Der Kaufmann Heinrich Floris Schopenhauer wollte zwar, dass sein Sohn Arthur in seine Fussstapfen tritt,
doch nach dem Tod seines Vaters brach der Sohn 1805 die Kaufmannslehre ab und zog zur Mutter nach Weimar.
1809 begann Arthur in Göttingen ein Studium der Medizin, wechselte aber schon bald zur Philosophie.
In dieser Zeit faszinierte ihn das Werk des Skeptikers Schulze. Nach dem Wechsel nach Berlin 1811 war er
Student bei Fichte und Schleiermacher, 1813 schloss er das
Studium in Jena ab. Entscheidend für sein weiteres Denken war die Lektüre der Upanishaden, dem wichtigsten Werk der altindischen Veda-Philosophie. Schopenhauer gab eine kleine Schrift über die Farbenlehre heraus und begann danach die Arbeit an seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung, das er bereits 1818 fertigstellte. Nach einer intensiven Italienreise lehrte er ab 1820 an der Universität Berlin, wo er aber lange im Schatten des berühmten Hegels stand.
Während Hegel 1831 zu den Opfern der in Berlin wütenden Choleraepidemie gehörte,
flüchtete Schopenhauer rechtzeitig aus der Stadt. Damit verbunden war zwar die Aufgabe der
Lehrtätigkeit, doch für die «Kathederphilosophie» hatte er sowieso nichts
mehr übrig. So liess Schopenhauer sich nach einigen Umwegen 1833 in Frankfurt am Main nieder, wo er
bis zu seinem Tod lebte. Von der Fachphilosophie kaum zur Kenntnis genommen, verfasste er weitere
Schriften, in denen er seine Lehre erweiterte und vertiefte. Vor allem dank seinen Aphorismen zur
Lebensweisheit, die als Teil der Aufsatzsammlung Parerga und Paralipomena 1851 erschienen,
wurde er die letzten Jahre seines Lebens noch recht bekannt.
Schopenhauer verstand sich als radikaler Verfechter von Kants Kritizismus. Sein Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung enthält den zentralen Gedanken: «Die Welt ist meine Vorstellung». Von diesem Ansatz ausgehend, entwickelte Schopenhauer ein philosophisches System mit den vier Elementen Erkenntnislehre, Metaphysik, Ethik und Ästhetik.
Schopenhauers Wirkung ist vielseitig und weitreichend. Bereits im 19. Jahrhundert beeinflusste er Nietzsche und Bergson, im frühen 20. Jahrhundert die Psychologie von Hartmann und Freud. Doch auch unter Künstlern wie Wagner und T. Mann wirkte Schopenhauers Philosophie prägend.
| Literatur: | Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 1, Stuttgart 1987, Reclam UB 2761. Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Bd. 2, Stuttgart 1987, Reclam UB 2762. Arthur Schopenhauer, Aphorismen zur Lebensweisheit, Stuttgart '', Reclam UB 5002. Otto A. Böhmer, Sternstunden der Philosophie. Von Platon bis Heidegger, München 2003, Beck. Robert Zimmer, Das Philosophen-Portal. Ein Schlüssel zu klassischen Werken, München 2004, dtv. |
| Internet: |
Arthur Schopenhauer, Gedichte & zwei Kurzschriften, Originaltexte im Gutenberg-Projekt. Schopenhauer-Gesellschaft Frankfurt am Main, Schopenhauer, professionelle Seite. |
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Die Kaufmannslehre in Hamburg gefiel Schopenhauer ganz und gar nicht und er nörgelte ständig. Doch am 20. April 1805 starb völlig überraschend sein Vater. Seine Mutter zog mit der 1797 geborenen Tochter Adele nach Weimar und liess Arthur in Hamburg zurück. Dieser sandte seiner Mutter, die ein Buch geschrieben und in Weimar bald einen berühmten Salon führte, in dem auch Goethe gerne verkehrte, wüste Briefe. Schliesslich lenkte Johanna ein und erlaubte Arthur, die verhasste Lehre abzubrechen. So besuchte Schopenhauer von 1807-09 das Gymnasium in Gotha und bereits 1809 begann er ein Studium in Göttingen. Pünktlich zum 21. Geburtstag zahlte ihm die Mutter am 22. Februar 1809 seinen Anteil am väterlichen Erbe aus. Schopenhauer wurde mit dem grossen Vermögen finanziell unabhängig und war seinem Vater nachträglich sehr dankbar. Der Mutter aber warf er immer wieder vor, sie habe einen liderlichen Lebenswandel. So gab es bei jedem Besuch in Weimar Streit. Als Schopenhauer selbst nach Weimar ziehen wollte, schrieb ihm seine Mutter einen Brief, der einen bezeichnenden Blick auf den jungen Mann wirft: «Dass ich Dich recht lieb habe, daran zweifelst Du nicht; ich habe es Dir bewiesen, solange ich lebe. Es ist zu meinem Glücke notwendig zu wissen, dass Du glücklich bist, aber nicht, ein Zeuge davon zu sein.» Sie wirft ihrem Sohn vor, dass er immer über unvermeidliche Dinge klage, finstere Gesichter mache und dunkle Urteile und Orakelsprüche von sich gebe. Wenn er bei ihr abends essen wolle, müsse er gefälligst seine Kommentare über die dumme Welt und das menschliche Elend unterlassen.
In Berlin ärgerte Schopenhauer sich über die bekannten Philosophen Fichte und Schleiermacher . 1813 erhielt er in Jena den Doktor der Philosophie. Im Mai 1814 zog er nach Dresden um, wo er am gesellschaftlichen Leben teilnahm, aber auch in Bücher vertieft in der Bibliothek anzutreffen war. «Während dieses vierjährigen Aufenthalts in Dresden ist es gewesen, dass in meinem Kopfe, gewissermassen ohne mein Zutun, mein philosophisches System, strahlenweise wie ein Kristall zu einem Zentrum konvergierend, zusammenschoss, so wie ich es sofort im ersten Band meines Hauptwerks niedergelegt habe.» Aus Dresden ist auch eine amüsante Anektode aus einem Naturmuseum überliefert. Der Aufseher wunderte sich über den mit sich selbst sprechenden Mann und fragte ihn beim Ausgang, wer er sei. Darauf erwiderte Schopenhauer: «Ja, wenn Sie mir das sagen könnten, wer ich bin, dann wäre ich Ihnen viel Dank schuldig.»
Im März 1818 hatte Schopenhauer sein Werk Die Welt als Wille und Vorstellung fertig zu Papier gebracht. Es erschien 1819 bei Brockhaus in Leipzig, und blieb vorerst ein Ladenhüter. Schopenhauer befand sich gerade auf einer Italienreise, die ihn nach Venedig, Rom, Neapel und Mailand führte. Doch selbst als Schopenhauer zurück in Deutschland von der allgemeinen Nichtbeachtung erfuhr, liess er sich nicht beirren. Er war nicht gerade bescheiden und dachte Grosses von seiner Philosophie, die sich schon früh heraus gebildet hatte. Das Hauptwerk ist für seine Zeit erstaunlich modern. Lange vor Freud spekulierte Schopenhauer über die Bedeutung des Unbewussten, das den Menschen ein Leben lang beherrsche. Im Gegensatz zu den deutschen Idealisten Fichte, Hegel und Schelling sah er nicht in der Vernunft, sondern im Willen das entscheidende Prinzip des Menschen. Den Menschen betrachtete er nicht als Krone der Schöpfung, sondern als Tier unter vielen, das sich vor allem durch seine gewaltige Selbstüberschätzung hervortut.
Im Buch Über den Willen in der Natur versuchte Schopenhauer 1836 seine These mit Hilfe von
Ergebnissen aus der aktuellen empirischen-wissenschaftlichen Forschung zu belegen. Danach arbeitete er an
zwei ethischen Werken über die Willensfreiheit und die Moral, die 1841 zusammengefasst unter dem
Titel Die beiden Grundprobleme der Ethik erschienen. Im Jahr 1844 ergänzte er schliesslich
sein Hauptwerk um einen zweiten Band. Schopenhauers später Ruhm setzte erst 1851 mit der
Veröffentlichung der Parerga und Paralipomena (dt. Nebenarbeiten und Nachgebliebenes)
und den darin enthaltenen Aphorismen ein.
[Böhmer, S. 95-108]
«Die kleinen Unfälle, die uns stündlich vexieren, kann man betrachten als bestimmt, uns in Übung zu erhalten, damit die Kraft, die grossen zu ertragen, im Glück nicht ganz erschlaffe. »
«Um durch die Welt zu kommen, ist es zweckmässig, einen grossen Vorrat von Vorsicht und Nachsicht mitzunehmen: durch erstere wird man vor Schaden und Verlust, durch letztere vor Streit und Händel geschützt.»
«Im weiteren Sinne kann man auch sagen: die ersten vierzig Jahre unsers Lebens liefern den Text, die folgenden dreissig den Kommentar dazu, der uns den wahren Sinn und Zusammenhang des Textes, nebst der Moral und allen Feinheiten desselben, erst recht verstehn lehrt.»
«So lange wir jung sind, man mag uns sagen, was man will, halten wir das Leben für endlos und gehn danach mit der Zeit um. Je älter wir werden, desto mehr ökonomisieren wir unsere Zeit. Denn im spätern Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt ist, die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Deliquent hat.»