz, das schliesslich auch gegen sie angewendet wird. Sie wird im Herbst 1586 vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Diplomatische Gründe halten Elisabeth davon ab, das Urteil sofort vollstrecken zu lassen. Erst am 8. Februar 1587 wird die Königin von Schottland nach neunzehnjähriger Gefangenschaft geköpft. Sie stirbt voll Würde und Fassung. Übrigens war es überhaupt die erste Hinrichtung eines gesalbten Haupts in Europa.

Siehe auch die genealogische Tafel des britischen Königshauses.


Schillers Drama

Wenn Schillers Trauerspiel seelische und geschichtliche, private und öffentliche Vorgänge an zwei Hauptgestalten darstellt und in symmetrisch ausgeführter Gegensätzlichkeit zuspitzt, so markiert es einen tiefen Einschnitt in der Geschichte der Maria-Stuart-Dramen: es fasst sie wie in einem Brennpunkt zusammen, vereinigt die Einseitigkeiten, verschränkt den politisierenden mit dem individualisierenden, den spannungserzeugenden mit dem argumentierenden, den konfliktreichen mit dem psychologisierenden Tragödientypus. Dass der Maria-Stuart-Stoff im Verlauf von zwei Jahrhunderten noch keinen überzeugenden Bearbeiter gefunden hatte, verwunderte und faszinierte Schiller: es war ein Grund mehr, sich des Stoffs im Jahre 1799 erneut zu bemächtigen. Allerdings wird gern vergessen, dass drei wesentliche Freiheiten, die sich Schiller gegenüber der Geschichte herausnahm, nicht seine Erfindung waren: Schiller hat diese Erfindungen jedoch dem Geschichtsstoff – er befasste sich gründlich mit ihm – neu anverwandelt. Er hat vor allem der krassen Parteilichkeit mancher Historiker und Stückeschreiber Paroli geboten, um die polare Verschlingung des Politischen und Privaten so differenziert wie nur möglich zu gestalten: seine Darstellung der weiblichen Antipoden hütet sich vor der gängigen Schwarzweissmalerei. Elisabeth und Maria sind »gemischte Charaktere«, beide von den Auseinandersetzungen mit der Geschichte und einem verfehlten Leben gezeichnet, weder die Identifikation noch den Abscheu, vielmehr das anhaltende Interesse des Zuschauers herausfordernd. Schiller hat die Rivalinnen gegenüber der Geschichte verjüngt und damit ihre politische Gegnerschaft menschlich verschärft: beide sollen jung genug sein, um ihre Liebesansprüche gegeneinander geltend machen zu können. Mag Schiller daher den Rivalinnenkampf zunächst selber als schlechthin unköniglich, »an sich selbst moralisch unmöglich« empfunden haben, so machte er gerade aus dieser moralisch-vergänglichen Not eine zeitüberdauernde künstlerische Tugend. Die Königinnenbegegnung, in die Mitte des Trauerspiels gelegt, wird zum Dreh- und Angelpunkt der symmetrischen Antithetik. Gehört Aufzug 1 der Maria Stuart, Aufzug 2 der Elisabeth, so führt Aufzug 3 die beiden Kontrahentinnen zusammen, um sie für immer, unwiderruflich, auseinanderzuführen: Aufzug 4 gehört der Elisabeth, die das Todesurteil unterzeichnet, Aufzug 5 vor allem der Stuart, die seine Vollstreckung zu erleiden hat. Und Schiller bildet nicht nur die ästhetische Tradition auf wahrhaft innovatorische Weise um. Im Medium der Historie spiegelt er auch seine eigene Zeit – und antizipiert er die moderne Geschichte. Grundzüge der bürgerlichen Gesellschaft, die in seine Tragödie hineinregiert, haben sich bis heute erhalten – eine Möglichkeit für den Leser, bei der Lektüre die eigene Gegenwart mit ins Spiel zu bringen.

Selbst die augenfälligste Aktualität Schillers wäre uns allerdings gleichgültig, hätte er den Maria-Stuart-Stoff nicht dramatischer geballt, rhythmischer durchdrungen, wirkungsvoller zusammengezogen als seine Vorgänger (und als die Mehrheit seiner Nachfolger). Dass die Tragödie »rasch zum Ende eilen« und den Zuschauer »zwischen Furcht und Hoffnung« halten werde, war zunächst Schillers Hauptinteresse. Spannung sollte aus dem Widerstreit der Affekte (Furcht und Hoffnung) erzeugt werden. Wie Schiller diesen Widerstreit im Zuschauer hervorzurufen gedachte, verrät er ein wenig später: "Ich fange schon jetzt an, bei der Ausführung, mich von der eigentlich tragischen Qualität meines Stoffs immer mehr zu überzeugen, und darunter gehört besonders, dass man die Catastrophe gleich in den ersten Scenen sieht, und indem die Handlung des Stücks sich davon wegzubewegen scheint, ihr immer näher und näher geführt wird." Nun soll die Handlung nicht mehr »rasch zum Ende eilen«, sondern auf Umwegen, damit das Publikum mitten in seiner Furcht vor der Katastrophe Illusionen nähren kann. Man sieht, wie ungeschminkt Schiller die Tauglichkeit des Stoffes für die ästhetische Handlung und der Handlung für die Wirkung prüft. Die Rede vom Idealisten Schiller, über dessen Kopfe der Himmel der Ideen und in dessen Brust das moralische Gesetz walte, ist zumindest einseitig. Schiller ist als Theaterdichter immer auch Praktiker, der das Drama bewusst für Bühne und Publikum einrichtet. Daher bildet er das Handwerk der Spannungserzeugung und die Strategie des Überraschens, Überrumpelns und der dramatischen Täuschung zur Meisterschaft aus. Einige Beispiele, die gleichzeitig markante Stationen der Handlung bezeichnen, seien vorweg in Erinnerung gerufen. Ehe die im Gefängnis schmachtende Maria Stuart auftritt, streiten sich ihre Amme Kennedy und der Gefängniswärter erbittert über sie. Anders als Paulet mutmasste, betritt Maria Stuart die Bühne mit disziplinierter Schwermut. Todesahnungen überschatten ihre Hoffnung auf eine Unterredung mit Englands Königin Elisabeth und auf ein gerechtes Urteil des englischen Parlaments. Eines jener Überraschungsmanöver, die Schiller so häufig inszeniert, dramatisiert postwendend ihre Situation. Mortimer, der anscheinend rohe Neffe des Gefängniswärters, enthüllt sich als Ästhet, diensteifriger Bote und Parteigänger Marias: das Urteil des Parlaments laute auf Tod durch Hinrichtung, wovor er sie zu retten gedenke. Die Furcht des Theaterpublikums vor der Katastrophe und die Hoffnung auf das Gelingen des Rettungsplans halten einander die Waage. Dieses unschlichtbare Spannungsverhältnis lebenszerstörender und lebenserhaltender Kräfte beutet Schiller sorgfältig aus. Burleigh, Parteigänger Elisabeths, möchte Paulet als Mörder Marias dingen, aber Paulet weigert sich standhaft aus moralischen Gründen, bürgt für die Unverletzlichkeit des königlichen Hauptes, solange das Todesurteil nicht durch Elisabeths Unterschrift bestätigt ist. Wenig später drängt Burleigh im Staatsrat Elisabeth zur Vollziehung des Urteils, plädiert Graf Shrewsbury für Begnadigung, Graf Leicester für Aufschub. Schiller intellektualisiert die Spannung: die Handlung kommt nicht von der Stelle, kreist in der federnden Balance kontroverser Argumentationskräfte. An einem Überraschungseffekt entzündet sie sich wieder. Die anscheinend so gewissenhaft abwägende Elisabeth verrät Mortimer gegenüber den dringenden Wunsch nach einer Ermordung der Stuart, worauf jener zum Schein eingeht: »So werden wir zur Rettung Frist gewinnen!« (II,6,1641). Auch Leicester sieht in Mortimers Täuschungsmanöver eine Rettungschance: da Elisabeth auf Mortimer zähle, werde man Zeit gewinnen. Indem Leicester ausserdem Elisabeth zu einem Zusammentreffen mit Maria überreden kann, scheint das prekäre Gleichgewicht der Kräfte sich endlich zugunsten letzterer zu verschieben: das Gespräch von Frau zu Frau muss zum königlichen Gnadenakt, zumindest aber zu einer Aufschiebung des Todesurteils führen. Die Stuart selbst nährt diese Illusion bei sich und dem Zuschauer durch lyrische Emphase, Evokation eines neuen Lebens. Von solch utopischer Höhe lässt Schiller die Handlung in die dramatische Tiefe eines weiblichen Machtkampfes fallen. Hoffnung schlägt in Furcht um. Diese Kunst der Erzeugung von Extremen und Polaritäten ist bar jeder effekthaschenden Willkür. Der Machtkampf der Königinnen erwächst aus innerer Notwendigkeit: Marias Unterwerfungsstrategie und Versöhnungsbereitschaft werden von Elisabeth zu einer heimlich herbeigesehnten, moralischen Attacke umgemünzt, worauf die Gedemütigte zu einem vernichtenden Gegenschlag ausholt. Damit ist die dramatische Zeit aufs äusserste verknappt, sind die Handlungsalternativen gebieterisch geworden. Elisabeth muss auf sofortige Rache, Mortimer auf sofortige Rettung sinnen. Die Art, wie er das tut, stellt einen neuen coup de théâtre dar: retten will er, um an Maria seinen ästhetischen Sinn und noch mehr seine Fleischeslust tyrannisch zu befriedigen. Aus dem Vollgefühl des Triumphs stürzt die Stuart in die doppelte Bedrängnis durch Freund und Feind: »Hier ist Gewalt, und drinnen ist der Mord« (III,6,2597). Der Extreme, der dramatischen Umschläge und gehäuften Effekte sind noch nicht genug. Elisabeth entgeht knapp einem Mordanschlag, Leicester kann den Verdacht einer Kollaboration mit Maria nur parieren, indem er Mortimer opfert und auf die Vollziehung des Todesurteils drängt, das Volk selber fordert heftig das Haupt der Stuart: Elisabeths Unterschrift wird von der Situation geradezu provoziert. Schiller jedoch, kunstvoll die dramatische Zeit gliedernd, staut die Spannung, hält den Katarakt der sich überstürzenden Ereignisse auf. Graf Shrewsbury beschwört Elisabeth, nicht zu unterschreiben, sie schiebt die Entscheidung auf, ringt sich in einem Monolog zur Unterschrift endlich durch, Shrewsbury bringt das tobende Volk zur Ruhe, Elisabeth übergibt ihrem Sekretär Davidson das unterzeichnete Urteil mit doppelsinniger Rede, die eine faktische Vollstreckung weder affirmiert noch negiert. Das stauende Hin und Her der Argumente, lähmende Zweifel, monologische Selbsterforschung und Kampf mit dem Doppelsinn der Worte verleihen der Handlung eine glühende Intellektualität. Seiner Kunst des Ritardando gesellt Schiller die der Dämpfung hinzu. Den »fürchterlichen Wechsel« (V,1,3401), als Maria statt den erwarteten Befreiern ihrem Todesboten gegenübersteht, gestaltet Schiller nicht unmittelbar szenisch. Er schlägt aus der Katastrophe kein dramatisches Kapital, sondern verhüllt sie im Medium des Berichts der Amme. So kann das reissende Tempo und das hämmernde Stakkato der äusseren Vorgänge einmünden in die episch-sakrale Darstellung eines Seelengeschehens, das Maria Stuart der Geschichte entrückt, zum schönen Ideal und zur idealen Schönheit verklärt. Ihr Sterben vollzieht sich polar zur Geschichte, die als Katastrophe fortrollt. Dieser ungelösten Polarität reflektierend auf den Grund zu gehen ist der Anspruch, den die Schlussszenen an Zuschauer und Leser stellen. Schillers Theater visiert nicht nur die Affekte des Zuschauers (und Lesers), sondern auch sein Reflexionsvermögen an. Als epischer Kontrapunkt zum dramatischen Geschehen ermöglicht der Prozess des Sterbens die distanzierte Betrachtung des geschichtlichen Lebens. Freilich – dem Zuschauer bietet sich diese Möglichkeit nicht erst am Ende. Schillers kunstvolle Führung und Fügung der Handlung bannt das überstürzte und gestaute Geschehen von Anfang an in eine genau berechnete ästhetische Struktur, spiegelt die Unüberschaubarkeit der seelischen und politischen Prozesse in einem überschaubaren Gebilde wider. Der Zuschauer wird einer gegliederten Dynamik ansichtig, wie sie sich unmittelbar in der eingangs erwähnten symmetrisch-kontrapunktischen Anordnung der Aufzüge versinnlicht. Ein architektonischer Bauwille macht sich geltend, dem gleichwohl jegliche Starre fehlt. Die antithetisch voneinander abgesetzten, das Gegeneinander der Königinnen hervorhebenden Aufzüge sind gleichzeitig einander intensiv zugewandt, leben im Spannungsverhältnis vielfältiger Vor- und Rückverweise miteinander: Maria Stuart empört sich am Ende des 1. Aufzugs, in dessen Mittelpunkt sie steht, über Elisabeth; letztere ist während des 2. Aufzugs fast ausschliesslich auf die Gegnerin fixiert; der mittlere Aufzug verleiblicht die wechselseitige Aggressivität durch die Konfrontation beider; der 4. Aufzug präsentiert Elisabeth in der qualvollen Entscheidung über Leben und Tod der Stuart; im 5. Aufzug erleidet Maria das über sie verhängte Todesurteil, vergibt aber ihrer Gegnerin, während Elisabeth von den Folgen der Hinrichtung überrascht wird. Der Zuschauer erfährt Geschichte anders als die Figuren: sind diese bewusstlos in sie verstrickt, so vermag er sie dank der dynamisch gliedernden Formgebung des Autors bewusst wahrzunehmen. Im Medium planvoller Ästhetik, einer spiegelbildlich angeordneten, spannungsreichen Polarität, kann er sich das Verhältnis zwischen Geschichte und Individuum in Freiheit vergegenwärtigen.


Schillers Sprache


Schillers Beeinflussung durch den Philosophen Kant

Kritik der reinen Vernunft (Erkenntnistheorie) Kritik der praktischen Vernunft (Ethik) Kritik der Urteilskraft (Logik)

 

AN DIE FREUDE - Ode

Die Ode "An die Freude" verwendete der deutsche Komponist Ludwig van Beethoven (1770-1827) im Finale seiner berühmten 9. Symphonie, bei der zum ersten Mal in der Geschichte dieser Musikform eine Singstimme eingeführt wurde. Von Schillers Ode wurden allerdings nur Teile vertont: die 1.und 3. Strophe, von der 2. Strophe der erste Teil und von der 4. Strophe der 2. Teil.

Dieses "Lied" ist inzwischen die offizielle Hymne der Europäischen Union.

 
O Freunde, nicht diese Töne!
sondern lasst uns angenehmere anstimmen
und freudenvollere!

Freude, schöner Götterfunken,
Tochter aus Elysium,
wir betreten feuertrunken,
Himmlische, dein Heiligtum!
Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt;
Alle Menschen werden Brüder,
wo dein sanfter Flügel weilt.

Wem der grosse Wurf gelungen,
eines Freundes Freund zu sein,
wer ein holdes Weib errungen,
mische seinen Jubel ein!
Ja, wer auch nur eine Seele
sein nennt auf dem Erdenrund!
und wer's nie gekonnt, der stehle
weinend sich aus diesem Bund.

Freude trinken alle Wesen
an den Brüsten der Natur;
alle Guten, alle Bösen
folgen ihrer Rosenspur.
Küsse gab sie uns und Reben,
einen Freund, geprüft im Tod;
Wollust ward dem Wurm gegeben,
und der Cherub steht vor Gott!

Froh, wie seine Sonnen fliegen
durch des Himmels prächt'gen Plan,
laufet, Brüder, eure Bahn,
freudig, wie ein Held zum Siegen.

Seid umschlungen, Millionen.
Diesen Kuss der ganzen Welt!
Brüder! über'm Sternenzelt
muss ein lieber Vater wohnen.
Ihr stürzt nieder, Millionen?
Ahnest du den Schöpfer, Welt?
Such'ihn über'm Sternenzelt!
Über Sternen muss er wohnen.

 

BERÜHMTE ZITATE

Politik & Freiheit
«Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei und würd er in Ketten geboren!»
«Woran erkenn ich den besten Staat? Woran du die beste Frau kennst! Daran, mein Freund, dass man von beiden nicht spricht.»
«Keine Kriege werden zugleich so ehrlos und unmenschlich geführt als die, welche Religionsfanatismus und Parteihass im Inneren eines Staates entzünden.»

Leben
«Der Wein erfindet nichts, er schwatzt's nur aus.»
«Morgen können wir's nicht mehr, darum lasst uns heute leben.»
«Das Leben ist nur ein Moment, der Tod ist auch nur einer.»
«O! dass sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe!»
«Der Mohr hat seine Arbeit getan, der Mohr kann gehn.»

Bekannte Zitate aus Wilhelm Tell
«Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt» (Tell, Zeile 139)
«Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern, in keiner Not uns trennen und Gefahr. / Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben. / Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen.» (Rütlischwur, 1448-1453)
«Früh übt sich, was ein Meister werden will.» (Tell über das Schiessen, 1481)
«Die Axt im Haus erspart den Zimmermann.» (Tell, 1514)
«Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig leisten.» (Tell, 1532)
«Und neues Leben blüht aus den Ruinen.» (Attinghausen, 2427)
«Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt.» (Tell, 2683)
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